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Full text of "Beiträge zur Geburtskunde und Gynaekologie .."

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http://archive.org/details/beitrgezurgeburt03scan 



BEITRAGE 



ZUR 



GEBUKTSKUOE 



UND 



GYNAEKOLOGIE, 



HERAÜSGEGEIiEX 



D R . F. W. von SCAXZOXI. 



DRITTER BAND. 

(Mit X Hlhographirlen Tafeln ) 



WÜEZBÜEG, 1858. 

VERLAG DKB STAHEL'SCHEN BUCHHANDLUNG. 



3 



Druck von J, M. Richter in Würzburg. 



All die Leser! 



Vorliegender Band der Beiträge zur Geburts- 
kunde und Gynäkologie sollte bereits vor längerer 
Zeit ausgegeben werden . welche Verspätung ich 
um so mehr bedaure. da durch sie das Erscheinen 
einiger werthvoller Arbeiten weiter hinausgerückt 
wurde, als es den Verfassern derselben angenehm 
sein konnte : zu meiner Entschuldigung sei indess 
erwähnt, dass ich im Laufe des vergangenen Som- 
mers durch mehr als 4 Monate von Würzburg ent- 
fernt gehalten wurde und nach meiner Rückkunft 
derartig mit anderweitigen Berufsgeschäften über- 
häuft war. dass es mir vollends an der zur Her- 
ausgabe des vorliegenden Bandes erforderlichen 
Zeit mangelte. 



Um so angenehmer ist es mir, jetzt das Ver- 
sprechen geben zu können, dass die nöthigen Vor- 
bereitungen getroffen sind, um den folgenden Band 
in möglichster Kürze erscheinen zu lassen. 



Scumoni. 



Inhalt des dritten Bandes. 



I. Lambl , das Wesen und die Entstehung der Spondy- 

lolisthesis 1 

II. Breslau, drei kleinere Mittheilungen 77 

III. Simon, Zusammenstellung von 61 in Deutschland theils 

_r führten, theils versuchten Ovariotomien .... 99 

IV. HoLt, aus der Praxis 143 

V. Tuppcrt. ein Fall von Atresia uteri congenita mit nach- 
folgender Schwangerschaft 163 

VI. Breslau, briefliche Mittheilung an den Herausgeber . 168 

VII. Gregor Schmitt, ein Beitrag zur Lehre von der Entsteh 

ung und Bedeutung des Nabelschnur-Geräusches ... 173 
VIII. r. Scanzoni . ein Todesfall, hervorgerufen durch das 

Einströmen von Kohlensäure in die Uterushöhle . . . 181 
IX. r. Scanzuni. kurze Schilderung des grossen kaiserlichen 

Erziehungshauses in Moskau 188 

X. J. B. Schmidt , Bericht über die Leistungen der unter 
der Leitung des Hofrath und Professor Dr. v. Scanzoni 
stehenden geburtshilflich en Klinik zu Würzburg vom 

L. November 1853 bis 31. October 1856 

XI. Gregor Schmitt . Tabellarische Zusammenstellung der 
Ereignisse in der geburtshilflichen Klinik zu Würzburg 
während der sechs Jahre vom 1. November 185U bis 
31. October 1856 265 



I. 

Das Wesen und die Entstehung der SpondyloUsthesis. 

(Mit IX lithogr. Tafeln.) 
Von Dr. AVilh. LAMBL , Docenten an der Universität zu Prä?. 

Der Gegenstand der vorliegenden Abhandlung ist die 
anatomische Untersuchung aller bisher bekanntgewordenen 
Becken mit einer Dislocation des fünften Lendenwirbels nach 
vorn und einer consecutiven Lendenlordose , wodurch der 
Beckenraum beeinträchtigt und das Geburtsgeschäft so be- 
deutend gefährdet wird, dass die Anomalie für eine wiewohl 
seltene doch sehr wichtige erklärt werden muss. Auf Grund- 
lage des anatomischen Befundes soll die Genese derWirbel- 
schiebung ermittelt und die Theorie dieser merkwürdigen 
Beckendifformität gegründet werden. Die historisch gewor- 
denen Fälle sind folgende: 

1) Die Prager Beobachtung, wovon das Präparat in den 
Besitz der Sammlung der Würzburger Gebäransfalt 
überging. 

2) Ein Becken-Präparat mit Wirbelschiebung im anatomi- 
schen Museum zu München. 

3) Ein riesenhaft gebautes Becken und 

4) Ein kleines Becken mit dieser DilYormität, beide im patho- 
logisch-anatomischen Museum in Wien. 

5) Das im Privatbesitz des Directors der Hebammenschule, 
Hrn. Dr. Everken in Paderborn befindliche Becken. 

Scanzoni's Beiträge III. * 



Mit Ilinweisung auf die vollständige bei einem jeden 
dieser Fälle anzuführende Quellenangabe müssen wir erwäh- 
nen, dass unsere Beschreibung auf eigener Anschauung 
beruht, die uns auf einer Reise im Jahre 1856 gestattet, 
sowie die Ausführung der beifolgenden Originalzeichnungen 
ermöglicht wurde. — Im Anschlüsse an diese 5 Fälle thei- 
len wir noch einige einschlägige Beobachtungen mit, die 
theils direct den Gegenstand berühren, theils indirect zu 
der Frage gehören und zur vollständigen Darstellung füg- 
lich einbezogen werden können. Es ist dies: 

1) Eine Beobachtung von Robert, betreffend eine wahr- 
scheinlich durch Wirbelschiebung bedingte Missbildung 
eines jungen noch lebenden Mädchens. 

2) Die Notiz über ein angeblich mit derselben Difformität 
behaftetes Becken in der Maternite zu Brüsssel. 

3) Anatomische Skizzen einiger in der Sacro-Lumbal-Junc- 
tur erkrankter Becken, wovon uns die Präparate in den 
verschiedenen Sammlungen von Europa zu Gesicht ge- 
kommen oder Notizen aus der Literatur zugänglich 
gewesen sind. 

Von den erstgenannten 5 Fällen wurden mit Aus- 
nahme des zweiten (Münchener) Präparats alle übrigen von 
Kilian in einer Monographie geschildert und mit dem 
Namen Wirbelschiebung (Spondylolisthesis) be- 
zeichnet, und seitdem (1854) unter dieser passenden Be- 
zeichnung in der Literatur angeführt ; die anderen hierher 
bezogeneu Fälle sind bisher nicht zur allgemeinen Kennt- 
niss gekommen, namentlich wird das Brüsseler Präparat 
hier zum erstenmale besprochen. 

Die bisherigen Erklärungsversuche dieser Anomalie 
sind, wie man aus den bestehenden Abhandlungen ersieht, 
nichts weniger als übereinstimmend und führen auch zu 
keinem bestimmten Resultate. Während man Anfangs das 



Uebel als blosse Deviation der Wirbelsäule beschrie- 
ben (Lendenlordose, Dislocation des fünften Lendenwirbels, 
Luxation u. s. w.), wurde als Ursache der Anomalie bald 
die Atrophie und Consumtion de3 Lunibo-sacralen 
Intervertebralknorpels bezeichnet, bald wurde dieselbe einer 
Knochen- oder Knorpelerweichnng zugeschrieben: 
einige Autoren dachten an Caries. ohne jedoch eine Spur 
davon nachweisen zu können; andere endlich überhoben 
sich jeder Discussion darüber mit der bequemen Erklärung, 
das Uebel sei angeboren, als wenn das Angeborensein 
nicht auch selbst bewiesen werden müsste. Insofern ist 
die Spondylolisthesis ein Räthsel geblieben. — 

Wir werden bei einem jeden der besprochenen Prä- 
parate die darüber aufgestellten Meinungen berühren, er- 
klären jedoch von Vorneherein, dass es sich hiebei weniger 
darum handelt, zu entscheiden, ob die Anomalie angeboren 
oder durch Krankheit erworben sei, sondern vielmehr zu 
enträthseln, durch welchen mechanischen Vorgang 
die Difformität zu Stande gekommen sein und 
einen bestimmten Grad erreicht haben musste. 
Findet die Lösung dieser Frage ihre Anwendung auf alle 
5 Präparate, so wird sich daraus auch eo ipso die Beant- 
wortung jeder Nebenfrage ergeben, die noch gestellt wer- 
den könnte. 

i. Fall. Die Prager Beobachtung. 
(Hiezu Tafel I. und IL) 

Beschrieben von Kiwi seh von Rotterau, Geburts- 
kunde, Erlangen 1851, Seite 168—170. — B. Seyfert, 
Wiener med. Wochenschrift 1853, Nr. 3, 8. 37. — H. F. 
Kilian, Schilderung neuer Beckenformen, 1854, I. Die 
Wirbelschiebung, S. 1 — 54 und Zusatz zu p. 51 im Arrtiang 
?. 115 — 127. — E. Gurlt: Ueber einige durch Erkrank- 
ung der Gelenkverbindungen verursachte Missstaltungen 

l* 



des Beckens, Berlin 1854, S. 2—10, als Dislocation des 
letzten Lendenwirbels nach vorn ; — nebstdem in den 
patholog.-anat. und geburtshilflichen Lehrbüchern. — 

Das Präparat zeichnet sich durch den Mangel jeder 
Spur von Knochen - oder sonstiger Erkrankung aus und 
die normale Beschaffenheit der Textur sowohl, als auch 
der sämmtlichen Knochenverbindungen, wenn man näm- 
lich von der in Frage stehenden Dislocation absieht, führt 
hier unabweislich zur Nachsuchung eines der Physiologie 
näher liegenden Grundes für die Difformität, eines solchen 
nämlich, der in der Entwicklungsgeschichte des Beckens zu 
finden ist. 

Wir haben den Grund der Deviation in dem Vorhan- 
densein eincsSchaltwirbels, d.h. eines überzähligen, 
rudimentär-entwickelten, in die Sacro-Lumbal- 
Junctur von hinten eingekeilten Wirbels entdeckt, 
und liefern zum Nachweis dieses Fundes zwei neue Ab- 
bildungen des Präparates, welche den Gegenstand deutlich 
versinnlichen. 

Tafel I. Figur 1. 

Die Ansicht von hinten gewährt den Ueberblick der 
relativen Verhältnisse am Belehrendsten. Das hievon ent- 
worfene Bild macht keinen Anspruch auf künstlerische 
Beurtheilung, denn es wurde der Umriss schnell aufge- 
nommen, und nur die Gegend um die hydrorrhachitische Lücke 
zwischen dem Lenden- und dem Kreuzbein-Segment der 
Wirbelsäule im Detail genau ausgeführt , um die Haupt- 
sache klar vor die Augen zu stellen. 

Das Becken steht mit der rechten Hälfte tiefer als mit 
der linken, die Wirbelsäule ist nach links geneigt und 
leicht nach rechts gedreht; demgemäss steht die letzte 
Kippe links viel näher an der Crista ilium als die ent- 
sprechende Kippe rechts. Die Processus spinosi sind 
nach unserer Deutung mit den bctucffenden Zahlen bezeich- 



5 

net. Die Proc. transversi stehen wegen der Drehung 
der Wirbelsäule auf der rechten Seite mehr nach hinten; 
der vierte ist kurz, der darunter vorkommende ist durch 
Verwachsung des fünften und sechsten entstanden, wie man 
sich an den deutlich daran wahrzunehmenden Furchen als 
Demarcationslinien befriedigend überzeugt; unter diesem 
klafft eine weite Lücke, so dass man hier an den oberen 
Rand des Kreuzbeins bequem den kleinen Finger einlegen 
kann. Von da nach abwärts zählt man 4 normale hintere 
Sacrallöcher. — 

Auf der linken Seite sind die vier normalen 
Sacrallöcher entsprechend den rechtseitigen vorhanden; 
zu oberst jedoch ein überzähliges fünftes (ein fora- 
men intertransversarium), gebildet von dem ausgeschweif- 
ten oberen Kreuzbeinrande und dem darüber gelagerten, 
assimilirten Proc. transversus des supernumerären Lenden- 
Wirbels. Durch dieses schmale Loch hindurch erblickt 
man die Spitze des normalen 5. Lendenwirbels, der am 
meisten nach vorn tritt, während die oberen 1 — 4 etwas 
mehr nach aussen gerichtet sind. 

Tafel I. Figur 2. 

Die seitlicheAnsicht der Lenden Wirbelsäule macht 
die Sachlage in einer Beziehung noch anschaulicher. Zu 
diesem Zwecke wurde mit Erlaubniss des Hrn. Hofr. Prof^ 
Scanzoni das linke ungenannte Bein von dem Kreuzbein 
in derSynchondrose abgebrochen, die letztere selbst jedoch 
in die Zeichnung nicht aufgenommen , sondern der noch 
restirende Vorsprung des Knochens soweit weggedacht, als 
zur freien Uebersicht der Wirbellagerung nothwendig ge- 
wesen. Hieraus resultirt in der Zeichnung eine rein ge- 
bliebene Lücke , deren Umriss ebenfalls einem construirten 
Durchschnitt mehr als dem natürlichen planum auriculare 
entsprechend , übrigens als unwesentlich ohne Ausführung 
geblieben ist. — Man überblickt hier die linke Seite der 



einzelnen Lendenwirbel (2 - 5), wovon der letzte vollkommen 
horizontal liegt. Ihre Processus transversi (2 — 5) und die 
Proc. spinosi (Sp. 1 — Sp. G) sind mit den gehörigen 
Zahlen bezeichnet; die Gelenkfortsätze tragen die Bezeich- 
nung A 2 — A 6. — Man findet, dass, während die Gelenk- 
Verbindungen A 2 - A 4 der Norm gemäss aus je zwei 
einander entsprechenden Fortsätzen gebildet werden, die 
fünfte A 5 durch Concurrenz der drei zusammengeknickten 
Lendenwirbel-Articulationen 4, 5 und 6 zu Stande kommt. 
Der höchste Grad von Compression trifft hier den 5. Wir- 
bel, der an seinem hinteren Umfang zwischen der Wucht 
des Skeletts von oben und von unten gepresst erscheint. 
Hiedurch sowohl, als auch durch die vorgeschrittene Syn- 
ostose und die zahlreichen, zackigen Infractionen ähnlichen 
Rauhigkeiten ist die Definition einigermassen erschwert und 
namentlich da, wo die Chiffre A 5 angebracht ist, die Be- 
stimmung nicht leicht, wie viel von diesem Wulste dem 
oberen, wie viel dem unteren Gelenkfortsatze gehört. 

So sehr auch der Arcus und die Fortsätze dieses 
5. Lendenwirbels durch die Einschiebung des 6. Wirbels 
gelitten haben, so ist doch dieser letztere in seiner hinte- 
ren Hälfte ungleich kräftiger entwickelt und in den Einzeln- 
heiten deutlicher ausgesprochen. Sein Proc. transv. sin. 
(mit 6 bezeichnet) verbindet sich mit dem Kreuzbein, der 
Proc. transv. dexter ist mit dem gleichnamigen 5. zu einem 
dicken conischen Zapfen verschmolzen (hintere Ansicht 5 
und 6); die Proc. articulares sind beiderseits stark markirt, 
die oberen (in der seitlichen Ansicht mit 6 bezeichnet) ver- 
binden sich mit dem comprimirten 5. und zum Theil da- 
durch auch mit dem 4.; — die unteren bilden mit den 
Knorren des Kreuzbeins rundliche stark hervorragende 
Knochenwülste (Fig. 1. t. t.) , welche die Oeffnung des 
Rückenmark-Kanales von beiden Seiten begränzen. 

Die Lücke des Spinalcanals hat eine unregelmässig 
rundliche Form, 12 — 16 Lin. Länge, 8-12 Lin. Breite. 



Ihre Ausdehnung nach Oben erreicht eben die Stelle des 
Isthmus, d. i. jener Gegend, wo der Canal durch Knick- 
ung der Säule in Folge des vorgeschobenen 5. Lenden- 
wirbels im sagittalen Durchmesser bis auf 1 Lin. beengt 
erscheint (Tafel IT, Durchschnittsansicht;: in diesem oberen 
Umfang wird sie von dem hinteren Rande einer horizontal 
gelagerten Knochenlamelle begränzt, deren Deutung als 
Arcus insofern einige Schwierigkeiten bietet, als sich die 
Knochensubstanz auf der rechten Durcbschnittshälfte un- 
mittelbar in den Körper des 5. Wirbels verfolgen lässt^ 
während sie linkerseits als der überzähligen Wilbelhälfte 
zugehörig sich erweist. Vergleicht man die einzelnen Punkte 
beider Hälften Schritt für Schritt genau mit einander, so 
gelangt man zu der Ansicht , dass in diesem hinteren Um- 
fang die rechte Hälfte des überzähligen Wir- 
bels weniger entwickelt und zum grossen 
Theil mit der rechten Hälfte des 5. Lenden- 
wirbels verschmolzen, — die linke Hälfte des 
eingeschobenen Wirbels dagegen in ihren 
Einzelnheiten genauer differenzirt und nur 
in der Medianlinie der hinteren Circumferenz 
mit dem 5. Lendenwirbel vereinigt erscheint. 
Bezüglich der Stellung dieses überzähligen eingeschalte- 
ten Wirbels wäre besonders hervorzuheben , dass derselbe 
im Verhältr.iss zur senkrechten Axe des Beckens — im 
Gegensatze zu den anderen Lendenwirbeln — leicht nach 
links gedreht, übrigens horizontal gelagert ist. Von 
Hinten betrachtet präsentiren sich die einzelnen Stücke 
dieses Schaltknochens wie Keile, die zwischen die 
normale Lumbo-Sacral- Verbindung eingesetzt 
das Lendensegment der Wirbelsäule nach 
vorne schieben. Da die linke Hälfte des Schaltknochens 
stärker entwickelt ist, drängt sie auch die entsprechende 
Hälfte der Wirbelsäule weiter nach vorn: darin findet die 
Drehung der Wirbelsäule nach rechts ihre Begründung, 



8 

und in dem nach Vorwärtsrücken der liukscitigen proc. 
transversi ihren auffallenden Ausdruck. — Ferner bieten die 
sümmtlichen Fortsätze dieser linken eingeschalteten AYirbel- 
hälfte mehr Berührungspunkte sowohl den über-, als auch 
den untergeordneten Elementen des Gerüstes und nicht 
bloss hierin, sondern auch in der umfangreichen Verknöche- 
rung und endlich in der Adaptation des proc. transversus 
an das Kreuzbein findet die diesseitige Einziehung und Neig- 
ung der Wirbelsäule nach links ihre Erklärung. 

Hinsichtlich der Knochen- und Knorpeltextur ist nur 
wiederholt zu bemerken, dass das ganze Präparat keiue 
Spur irgend einer Erkrankung zeigt. (Tafel II.) Selbst der 
durch die Schiebnng comprimirte und im Bogen verlängerte 
5. Lendenwirbel und der dadurch an seiner oberen vorderen 
Kante abgerundete 1. Sacral- Wirbel tragen weder die Spur 
von Infraction, noch von Erweichung, Verfettung oder Ent- 
zündungs-Product. Die Intervertebral-Knorpelscheiben haben 
die der Vertrocknung normal- zukommende Physiognomie 
und selbst die Knorpelscheibe der Sacro-Lumbal-Verbin- 
dung unterscheidet sich durch nichts anderes von den übrigen, 
als durch eine starke in der Mitte der Wirbelkörperflächen 
bis zur Atrophie gediehene Corapression. Die einander zu- 
gekehrten Ränder dieser beiden Wirbelkörper sind wulstig auf- 
geworfen und in der Art umgestülpt, wie man dies ancompri- 
mirtenWirbelkorpern als Ausdruck reactiverConsolidation häu- 
tig findet. — An der vorderen Fläche des Kreuzbeines findet 
man über dem 1. rechten Sacralioche einen ähnlichen 4 — 5"' 
breiten exostotischen Wulst, wodurch der geschobene Lenden- 
Wirbel gestützt und emporgehalten wird. Wir können diesem 
Knochenvorsprung gleichfalls keine andere Deutung geben, als 
die einer localen, durch die Druckverkältnisse bedingten, somit 
consecutiven Hyperplasie imUmfange einesKnochenrandes, der 
zu solchen Wucherungen bekanntlich ganz besonders disponirt. 

Zur sicheren Constatirung dieses Befundes, woran eine 
dem vorliegenden Fall entsprechende Theorie der Wirbel- 



Schiebung angeknüpft werden kann, geben wir noch die 
detaillirte Besehreibung des 6. Lendenwirbels. Der- 
selbe ist zwischen den 5. Lenden- und den 1. Sacral- 
Wirbel eingeschaltet, und gleichsam von hinten eingekeilt. 

Körper rudimentär, am vorderen Umfang der Wirbel- 
säule nicht sichtbar, am Durchschnitt der Wirbelsäule [Tat. IL 
R.) über beiden Hälften des convexen oberen Endes des 
l.Sacralwirbels in Gestalt eines Knochenplättchens vorhan- 
den, dessen beide Hälften sich zu einem. 2—3 Lin. im 
Sagittaldurchmesser, etwas mehr als 1 Zoll im Trausversal- 
durchmesser betragenden, flachen, compacten, in Knorpel- 
bandstreifen eingebetteten Knochenstück summiren. 

Arcus. Nur zur Hälfte erhalten, nämlich in Form 
eines schlanken , die hvdrorrhachitische OefTnung von der 
linken Seite her nach hinten begränzenden, von vorn 
nach hinten flachgedrückten, 1 V* Lin. ho hen Knochenbalkens 
(Taf. I. Fig. 1. 6. — Taf. IL Sp. 6.) — 

Da der Beckendurchschnitt die Mittellinie des Kreuz- 
beines einhält, bis zu welcher die linke Bogenhälfte hin- 
reicht, kann man mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, 
dass die Bogenhälfte beim Durchsägen abgebrochen wurde 
und verloren ging. Die rauh angerissene Knochentläche 
der rechten Seite an der dem Arcus entsprechenden Stelle 
spricht gleichfalls für diese Annahme. 

Processus articulares. An der linken Seite 
confluirt der obere Gelenkfortsatz mit dem des 4. und 5. 
Lendenwirbels zu einem zackig-rauhen Wulste; die Zacken 
bezeichnen die Begränzung der nahtähnlich in einander- 
greifenden Gelenkfortsätze, wovon der des accessorischen 
(6.) Lendenwirbels die grösste Entwicklung und normale 
Physiognomie erreicht hat. 

Der untere linke Gelenkfortsatz des 6. Lendenwirbels 
ist mit dem entsprechenden des Kreuzbeins zu einem rund- 
lichen, haselnussgrossen, uneben höckerigen, stark nach 
hinten prominirenden Wulste verschmolzen und allem An- 



10 

seheine nach synostotisch verbunden. Mit einiger Mühe 
gelingt es, an der gefurchten Oberfläche die ursprüngliche 
Demarcation der beiden Fortsatze zu unterscheiden. Die 
Stellung der Articulationsflächen ist jedenfalls eine von der 
Norm abweichende, da ihre muthmafeslichen Umrisse nicht 
drin gewöhnlichen Verhältniss entsprechen. 

Reell terseits findet man den oberen Gelenkfortsatz 
des 6. Lendenwirbels als rundliches Höckerchen zwischen 
den aneinander gerückten Gelenkfortsätzen des 4. und 5. 
Lendenwirbels in ähnlicher Weise wie links hervorragend ; 
die Verbindung ist hier noch inniger als die entsprechende 
der linken Seite. 

Der untere rechte Gelenkfortsatz bildet mit dem 
correspondirenden des Kreuzbeins einen ähnlichen rundlichen 
Wulst, wie links; die Demarcation ist hier deutlicher aus- 
gesprochen und die Furche mit ßandmasse bedeckt; sie ist 
bei einem Verlauf von oben aussen nach unten innen abnorm; 
eine oberflächliche Synostose besteht hier nicht, eine innere 
ist jedoch möglicherweise vorhanden. 

Processus transversa Der linke zeigt eine aus- 
gezeichnete Entwicklung und Assimilation an das Kreuz- 
bein. Er ist 1 Zoll lang, 1 — iy. 2 Lin. dick, die untere 
Kante in der Ausdehnung von 8 Lin. mit einem dem proc. 
transversus analogen Wulste des Kreuzbeins innig verbun- 
den und mittelst einer festen Bandmasse angeheftet. Seine 
obere Kante ist an der Abgangsstelle des proc. art. sup. 
— wie bei allen Lendenwirbeln — rinnenformig ausgehöhlt ; 
die untere begränzt mit dem freien (inneren) Ende den 
oberen Umfang des überzähligen Sacralloches (foramen inter- 
transversarium). 

Vermöge der Neigung der Wirbelsäule und einer leich- 
ten Axendrehung des überzähligen Wirbels nach links tritt 
der proc. transv. dexter um ganze 5 — 6 Lin. weiter 
nach vorn im Vergleiche mit dem proc. transv. sin.; der 
erstcre ragt frei nach aussen, ohne an das Kreuzbein an- 



11 

jrelöthet zu sein, über welchem er 4 — 5 Lin. hoch stellt. 
Mit der unteren Fläche ruht derselbe seiner Länge nach 
auf der oberen Fläche des gleichnamigen Fortsatzes des 5. 
Lendenwirbels, und ist von diesem in der Langenrichtung 
durch eine deutliche Furche getrennt: an seiner Wurzel ist 
er mit der des 5. Lendenwirbels so wie auch der Anfang 
des Arcus in ein compactes Knochenstiick mit Schwund 
jeder Demarcation zusammengeschmolzen. 

Aus den mitgetheilten Thatsachen resuhirt die anato- 
mische Diagnose dieses Beckens : Rudiment ärerSchalt- 
wirbel im hinteren Umfange derSacro-Lumbal- 
Junctur mit consecutiver Dislocation und 
Lordose der Lendenwirbelsäule. 

Der Wirbel ist wie ein Keil von hinten zwischen den 
letzten Lenden- und den 1. Sacralwirbel eingetrieben; er 
musste bei seiner allmähligen Entwicklung , wobei sein 
Körper der Verkümmerung unterlag, die Sacro-Lurabal- 
Junctur mit der Länge der Zeit ganz mechanisch in der 
Art umstalten, das der von hinten gehobene Lendenwirbel 
mit seinem Körper in eine stark abschüssige Lage kam, 
so dass er unter der Last des Oberkörpers mittelst seiner 
dehnbaren Knorpelscheibe gleiten konnte und beim aufrech- 
ten Gange durch den Druck des Körpergewichtes allmählig 
nach vorn geschoben wurde, bis er an die vordere Fläche 
des ersten Kreuzbeinwirbels gelangte. — Die stärkere 
Ent Wickelung der linken Hälfte dieses Keiles be- 
gründet eine weitere Vorwärtsschiebung auf dieser Seite 
der Lendenwirbelsäule oder eine Drehung derselben nach 
rechts. — Die Lordose selbst ist dann als consecutive 
Erscheinung der Wirbel-Luxation zu betrachten ; sie findet 
im Brust- und Halssegment ihre leichte Compensation durch 
correspondirende Krümmungen. — Die seitliche Krüm- 
mung nach links — in diesem Falle keine eigentliche 
Scoliose, sondern einfache Neigung, ist in der Assimila- 
tion des Schaltwirbels an das Kreuzbein durch den proc. 



12 

transversus , sowie durch die innige Verbindung der übri- 
gen Fortsätze dieser Seite begründet; Beispiele und Belege 
für diese Erscheinung findet man in allen grösseren Samm- 
lungen von anatomischen Knochen -Präparaten. — Das 
Offenbleiben d es R ückenmarkskan al s im hinteren 
Umfange der Lumbo - Sacral- Verbindung beziehen wir auf 
die letzte Spur einer frühzeitig dagewesenen Hydror- 
rhachis. Die reine Spina bifida lumbo - sacralis scheint 
uns im Ganzen weniger häufig vorzukommen, als die am 
lliatussacralis; sie kommt aber jedenfalls häufiger hier als 
in den oberen Segmenten der Wirbelsäule vor. An abnorm 
gebildeten Becken finden wir ihre Spur selten so deutlich 
wie hier ausgesprochen. — Ohne weiteren Untersuchungen 
vorgreifen zu wollen, die zum Aufschluss über diesen Ge- 
genstand führen werden, wären wir geneigt, den Nicht- 
Verschluss des Wirbelkanals als jenes Moment 
anzusehen, das zum Ansatz von Ossifi cation s- 
puneten innerhalb der häutigen Hüllen des Rückenmarks 
Gelegenheit bietet, und der Bildung von überzähligen 
Wirbeln Raum gibt. Das Vorhandensein von Schalt- 
Knochen an Schädeln, die in der Jugend hydroeepha- 
lisch gewesen sind , und einige Zeit hindurch mit offenen 
Fontanellen und Nähten versehen waren, dürfte als Beweis 
per anologiam für die Richtigkeit dieser Auffassung einbe- 
zogen werden. Hierin, sowie in der nachfolgenden, theils vor- 
zeitigen, theils ungleichzeitigen und asymmetrischen Ossifi- 
cation der Knochenverbindungen , — und endlich in den 
mannigfachen consecutiven Formabweichungen unterliegt 
wohl das ganze Skelett einem Gesetze, dessen Ausdruck 
in den verschiedenen Partien nach der Beschaffenheit der 
constituirenden Theilc blos modificirt erscheint. — 

Wir haben bereits erwähnt, dass dieses Präparat be- 
sonders in Anbetracht des Mangels jeder Spur einer 
Textur er krankung, die das Zusandekommen dieser 



13 

Beckendifformität erklären könnte, so auffallend und interessant 
erscheint ; da der Schwund der sacro-lumbalen Knorpelscheibe 
nach unserer Darstellung eine consecutive Erscheinung der 
Dislocation selbst ist, so entfällt eine Discussion über einen 
besonderen krankhaften Vorgang in dieser Junctur, und es 
erübrigt nur zu bemerken, dass ein solcher weder hier 
nachweisbar noch sonst an den Zwischenknorpeln , wenn 
man den pathologischen Zustand als Erweichung bezeich- 
nen wollte, irgendwie näher bekannt ist, dass aber auch 
dieser Erweichungsprocess keinen Erklärungsgrund für die 
Difformität abgeben könnte, so lange nicht andere abnorme 
Verhältnise, von denen wir die oben besprochenen mecha- 
nischen hervorheben, eintreten würden. 

Wenn nun hiermit nachgewiesen ist, dass diese Becken- 
Difformität nicht durch Krankheit erworben 
ist, so wird das Angeborensein doch nicht in der 
Art und in dem Sinne zugestanden, wie es andere Auto- 
ren schlechtweg behauptet haben. Angeboren konnten 
höchstens die Ossificationskerne der einzelnen 
Theile des rudimentären Schaltwirbels, nicht aber die 
Spondylolisthesis, als solche, gewesen sein, wenn es 
nämlich gestattet ist, zu denken, dass dieses Wirbelrudiment 
so kindlich zur Welt gekommen ist, als überhaupt Wirbel- 
theile beiNeugebornen auszusehen pflegen. Der keilförmige 
Schaltwirbel gab eine der mechanischen Be- 
din gungenzurW irbel sc hiebung ab, diese jedoch hatte 
sich erst später mit dem aufrechten Gange entwickelt, und 
ist ein — nicht durch Krankheit, sondern durch die Kör- 
perlast erworbenes Uebel, — durch das normale, 
aus seinem Schwerpunkt verrückte Gewicht des Oberkör- 
pers, welches jahrelange an der Intervertebralscheibe der 
Lumbo-sacral-Junctur zu drücken und zu zerren hatte, 
bevor diese gewichen ist, und die Wirbelkörper dem un- 
mittelbaren Contact überliess. 



14 

11. Fall. Das Münchner Becken mit Wirbelschiebung. 

Iliezu Tafel III. 

Dieses Präparat wurde in jüngster Zeit durch Herrn 
Dr. Breslau (in Scanzoni's Beiträgen zur Geburtskunde 
und Gynaekologie II. Bd. 1855) bekannt gegeben. Es hat 
im Ganzen eine grosse Aehnlichkeit mit dem I. Fall, und 
zwar weniger im Bezug auf die Difformität, welche an 
diesem viel geringer ist, als vielmehr hinsichtlich der ana- 
tomischen Details an der Lumbo-sacral-Junctur , welche 
die genetischen Anhaltspunkte für die Abnormität ab- 
geben. 

An der hinteren Seite des Beckens findet man in der 
Gegend zwischen dem letzten Lendenwirbel und dem ersten 
Sacralwirbel die hy d rorrh ach i tische Oeffnung des 
Wirbelkanals, deren seitliche Begränzung zwei rund- 
liche, aus der Verschmelzung der proc. obliqui der Lumbo- 
sacral-Verbindung hervorgegangene Höcker bilden. Ueber 
dieser Oeffnung zählt man nach sorgfältiger Entfernung der 
Ligamenta interspinosa 6Dornfortsätze; der 4. und 6. 
sind sehr kräftig entwickelt, zwischen beiden eine tiefe 
Lücke , in deren Grunde der auffallend verkümmerte proc. 
spinosus 5. in seiner mehr nach unten als nach hinten 
sehenden Richtung verborgen liegt , so dass man denselben 
leicht übersehen könnte, wenn man die zu ihm gehörigen 
Schenkel des Wirbelbogens am Längendurchschnitte des 
Präparats nicht verfolgen würde. 

Von den proc. transversis der linken Seite sind fünf 
deutlich ausgesprochen, der sechste jedoch unkenntlich, und 
zwar durch Assimilation, wie es scheint, an das Kreuz- 
bein , oder nur wegen der unvollständig entfernten Band- 
masse, welche diese Gegend verdeckt. R echte rseits 
zählt man offenbar 6 proc. transversi; zwischen dem 
4. und 5. besteht eine grosse Lücke, dadurch hervorge- 
bracht, dass der 5. Querfortsatz verkümmert, schief nach 



15 

abwärts gerichtet und gleichsam an den Wirbelkörper an- 
gezogen ist; — der sechste Querfortsatz ist deutlich ent- 
wickelt und ragt frei nach aussen. 

Der Fund von einem überzähligen Quer- und Dom- 
Fortsatz leitet die Aufmerksamkeit auf den Nachweis eines 
dazu gehörigen überzähligen Wirbelkörpers. Dieser 
ist durch eine ähnliche Knochenplatte repräscntirt, wie 
in dem ersten Falle und befindet sich im vorderen Um- 
fange des Wirbelkanals in der Höhe der Sacrolumbal- 
Junctur. Am Durchschnitt sieht man ein die hintereu 
Contouren des ersten Sacralwirbels deckendes Knochenstück 
(Taf. III. R) von 6'" Höhe, 1 1 V" Dicke, keilförmig, mit 
der Basis au den Vorsprung des hinteren unteren Randes 
des lumbalen (5.) Wirbelkörpers angelehnt, mit der Spitze 
nach hinten und abwärts gegen den hinteren oberen Rand 
de3 sacralen Wirbelkörpers gerichtet. Die spongiöse Sub- 
stanz dieses Knochens, der das Rudiment des sechsten 
Wirbelkörpers darstellt, gleicht jener der übrigen Wirbel- 
Körper. — Der Umriss ist allseitig deutlich ausgesprochen 
und der Knochen somit ganz umschrieben; doch ist die 
Demarcation im oberen Umfange nur durch eine feine 
Linie gezogen nnd der Knochen somit hier an die synosto- 
tische Lumbo-sacral-Junctur näher gerückt als nach ab- 
wärts, wo zwischen demselben und der hinteren zu be- 
schreibenden Dachfläche des sacralen Wirbelkörpers ein 
grösserer mit Faserknorpel erfüllter Spalt besteht. 

Die Verbindungsfläche des fünften Lenden- und des 
ersten Sacral-Wirbelkörpers zeigt folgende Eigentümlichkeit: 
Der Körper des fünften Lendenwirbels springt in den Becken- 
raum in der Art vor , dass die vordere Hälfte der 
unterenFläche frei schwebt, die hi ntere Hälfte 
dagegen auf dem Sacralwirbel aufruht und mit 
demselben zum Tb eil synostotisch verschmol- 
zen ist. Verfolgt man am Durchschnitt die Demarcations- 
linie dieser beiden Wirbelkörper, so findet man, dass diese 



16 

von vorn her auf eine 4 Linien weite Strecke deutlich mar- 
kirt und durch die compacte feste Rindensubstanz der be- 
treffenden Knochen ausgesprochen ist; weiterhin geht die 
spongiöse Substanz mit dicken festen Knochenbalken (Skle- 
rose) ununterbrochen von dem letzten Lenden- zu dem ersten 
Kreuzbeinwirbel über (Synostose) und wollte man durch 
diese hindurch eine künstliche Demarcationslinie ziehen, um 
die eigentliche Grösse und Form der einzelnen Wirbelkörper 
annähernd zu bestimmen, so würde dazu der hintere untere 
Hand des Lendenwirbelkörpers, welcher einen lefzenähnlichen 
Vorsprung bildet, dienen, da sich die Trennungslinie der 
vorderen Hälfte der Lumbo- Sacral - Junctur ungezwungen 
und in fast gerader Richtung dahin verlängern lässt. Bei 
dieser Ergänzung findet man, dass der Körper des Lenden- 
wirbels seine normale Grösse und Form beibehalten , und 
abgerechnet eine geringe Verkürzung der hinteren Fläche 
keine Einknickung und keinen Eindruck von unten erlitten, 
und ebenso wenig eine andere Texturveränderung als die 
oben erwähnte Sclerose erfahren hatte. Die Durchschnittsfläche 
stellt ein ziemlich gewöhnliches Rechteck dar, an dem der 
hintere Umriss etwas concav, der untere leicht convex, der 
vordere untere Winkel (Promontorium) stark abgerundet, 
erscheint. 

Anders verhält es sich mit dem ersten Sacral- 
wirbel, dessen Durchschnittsfigur ein nach oben dach- 
förmig verlängertes Prisma präsentirt, wovon die 
Spitze den aufliegenden fünften Lendenwirbel in seinem hin- 
teren Umfange gleichsam in die Höhe hebt. Die vordere 
Fläche die-er dachförmigen Verlängerung dient nämlich der 
hinteren Hälfte des Lendenwirbels zur Anlagerung und ist 
selbst nur zur Hälfte durch die erwähnte Demarcationslinie 
von demselben getrennt , wogegen die Spitze des Giebels 
mit dem Lendenwirbel durch Confluenz der spongiösen Sub- 
stanzen völlig verschmilzt und ähnlich verdichtet und scle- 



17 

rosirt erscheint, wie die betreffende Partie des aufruhenden 
Lendenwirbels. 

Diese eigenthiimliche dachförmige Zuspitzung und Ver- 
längerung des ersten sacralen Wirbelkörpers in seiner hin- 
teren Hälfte scheint uns am einfachsten daraus erklärlich 
zu sein, dass an dieser Stelle die ohnediess dünne Knorpel- 
scheibe am frühesten zur Absorption und die Knochenflächen 
dadurch in unmittelbare Berührung kamen , wodurch ihre 
Synostose eingeleitet wurde. Da jedoch zu gleicher Zeit 
der Schwerpunkt des Oberkörpers durch das Vortreten des 
fünften Lendenwirbels nach vorn verrückt wurde , übte der 
dislocirte Wirbelkörper die einem Hebel zu vergleichende 
Wirkung aus, indem sein vorderes Ende unter der Last des 
Oberkörpers nach unten, das hintere nach oben tendirte, 
wobei die vordere obere Kante des Sacralwirbels als Hypo- 
mochlion unverändert blieb, während sich die hintere (syno- 
stotische) im Verlaufe der Zeit in der Art emporheben Hess, 
dass der Sacralwirbel an derselben Stelle in dieser letzteren 
Richtung verlängert und wie ausgezogen erscheint. 

Der durch die Dislocation des fünften Lendenwirbels 
und die consecutive Lordose bedingte Isthmus canalis 
vertebralis liegt zwischen dem sechsten proc. 
spinosus und dem oberen hinteren Rande des 
ersten Sacralwirbels und misst 2V> Linien; darüber 
ist der Rückenmarkskanal weit genug und misst im sagit- 
talen Durchmesser in der Höhe des vierten Intervertebral- 
knorpels über 9 Linien. Vergleicht man die Länge und 
Richtung der einzelnen Wirbelbögen unter einander, so 
findet man , dass der fünfte vorgeschobene Lendenwirbel, 
abgesehen von der geringen Entwickelung seines proc. spi- 
nosus, in seinem Bogen eine Verlängerung und bogenför- 
mige Krümmung mit nach oben gekehrter Convexität zeigt, 
wie sie an den übrigen Wirbeln nicht vorkommt. Durch 
das höher an einauder Gerücktsoin der drei unteren 
Dornfortsätze, welches in der Lendenlordose seinen Grund 

Scanzoni's Beiträge III. Z 



18 

findet, erscheint die hintere Begränzung des Wirbelkanals 
von einer compacten, vom vierten Lendenwirbel bis zu der 
hydrorrhachitischen Lücke ununterbrochen fortlaufenden 
Knochenwand gebildet, indem die Bogen des 4., 5. und 6. 
Lendenwirbels unter einander synostotisch verschmolzen sind. 

Ucber den Zustand der proc. obliqui sup. & inf. des 
intercalirten Wirbels kann leider bei der unvollständigen 
Präparation des Beckens, an dem überall dichte Lagen von 
Bandapparat haften, nichts Näheres mitgetheilt werden. Mög- 
licherweise ist die Stellung der Articulationsflächen einiger- 
massen abweichend , was sich nach einer neuerdings vor- 
zunehmenden Maceration des Präparates und sorgfältigen 
Entfernung der überflüssigen Bindegewebstheile leicht er- 
mitteln Hesse. — Wenn auch in dieser Beziehung eine ge- 
naue und vollständige Beschreibung des Schaltwirbels nicht 
gegeben werden kann, so ist doch aus der vorliegenden 
Mittheilung zu entnehmen, dass die anatomische Diagnose 
dieser Beckendifformität folgendermaßen lautet: Hydror- 
rhachis sacro-lumbalis; rudimentäre Ent- 
wicklung eines Schaltwirbels in der Sacro- 
Lumbal-Junctur mit consecutiver Lordose, 
partielle Synostose des dislocirten Wirbels 
mit dem Kreuzbein nach Consumtion des Zwi- 
schenknorpels. 

Auch hier ist, wie in dem ersten Falle, auf dieHydror- 
rhachis weniger Gewicht zu legen, als auf das eingescho- 
bene Wirbelrudiment, welches durch die Entfernung der 
ursprünglich zu einander gehörigen Gelenkfortsätze des 5. 
Lenden- und des 1. Sacralwirbels wie ein von hinten ein- 
getriebener Keil den Wirbelbogen gehoben und dem Wirbel- 
körper durch die abschüssige Lage die Gelegenheit zum 
Gleiten nach vom geboten hat. Diese fand unter der Ein- 
wirkung der Last des Oberkörpers wirklich, jedoch in be- 
schränktem Maasse statt, indem sehr frühzeitig die hintere 
schwächere Portion der Intervertebralscheibe schwand und 



19 

die dadurch ermöglichte Berührung und theilweise Synostose 
der Wirbelkörper der weiteren Dislocation des Lendenwirbels 
ein Ende machte. Die frühzeitig eingetretene Ankylose der 
Lumbo-sacral-Junctur erweist sich somit als ein glücklicher 
Abschluss der Dislocation und als die definitive Begränz- 
ung der Beckendeformation. — 

Das Vorkommen von überzähligen incompleten 
Schaltwirbeln ist in der Anatomie eben keine neue 
Thatsache ; allein in der Art und mit den Consequenzen, 
wie wir dasselbe an den besprochenen zwei Beckenpräpa- 
raten gefunden , ist dasselbe unseres Wissens noch nicht 
beobachtet worden. In grösseren anatomischen Museen 
findet man gar nicht selten Anomalien dieser Gattung, die 
je nach ihrem speciellen Verhalten bald mit, bald ohne 
auffallende Formveränderung der Wirbelsäule auftreten. 
Meist sind es incomplete Wirbclkörper von Keil- 
form (Taf. IV.), die mit einem mehr weniger rudimen- 
tären Apparat von Fortsätzen , zuweilen mit einem com- 
pleten Schenkel des Wirbelbogens, von der einen oder der 
anderen Seite der Wirbelsäule zwischen zwei normal gebil- 
dete Wirbelkörper eingeschaltet sind , und vermöge ihrer 
Höhe eine mehr weniger deutliche Deviation verursachen. 
Verhältnissmässig findet man diese Abnormität am häufig- 
sten an Skeletten Neugeborner, die mit Hydrocephalus oder 
Hydrorrhachis oder mit beiden Uebeln zugleich behaftet, 
frühzeitig mit dem Tode abgehen. Unter den Fällen , die 
ich gesehen , war die Abnormität im Halssegmente der 
Wirbelsäule öfter vorfindlich als im Brust- und im Lenden- 
Segmente. Den schönsten Fall fand ich im anato- 
mischen Museum zu Leyden , wo dasselbe von dem 
Anatomen Bonn (Nr. 310) aufgestellt wurde. Vier Hals- 
Wirbel, vom Atlas an gezählt, stehen gerade; auf diese 
folgt ein halber linker, dann ein schräg gestellter cora- 
pleter, nachher ein incompleter rechter, dann wieder ein 

2* 



20 

completer schräger, endlich noch ein halber rechter, dar- 
unter die gerade stehende Säule der übrigen completen 
Wirbel, jedoch um die halbe Wirbelbreite nach rechts ver- 
rückt. Die Wirbclbögen und proc. spinosi sind zu zweien 
und dreien confus mit einander verschmolzen. 

Einen ausgezeichneten Fall von con gen italer De- 
viation der Wirbelsaule bei einem Erwachsenen sah 
ich in Guy's Hospital in London (unter Nr. 1004 ^ mit 
der Aufschrift : Curvature and anehylosis of spinc congeni- 
tal). Von oben gezahlt befinden sich vier complete Wirbel 
an dem Präparate, von unten zählt man ihrer fünf, im 
Ganzen neun complete Wirbel, zwischen welchen eine 
synostotische Knochenmasse links von der Höhe zweier, 
rechts von der Höhe zweier und eines halben Wirbels in 
der Art schräg liegt, dass dadurch der obere Theil der 
Wirbelsäule um eine ganze Wirbelbreite nach rechts von 
dem unteren Theil gerückt und beide Theile etwas schief 
gestellt erscheinen. 

Das Wiener pathologisch-anatomische Museum besitzt 
unter folgenden Nummern einschlägige Präparate: 

1) Eine Wirbelsäule mit zahlreichen Schalt- 
Wirbeln, Nr. 43 (232). Kyphoskoliotische Krümmungen 
bedingt durch zahlreiche, theils links, theils rechts einge- 
keilte incomplete Wirbel , die wegen theilweiser Synostose 
mit den normalen completen Wirbeln die Zählung erschwe- 
ren. Das Kreuzbein dieses Präparates sucht in Bezug auf 
Difformität seines Gleichen : es ist links höher als rechts 
und sieht mit der Spitze schief nach rechts hin ; die linke 
Seite hat 5 Sacrallöcher und einen rechten Intertransver- 
salraum , die rechte hat dagegen nur 3 Sacrallöcher und 
eine Lücke zwischen dem proc. transversus des 5. Len- 
denwirbels und dem Kreuzbein. Der Grund hievon liegt 
in der Verlängerung der linken Hälfte des Kreuzbeins durch 
Schaltwirbel und in der Assimilation des proc. transversus 



21 

dexter des 5. Lendenwirbels und Verschmelzung mit dem 
Sacrum. 

2) Luxation der Wirbelsäule durch Einschaltung 
eines incompleten Wirbels zwischen dem 11. und 12. Brust- 
Wirbel links, Nr. 1772 (5265). — Die Verbindung des 
12. completen Brust- mit dem 1. Lendenwirbel bildet einen 
kantigen Vorsprung, und wenn der obere Theil der Wir- 
belsäule senkrecht gestellt wird, erscheint der untere nach 
vorn und rechts verschoben. 

3) Schalt wirbel ohne Deviation der Wirbel- 
Säule, Nr. 2253. — Complete Wirbelsäule mit Sacrum 
und incompleten Wirbeln an folgenden Stellen : a) zwischen 
dem 11. und 12. Brustwirbel links ein dreieckiger Keil mit 
einer 13. Rippe, einem halben proc. spinosus und einem 
Rudiment vom rechten Schenkel des hinteren Bogens; — 
b) zwischen dem 1. und 2. Lendenwirbel links ein keil- 
förmiger halber Wirbelkörper mit completem Bogen und 
doppeltem zum Theil verwachsenem proc. spinosus ; — 
c; ebendaselbst rechts vis-ä-vis dem Vorigen ein ähnlicher 
halber Wirbelkörper mit dem 1. Lendenwirbel verwachsen, 
wodurch dieser rechterseits doppelt so hoch als linkerseits 
erscheint. Der 5. und 6. Brustwirbel einfach verwachsen. 

4) Eine ähnliche Wirbelsäule mit Krümmun- 
gen, unilateraler Osteophytbildung und theilweiser Ver- 
knöcherung Nr. 387 (3070). 

Die Ausgleichung der verschiedenen Höhe einer solchen 
Wirbelsäule, welche oft trotz der einseitigen Schaltwirbel 
gerade bleibt, beruht darauf, dass die benachbarten com- 
pleten Wirbel an der Seite, wo sich der incoraplete zwi- 
schen dieselben einkeilt , um etwas niedriger sind , als an 
der anderen freien Seite : sie compensiren dann durch ihre 
einseitige Verkürzung selbst die durch den keilförmigen 
Schaltwirbel bedingte einseitige Verlängerung der Wirbel- 
Säule, und die letztere bleibt dann (wie in Nr. 2253) ohne 
Deviation. — Oder aber es compensiren zwei von ver- 



22 

schiedenen Seiten eingekeilte Schaltwirbel die Diviation der 
Wirbelsäule dadurch, dass sie entweder in gleicher Höhe 
oder in geringer Distanz von einander links nnd rechts eine 
gleich grosse Ilöhenzunahine der Wirbelsäule bedingen. 
Den eclatantesten Beleg hiefür bietet ein in seiner Art 
vielleicht als einzig dastehendes Präparat imJosephinum 
in Wien (Taf. IV.), eine Halswirbelsaule, woran 6 cora- 
plete normale Halswirbel und zwischen dem 5. und 6. 
completen ein merkwürdig durchwachsener Doppel- 
Wirbel — im Ganzen also die Zahl von 8 Halswirbeln 
— vorkommt. Der Doppelwirbel besteht, von vorn be- 
trachtet, aus drei Körpern: einem halben rechten, einem 
ganzen, schräg von links oben nach rechts unten gestellten 
und einem halben linken Wirbelkörper. Diese 3 Stücke 
haben zusammen die Höhe von 2 Halswirbeln ; ihre ur- 
sprüngliche Begränzung ist noch ganz deutlich ausgespro- 
chen, obwohl sie nicht von einander zu trennen sind, da 
sowohl die Körper zum Theil verwachsen sind, als auch 
ihre zwei Wirbelbögen vollkommen schliessen. Der obere 
Wirbelbogen entspringt mit seiner rechten Branche von 
dem incompleten rechten , mit der linken Branche von der 
linken Seite des completen schrägen Körpers; — der un- 
tere Wirbelbogen halt in ähnlicher Weise mit seinen bei- 
den Branchen die rechte Seite des completen schrägen und 
den incompleten linken Wirbelkörper zusammen. In dem 
eben angeführten Verfolg der einzelnen Körper und Bogen- 
stücke beschreibt der Doppelwirbel eine Spirallinie, welche 
von dem rechten incompleten Körper beginnt und in dem 
linken incompleten endet. Die Wirbelsäule erleidet durch 
diese höchst sonderbare Anomalie, welche an die Zwillings- 
Krystalle der Mineralogie erinnert, keine seitliche Deviation, 
weil sich die als Schaltwirbel zu betrachtenden incompleten 
Körper unter einander compensiren und in Verbindung mit 
dem schräg gestellten completen Wirbelkörper links und 
rechts die Höhe von zwei W T irbeIn erreichen. — 



23 

Bei diesen Anomalien, deren Kenntniss zum Yerständ- 
niss der Krümmungen der Wirbelsäule, sowie auch der in 
Frage stehenden Fälle von Wirbelschiebung am Becken von 
Wichtigkeit ist, wäre es angezeigt, auf die Entwickelungs- 
Geschichte zurückzugehen und die Anzahl der Ossi f i- 
cationspuncte der Wirbel zu prüfen, deren Plus oder 
Minus diesen Missbildungeu zu Grunde liegt. Wir wollen 
uns so kurz als möglich fassen und die Repräsentanten der 
Wirbel nach ihrem fötalen Ossificationswege im Normal- 
zustände skizziren, — eine Darstellung, wie sie nach dem 
englischen Osteologen, Herrn Holden, der Präparateur in 
Paris, Herr Vasseur, an erwachsenen Wirbeln künstlich 
reproducirt. Darnach kommen an den Wirbeln folgende, 
ursprünglich als getrennte Knochenkerne wahrnehmbare 
Ossificationsmassen vor: 

Am Atlas: 1 für den Körper, — 2 für den Bogen 
(links und rechts), — 2 für die proc. transversi, im Gan- 
zen: 5 ; 

am Epistropheus: 1 für den Körper, — 1 für den 
unteren Rand oder die untere Körperfläche, — 2 seitliche 
und 1 terminale für den proc. odontoides, — ferner 2 für 
den Bogen , — 2 für die proc. transversi , — 1 für den 
proc. spinosus, im Ganzen: 10; 

an jedem der übrigen Halswirbel: 1 für den Kör- 
per, — 2 für den oberen und den unteren Rand, — 2 für 
den Bogen, — 2 für die proc. transversi, — 2 für den 
proc. spinosus, — im Ganzen : 9. 

an jedem Brustwirbel: 1 für den Körper, — 2 für 
den oberen und den unteren Rand, — 2 für den Bogen, — 
2 für die Querfortsätze, — 1 für den Dornfortsatz, — im 
Ganzen: 8; 

an jedem Lendenwirbel: 1 für den Körper, — 2 für 
den oberen und den untereu Rand , — 2 für den Bogen, 
— 2 für die Querfortsätze , — 2 obere und 2 untere für 



24 

die proc. paraglenoidales, — 1 für den Dornfortsatz, — im 
Ganzen: 12. 

Gemeinschaftlich für alle Wirbel sind von diesen Ossi- 
ficationsmassen hiemit nnr folgende: 1 für den Körper, — 
2 für den Bogen , — 2 für die proc. transversi, — 1 für 
den proc. spinosus (welcher Letztere nur beim Atlas fehlt). 
Von dieser einfachen Regel weichen die Wirbel sehr häufig 
ab ; der Körper wird z. B. von zwei Knochencentris gebil- 
det, welche einen ganz normalen Wirbelkörper liefern, 
wenn die Verknöcherung von beiden Punkten aus gleich- 
massig fortschreitet; in diesem Zustande findet man bei- 
nahe sämmtliche Wirbelkörper an dem oben beschriebenen 
Präparate von Leyden. Kommt aber von beiden Knochen- 
Kernen nur einer zur Entwickelung, so liefert er einen 
halben Wirbelkörper, der als rudimentärer Schaltwirbel ver- 
möge seiner Keilform die AVirbelsäule zur Deviation zwin- 
gen kann. — Ein ähnlicher Vorgang betrifft die hintere 
Hälfte des Wirbels, und es kann auch hier bald der linke, 
bald der rechte Knochenkern ursprünglich allein vorhanden 
sein oder doch im weiteren Verlauf der Ossifikation zur 
stärkeren Entwickelung kommen. — Da die Schliessung 
der Wirbelbögen von oben ihren Anfang nimmt und mit 
der Zeit nach abwärts fortschreitet, so trifft der mangelhafte 
Verschluss am häufigsten die untere Kegion der Wirbel- 
Säule. Da ferner die Ossifikation der Wirbelkörper in der 
Mitte der Säule beginnt und von da nach oben und nach 
unten ihren Fortgang nimmt, so ergibt sich für die ent- 
fernten Partien desselben, im Hals- und im Lendensegment, 
die Disposition zu einer abnormen Ossifikation. Im Gan- 
zen stellt die physiologische Retardation des Verknöcher- 
ungsprocesses in der fötalen AVirbelsäule das ungünstigste 
Verhältniss für das Lendensegment und für 
das Kreuzbein, — ein Resultat dieser Betrachtung, 
wofür die zahlreichen in allen Sammlungen befindlichen 



25 

und in allen Lehrbüchern erwähnten Anomalien dieser 
Theile sprechende Belege liefern. 

///. Fall. Ein grosses tceibliches Becken mit Spondylolis- 
thesis in Folge von Hydrorrhachis. 

(AViener pathol.-anat. Museum Xr. 1756 [5248]. — Von 

einer 28 J. alten Frau mit Herzhypertrophie, vorgekommen 

am 13. März 1837. 

(Hiezu Tafel V. : VI. B. und C. und Tafel VII.. B.. C.J 

Von Rokitansky in den usterr. Jahrbüchern XIX. 
1839 beschrieben und als Lordose in der tiefsten Lenden- 
gegend aufgefasst, im Handbuch der pathologischen Anat. 
IL Bd. 1856, S. 186 der Destruction oder Consumtion des 
letzten Zwischenwirbelkörpers zugeschrieben, und in dieser 
Art der Auffassung in Kilian's Monographie citirt. — 

Plumpes Becken von riesenhafter Architektonik: grösste 
Cristen- Distanz 12" 6"', Hohe 9". — Conjugata 
(Distanz der Symph. oss. pubis von dem Vorsprunge zwi- 
schen dem 4. und 5. Lendenwirbel als falschem Promon- 
torium) = 2" 9'"; — eigentliche Conjugata (Distanz der 
Symphyse und des oberen Sacral-Randes als des wahren 
Promontoriums) = 4". — Querdurchmesser des Eingangs 
— 6" 3'", — schräge Durchmesser = 5" 9'". — Der 
Arcus pubis ist mit seinen inneren Rändern nach vorn und 
aussen umgestülpt,* die Rundung ist oben 2" 6'" weit, 
unten zwischen den tub. ischii 3" 6'". — Der obere Sym- 
physen-Rand ist in Folge der geringen Beckenneigung 
horizontal gestellt und sogar noch emporgeschoben. 

Der an den vorderen Rand des 1. Sacralwirbels ge- 
drückte 5. Lendenwirbel ist am trokenen Präparat abge- 
löst und daher die Einsicht in die näheren Verhältnisse an 
der Lumbo-Sacral-Junctur gestattet. Die Knorpelscheibe 
dieser Verbindung ist völlig geschwunden, die Articulations- 
Flächen in correspondirendem Sinne sattelförmig ausgerun- 



det, uneben und knochenrauh , mit warzigen und körnigen 
Erhabenheiten besäet. Bei genauem Vergleich der ent- 
sprechenden Stellen an den Articulationsflächen findet man, 
dass die zwischen und in einander passenden Knochen- 
Wucherungen einer Neubi 1 düng gehören, die gleich- 
zeitig mit dem Schwund des Knorpels von den Knochen- 
Tafeln der Wirbelkörper aus zur Entwickelung gekommen 
ist und die völlige Verschmelzung beider Wirbel 
mit Ankylose der Verbindung angebahnt hatte; 
nebst dieser krankhaften Veränderung der Verbindung findet 
man am vorderen Rand des 1. Kreuzbein wirbeis symme- 
trisch zu beiden Seiten der Medianlinie knöcherne 
Stützmassen, welche, in Bezug auf Form und Grösse, 
stark entwickelten Semilunarklappen gleichen, und durch 
ihre Lage und Richtung der Wucht der auf sie drückenden 
Wirbelsäule entgegenstreben. Diese Osteophytmasse ist 
auch hier auf den oberen Rand des ersten Sacralwirbels 
beschränkt. — 

Die Lendenwirbelsäule ist stark nach links 
geneigt, nicht aber deutlich gekrümmt. Einigen Anhalt 
zur Begründung dieser Abweichung bietet die Betrachtung 
der Gelenkflächen des letzten Lendenwirbels und die Asym- 
metrie desselben in Vergleich zu den übrigen Lendenwir- 
beln. — Examinirt man die processus articulares, 
so findet man zuvörderst, dass die des letzten Lendenwir- 
bels in jederBeziehung weit von einander abstehen, beson- 
ders aber die inferiores durch die Expansion des Wirbel- 
Bogens ungemein stark nach hinten abgewichen sind; 
ferner bemerkt man am Lumbo-sacral-Gelenk rechts, 
dass die Gelenkflächen im sagitalen Durchmesser 
parallel und senkrecht stehen, so dass die Fläche 
am proc. lumbalis inf. gerade nach aussen , die des proc* 
sacralis gerade nach innen sieht. Durch den Verlust der 
physiologischen Schiefstellung ist somit in dieser Verbind- 
ung ein Gleiten ermöglicht. — Linkerseits dagegen ist die 



27 

normale Schieftscllung der correspondirenden Gelenkflächen 
besser erhalten (am proc. sacralis sieht die Fläche deutlich 
nach innen, hinten und oben, am proc. lumbalis entgegen- 
gesetzt), daher der feste Halt nicht beeinträchtigt. 

Die Processus transversi der einzelnen Lenden- 
Wirbel sind am 1., 2. und 3. beiderseits gleich schlank und von 
gleicher Länge; — am 4. links sehr kurz, dünn, — rechts 
länger und mit dem vorigen gleich schlank; am 5. 
rechts doppelt, d. i. mit einfacher Wurzel ausgehend 
und nach aussen zu in der Art verbreitert, dass die untere 
Hälfte den übrigen proc. transversis ähnlich sieht , die 
obere, schaufeiförmig verflachte, abnorm erscheint ; — links 
der Fortsatz einfach, sehr lang und sticheiförmig zugespitzt. 
Bezüglich der Richtung besteht am 5. Wirbel eine Um- 
gleichheit zwischen beiden Querfortsätzen darin, dass der 
rechte nach aussen, der linke stark nach hinten sieht. 

Am Auffallendsten ist die abweichende Form und 
Grösse des 5. Lendenwirbels , dessen Eigentümlichkeit im 
ursächlichen Zusammenhange mit der Beckenanomalie steht. 
Wir haben diesen Wirbel von der unteren Fläche aus be- 
trachtet, und zur bequemen Vergleichung einen normalen 
5. Lendenwirbel dazu auf Taf. VII., B. C, in natürlicher Grösse 
gezeichnet. Die Grössen Verhältnisse desselben lassen die Basis 
der von der Lendenwirbelsäule gebildeten Pyramide ungemein 
massenhaft erscheinen ; diePyramide misst in der grösstenBreite 
unten am 5. Lendenwirbel: oben am 2. Lendenwirbel: 
im Wirbelkörper: 2" 5"' 1" 8'" 

zwischen d. proc. transv. 4" 4'" 2" 8'". 

Betrachtet man diePyramide von oben, so findet man 
die beiden fossae lumbales (die prismatischen Räume 
zu beiden Seiten der proc. spinosi , zwischen diesen und 
zwischen den proc. transversis) am Grunde durch hori- 
zotale Knochenwände begränzt, — eine Eigentüm- 
lichkeit, die keinem anderen Becken in diesem ausgezeich- 
tenen Grade zukommt. Der Bogen des 5. Lendenwirbels 



ist nämlich in seinen beiden Schenkeln fliigelförmig ver- 
breitert und horizontal gestellt, der Spin alkanal dem ent- 
sprechend ungemein erweitert und *wie aufgebläht, der 
proc. spinosus dadurch gleichsam von innen her aufgelöst 
und in eine dachförmige Platte umgewandelt, welche von 
der Spitze des Dornfortsatzes nur auf l. 1 /*'." überragt wird. 
Die obere Kante dieses Daches liegt an der unteren Kante des 
proc. spinosus des 4. Lendenwirbels unmittelbar an, daher 
das Spatium interspinosum hier ganz fehlt ; die untere 
Fläche deckt den hydrorrhaehitisch bis auf 1" 4'" erwei- 
terten Kanal, der an der Stelle der Wirbelschiebung keinen 
Isthmus, wie bei den übrigen Fällen von Wirbelschiebung 
zeigt, sondern eine Aufblähung, die zur Einführung eines 
Daumens von der Spina bifida aus Raum genug bietet. — 

Ein ebenso seltenes als merwürdiges Verhalten zeigen 
die. beiden Bogenschenkel an ihrer portio interarticularis, 
nämlich eine auflallende Verdünnung und Durch- 
bruch in der Mitte der Knochenplatten in Form rundlicher 
Lücken, durch welche die proc. articul. des 4. 
Lendenwirbels nach unten hindurchblicken. Jeder 
dieser Schenkel ist durch die Perforation wieder in 2 Wur- 
zeln getrennt: die rechte äussere und die linke innere Wur- 
zel ist zackig facturirt , die rechte innere und die linke 
äussere so bedeutend verdünnt, dass die vorderen und die 
hinteren Theile derselben in einem Punkte nur mit schmalen 
Spitzen einander berühren. (Taf. VII. B.) 

DieCompressions-Atrophie, Usur und Fractur des Wir- 
belbogens setzt einerseits einen langwierigen durch abnorme 
Druckverhältnisse bedingten, anomalen Vorgang im Knochen- 
gewebe eben so gewiss voraus, als sie andererseits, nament- 
lich in Verbindung mit der hydrorrhachitischen Missstaltung 
dieses Wirbels, der der gesammten oberen Körperlast unter- 
liegt, die Deviation der Lumbo-sacral- Junctur genügend 
erklärt. Wenn die oben bemerkte ungewöhnliche Volums- 
zunahme des Lumbaisegmentes der Wirbelsäule nach abwärts 



29 

schon äusserlich ein von innen aus wirkendes Uebel verräth, 
das dem Riickenmarkskanal eine ähnliche Physiognomie 
einprägt, wie der Hydrocephalus dem Schädelgehäuse, so 
findet man bei der näheren Einsicht in das Innere des vom 
letzten Lendenwirbel gebildeten Ringes eine so merkwürdige 
und asymmetrische Missstaltung dieses Vermittlers des Ober- 
körpers mit den unteren Extremitäten, dass die Locomotion 
des Wirbelkörpers nicht bloss begreiflich und in allen Einzeln- 
heiten erklärlich wird , sondern dass es sogar undenkbar 
ist , wie unter solchen Umständen eine Wirbelverschiebung 
nicht eintreten sollte. Durch die Erweiterung des Wirbei- 
ringes und die gleichzeitige Verlängerung der beiden Schen- 
kel des Wirbelbogens war das erste Moment gegeben, 
wodurch es dem Wirbelkörper möglich ward, unter dem 
Drucke der Körperlast nach vorn zu weichen; die Auf- 
blähung des Wirbelkanals hatte zugleich die mit der Me- 
dianebene parallele Senkrechtstellung der Articulationsfläche 
an dem rechten proc. obliq. inf. zur Folge, deren Nach- 
giebigkeit dem Gleiten des Wirbels zu Gunsten kam. Die 
Verdünnung des Wirbelbogens in der Interarticular-Portion 
führte beinahe zur völligen Trennung des hinteren Bogen- 
theiles vom Wirbelkörper und dieser wäre, — auf diese 
Art haltlos geworden — der völligen Luxation preisgegeben 
worden, wenn nicht der durch Zerrung unterdessen atrophirte 
Zwischenwirbel die unmittelbare Berührung der betreffen- 
den Wirbelkörper ermöglicht und die Synostose derselben 
eingeleitet hätte, wodurch nicht bloss die Wirbelverschieb- 
ung zum Stillstand , sondern der ganze Process auch zum 
Abschluss kam. 

Rokitansky hatte, wie erwähnt, die Beckenanoma- 
lie bezüglich der Dislocation des Lendenwirbels der Con- 
sumtion des Zwischenknorpels zugeschrieben, ohne 
den weiteren Vorgang genauer zu prüfen und zu erörtern; 
die Hydrorrhachis wird in der Beschreibung wohl angege- 
ben , ohne jedoch näher gewürdigt und im Vcrhältniss zu 



30 

der Wirbelschiebung verwerthet werden. In dieser Art finden 
wir das Recken auch in Kilians Monographie (S. 124) 
notirt, und wir erlauben uns daher anhangsweise auf diese 
Ansicht speciell einzugehen. 

Die Consumtion des Zwischenknorpels ist, als ursprüng- 
liche, spontane Anomalie, eine Annahme , die bisher in 
keiner Thatsache eine Stütze gefunden hat. Soll man sich 
darunter einen congenitalen Mangel derlntervertebralscheibe 
vorstellen? — Man hat diesen nicht beobachtet, und es 
wäre sonderbar, wenn gerade der grösste und wichtigste 
Zwischenknorpel fehlen sollte. — Ist es ein freiwilliger 
Schwund des Knorpels ? — Man kennt diesen nicht. — 
Was für ein innerer histologischer Vorgang hat den Knorpel 
sonst zur Consumtion bringen können , wenn diese eine 
primäre gewesen sein soll? — Man weiss darüber nichts, 
und die Consumtion ist insofern eine unbekannte Grösse, 
die eine andere Unbekannte nicht erklären kann. 

Aber die Consumtion kann auch keine Dislocation des 
Wirbelkörpers herbeiführen. Man schneide die Interverte- 
bralscheibe von den beiden Knochenflächen los, an denen 
sie haftet: man wird die Knochenflächen der Wirbelkörper 
näher an einander rücken , aber nicht verschieben können. 
Gesetzt es wäre eine solche Consumtion, wann immer im 
Verlaufe des Lebens eingetreten: sie hätte die entblössten 
Flächen der Wirbelkörper in unmittelbaren Contact gebracht; 
und die nächste Folge davon wäre, aller Wahrscheinlich- 
keit nach, eine Verschmelzung derselben in den correspon- 
direnden Flächenpunkten, eine Synostose gewesen, welche 
die beiden W^irbelkörper nicht bloss in ihrer wechselseitigen 
Lage nicht gestört, sondern vielmehr diese so innig befestigt 
hätte, dass eine Verschiebung derselben auch unter den 
günstigsten Umständen rein unmöglich geworden wäre. 

Also die Consumtion des Zwischenknorpels, weit ent- 
fernt, ein Gleiten der Wirbel zu ermöglichen, muss dasselbe 
geradezu verhindern. Zum Gleiten der Wirbel ist 



31 

im Gegentheil die Gegenwart eines Zwischen- 
knorpels eine Nebenbedingung; mit dem Schwunde 
des Knorpels nimmt die Gleitungsfähigkeit des fünften Len- 
denwirbels ab, und die völlige Absorption des Knorpels 
bezeichnet zugleich die Gränze der Wirbelschiebung, indem 
alsdann entweder Einkeilung der Berührungsflächen beider 
Wirbelkörper, oder Synostose derselben eintritt. — 

Die Consumtion des Zwischenknorpels ist somit nicht 
das primäre und ursächliche Moment bei der Wirbelschieb- 
ung ; sie ist ein consecutiver Zustand, die Folge von über- 
mässiger Zerrung in der Richtung von hinten nach vorn, 
die Folge von ungleich vcrtheiltem Druck zwischen zwei 
Knochen , deren correspondirende Punkte aus einander 
weichen, — eine Theilerscheinung in den Veränderungen der 
Junctur, ein Schlusspunkt, dessen baldiges Zustandekommen 
nur wünschenswerth erscheint, insofern man bei einem 
jungen Individuum die Begränzung des pathothogischen 
Vorganges und den möglichst geringen Grad von Difformi- 
tät im Auge behält. Der Schwund des Zwischenknorpels, 
ist von allen Uebeln das kleinste, das letzte und das heil- 
samste, und wenn es je dahin kommen sollte, bei jungen 
Individuen, die unzweifelhaft mit dieser Beckenanomalie 
behaftet wären, an eine durch einen operativen Eingriff zu 
leistende Kunsthilfe zu denken, so müsste man vor Allem 
an die Destruction des Zwischenknorpels denken. 

Da wir an diesem Becken die Missbildung des fünften 
Lendenwirbels , namentlich seine Verlängerung und Ver- 
dünnung in der Interarticular-Portion, als das primäre Moment 
der Gesammtanomalie angegeben, möge hier noch als An- 
hang eine nähere Angabe über diesen interessanten Befund 
ihren Platz finden. 

Die Interarticular-Portion des Bogens des 
fünften Lendenwirbels unterliegt nämlich auch an 
sonst normalen Wirbelsäulen einer eigenthümlichen Bildung, 
welche zur Aufklärung der vorliegenden Frage über die 



32 

Wirbelschiebung Einiges beiträgt. Wir haben in vielen 
Museen den fünften Lendenwirbel einer wiederholten Prüf- 
ung unterworfen und in mehreren Fallen gefunden, das3 
die genannte Portion ohne sonstige Difformität des Bogens 
abnormer Weise eine Unterbrechung zeigt, die man nur 
für eine fötale erklären kann, nachdem alle Zeichen einer 
krankhaften Entstehung derselben ganz und gar fehlen. 

Diese Continuitätsstörung ist im exquisiten Falle eine 
vollständige Pseudarthrose, ein abnormes Gelenk 
(Tafel VI. B. ein Präparat aus dem anat. Cabinet in Bonn) 
welches sich in beiden Schenkeln des Wirbelbogens in querer 
Richtung etablirt und eine Beweglichkeit demselben verleiht, 
wodurch der Dornfortsatz gehoben und gesenkt werden 
kann, ohne dass der Wirbelkörper sich im Geringsten rührt; 
auch die Gelenkfortsätze können dann einigermassen von 
einander entfernt werden, indem die oberen am Wirbelkörper 
befestigt bleiben, die unteren dagegen, hinter der abnormen 
Gelenkverbindung gelagerten, dem Zuge des Wirbelbogens 
nach hinten folgen. 

Nebst dieser vollständigen Gelenkverbindung zwischen 
Wirbelkörper und Bogen gibt es noch abnorme Configura- 
tioneo der Interarticular - Portion , deren Reihe mit einer 
Verschmächtigung und Verlängerung beginnt, und 
mit einer vollständigen Trennung schliesst , wobei jedoch 
die beiden getrennten Wirbeltheile mit zackigen, gleichsam 
gebrochenen Spitzen durch Vermittlung eines Faser- 
knorpels unter einander verbunden sind, oder aber weit 
abstehen und bloss an einem dünnen Bande zu- 
sammenhängen. — An einem solchen Präparate, welches 
wir gleichfalls im anat. Museum zu Bonn gesehen hatten, 
(Taf. VI. C, schematischer Umriss), zeigt der Lenden-Wirbel- 
körper (a) anseiner unteren Fläche eine auffallende Aushölung. 
Dieser entsprechend ist der erste Sacralwirbel an seiner 
oberen Fläche sattelförmig ausgeschweift (S. 1.) in der Art, 
dass die vordere Hälfte derselben und der vordere Rand abge- 



33 

rundet und nach oben convex, die hintere Hälfte dagegen 
concav erscheint. Die Ausholung am Lendenwirbel 
entspricht der Convexität der vorderen Flächen- 
hälfte des Sacralwirbels, und es unterliegt keinem 
Zweifel, dass es dem lumbalen Wirbelkürper vermöge der 
dehnbaren Verbindung (e) mit seinem Bogen gestattet war, 
eine Subluxation so lange zu behaupten, bis diese ab- 
norme Configuration der correspjndirenden Flächen aus- 
gewirkt ward. — Man könnte diesen Fall ohne Weiteres 
als beginnende Wirbelschiebung einregistiren und mit der- 
selben Begründung zur Spondyluüstbesis rechnen , wie sie 
für die vorliegenden fünf Fälle lautet. 

Die Durchmusterung grösserer Sammlungen, wo ganze 
Skelette und Wirbelsäulen aufgestellt sind, wird bezüglich 
dieser leicht zu übersehenden Anomalie hoflentlich noch 
manchen Beitrag liefern , die Ken: tniss des vorliegenden 
Gegenstandes erweitern und die Lehre zum völligen Ab- 
schluss bringen. 



IV. Fall. Ein kleines weibliches Becken mit Spondyloli- 

sthesis. 

(Wiener pathol.-anat. Museum 2s. 1715 [5203]. — Von 
einer 22 J. alten Puerpera, vorgekommen inl J. 1836). 

(Hiezu Tafel VI. A.) 

Die Person wurde nach viertägiger Gc-burtsarbeit mittelst 
der Perforation entbunden und starb acht Tage daraal an 
Metrophltbitis mit Verjauchung der Symphysen. (Roki- 
tansky: Oesterr. Jahrb. XIX. 1839. — Handbuch der 
pathol. Anat. IL Band 1S56. S. 186. — Dr. J. Späth, 
in der Zeitschr. der k. k. Gesellschaft der Aerzte tu Wien. 
X.Jahrgang. 1S54. Januar-Heft. — Die Beschreibung von 
Späth ist in Kilian's Neuen Beckenformen (Mannheim 
1854] S. 116 wörtlich abgedruckt.) 

Scanzonis Beiträge III. <J 



34 

Die Vereiterung der Symphysis pubis bildet einen Sack, 
der am getrockneten Präparate eine rundliche Form bei 
einem Halbmesser von 3 /4 Zoll hat; derselbe springt nach 
hinten '/i Zoll über die Fläche der Symphysenknochen ein. 
Dadurch wird die Conjugata auch noch beeinträchtigt und 
in Bezug auf die hintere Beckenwand folgendermassen mo- 
dificirt: 

1) Eigentliche Conjugata (vom oberen Symphysen -Band 

zum wahren Promontorium, d. i. der Furche des ein- 
geknickten ersten Sacralwirbels) = 4 Zoll. 

2) Von der hinteren Wölbung der Symphyse zum falschen 
Promontorium, d. i. dem Vorsprung zwischen dem 4 u. 5. 
Lendenwirbel = 2 Z. 6'". Vom oberen Symphysen- 
rande zu diesem Promontorium = 3'' 3'". — 

3) Von denselben Punkten an der Symphyse zum oberen 
falschen Promont. , d. i. dem Vorsprung zwischen dem 
3. iL 4. Lendenwirbel = dieselben Distanzen von 2" 6'" 
und 3" 3'". 

Bei Lebzeiten hatte die Untersuchung ohne Ermittelung 
des wahren Promontoriums überhaupt nur die mittlere 
Distanz von zwei Zoll etlichen Linien finden können. 

Der Querdurchmesser des grossen Beckens (grösste 
Distanz der beiden Cristae ilium) beträgt 10" 6'", die 
Höhe des Beckens 7" 8'". — 

Der Arcus pubis ist sehr breit , die obere Begrenzung 
desselben durch den Eitersack , der die beiden Branchen 
von einander entfernt, als horizontaler Hand von 2" Lange, 
die untere Distanz des Bogens auf 3" Länge erweitert. 

Besondere Beachtung verdient die Compression und 
Einknickung des ersten Sacralwirbels und die Re- 
duetion seiner Höhe im vorderen Umfang auf 3'"; dadurch 
tritt das merkwürdige Verhältniss in Erscheinung, dass der 
untere Rand des 5. Lenden - und der obere Rand des 2. 
Sacralwirbels einander vis-a-vis zu stehen kommen, dazwi- 
schen in einer tiefen Furche der Rest der vorderen Fläche 



35 

des 1. Sacralwirbels in satteförmiger Krümmung eingelagert 
bleibt. Der Körper des 5. Lendenwirbels wird 
dadurch gleichsam in's Kreuzbein eingesenkt und 
stellt abnormer Weise in seinen breiten Flanken mit den 
Rändern des Eindruckes des Kreuzbeines in Knorpelver- 
bindung. (Die letztere ist wohl das, was man, wie uns 
dünkt, irrthümlich als Gelenkverbindung bezeichnet, 
und dabei sogar von zwei Gelenkfortsätzen des ver- 
schobenen AVirbelkürpers gesprochen hat. Wir sehen daran 
weder Fortsätze, noch Gelenkl'ortsätze , geschweige denn 
congenitale Gelenkfortsätze). — Die hintere Fläche des 1. 
Kreuzbeinwirbels ist von normaler Höhe und Richtung; 
dagegen liegt die etwas verkürzte hintere Fläche des 5. 
Lendenwirbelkörpers völlig horizontal und etwas tiefer als 
der hintere Rand des Sacralwirbels. Man bemerkt hier 
den hiatus sacro-lumbalis in Kartenherz - Form, 
nämlich von rundlichem Umriss und durch den von oben 
einspringenden schnabelförmig gekrümmten proc. spin. des 
5. Lendenwirbels in 2 Hälften getheilt. 

An dem 5. Lendenwirbel sind nebstdem folgende 
Abweichungen erheblich: Derselbe hat im Ganzen eine im 
sagittalen Durchmesser ausgezogene, bogen- 
förmig gekrümmte, mit der Convexität nach oben ge- 
kehrte Gestalt; sein Bogen ist verbreitert und mit der 
Fläche etwas horizontal gestellt , jedoch weniger als bei 
N. 1756; die pro c. art ic ul. sacro -lumbales bilden zu- 
sammen, wie bei dem Münchener decken, u. z. beiderseits 
plumpe, haselnussgrosse Höcker, an denen man die pa- 
rallele Senkrechtstellung der A rticul ationsflä- 
chen und daher die Aufhebung des mechanischen Momentes 
zum festen Halt dieser Gelenkverbindung, genau wahrnimmt. 
— Der durch die Deviation des Lendenwirbels bedingte 
Isthmus des Spinalkanals beträgt unter dem Arcus des 5. 
Lendenwirbels nur 2'", ist übrigens von normaler Breite. 
Die Elongation und Bogenkrümmung des Arcus zeigt eine 



36 

grosse Uebereinstimmung mit der ähnlichen Beschaffenheit 
des 5. Lendenwirbels an dem Paderborner Becken. 

Auch über diesen Fall finden wir uns veranlasst, auf 
den nach eigener Anschauung geschöpften Befund einige 
Corrolarien folgen zu lassen. — Späth war in seiner Be- 
schreibung nahe daran, der hydrorrhachitischen Deformation 
des q. Lendenwirbels zu erwähnen, denn in seinem Resume 
liesst man unter 7): „da der letzte Lendenwirbel über die 
schiefe Verbindungsfläche am Kreuzbein so nach vorne 
hereingerückt ist, dass sein unterer Rand 3'" weit vorsteht, 
vermag sich sein Bogen nach rückwärts nicht mehr an den 
des nächsten Kreuzwirbels anzuschliessen , sondern las st 
an der hinteren W and des Wirbel k a n a 1 s eine 
Lücke von 5 L in. Länge und 6 Lin. Breite." — 
Indessen übersah Späth die Hauptsache dabei, die Klon- 
gation uud Bogenkrümmung des Arcus und die abnorme 
Stellung der proc. obliqui des dislocirten Wirbels, und ohne 
diese Angabe ist eine Lücke an der hinteren Wand des 
Wirbelkanale3 nicht weiter zu verw^erthen gewesen. — 

Kilian legt wieder ein besonderes Gewicht auf die 
„jedenfalls angeborene" sogenannte Neubildung 
zweier kurzer Gelen kfortsätze zu beiden Seiten 
des unteren Dritttheils des Wirbelkörpers (1. c. S. 124), 
welche angeblich Späth völlig übersehen hat, während 
sie dem Scharfblicke Rokitansky' s nicht verborgen 
blieb. — Confrontiren wir aber die Beschreibungen beider 
Autoren, so finden wir die Angabe über diesen Punkt in 
folgenden Worten: 

Rokitansky (1839. Oesterr. Medic. Jahrb. XIX. B.) : 
„Der erste Kreuzwirbel ist ungewöhnlich niedrig und nimmt 
mittelst zweier nach innen sehender, seicht coneaver Gelenk- 
flächen vor und über der Synchondrosis sacro-iliaca zwei 
vom unteren Seitentheile des letzten Lendenwirbels ab- 
gehende Gelenkforisätze so auf, dass letzterer im 
Kreuzbeine wie eingekeilt erscheint , wobei er zu- 



37 

gleich über die sehr abhängige Verbindungsfläche des ge- 
nannten Kreuzwirbels sehr tief in das Becken gerückt ist 
und eben vor ihm auf 4"' hervorragt. " — Und Späth 
(1854. Zeitschr. der k. k. Ges. der Aerzte zu Wien. X.Jahr- 
gang, — bei Kilian S. 119 unter d): -Der letzte Lenden- 
wirbel hat an seiner vorderen Gelenklläche die normale 
Hohe, während er dieselbe rückwärts bei weitem nicht 
erreicht. Seine untere Verbindungsfläche ist brei- 
ter und seitwärts aufgebogen, so dass sie über die 
Gelenkfläche am Körper des ersten Kreuzwirbels noch 2'" 
bis 3'" breit auf seine Flügel hinausreicht." — 

Wir haben nach eigener Anschauung , ohne uns der 
citirten Beschreibungen an Ort und Stelle zu bedienen, den 
Sachverhalt so gefunden, wie er oben bezeichnet wird: 
-Der Körper des 5. Lendenwirbels erscheint gleichsam in's 
Kreuzbein eingesenkt, und steht abnormer Weise in seinen 
breiten Flanken mit den Rändern des Eindrucks des Kreuz- 
beins in Knorpelverbindung."' 

Also , das vermeintliche corpus delicti haben wir alle 
gesehen, jedoch verschieden beschrieben und anders ge- 
deutet. — Eine ontologische Auffassung dieses eigenthüm- 
lichen Befundes dient offenbar zu nichts, denn angenommen 
— aber nicht zugestanden — diese Verbindung sei wirk- 
lich von Gelenkfortsätzen gebildet, was resultirt daraus für 
die Wirbelschiebung und die BeckendifformitätV Stellen 
wir uns selbst den unwahrscheinlichen Fall vor, ein Indi- 
viduum brächte diese Abnormität der Verbindung, wie sie 
vor uns da steht, mit zur Welt; so ist nicht zu begreifen, 
warum der Lendenwirbel ceteris paribus nicht in seiner 
normalen Lage verharren, sondern eine Dislocation erleiden 
sollte. — Im Gegentheil haben wir derlei Anomalien der 
Sacro-Lumbal-Junctur hie und da beobachtet und verzeich- 
net, die überhaupt keine Consequenzen , am allerwenigsten 
das Gleiten des Lendenwirbels über die vordere Kreuz- 
beinkante bewirkten. — Gehen wir hingegen auf die Ge- 



38 

neso. dieser Pormalion ein, und berücksichtigen wir die 
mechanisches Momente, die bei der allmüligen Entwicklung 

einer solchen Lageveräuderung nothwendig mit irn Spiele 
gewesen sein mussten , so linden wir in der (Konfiguration 
dieser Verbindung wieder den Ausdruck des verrückten 
Schwerpunktes der Körperlast, die nach gelockertem Wider- 
stände von Seite des Wirbelbogens und der proc. artic. 
inferiores, anstatt in gleichmässiger Vertheilung auf der 
oberen Flache des Kreuzbeines aufzuruhen, mit voller Wucht 
auf die vordere Kante desselben drückte, wodurch es dem 
Lendenwirbel möglich wurde, sich an dieser Stelle gewisser- 
massen in das Kreuzbein einzuarbeiten und einen Eindruck 
hervorzubringen, mit dessen nach innen gekehrten Flächen 
der Körper des Lendenwirbels in überknorpelte Verbind- 
ung trat. 

Dass hiezu eine gewisse Weichheit und Nachgie- 
bigkeit der Knochen textur nothwendig gewesen sei, 
ist a prioi anzunehmen , allein diese Annahme ist keine 
willkürliche , sondern vielmehr das Ergebniss der sämmt- 
lichen coneurrirenden Formverhältnisse: 1) der untere 
Rand des 5. Lendenwirbels ist in die Breite ge- 
drückt und seitlich um- und aufgestülpt (nach Späth: 
„seitwärts aufgebogen"), — 2) der 1. Kreuzwirbel ist 
an seiner vorderen Fläche im Sinne der Längenachse 
comp ri mir t, und hier in der Luftlinie vom oberen zum 
unteren Rande auf 3'" reducirt, — eine Verkürzung, die 
freilich, wie Kilian S. 125 richtig bemerkt, erst am Ion- 
gitudinalen Durchschnitt genau zu bemessen wäre, die wir 
aber annähernd bestimmt haben, indem wir eine Durch- 
schnittsansicht nach genauen äusserlich abnehmbaren Mess- 
ungen so gut als möglich zu construiren bemüht waren. 
— 3) Die Flügel dieses Wir bels sind gleichzeitig 
nach vorn und einwärts gebogen, so dass die obere 
Fläche der Lateralmassen eine seitliche Compression beur- 
kundet, die sich besonders aus der Distanz der Synchon- 



39 

droses sacro-iliacae ergibt. Diese rücken nämlich an der 
lin. arcuata auf 3" 9'" zusammen, während die normale 
Distanz desselben 4" 3'"— 4" 7"' (Späth, sub c). Man 
muss diese Erscheinung besonders desshalb hervorheben 
weil sie gerade das Gegentheil von dem ausspricht, was 
man bei der Annahme von abnormen Gelenkfortsätzen 
des Lendenwirbels zu denken geneigt wäre. Die letzeren 
sollten nämlich als etwas Ueberraässiges, zu dem normalen 
Bestand des Kreuzbeins Hinzugetretenes, zur Verbreiter- 
ung desselben wenigstens so viel beitragen , als sie selbst 
zusammen ausmachen ; allein weit entfernt , dies zu 
thun, ziehen sie die Breite des Kreuzbeins unter die Norm 
herab! — Wo will man die Erklärung dieser Erscheinung 
herholen, wenn man die Symptome der Compression über- 
sieht, die sich hier und noch in anderen weniger wesent- 
lichen Punkten unzweideutig kund geben, und sammt und 
sonders in den veränderten Druckverhältnissen ihre unge- 
zwungene Erklärung und natürliche Begründung finden? — 
Die anatomische Diagnose für dieses Becken lautet 
somit nach unserer Anschauung: Hydrorrhachis sacro- 
lumbalis mit consecutiver Verlängerung des Bo- 
gens des fünften Lendenwirbels, parallele Senk- 
recht Stellung der Articulations flächen der 
proc. obliq. in f., Dislocation desselben Wirbels 
nach vorn, — Compression des ersten Sacra 1- 
Wirbels im vorderen Umfang mit Einkeilung 
des Lendenwirbels in denselben; Lendenlor- 
dose, Vereiterunng der Symphyse nach Metro- 
phlebitis puerperalis. 

V. Fall. Das Paderborner Becken. 
(Hiezu Taf. VII. und VIII.) 

DasPad er borner Becken ist von allen bisherigen 
einschlägigen Fällen die completeste und gründlichste Be- 



40 

obachtung, die unserer Literatur durch die classische Mo- 
nographie von Kilian einverleibt wurde (De spondylolis- 
thesi , gravissima pelvangustiae causa nuper detccta, cum 
tab. III. lithogr. Bonnae, (ohne Jahreszahl, bei Gelegenheit 
der Jubiläumsfeier der Universität Bonn im J. 1853 ver- 
öffentlicht). — Schilderung neuer Beckenformen und ihres 
Verhaltens im Leben, Mannheim 1854). 

Es handelt sich hier nicht darum , eine vollstän- 
dige anatomische Beschreibung des ganzen Beckens zu 
liefern und vielleicht das zu wiederholen, was bereits früher 
gut gesagt wurde: uns k;im es eigentlich auf die eigene 
Anschauung der Lumbosacral-Verbindung an, und da wir 
bereits an zwei Becken den von den früheren Autoren 
übersehenen Schaltwirbel entdeckt und nachgewiesen haben, 
dass dieser, sowie in den zwei anderen Fällen die Miss- 
bildung des Bogens des 5. Lendenwirbels, — die Grund- 
Bedingung der merkwürdigen BeckendifTormität abgebe, so 
wird es von einigem Interesse sein, den Befund auf den 
es hier eigentlich ankommt, und auf den wir selbst höchst 
gespannt waren, mit einiger Detailangabe mitzutheilen. Im 
übrigen verweisen wir auf die anatomischen und geburts- 
hilflichen Maussangaben in der genauen Beschreibung von 
Kilian. 

Das Becken ist von allen übrigen im Ganzen das am 
meisten symmetrische; es bietet eine reine Lordose des 
Lendensegmentes der Wirbelsäule ohne seitliche Krümmung 
oder Neigung derselben dar; der rechte Schenkel des arcus 
pubis ist etwas mehr concav ausgeschweift und seine Höhe 
etwas bedeutender als auf der linken Seite, daher auch das 
rechte Acetabuluin anscheinend etwas höher steht. Das 
tuber ischii tritt rechts etwas mehr nach aussen als links. 
— Die Symphyse ist wie bei allen übrigen wegen starker 
Senkung des Beckens leicht schnabelförmig vorgezogen, 
dabei aber so stark nach oben springend , dass eine von 
der oberen Kante nach hinten gezogene horizontale Linie auf 



41 

das untere Drittel des zweiten Lendenwirbels fällt, die 
untere Kante im Niveau des dritten Intervertebral-Knorpels 
steht. Dadurch wird die vordere und normal untere 
Fläche zur oberen, — die hintere, normal obere zur 
unteren; dadurch kommt eine sehr horizontale Conjugata 
von 2" 3'" zu Stande, die auf die Verbindung des 2. und, 
3. Lendenwirbels fällt , während der grössere Theil der 
Lendenwirbelsäule, der 3., 4. und 5. Lendenwirbel in die 
Tiefe des Beckens gesunken ist. 

Das Kreuzbein hat eine Krümmung, die man nur an 
osteomalacischen Becken mit Infraction in einem so hohen 
Grade kennt. Der obere Theil (1. und 2. Wirbel) steht 
beinahe senkrecht, der untere Theil (3., 4. und 5. Wirbel) 
liegt beinahe wagrecht zur Körperaxe, und da der letzte 
(dislocirte) Lendenwirbel auch nahezu horizontal und folg- 
lich mit dem unteren Theil des Kreuzbeins beinahe parallel 
liegt, so resultirt daraus eine höchst eigenthiimliche Exca- 
vatio sacralis von pyramidaler Gestalt, die im sagittalen 
Durchmesser einigermassen das an Raum einbringt, was sie 
im verticalen Durchmesser eingebiisst hat. — Das Kno- 
chengewebe des Kreuzbeins zeigt keine auffallende Altera- 
tion ; bei genauer Betrachtung findet man jedoch die Ma- 
schen der spongiösen Substanz sehr weit, die Knochenbalken 
und Lamellen dick; im unteren Theil ist das Gewebe des 
Kreuzbeins stark fetthaltig wie bei Osteomalacie. — Im 
Uebrigen ist der Knochen leicht, allerwegen stark porös, 
in den fossis iliacis papierdünn und durchscheinend. 

Die hintere Ansicht des Beckens, welche zur Ver- 
sinnlichung der Difformität des verschobenen Lendenwirbels 
wesentlich beiträgt, haben wir (Taf. VII.) bei diesem wie 
bei dem Prag -Würzburger Becken aufgenommen und so 
gut, als es die kurze Zeit gestattete, ausgeführt; bezüglich 
der Durchschnittsansicht verweisen wir auf die eben so 
naturgetreue als künstlerische Abbildung in Kilian's Ab- 
handlung und liefern nebstdem (Taf. VIII.) die Durch- 



42 

schnitlsansicht der rechten Hälfte behufs der näheren Angaben 
über die Missbildung des 5. Lendenwirbels und der Ableitung 
der Gesammt-Difformität aus dem Mechanismus des Beckens. 
Der sehr breite hiatus sacralis (T. VII. A. hi) reicht 
bis zum 2. Sacralloch, (bei der starken Krümmung des 
Kreuzbeins kommt in der Zeichnung nur der oberste Theil 
desselben zur Ansicht); darüber kommen zwei kleine Höcker 
— proc. spinosi der zwei oberen Sacralwirbel — vor, und 
über diesen eröffnet sich der Hiatus lumbo-sacralis (S) 
1 Zoll breit, % Zoll hoch. Die obere Begränzung dieses 
letzteren bildet das hintere Bogenende des 5. Lendenwir- 
bels, dessen beide Branchen, in ungleichem Niveau — die 
linke höher, die rechte tiefer gestellt sind, und weder in 
innige Verbindung mit einander treten, noch einen eigent- 
lichen proc. spinosus bilden. Sie unterbrechen als dünne 
schmale Knochenspangen die Lumbo-Sacral-OefTnung, die 
sich weiter nach oben bis an den proc. spin. des 4. Len- 
denwirbels fortsetzt, von wo an weiter aufwärts der Ver- 
schluss des Spinalkanals vollständig ist. Sie liegen so tief 
unter dem Niveau der Dornfortsätze der übrigen Lenden- 
Wirbel, dass man sie unter der Hautdecke unmöglich hätte 
durchfühlen können, und obgleich die oberen Lendenwirbel 
durch die Dislocation des 5. bedeutend nach vorn gerückt 
sind, wären doch nur die 4 D ornfortsäze desselben 
als solche nachweisbar gewesen. Zu dem tiefen Stand 
und dem Verdecktsein dieser Arcus-Rudimente des 5. Len- 
denwirbels trägt auch der Zustand der proc. articulares 
bei, die hier eine merkwürdige Uebereinstimmung mit denen 
des Prag-Würzburger Beckens bilden. 

Die processus articulares lumbo-sacrales (hji) 
bilden nämlich , symmetrisch zu beiden Seiten des Hiatus 
gelagert, rundliche Protuberanzen von der Grösse einer 
halben Wallnuss (auf der Tafel beiKilian der am meisten 
nach hinten vorragende concentrisch straffirte Höcker), 
worin man nur die Verschmelzung des proc. artic sacralis 



43 

mit dem proc. artic. lumbalis inf. sehen kann. Ihre Be- 
gränzung ist durch die Synostose unkenntlich ge- 
worden; indessen scheint auch liier an jedem der Höcker 
eine oberflächliche, schief von oben aussen nach unten 
innen verlaufende Furche die Andeutung abzugeben, dass 
die Demarcation beider contribuirender Theile in dieser 
Richtung verlief. Erwiese sich diese Annahme als richtig 
— dies wäre durch einen passenden Querdurchschnitt zu 
ermitteln, — so könnte auch die Richtung der Ebenen be- 
stimmt werden, in der die Articulationsflächen zu einander 
und zu dem normalen Yerhältniss verliefen. So wie die 
Sache steht, lässt sich nur aus der x\nalogie ähnlicher 
Vorgänge an diesen Gelenken mit Wahrscheinlichkeit an- 
nehmen , dass der langwierige mechanische Einfluss, dem 
diese Gelenke durch die Dislocation de* Wirbelsäule und 
den dadurch bedingten übermässigen Zug andauernd ausge- 
setzt waren, durch einen lenten adhäsiven Entzündungsvor- 
gang zur völligen Verschmelzung und Synostose geführt 
habe. — 

Die processus transversi lumbales an unserer Zeich- 
nung (Taf. VII. A. 3. 4. 5.) sind beiderseits normal gebil- 
det und sehen frei nach aussen ; sowie ihre Wirbel sind 
auch sie sehr tief in den Beckenraum und weit nach vorn 
gerückt. — Da an diesem Becken weder ein überzähliger 
Fortsatz noch ein anomales Wirbelrudiment nachzuweisen 
ist, so muss die Aufmerksamkeit besonders auf jeneEigen- 
thümlichkeiten des geschobenen Wirbels gerichtet sein, die 
sonst im ursächlichen Zusammenhange mit der Difformität 
stehen. 

Betrachtet man den D.Lendenwirbel von der Seite, 
so findet man, dass er im sagittalen Durchmesser in die 
Länge gezogen und in einem Bogen mit nach oben 
gekehrter Ccnvexität gekrümmt ist. Die Verlängerung 
und Bogenkrümmung betrifft ausschliesslich die beiden 
Schenkel des Arcus und die dadurch bedingte Verdünn- 



44 

ung ihrer Knochenmasse betrifft vorzugsweise die Stelle 
zwischen dein proc. artic. superior und inferior, 
rechts und links. Diese Fortsätze kommen dadurch in ein 
derartiges Missverhältniss, dass die oberen ganz nach 
vorn und etwas tiefer gerückt, die unteren dagegen 
völlig nach hinten und zugleich etwas höher gestellt er- 
scheinen. Tafel VIII liefert hiezu den Vergleich der sche- 
matischen Figuren eines normalen (A) mit dem difformen 
5. Lendenwirbel (ß); a "Wirbelkörper, b Wurzel des Wir- 
belbogens , c oberer Gelenkfortsatz, d unterer Gelenkfort- 
satz, e Interarticularportion des Bogens, f Dornfortsatz. — 
f hinteres Ende desselben, bei B fehlend und unentwickelt, 
daher nach der muthmasslichen Richtung entworfen. Man 
kann sich von diesem Missverhältniss keinen besseren Be- 
griff bilden , als wenn man sich einen Wirbel von Caout- 
schouc vorstellt, von dem blos die unteren Gelenkfortsätze 
fixirt, der ganze vordere Theil dagegen in Bogenkrümmung 
vor- und abwärts gezogen wird: die Verdünnung des arcus 
wird dann die Partie vor dem fixen Puncte betroffen und 
die oberen (von der Wirbelsäule belasteten) Gelenkfortsätze 
werden sich soweit entfernen , dass sie endlich tiefer zu 
liegen kommen , als es die fixirten ursprünglich gewesen 
sind. — 

Es wäre bei diesem Becken ebenso wünschenswerth 
eine Profil-Ansicht der Wirbelsäule aufzunehmen , wie wir 
diess bei dem Prag-AVürzburger gethan haben; indessen ist 
die Sache auch einigermassen einleuchtend aus der Durch- 
schnittsansicht, wenn man nämlich die Contouren innerhalb 
des Spinalkanals sorgfältig verfolgt und die Verhältnisse 
der Wirbelkörper, der Wurzeln und der Dornfortsätze der 
Bögen vergleicht (Taf. VIII. C). 

Dass sich die Difformität des 5. Lendenwirbels wirk- 
lich auch in der dargestellten Art und Weise entwickelt 
haben musste , unterliegt wohl keinem Zweifel, denn die 
Uebereinstimmung aller Umstände gibt keiner andern Idee 



45 

Raum. — Eine andere Frage ist aber die: was war das 
erste ursächliche Moment zu dieser Verlängerung und Ver- 
dünnung des Wirbelbogens, welche speciellen Bedingungen 
gingen einer solchen ungewöhnlichen Missbildung des Wir- 
bels voraus , die , wenn auch aus dem Mechanismus be- 
greiflich, dieser Wirbelverbindung doch so selten zukommt? 
— Wir müssen gestehen, dass uns hier der ganze Hergang 
der Genese auf den ersten Blick mehr Schwierigkeiten ge- 
boten, als es bei den vorigen Becken der Fall war. Ware 
an ein spoutanes Auswachsen des Wirbelbogens zu denken, 
so wäre der Knoten bis auf dieses Itäthsel gelöst. — Allein 
die Verlängerung der beiden Bog ei.schenkel ist auch keines- 
falls eine secundäre . d. h. bloss von der Dehnung und 
Zerrung des Wirbels nach vorn abhängige Erscheinung, 
denn für diese selbst ist das primäre Moment zu suchen. — 
Ebenso wenig können wir die Alteration des Intervertebral- 
Knorpels für das primäre und causale Moment halten , da 
sich au demselben nur die Spuren der Compressions-Atropl.ie 
nachweisen lassen. 

Bekanntlich resistirt der Intervertebral- Knorpel bei 
Krankheiten der Wirbelsäule viel hartnäckiger als der Wirbel- 
knochen selbst, nicht bloss bei Spondylitis und Caries. bei 
Usur vom Druck andringender Aneurysmen und anderer 
Geschwülste, sondern selbst bei den alle Gewebe durch- 
setzenden Neubildungen, wesshalb derselbe auch als Isolator 
bezeichnet wird: woher käme hier die auf eine Junctur 
beschränkte Erkrankung der Knorpelscheibe , da doch die 
zu ihrer Ernährung beinahe ausschliesslich contribuirenden 
Gelenkflächen der Wirbelkörper keine andere Texturver- 
änderung beurkunden, als eine consecutive Verstärkung der 
Knochenbalken an der dem grössten Druck ausgesetzten 
Stelle der spongiösen Substanz? — Endlich, 

Abgesehen davon, dass man eine Verflüssigung und 
Erweichung oder einen spontanen Schwund dieser Knorpel- 
scheiben weder hier noch sonst wo beobachtet hatte, und 



46 

«lii '-elbe schwerlich auf einen anderen local so seltsam be- 
schränkten Krankheitsprocess zu beziehen wäre, so würde 
Hf ja im besten Falle, wenn sie nachgewiesen wäre, gar 
nicht hinreichen, das Kutschen des Wirbelkörpers nach vorn 
zu erklären , so lange die fixen proc. artic. festen Wider- 
halt bieten. 

Anatomische Anhaltspunkte zur Begründung 
einer Theorie der Genese für diese Wirbelschiebung bieten 
unseres Erachtens nur folgende Eigentümlichkeiten des 
Beckens: 1. Die Spur von ITydrorrhachis und die dadurch 
bedingte MissbÜdung des Wirbelbogens des 5. Lendenwir- 
bels, — und 2. die Form - und Texturveränderung der 
Heckenknochen selbst. — 

Was den ersten Punkt betrifft, so lehrt der Vergleich 
dieses Beckens mit einer normalen und mit den vorherbe- 
sprochenen spondylolisthetischen Becken, dass die Hy- 
dro r r h a c h i s durch Erweiterung des Rücken- 
markkanals einen guten Theil an der Verdün- 
nung der einzelnen Bogent heile genommen 
habe, und dass sie wahrscheinlich auch zur Dislocation 
der Gelenkflächen an den proc. obliquis beizutragen im 
Stande gewesen sei. An einem normalen wohlgebildeten 
5. Lendenwirbel sehen die Gelenkflächen des proc. artic. 
inf. so nach aussen und vorn, dass ihre hintere Begränzung 
eine senkrechte, zur Medianlinie parallele Linie bildet und 
eine in diese Linie zum äusseren Rand des Wirbelkörpers 
gelegte Ebene muss die Wurzel des proc. transversus in 
gerader Richtung von hinten nach vorn schneiden (Taf. VT. 
D. xy). — Bei unserem difformen Lendenwirbel stellt 
die Begränzungs-Furche beider proc. articul. an der Lumbo- 
Sacral-Verbindung eine schräg von aussen oben nach unten 
innen verlaufende Linie dar, und die Ebenen der Articula- 
tiunsflächen haben demgemäss eine abnorme Richtung. Man 
kann sich diese Richtung vergegenwärtigen, wenn man mit 
einem normalen Wirbel, woran die Spitzen der proc. trans- 



47 

versi die Achse bilden, eine solche Drehung vornimmt, dass 
die vordere Fläche des Wirbelkörpers wie bei der Spondy- 
lolisthesis nach unten sieht: die Begränzung der Articula- 
tionsflächen wird dann von einer schräg von oben aussen 
nach innen unten verlaufenden Linie gebildet und die Ebe- 
nen sehen dann nach unten aussen, wobei sie, wenn nicht 
eine synostotische Verschmelzung zwischen ihnen und den 
correspondirenden Gelenkflächen des 1. Sacralwirbels be- 
stände , ihrem Wirbel keinen gehörigen "Widerhalt geben 
könnten. — 

Die nicht entsprechende Vereinigung der hinteren Bo- 
gentheile , ihre Verdünnung und die mangelhafte Bildung 
des proc. spinosus ist jedenfalls eine Theilerscheinung der 
gehemmten Entwickelung im Wirbelbogen , wiewohl auf 
die spina biöda selbst ein geringerer Theil der consecutiven 
Dislocation zu rechnen kommt als auf die Verlängerung 
der Interarticulai -Partie des Wirbelbogens. 

Nebst dieser Anomalie , deren Anlage jedenfa'ls der 
fötalen Periode gehört, ist die Form- und Texturver- 
änderung der Beckenknochen nicht zu übersehen, 
da sie offenbar zur gesammten Difformität des Beckens 
mehr beiträgt, als dies bei den anderen vier Becken be- 
merkbar ist. In dieser Beziehung weisen wir auf folgende 
hervorragende , zum Theil an der Durchschnittsansicht der 
rechten Beckenhälfte ersichtliche Eigenschaften hin: 

a) Der Knochen ist sehr zart gebaut, ungemein leicht, 
sein Gewebe spröde , grob porös , zum Theil atrophisch 
verdünnt, zum Theil grobmaschig rareficirt, anderwärts (in 
den Sacralwirbeln) die Knochenbalken verdickt, überdiess 
ungleich fetthaltig. — 

b) Die Krümmung des Kreuzbeins ist ungewöhnlich 
stark entwickelt und selbst viel grösser als an dem Prag- 
Würzburger Becken, obwohl die Wirbelschiebung in sofern 
an dem Paderborner einem geringeren Grade gehört, als der 



48 

geschobene Lendenwirbel an dem vorderen oberen Kande 
des Sacralwirbels stehen blieb, während er an dem Würz- 
burger Becken mit Abrundung dieses Randes bis an die 
vordere Flache des Sacralwirbels gerückt ist. — 

c) Die Formveränderung des von hinten nach vorn 
ausgezogenen Lendenwirbels und des gekrümmten Kreuz- 
beins spiegelt sich auch in den ungenannten Beinen ungleich 
auffallender als in den anderen Fällen von Wirbelschiebung 
ab: bei verminderter Höhe der ungenannten Beine bemerkt 
man eine Streckung und Verlängerung derselben nach vorn 
wodurch das Becken die anderen Fälle von Wirbelschieb- 
ung (im sagittalen Durchmesser) um 1 Zoll , ein normales 
sogar um 1 j /cj— l 3 4 " übertrifft. — 

d) Das schnabelförmige Vortreten und Aufsteigen der 
Symphyse, das völlige Verkehrtsein ihrer Flächen, der Stand 
der Cristae ilium , deren oberste Punkte die Spinae sup. 
ant. bilden, die grosse Tiefe der Gelenkpfannen und ähn- 
liche Einzelnheiten sind Erscheinungen, die diesem Becken 
im höchsten Grade und in einer solchen Art zukommen, 
dass der daraus resultirende Gesamra t eind r uck auf die 
Idee einer Nachgiebigkeit und Dehnbarkeit führt, 
einer Eigenschaft, die den Beckenknochen — freilich in 
einer anderen Art und Reihenfolge von Erscheinungen — 
bei einem massigen Grade von Knochenerweichung zu- 
kommt. — 

Nach unserer gegenwärtigen Begriffsbestimmung ist 
die Osteomalacische eine in ihren anatomischen Merkmalen 
zu genau umschriebene Beckenform , als dass man ihr die 
vorliegende DiiTormität einverleiben könnte ; allein eben 
desshalb und besonders darum, weil es bisher keine Cathe- 
gorie ähnlicher Formen gibt, finden wir uns veranlasst, den 
Umstand mit Accent hervorzuheben, dass bei dem Pa- 
derborner Becken nicht bloss die Neigung, die 
bei den anderen Fällen von Wirbelschiebung bedeutend 



49 

vermindert ist, tief unter Null sinkt, sondern dass 
daraus nebstdem auch eine durch andauernd be- 
standene Nachgiebigkeit der Knochentextur zu 
erklärende Form v er an dem ng aller einzelnen 
Bestan dt heile des Becken skeletes wahrzunehmen 
ist, die den übrigen Becken nicht zukommt. 

Es scheint uns nicht undenkbar, dass der letzte Len- 
denwirbel, abgesehen von seiner durch Hydrorrhachis be- 
dingten Missstaltung , auch in der späteren Lebensperiode 
an der Nachgiebigkeit und Dehnbarkeit der Knochentextur, 
der das ganze Beckenskelett in terworfen war, partieipirt 
habe, und dass die Verschmächtigur.g des interarticularen 
Bogentheils, die Verlängerung und Bogenkrümmung des 
Wirbels .zum Theil jenem chronischen Ufcbel zuges hrieben 
werden könne , das aus Mangel eines detaillirten Befundes 
über das Verhallen der Gewebe im frischen Zustande nicht 
mit Praecision bezeichnet werden kann, in einiger Beziehung 
jedoch an Osteomalacie erinnert. Die Dehnbarkeit des 
Wirbeibogens hätte bei noch längerem Bestände einerseits 
bis zur völligen Atrophie desselben führen, und andererseits 
eine noch stärkere Wirbelschiebung zur Folge haben können, 
wenn nicht schon früher durch die . Q yr.osto ? e der processus 
articulares sacro-lumbales , und gleichzeitig durch die Ein- 
keilung des vorderen Randes des 1. Sacralwirbels mitten 
in die untere Gelenkfläche des Lumbalwiibels einem höhe- 
ren Grade von Dislocation G rängen gesetzt worden uären. 

Eines Umstandes müssen wir noch erwähnen, der uns 
an dem Becken nebstdem auffiel. Es ist dies der wirkliche 
oberflächlich etwas raue Saum (auf unserer Zeichnung der 
hinteren Beckenansicht [Tafel VIT. A] mit p bezeichnet), 
der sich hinten an die Synchondroses; sacro-iliacae anlegt 
und dem Anschein nach als keilförmige Knochenscheibc 
zwischen das Kreuz- und das Darmbein (tuberositas iliuin) 
eindringt. Da dies links und rechts zu finden ist, gewinnt 

Scauzoni's Beiträge III. "* 



50 

da< Kreuzbein dadurch an Breite ohneEinbuss der Symmetrie; 
indessen scheinen die beiden Knochensäume mehr den 
Darmbeinen anzugehören und stellen vielleicht einen knö- 
chernen Wulst, einen abnormen Liinbus der Tuberositas 
dar, dessen Entstehung bei den veränderten Druckverhält- 
nissen nicht unpassend der andauernden Zerrung der Ilio- 
Sacralbänder zugeschrieben werden könnte- Wir erinnern 
hier an das einzige Becken mit einem einigermassen ähn- 
lichen Befunde, das wir in Nägele's Sammlung zu Heidel- 
berg sahen und in unserem Reisebericht (Frage/ Viertel- 
jahrschrift 1857) unter N. 13 notirten. 

Wir dürfen nicht unerwähnt lassen, dass Kilian in 
seiner umsichtigen Schilderung dieser Beckeminomalie alle 
diese einzelnen Formabweichungen der Beckenknochen ge- 
hörig hervorgehoben (1. c. p. 43), und da, wo es sich um 
die Entstehungsweise handelt, die Erweichung des Knochen- 
gewebes, wenn auch in einer beschränkten Ausdehnung 
(p. 49) zu Grunde legt. Es erübrigt daher nur, die Gegeq- 
gründe gegen die Annahme eines pathologischen Vorganges 
zu erwägen und jene Umstände zu würdigen, die für eine 
mehr physiologische Entwickelung der Difformität 
sprechen, — wenigstens den Antheil, den die nor- 
malen oder nicht allein innerhalb des B ecken - 
bereichs liegenden Verhältnisse als Nebenbeding- 
ungen an der Difformität haben konnten , in's Licht zu 
setzen. Das ist der einzige Weg, um die Beckengattung 
bezüglich ihrer Entwickelung richtig aufzufassen und die 
bequeme, alle Schwierigkeiten brevi manu beseitigende Be- 
hauptung des „Angeborenseins" in ihre Schranken zu ver- 
weisen. Dieses Dogma musste gerade bei jenem Becken 
aufgestellt werden, wo man von der Anamnese so gut wie 
nichts gewusst; es wäre kaum in dieser Art der Fassung 
aufgetaucht, wenn man von der Anamnese so viel werth- 
volle Anhaltspunkte hätte holen können, als es bei dem von 
Kilian geschilderten Paderborner Fall möglich ist. 



51 

Zunächst ist liier das Alter des Individuums in An- 
schlag zu bringen. Ein Becken, das 40 Jahre lang den 
Bedingungen einer Difiormität unterliegt, wird dieselbe aus- 
geprägter, in huherem Grade entwickelt kund geben mi 
als eines, das kaum mehr als die Hälfte dieses Alters er- 
reicht hat. In dieser Beziehung wäre mehr Gewicht auf 
die langwierige Dauer der Difiormität zu legen, als auf die 
pathologischen Bedingungen derselben. — 

Ferner erfahren wir, dass die Paderborner Frau, in 
ihrem 34. Lebensjahre verheiratl.et, bis zum 40. viermal 
schwanger gewesen, in ihrem 35. Jahre mit einer 
Frühgeburt davongekommen, im 36. Jahre durch den Kai- 
serschnitt entbunden , im 39. Jahre abermals durch eine 
glückliche Frühgeburt ohne Beistand frei geworden, im 
40. Jahre bei der 4. Schwangerschaft den schlimmsten Com- 
plieationen des Kaiserschnittes zum Opfer gefallen ist. Wir 
können uns wohl gegenüber den allgemein bekannten That- 
sachen bezüglich des Einflusses der Schwangerschaft auf 
das Becken einer weitläufigen Deduction überheben und auf 
diese Reihe von Ereignissen einfach hinweisen, unter denen 
die Gesammtform eines von der Pubertät an bereits miss- 
stalteten Beckens allmäiig und unmerklich Modificationen 
erlitt, die sich bis zu dem höchsten bis jetzt bekannten 
Grade dieser Difiormität steigerten. — 

Wir erfahren endlich, dass die äusseren Verhält- 
nisse, das Gesammtbefinden, die allgemeine 
Körperbeschaffenheit des Individuums nichts we- 
niger als günstig waren, um die einmal angebahnte Miss- 
staltung des Beckens in dem Fönschreiten ihrer Entwickl- 
ung aufzuhalten oder ihr Glänzen zu selzen. Wenn auch die 
Angaben über das im 10. Lebensjahre überstandene „Xerven- 
fieber", über die nachherige langwierige „Steifheit desKörpers" 
(Muskelschwäche?) die allgemeine und tiefe Erkrankung nicht 
präcis genug bezeichnen, so reichen sie doch hin, besonders 
in Verbindung mit den constatirten Thalsachen der unge- 

4 



52 

meinen Gracilität, dem schwächlichen Körperbau, dessen 
Ausdruck sich in dem zarten Beckengerüst wieder kund 
gibt, und dem historisch verbürgten Umstände, dass die 
Frau unter den drückendsten Verhältnissen des Lebens zu 
schweren Handarbeiten angewiesen war, — diese Krank- 
heitsgeschichte reicht hin, um uns das Bild der elendesten 
Existenz klar vor die Augen zu stellen, in welcher der ge- 
sammte Organismus darniederliegen , die Ernährung aller 
Gewebe herabkommen, das Knochengerüst selbst unter der 
Atrophie der Weichthcile Volums- und Form Veränderungen 
erleiden musste. 

Vergleichen wir die Summe dieser Bedingungen, welche 
den allgemeinen Verhältnissen des Individuums entnommen 
sind, mit der Summe der dem Präparate zu entnehmenden 
Zeichen einer mutmasslich localen Erkrankung, so fällt die 
"Waagschale tiefer für die Auffassung des anscheinend pa- 
thologischen Befundes am Beckengerüste als Theileffekt 
ungewöhnlicher Bedingungen, denen der Ge- 
sammtorgan ismus jahrelange unterworfen 
war, ohne dass eine besondere Erkrankung 
der Knochentextur n o t h w e n d i g coneurrirt 
hätte. — Wir gehen hieruit an die Betrachtung der me- 
chanischen Verhältnisse, unter denen die Beckenanomalie 
zur Entwickeluug kommen musste. 

Als Mechanismus betrachtet stellt das Becken 
eine Welle vor, die sich über zwei Zapfen dreht, wenn die 
Gelenkköpfe der Oberschenkel, auf denen das Becken ruht ? 
die Umdrehungspunkte abgeben. Es zerfällt in zwei Hälf- 
ten, einen oberen und einen unteren Halb ring, die 
sich in der Linie zwischen den Gelenkpfannen als fixen 
unbeweglichen Theil (linea intercondyloidea) wie ein Hebel 
erster Gattung auf und ab bewegen. Die Kräfte, welche 
auf diese Theile einwirken, halten einander in ihrem Ge- 
gensatz das Gleichgewicht: auf den oberen Ilalbring wirkt 
der M. iliopsoas in der Richtung und Tendenz die Wölbung 



53 

einzudrücken; die ligg. sacro-iliaca wirken diesem entgegen ; 
— auf den vorderen Halbring wirkt der Druck des M. 
iliopsoas wie die Schnur auf die Rolle in einem Flaschen- 
zuge, und die Adductoren wieder entgegengesetzt. Diese 
Kräfte wirken auf den unteren Halbring gerade in ent- 
gegengesetzter Richtung als die ein, welche den oberen 
Halbring beherrschen : überwiegend suchen sie die Wölb- 
ung beider Ringe einzudrücken , die vordere der hinteren 
Beckenwand zu nähern, und folglich den sagittalen Durch- 
messer zu Gunsten des transversalen zu beeinträchtigen. 
Gegen die Verbreiterung des Beckens im Pinne des queren 
Durchmessers widersetzt sich hauptsächlich die Starrheit 
des Knochengewebes und die Straffheit der Bänder an den 
Knorpelverbindungen; wo diese weicht, wird das Becken 
bekanntlich im Sinne der erwähnten Kräfte eingedrückt: 
die hintere Wand gibt dem Zuge des Ilio-Psoas noch vorn 
nach, der horizontale Schambeinast bekommt den Eindruck 
der über ihn gleitenden Musculatur, wodurch die Symphyse 
schnabelförmig vorspringt, die Schenkel des vorderen Halb- 
ringes treten nebstdem unter dem Einfluss der Schenkel- 
köpfe nach einwärts (Osteomalacie) und die Verbiegung 
ist um so grösser, je weniger der Knochen wiederstands- 
fahig ist, und je reiner die Einwirkung der Kräfte auftritt. 
Zieht man auch die übrigen Muskel in Betracht, so ergibt 
sich ihre Einwirkung einfach aus der Richtung des Faser- 
zuges von ihrem Vorsprung zum Ansatz: so wirken die 
Abdominal-?vluskel auf den unteren Halbring in der Rich- 
tung nach oben ein, die Obturatorii in der Richtung nach 
aussen, u. s. w. 

So ergibt sich die Genese einer Beckendiffcrmität bei 
einer Textur-Erkrankung des Gerüstes. Die dadurch be- 
dingten Formen der sogenannten rachitischen und osteo- 
malacischen Becken sind hinlänglich bekannt , als dass sie 
nicht mit der blossen Erwähnung abgethan werden könnten. 
Hier kommt ein anderes Moment, und zwar beinahe aus- 



54 

schliesslich in Betracht, welches diese neue Anomalie be- 
dingt: das ist die Last des Oberkörpers, welche vom 
Hecken getragen und den unteren Extremitäten übermittelt 
wird. Diese ruht auf dem oberen Bogen des Beckenringes 
in einer Art auf, dass ihr Schwerpunkt in die Mitte der 
linea intercondyloidea fällt. Auf der Taf. IX ist in Fig. 2. 
der schemalische Umriss des Paderborner Beckens in den 
eines normalen eingezeichnet, um die Drehung des Becken- 
ringes anschaulich zu machen. Versinnlieht man sich den 
Beckenring durch ein Oval (Taf. IX. Fig. 1), dessen Ebene 
der Form nach nahezu dem Beckeneingang entspricht, so 
wird eine durch das Oval gezogene horizontale 
Umdrehungsaxe HH — (linea intercondyloidea) — den 
oberen von dem unteren Beckenhai bring trennen. 
Jener hält die Last des Oberkörpers in seiner Höhe (a) 
aufrecht, dieser unterstützt als Gegenwölbung die belastete 
Krümmung des oberen Halbringes. Stellt man sich die 
Last des Oberkörpers als eine Kraft vor, welche auf den 
höchsten Funkt des oberen Halbringes einwirkt, so wird 
unter normalen Verhältnissen die Kichtung dieser Kraft 
eine senkrechte sein (ab) , wobei der untere Halbring eine 
entsprechende Richtung nach abwärts von der Umdrehungs- 
axe nimmt, und den Grad der normalen Becken -Neigung 
bestimmt. Nebenbei sei bemerkt, dass ein den Beckenring 
repräsentirendes Oval nicht im Beckeneingang liegt, da sich 
dieser von der senkrechten Richtung gegen die horizontale 
neigt; die Ebene des Beckenringes muss vielmehr vom 
Promontorium durch die linea intercondyloidea gelegt, und 
daher tiefer unter der Symphyse vor dem Tuber ischii, 
den Schambogen schneidend gedacht werden. (Fig. 2. ab). 
Die Vorstellung wird nur berichtigt, wenn man sich hin- 
zudenkt, dass die Symphyse als ein mehr nach vorn stre- 
bender Aufsatz dem unteren Halbring beigegeben ist (Fig.l.S), 
wodurch der Beckeneingang aus seiner senkrechten (nach 
vorn ofienen) Lage in eine mehr horizontale (nach oben 






55 

offene) Neigung gebracht wird. Der untere Halbring ist 
nämlich nach abwärts von der linea intercondyloidea offen 
und schliesst durch einen nach vorn strebenden Aufsatz; 
dieser besteht aus zwei Schenkeln, deren jeder durch einen um 
das for. obtur. laufenden Ring gebildet wird; der stärkste 
Theil davon entspricht der senkrechten Lage des Gesammt- 
ringes (os ischii), — die zwei schwächeren (der horizontale 
und der absteigende Schambeinast) bilden den Schlag* des 
Gesammtringes und zugleich den nach vorn strebenden 
Aufsatz des unteren Halbringes (Symphyse). Die klare 
Vorstellung des Beckenmechanismus in seinen normalen 
Verhältnissen ist allein hinreichend, um die Consequenzen 
des verrückten Schwerpunktes als genetische Momente der 
fraglichen Beckendifformität richtig zu begreifen. 

Wir haben nun eine Reihe von Becken vor uns, bei 
denen der Angriffspunkt der von oben einwirkenden Kraft 
nicht, wie unter normalen Verhältnissen, in die obere Fläche 
des ersten Sacralwirbels fällt, sondern mehr nach vorn ver- 
rückt ist und, je nach der Einpflanzung des vorgeschobenen 
Lendenwirbels, bald auf der vorderen Kante bald auf der 
vorderen Fläche des ersten Sacralwirbels ruht. Eine die 
Richtung dieser Kraft bezeichnende Linie (Fig. 1 mn) neigt 
sich, je nach Maassgabe der Lendenlordose, von der Senk- 
rechten gegen die Horizontale unter verschiedenen Winkeln. 
Zerlegt man die Kraft in ihre Componenten, so findet man, 
dass eine davon den Beckenring in der senkrechten Rich- 
tung belastet, während die andere Componente denselben 
von dem Angriffspunkte aus nach hinten drückt (no). Bei 
aufrechter Stellung des Körpers wird die senkrechte Com- 
ponente durch den oberen Halbring auf die Umdrehungs- 
punkte und deren Stützen (Oberschenkel) wie im normalen 
Zustande einwirken; die abgeneigte Componente 
bewirkt aber dadurch, dass sie den oberen 
Halbring nach hinten drückt, eine hebeiför- 
mige Bewegung des ganzen Beckenringes in der 



56 

1 in drehungsaxc Ilif, so dass der untere Halb- 
ring um eben soviel nach vorn (b rf), als der obere 
nach hinten (ac) weicht. Der Beckenring dreht sich so- 
fort wie eine Welle um ihre Zapfen: um so viel Grade 
als der obeie Beckcnhalbring nach hinten sinkt, steigt der 
untere nach vorn; im äussersten Falle, wie das Paderborner 
Becken (Fig. 2) zeigt, kommt der Beckenring aus der senk- 
rechten ab beinahe in die horizontale Lage cd und der 
Symphysen -Aufsatz des unteren Halbringes, der mit dem 
letzteren allmählig aufgestiegen war, befindet sich endlich 
auf der Höhe eines beschriebenen Bogens, wo er den nor- 
malen Stand des Beckeneingangs weit überragt und seine 
untere Fläche nach vorn oben, seine obere nach hinten 
unten kehrt (Fig. 1. S und S"). 

Der Schwerpunkt des Oberkörpers fällt auch bei dieser 
abnormen Lage des Beckenringes in die Mitte der Um- 
drehnngsachse (Fig. 2. aHb), denn eine von dem ersten 
geradestehenden Lendenwirbel gezogene Senkrechte schnei- 
det die linea intercondyloidea in der Mitte. Die Senkrechte 
betrifft nur das obere Viertel der Lenden Wirbelsäule, wäh- 
rend sich die unteren drei Viertel derselben nach hinten 
krümmen und in der Richtung der abnormen Componenten 
auf das Kreuzbein treffen. — Da die Wirbel dieses Abschnittes 
sämmtlich dem Beckenraumc verfallen sind , stemmen sie 
sich so gegen das Kreuzbein, dass dieses sammt dem hin- 
teren Theile der Darmbeine nach hinten rückt und zugleich 
in seinem zweiten Wirbel eine ungewöhnlich starke Krüm- 
mung (beinahe eine Knickung) erfährt, indem der untere 
vollkommen horizontale Theil desselben dem Zuge einer 
in entgegengesetzter Richtung wirkenden Kraft folgt. — 
Die Lenden Wirbelsäule erscheint somit als ein 
Keil, der — in den Becken räum eingetrieben — 
den oberen (hier hinteren) Hai bring von dem un- 
teren (hier vorderen) zu entfernen sucht. Die zwi- 
schenliegenden Weichtheile des Unterleibs vervollständigen 



57 

die Keilwirkung der Lendenlordose auf die vordere 
Beckenwand indirect . während der Angriff der Wirbelsäule 
auf die hintere Beckenwand direct is:. 

Hierin liegt der Grund der Elongation, die man, 
abgesehen von der Lageveränderung . an den einzelnen 
Beckei knochen im Sinne des sagittalen Durchmessers 
wahrnimmt : sie betrifft besonders den oberen Halbring 
als jene Beckenhälfte, die hinter dem Hypomochlion be- 
findlich und der Keilwirkung der Lendenwirbelsäule tu - 
mittelbar ausgesetzt ist; sie fehlt jedoch auch an den 
Knochen des unteren [vorderen] Halbrings nicht, wie 
aus der Form und den Dimensionen des f< r. obturat. 
ersieht. — Hierin liegt endlich auch die Erklärung, warum 
das Kreuzbein eine so sonderbare Knickung erlitten und 
mit dem längeren unteren Theile vollkommen horizontal ge- 
stellt erscheint : es ist diese Krümmung rur der Ausdruck der 
abnorm gewordenen Becken -Neigung . die ein Aufsteigen 
des unteren Halbringes und zugleich ein entsprechendes 
Vor- und Heraufziehen des Kreuzbeins an jener Hälfte zur 
Folge haben mussre . welche mit der Symphyse urid dem 
Schambogen durch das ligamentöse Beckendiaphragma be- 
ständig in Verbindung geblieben war. 

Recapituliren wir das Gesagte, um es in kurzer 
druck zu lassen, so müssen wir die hydrorrhac Iritis che 
Deformation des Bogens des i. Lendenwirbels 
als das primäre Moment bezeichnen, das zur Disloca- 
tion des Wirbelkörpers und zu der Lendenlordose die 
Grundbedingung absrab. die sich jedoch durch den aufrech- 
ten Gang stark entwickelte und durch den 40jährigen Be- 
stand zu dem hohen Grad gelangte, durch weichen sie die 
jüngeren Präparate übertrifft. Diese lange Dauer, die un- 
günstigen Lebens-Verhältnisse, das Leiden des Gesammt- 
organismus sind in Bezug auf das Zustandekommen des 
hohen Grades der Difformität des ganzen Beckens wohl zu 
besücksichtigende L'mstände. und das langwierige Allgemein- 



58 

leiden spiegelt sich auch in einer geringen Texturverände- 
rimg des Beckengerüstes ah; der wichtige Erklärungsgrund 
liegt jedoch im Mechanismus des B e c k e n sk e 1 e tt s 
Belbßt, welches unter der abnormen Belastung vom Ober- 
körper, niimlich bei dem nach vorne gerückten Schwerpunkt, 
auch ohne Concurrenz einer localen Aifection oder einer 
Textuierkrankung, die anomale Gesammtform , sowie die 
Veränderungen an seinen einzelnen Bestandteilen erleiden 
musste. 



Anhang. 

Als Anhang zu dieser Erörterung lassen wir einige 
einschlägige Beobachtungen folgen , die zur Beleuchtung 
unseres Gegenstandes dienen werden. Vor Allem gehört 
hierher: 

1. Die Beobachtung von Dr. Robert zu Coblenz, 
ehem. Professor der Medicin an der Universität zu Marburg 
(mitgctheilt in der Monatsschrift f. Geburtsk. 1855. Bd. 5. 
Ilft. 2. S. 81). — Wir entnehmen daraus die den Fall be- 
treffende Notiz im Wortlaute des Berichterstatters mit Hin- 
weglassung der kritischen Bemerkungen (Taf. IX. Fig. 3. 
Copie der von Dr. Robert in Holzschnitt beigefügten 
Abbildung). Die spezielle Beobachtung lautet: 

t Am 25. October 1851 wurde mir von einer Mutter 
aus einem benachbarten Dorfe ein vierjähriges Kind , Anna 
Maria Keil, gebracht, das mit einem sehr starken Unterleib, 
der Angabe nach seit seiner Geburt, behaftet war. Bei 
genauerem Examen wurde mir sodann zugegeben, dass man 
diese Missbildung zur Zeit erst deutlicher bemerkt habe, 
als das Kind zu laufen anfing. Dieser Zeitpunkt trat jedoch 
spät ein, erst nachdem das Kind beinahe sein zweites Lebens- 
jahr vollendet hatte. Ich liess nun das Kind entkleiden, 
und musste gestehen, dass der Unterleib so stark vortrat, 



59 

das? er cn miniature dem Bauche einer im achten Monate 
schwangeren Frau glich. Bei seitlicher Anschauung des 
Kindes stellte sich heraus, dass keine Auftreibung des Unter- 
leibs, sondern ein Hervortreten desselben durch eine be- 
deutende Lordosis der Wirbelsäule vorhanden war, wie ich 
sie in ihrer Reinheit früher nie gesehen habe. Gefühl und 
Percussion wiesen auch keine Geschwulst oder Yergrössc- 
rung eines Organes im Unterleibe nach, welche denselben 
hätten auftreiben können. Das Kind war dabei sehr kräftig 
gebaut, und hatte sehr stark entwickelte Muskeln. Dabei 
hatte es einen zu dieser Muskelentwicklung im grössten 
Contrast stehenden unsicheren wankenden Gang, so dass 
die senkrechten Erhebungen äusserst gering, die seitlichen 
horizontalen Schwenkungen dagegen sehr bedeutend waren. 
Man pflegt ihn wohl im gemeinen Leben watschelnd zu 
nennen. Kilian wählt in seinem Werke die Bezeichnung 
den Gang der Quadrupeden. In der That war derselbe 
so auffallend, dass ich zunächst an ein Leiden beider Hüft- 
gelenke dachte und eine genaue Untersuchung musste mich 
erst davon überzeugen, dass die Oberschenkel und Darm- 
beine, soweit ihre Conturen fühlbar, vollkommen wohl- 
gebildet und die Gelenkköpfe in ihren Pfannen einer jeden 
normalen Bewegung fähig waren. Bei einer vollkommenen 
Symmetrie beider Körperhälften und bei vollkommen geraie 
verlaufender Wirbelsäule in Bezug auf ihre seitliche Rich- 
tung fand sich eine bedeutende Einbiegung der Lenden- 
wirbel, welche um so mehr in die Augen sprang, da bei 
Kindern dieses Alters bekanntermassen die bei Erwachse- 
nen vorkommende S förmige Krümmung nicht vorhanden 
ist. Das Kreuz fiel etwas flach ab, die Lendenwirbel bil- 
deten nach hinten eine Concavität, deren tiefster Punkt dem 
zweiten Wirbel entsprach. Die Rückenwirbel bildeten eine 
diese compensirende Convexität, deren am meisten vortre- 
tender Punkt in der Höhe der Gräte der Schulterblätter 
sich befand. Die Wilbelsäule des Halses verläuft fast senk- 



60 

recht. Brachte man das Kind in horizontale Lage, so 
schwand die Convcxität der Rückenwirbel vollständig, die 
Concavität der Lendenwirbel glich sich nur unvollständig 
aus und man fühlte dieselbe durch die erschlafften Bauch- 
decken hindurch bedeutender vorspringen. Die Länge des 
Lumbaltbeils der Wirbelsäule im Verhältniss zur übrigen 
war bedeutend kurz. Dies veranlasste mich die Spinal- 
fortsätze zu zählen und während ich die Zahl an den Rücken- 
wirbeln normal fand, konnte ich trotz der aufmerksamsten 
Untersuchung nur v i er Lcn denspinalfo rtsätze auf- 
finden. I'ebrigens waren die vorhandenen sehr breit und 
stark, wie der übrige Knochenbau des Kindes. Legte man 
eine Linie von der grössten Convexität der Rückenwirbel- 
säule EU der des Kreuzbeins, so betrug die Tiefe der Ver- 
krümmung, welche dem zweiten Lendenwirbel entsprach, 
95 Mm. Legte man das Kind auf den platten Boden hin, 
oder zog man es an dem Kopfe in die Höhe, so glich sich 
die Verkrümmung bis auf jene in den Lendenwirbeln fast 
vollkommen aus. Die Muskeln waren dabei an keiner Stelle 
spasmotisch gespannt. Auch die neben den Lendenwirbeln 
verlaufenden Rückenmuskeln sprangen nicht in dem Maasse, 
wie es sonst der Fall bei Lordose ist, hervor. Durch Strecken 
verminderte sich die Krümmung etwas. — Das Kind konnte 
dabei Bewegungen mit der Wirbelsäule machen, den Ober- 
körper seitwärts drehen und sich bücken, wobei jedoch die 
Spinalfortsätze der unteren Lendenwirbel nicht vortraten. — 
Das Becken hatte offenbar eine sehr geringe Neigung. Es 
liess sich dieses aus drei Erscheinungen ermessen , ohne 
dass ich genauer die Neigung nach Nägele's Methode zu 
messen brauchte. Ein Mal waren die Hinterbacken und 
das Kreuz nicht, wie es bei Kindern ist, rund, sondern die 
Theile waren sehr flach von oben nach unten abfallend. 
Sodann stand die vordere Wand der Symphyse fast senk- 
recht, und endlich trat dieselbe bei der Profilansicht stärken 
wie bei andern vor den Schenkeln hervor. Ueberdeckt man 



61 

das Bild (die Profilansicht des Kindes) in der oberen Hälfte, 
so glaubt man, der Rumpf sei stark vorgebeugt, überdeckt 
man es in der unteren Hälfte , so glaubt man einen auf 
staik nach rückwärts geneigter Ebene ruhenden Körper zu 
sehen. Die Knochen des Reckens sind ebenfalls sehr stark 
entwickelt. Bei einer Gesammtbreite des Beckens von 
20 CM. beträgt die hintere Breite des Kreuzbeines 8 CM. 
Die Entfernung des Spinalfortsatzes zur vorderen Fläche 
der Symphyse beträgt 52 Mm. Nach einer übrigens nicht 
geuau genommenen Messung stand der untere Rand der 
Symphyse 35 Mm. höher, als die Spitze des Kreuzbeins." 

2. Ueber das Brüsseler Präparat kam uns durch 
die besondere Gefälligkeit des Herrn Dr. Gluge, Professor 
daselbst , folgende Krankengeschichte und Beschreibung 
schriftlich zu: 

„Anna Maria B..., 42 Jahre alt, rachitisch, trat in 
die Maternite zu Brüssel am 4. April 1838 um 7 Uhr 
Morgens ein. Sie befindet sich am Ende ihrer dritten Schwan- 
gerschaft und seit dem vorigen Tage in Geburtswehen. Bei 
ihrer zweiten Schwangerschaft wurde sie mittelst der Zange 
von einem todten Kinde entbunden. Die Wehen dauern 
den ganzen Tag fort. Um 8 Uhr Abends ist die Cervical- 
portion beinahe völlig erweitert, die Wässer gehen von 
selbst ab. Man überzeugt sich bei der Indagation von einer 
ersten Lage des Kindskopfs über dem oberen Beckenraum. 

Da der Uterus in Form eines Quersacks über die Schen- 
kel vorfiel, hielt man die Frau in der Rückenlage und unter- 
stützte den Bauch mittelst einer Serviette, um den Eintritt 
des Kopfes in's Becken zu befördern. Ungeachtet der ener- 
gischen Contractionen des Uterus, trat der Kopf nicht ein. 
Plötzlich nach einer andauernden Wehenthätigkeit , stösst 
die Frau einen langen Schrei aus und fällt in Ohnmacht. 
Der Kopf verschwand aus dem oberen Beckenraum ; die 
Gebärmutter verlor ihren grossen Umfang. Als die Frau 



62 

wieder zu sich kam, verriethen die sämmtlichen Erschei- 
nungen, die Angst, die beständige Agitation, die allgemeine 
Blässe, die Kalte der Extremitäten, die Kleinheit des Pultes, 
die Empfindlichkeit des entstellten Enterleibs, der Blutfluss 
aus den Geschlechtsteilen u. s. w. hinlänglich, welches 
traurige Ereigniss eingetreten sei. Die Frau gab ihren 
Geist in dieser Qual auf, und man machte unmittelbar dar- 
auf die Gastrotomie". 

„Ein todtes Kind, sehr gross, männlichen Geschlechtes, 
wurde aus dem Unterleib gefördert. Die Placenta ward 
gleichfalls mitten unter die Gedärme ausgestosssen worden. 
Bei der Leichenöffnung fand man eine longitudinale Ruptur 
der hinteren linken Seite des unteren Abschnittes der Ge- 
bärmutter und der Vagina. Die Synchondroses sacro iliacae 
und die Symphyse zeigten eine grosse Beweglichkeit. 11 — 

„Das in derMaternite befindliche Becken zeichnet sich 
durch die flacher als gewöhnlich stehenden Darmbeine und 
die Dünnheit der Knochen aus. Die Darmbeine sind an 
einigen Stellen durchscheinend und haben in der Nahe der 
Iliosacral-Verbindung kaum '/<* Mm. Dicke. Der Becken- 
eingang hat eine ovale Form, deren breites Ende nach 
hinten steht. — Diese Formveränderungen sind von folgen- 
den Structur- Veränderungen begleitet; sie betreffen die 
Lendenwirbel, das Sacrum, und die Iliosacral-Verbindung." 

„Die zwei mit dem Becken verbundenen Lenden- 
wirbel sind nach vorwärts übergeneigt (Lordose) 
und verengen den Beckeneingang so , dass der vorletzte 
Lendenwirbel das Promontorium bildet. — Der Durchmesser 
zwischen dem vorspringendsten Theil des Lendenwirbels 
(oberer oder unterer Band?) bis zum oberen Rande der 
Schambeinfuge ist 3 Zoll 3 Linien. — 

Von der Mitte des letzten Lendenwirbels dahin — 
3 Z. 6 L. — 

Von der Verbindungsstelle des letzten Lendenwirbels 
mit dem Sacrum bis dahin — 4 Z. 



63 

Der Querdurchmesser des Reckeneingangs ist 4 Z. 
8 L. 

Die zwei schrägen Durchmesser — 4 Z. 4 L." 

„ Der obere Theil des Sacrums von innen (vorn) be- 
trachtet, der dem ersten falschen Wirbel entspricht, ist 
beträchtlich verändert, weniger die beiden folgenden falschen 
AVirbel. Es hat hier eine Atrophie stattgefunden, indem 
der Knochen so verkürzt ist, dass die zwei oberen Sacral- 
lücher sich genähert und nur durch eine 1 — 2 Mm. dicke 
Knochenleiste getrennt, und überhaupt verkleinert sind. — 
Der Knochen ist hier locker, dünn, areolär, enthält Lücken, 
die aber nicht durchgehen, — ganz wie bei Caries. — 
Eine gleiche Veränderung zeigt sich auch .an der oberen 
Fläche das Sacrum, welche rauh und ausserdem mit stalak- 
titenartigen festen Osteophyten bedeckt ist. Diese Osteo- 
phyten finden sich auch an den beiden Ilio-sacral-Verbin- 
dungen , wodurch diese ungleiche, erhabene, lippenartige 
Ränder erhalten." 

„Die Länge des Sacrums ist 2 Zoll 8 Linien, die Höh- 
lung mit einbegrifYen. 

Gerader Durchmesser der mittleren Apertur = 4 1 i Z. 

Querdurchmesser = 4 Z. 

Durchmesser zwischen den Spitzbeinhöekern = 2 Z. 
5 L. 

Vom Ende des Steissbeins bis zum oberen Rande der 
Schambeinfuge = 3 Z. 10 L. 

Von ebendaselbst zum unteren Rande = 3 Z. 2 L. 

Höhe der Schambeinfuge 19 L.~ 

„An der hinteren Fläche das Sacrum , dem ersten 
falschen Wirbel entsprechend, bis inclusive zum vorletzten 
Lendenwirbel, jedoch nur an der linken Seite neben den 
Dornfortsätzen befindet sich eine brückenartige, feste, höcke- 
rige Osteophytenmasse , welche die beiden letzten Lenden- 
wirbel und das Kreuzbein fest verbinden. Die Zwischen- 
knorpel scheinen nicht krank gewesen zu sein, soweit sich 



64 

i 

dies am trockenen Präparate noch erkennen lässt. Die 
noch übrigen Schenkelknochen und die betreffenden Gelenke 
sind normal." 

„Aus dorn Gesagten lässt sich mit Sicherheit schliessen, 
dass hier eine geheilte, einzig auf das Sacnim beschrankte 
Caiics bei einem scrophulöscn Subjecte stattgefunden hat. 
Das Sacrum sank ein und die Wirbelsäule trat nach vorne 
über". 

Die vorausgeschickte Krankheitsgeschichte zu diesem 
Becken wurde von Herrn Prof. Van Iluevel gefälligst 
mitgetheilt und ist uns zugleich mit der von Herrn Prof. 
Gluge verfassten Beschreibung des Beckens von dem 
Letzteren brieflich eingesendet worden. Vorausgesetzt, dass 
das Präparat, welches hier besprochen wird, wirklich das- 
jenige ist, von dem Herr Geheimrath Kilian in der Vor- 
rede zu seiner Monographie erwähnt, es in einem Schranke 
der Maternitd zu Brüssel gesehen zu haben, so ist aus der 
vorliegenden Mittheilung mit Gewissheit zu entnehmen, dass 
das Becken in einiger Beziehung, namentlich in der Lenden- 
lordose und der Ueberdachung des Beckenraumes durch 
die unteren Lendenwirbel, den von uns in Untersuchung 
gezogenen Becken mit Wirbelsehiebung ähnlich ist, dass 
es sich jedoch von diesen wesentlich durch eine 
andere Genese und durch wirklich krankhafte 
Texturveränderung der Knochen unterscheidet. 
Insofern gehört es eigentlich nicht in die Kathegorie der 
Spondylolisthesis und es wäre hier vielmehr die Frage zu 
discutiren , ob die Caries des Kreuzbeins noth- 
wendiger Weise solche Co n Sequenzen habe, die 
eine ähnliche Beckendifformität hervorzubringen 
im Stande sind. — A priori ist gegen die Möglichkeit 
nichts einzuwenden, denn beobachtet man Knickungen und 
winkelige Krümmungen an allen Puncten der Hais- 
und der Brustwirbelsäule in Folge von cariöser Zer- 
störung einzelner Wirbelkörper, so kann dasselbe auch 



65 

am Kreuzbein vorkommen. Wir haben allerdings den 
Schwund von Wirbelkörpern in dieser Region mit anderen 
Consequenzen beobachtet; wir fanden in den Museen Prä- 
parate mit der umfänglichsten Zerstörung der Lendenwirbel 
und des Kreuzbeins, ohne dass eine wirkliche Wirbelschie- 
bung eingetreten wäre, weil hiebei in der Regel die Wirbel- 
bögen ihre Gelenkverbindungen nicht verlassen, sondern 
diese vielmehr synostotisch zu verschmelzen pflegen; wir 
berufen uns auch auf Robert, der im Anhange zu seiner 
vorher mitgetheilten Beobachtung ausdrücklich diesen Gegen- 
stand bespricht und angibt, zwei Fälle von Spondylitis 
sacralis mit völliger Zerstörung des Wirbelkörpers ohne 
Verrückung des Lendenwirbels nach vorn beobachtet 
zu haben. — 

Dessen ungeachtet liegt eine Vorneigung der Wirbel- 
säule über dem Kreuzbein gewiss innerhalb der Gränzen 
der Möglichkeit, und sollte sich diese unter den bisher be- 
kannten Fällen von Caries sacralis als eine grosse Selten- 
heit erweisen , so wird das Brüsseler Becken dadurch an 
Interesse und Werth gewinnen , dass es zu diesem Satz 
einen so eclatanten Beleg liefert. 

3. In weiterer Linie gehören hierher BeckendifTor- 
mitäten, die ihrem Wesen nach entschieden in die Reihen 
der durch allgemeine Texturkrankheiten be- 
dingten gestellt werden müssen, zugleich aber ein mehr oder 
minder ausgezeichnetes Vortreten des letzten Lendenwirbels 
gegen die Symphyse, oder eine Ueberdachung des 
Beckeneingangs durch das Lendensegment der Wirbel- 
säule aufzuweisen haben. Wir führen hier aus der Erinne- 
rung folgende Präparate an : 

a) Ein osteomalacisches Becken mit Lordose 
und linksseitiger Scoliose der Lendenwirbelsäule und Ueber- 
dachung des dreieckigen Beckeneingangs ; das Präparat 
angeblich im Cabinet anatomique de laMaison 

Scanzoni's Beiträge III. " 



CG 

d'A ccouchcm cn t in Paris befindlich. Wir haben das- 
selbe nicht zur eigenen Anschauung bekommen können und 
citiren es bloss nach einer Abbildung in Holzschnitt aus 
Scanzoni's Geburtshilfe. 

b) Beckenpräparat mit Wirbelsäule im Amphi- 
t h e a t r e des 1 1 ö p i t a u x i n P a r i s. — Rachitisches 
P» ecken mit einer extremen Kyphoskoliose der Brust- und 
Lordose der Lenden - Wirbelsäule , wobei der 10., 11. 
und 12. Brustwirbel ihre vordere Fläche vollkommen nach 
hinten gekehrt haben. Der Symphysenknorpel ist ausein- 
ander gewichen ; man findet jedoch in der Profilansicht, 
dass die Beckenneigung sehr gering, der obere Symphysen- 
rand sehr hoch gestellt, die Acetabula nach vom gekehrt 
sind. Die Lendenlordose zeigt nebst der Vorneigung auch 
eine linksseitige Drehung; die Verbindung des 1. und 2. 
Lendenwirbels , welche beide, mit den Vorderflächen nach 
oben gekehrt, horizontal liegen, lehnt sich an die Crista 
des rechten niedrigeren Darmbeines unmittelbar an. 

c) Becken und Wirbelsäule von einein hochbejahrten 
Individuum im anatomischen Museum zu Bonn. Kypho- 
skoliose der Brustwirbelsäule mit Vorneigung und rechts- 
seitiger Krümmung der Lendenwirbelsäule, wodurch die 3 
unteren Lendenwirbel dem Beckcnraume verfallen. Becken- 
enge durch Verkürzung der Conjugata und der rechten 
Linea sacrocotyloidea. Synostose sämmtlicher Wirbel und 
Synchondroscn. 

4. Als Gegensatz zu diesen Formen möge hier noch 
eine durch Spondylitis und Carics bedingte 
Missst alt ung ihre Erwähnung finden, die besonders ge- 
eignet ist , die Idee fernzuhalten, dass die 
Spondylolisthesis die Folge von Caries sei, 
oder wenigstens, dass eine durch Caries hervorgebrachte 
Diflonnität, die mit der Spondylolisthesis einige Aehnlich- 
keit hat, zur Regel gehöre. — 






67 

Wir haben schon oben im Nachsätze zu dem Brüsseler 
Becken erklärt , das? die Zerstörung der Wirbelkörper und 
ihrer Scheiben ohne bedeutende Deviation der Wirbelsäule 
vorkommen könne. Es wird hiebei nämlich gleichzeitig 
mit dem Substanzverlust ein Osteophyt geliefert, das 
zur Reparation desUebels einen mehr weniger vollständigen 
Ersatz liefert : Beispiele hiefür liefert die Caries an allen 
Puncten der Wirbelsäule und es ist dieser Vorgang völlig 
übereinstimmend mit dem chronischen Entzündungsprocesse 
in anderen Geweben, wo die destruetive und die produetive 
Richtung der Ernährungsanomalie einander bald das Gleich- 
gewicht halten, bald eine über die andere vorwiegend auf- 
tritt. — In einem solchen Falle , wovon das instruetive 
Präparat im anatomischen Museum zu Montpellier be- 
findlich ist (mit der Aufschrift: „Carie du rachis , piece 
de'racntrant la diflerer.ee de produits reparateurs et du 
debris d'os destines ä etre elimines;" — beschrieben in: 
Annales cliniques de Prof. Alquie 1855. p. 30.) — findet 
man , dass die Abscesskapsel in der Ausdehnung der zwei 
unteren Lenden- und des ersten Kreuzbeinwirbels ein Ossi- 
ficat lieferte, welches mit griffelförmigen Spargen von einem 
Wirbelkörper zum andern hinstrebt und den gesund geblie- 
benen Antheil des Knochens bereits unterstützt , bevor es 
noch zur Elimination der abgestorbenen, durch die Nekrose 
entfärbten Partien gekommen ist. 

In anderen Fällen geht gleichzeitig mit der Destruction 
der Wirbelkörper eine adhäsive Entzündung im Bereiche 
der Wirbelbögen vor sich und bringt eine compacte Syn- 
ostose im hinteren Umfange des Wirbel- 
canals hervor, wodurch die Wirbelsäule aufrecht erhalten 
wird , selbst wenn die vordere Wand völlig zerstört und 
geschwunden ist. Auch dieser Ausgang kommt an allen 
Stellen der Wirbelsäule, verhältnissmässig am häufigsten im 
Halssegmente vor. Die oben erwähnten Fälle von Robert 
(in unserem Nachsatze zu dem Brüsseler Becken) gehören 



68 

wohl auch hieher. Das pathol.-anatom. Museum zu Florenz 
enthalt ein ähnliches Präparat von Destruction der Lenden- 
vvirhel und des Kreuzbeins ohne Deviation. 

Endlich kommt eine cariöse Zerstörung mit 
einer exquisiten Deviation der Wirbelsäule vor, 
diese Abweichung ist jedoch eine Kyphose der Len- 
dengegend mit corapensirender Lordose der Brust- 
gegend — der reine Gegensatz zu der Lendenlordose bei der 
Wirbelschiebung. Die besten Präparate, die uns zur Kennt- 
niss gekommen sind, mögen hier kurz skizzirt werden : 

a) Caries lumbo-sacralis. (Nr. 259 des pathol.- 
anatom. Museums zu Prag. Taf. IX. Fig. 4 nach einer 
eigenhändigen Zeichnung in natürlicher Grösse auf Vi re- 
ducirt). — Sehr starke Beckenneigung, das Kreuzbein 
vollkommen gerade , in der Mitte etwas lordotisch , Conju- 
gata: 5" 3"', Vorderfläche des ersten Kreuzbeinwirbels 
durch Caries rauh und arrodirt, von den Lenden- 
wirbeln nur zwei vorhanden, der 1. und der 5., 
die zu einem niedrigen Keil geschmolzen, mit der Basis 
nach hinten, mit der Spitze an der hinteren Fläche 
des 1. Sacralwirbels aufruhen; die 5. Wirbelbögen des 
Lendensegmentes sind erhalten und vollkommen synostotisch, 
ihre Dornfortsätze beschreiben die kyphotische Bogen- 
krümmung mit gleichen Abständen (spatia interspinosa) ; der 
Rückenmarkskanal Sförmig gekrümmt, die obere Krümmung 
der Kyphose entsprechend, — die untere, mehr gestreckte, 
hinter dem l.und2. Sacralwirbel bis auf ein Zoll im sagit- 
talen Durchmesser erweitert. 

Hier trat offenbar der Schwund der mittleren Lenden- 
wirbelkörper früher ein , und zwang die Wirbelbögen zu 
einer Annäherung und nachträglichen Verknöcherung, wäh- 
rend der Rest der zusammengesunkenen und nach hinten 
gerückten Wirbelkörper zuletzt die Synostose mit dem 
Kreuzbein einging. Die Convexität des Kreuzbeins, die 
starke Beckenneigung, die Verlängerung der Conjugata bieten 



69 

als consecutive Erscheinungen dieser Difforraität einen har- 
monischen Gegensatz zu der Wirbelschiebung. 

b) Ein completes Skelet mit einer ähn- 
lichen Lendenkyphose, welches wir im Amphitheatre 
des Höpitaux in Paris aufgestellt fanden, und im Herbst 1856 
die beiliegende Skizze davon aufgenommen haben. (Taf. IX. 
Fig. 5.) — Es rührt von einem 18jährigen schlanken, ma- 
geren Mädchen her, welches nach einer mündlichen Mit- 
theilung des Prosektors, H. Dr. Le Gendre, kurz vorher 
marastisch zu Grunde gegangen war. — Sämmtliche Lenden- 
wirbel und die obere Hälfte des Kreuzbeins an der vorderen 
Fläche durch Caries zerstört, die Lendengegend zusammen- 
gesunken, nach hinten auffallend stark convex , der Rumpf 
dadurch so verkürzt, dass die unteren Rippen beinahe die 
Darmbeine berühren, das Ellbogengelenk des herabhängen- 
den Armes in gleicher Höhe mit dem Hüftgelenke steht, die 
Hand bis nahe an das Kniegelenk reicht. Die unteren 
Extremitäten im Vergleich zum Oberkörper sehr lang. 
Starkes Vortreten der Brust in Folge der compensirenden 
Dorsal-Lordose. — Die näheren Verhältnisse der Lenden- 
wirbel und des Beckens sind denen des vorigen Präparates 
ganz ähnlich mit dem Unterschiede, dass von säuamtlichen 
zerstörten Wirbelkörpern noch Rudimente vorhanden sind. 



Theorie der Genese. 

Nachdem wir unseren Gegenstand vom anatomischen 
Standpunkt aus betrachtet und geprüft haben , wollen wir 
zum Schlüsse die Resultate dieser Analyse kurz zusammen- 
fassen und für die W i r b e 1 s c h i e b u n g eine Theorie der 
Genese aufstellen , wie sie sich aus der vorliegenden Schil- 
derung der bisher bekannten Fälle ergibt. 

Das Wichtigste hierüber ist in folgenden Sätzen ent- 
halten : 



70 



1. II y drorrliachi s 1 um b o - sacr ali s , deren mehr 
weniger ausgeprägte Spuren an allen mit der AN'irbclschielj- 

ung behafteten Hecken gefunden werden, bildet das erste 
ursächliche Moment zu einer Deformation des 
fünften L en d e n \v i r b e 1 s , u. z. durch Erweiterung des 
Kanals, Verdünnung und Verlängerung des Wirbelbogcns, 
durch mangelhaften Schluss desselben im Processus spinosus 
und abnorme Stellung der übrigen Fortsätze. 

2. Wenn auch beide Schenkel des Wirbelbogcns und 
der Fortsätze an diesen Veränderungen Theil nehmen , so 
ist es doch ganz besonders dielntcrarticular- 
Portion des Bogen s als die schwächste vom Arcus, 
welche der Verdünnung und Verlängerung im höchsten 
Grade unterliegt, ja zuweilen, selbst eine Knorpel- oder 
wahre anomale Gelenkverbindung darstellt. 

3. Bei dieser Verlängerung des Wirbelbogcns und der 
Erweiterung des W r irbelkanals wird eine wesentliche Stel- 
lungsänderung der Gclcnkfortsätze beobachtet, und 
diese wird dem Grade nach bedeutender an den unteren 
schiefen Fortsätzen sein, da diese hinter der schwachen 
Interarticular-Poriion des Wirbelbogcns liegen und in der- 
selben wurzeln, dagegen wird die Veränderung geringer 
an den oberen schiefen Fortsätzen sein, da diese vor 
der Interarticular- Portion liegen und von der dicken Wur- 
zel des Wirbelbogcns ihren Ursprung nehmen. 

4. Nebst der Entfern ung der Gclcnkfortsätze, welche 
durch die Verlängerung der Interarticular- Portion einge- 
leitet wird, erleiden die unteren schiefen Fortsätze 
eine Drehung ihrer Articulatiunstläc'ien , so dass diese 
letzteren aus der normalen Schiefstellung in die abnorme 
parallele Stellung gelangen, wodurch ihr Gleiten durch 
die schiefen Fortsätze des Kreuzbeins ermöglicht wird. 



71 

5. Unter diesen Umständen geht der feste Halt, den 
der Wirbelkörper in seinen Gelenkfortsätzen hat, verloren, 
und der Wir belk ö rp er ge w i n n t nebstdem durch die 
Verlagerung seines Cogens die Gelegenheit, unter dem 
Drucke der Körperlast zu rutschen, sich zu verschie- 
ben, zu entweichen. 

6. Die bedeutende Höhe , die Compressionsfähigkeit 
und Dehnbarkeit, welche die Intcrvertebralscheibe 
der Lumbo-Sacral-Junctur in so ausgezeichnetem Grade 
besitzt, und wodurch auch die grössere Beweglichkeit des 
Lendensegmentes der Wirbelsäule an dieser Stelle bedingt 
wird. ges:atten dem Lendenwirbel, scbald es seine Gelenk- 
verbindungen nicht verhindern, unter der Last des 
Oberkörpers auszugleiten, was immer und zwar 
desshalb nach vorn geschieht, weil der Körper selbst 
vorn höher, hinten niedriger ist. — weil die normale Krüm- 
mung der LendenwhbeJsäule dieselbe Richtimg hat, — und 
weil endlich die nach vorn unten abschüssige Lumbaifläche 
des Kreuzbeins eben nur das Gleiten nach vorn begünstigt 
und möglich macht. 

7. Zum Gleiten des Wirbelkörpers ist das Vorhanden- 
sein des Z wischen knorpels eine ebenso allgemein not- 
wendige Bedingung, als der Xachlass des festen 
Schlusses, den der Wirbelbogen mit seinen unteren Ge- 
lenkfortsätzen bildet. Die letztere Bedingung der Wirbcl- 
schiebung wird durch die hydrorrhachitische Difformität 
(Verlängerung) des Wirbelbogens hinreichend erfüllt, sie 
könnte nebstdem durch eine Luxation dieser Fortsätze, oder 
durch eine Fractur des Bogens auch gegeben sein. 

8. In anderen Fällen jedoch wird die Verbindung der 
Gelenkfortsätze in einer anderen Art abnorm modiueirt und 
die Bedingung zum Gleiten des Wirbelkörpers gleichfalls 



72 

gesetzt. Dies geschieht durch die Bildung und mangel- 
hafte Entwickclung eines überzahligen Wirbels, 
dessen Anlage wohl in Combination mit einer fötalen Hy- 
drorrhachis vorkommen kann, wenn gleich es nicht unmög- 
lich ist, dass sich ein incompleter Schaltwirbel auch ohne 
Mydrorrhachis durch die Anlage überzähliger Ossifikations- 
kerne entwickeln könne. 

9. Ein incompleter Schaltwirbel, von dessen 
Körper sich nur ein blättchenförmiges Rudiment, der Bogen 
jedoch mit seinen Fortsätzen mehr weniger vollständig 
entwickelt hat, stellt zwischen dem fünften Lenden- und 
dem ersten Sacralvvirbel einen gleichsam von hinten ein- 
getriebenen Keil vor, der die normgemäss zu einander 
gehörenden Articulationsflächen der schiefen Fortsätze an 
der Lumbo-Sacral-Junctur direct von einander entfernt, 
dadurch aber mittelst Hebelwirkung den Körper des fünften 
Lendenwirbels in eine solche abschüssige Lage bringt, dass 
dadurch ein Gleiten desselben nach vorn (unter den gleichen 
Bedingungen wie oben), so wie auch eine consecutive Ver- 
längerung des Wirbelbogens ermöglicht wird. 

10 Bei dem Gleiten des letzten completen Lenden- 
wirbels über die vordere Kante des ersten Sacralwirbels 
wird der Zwischenknorpel soweit gezerrt und übermässig 
gedehnt, bis endlich die Festigkeit seiner Structur über- 
wunden wird. Dadurch, sowie durch den Umstand, dass 
von dem Zeitpunkt an , wo der untere Rand des Lenden- 
wirbels den oberen Rand des Sacralwirbels überschritten, 
die Correspondenz der einzelnen Flächenpunkte aufgehoben 
wird, muss der Knorpel, während die untere Fläche des 
Lendenwirbels allmälig über die Kante des Sacralwirbels 
rückt, durch Usur atrophiren und namentlich an der 
dem grössten Druck ausgesetzten Stelle mehr weniger rasch 
und vollständig schwinden. 



73 

11. Der völlige Schwund des Zwiscbenknorpels bringt 
die entblössten Knochenflächen in unmittelbare Berührung 
und sofort treten in diesen entsprechende Veränderungen 
auf. Die bezüglichen Wahrnehmungen lassen sich unter 
folgende Modificationen zusammenfassen. Es erfolgt ent- 
weder : 

a) Abrundung der vorderen Kante des Sacral wirbeis, 
in deren Convexität sich die Aushöhlung der unteren Fläche 
des Lendenwirbels einpasst; — oder 

b) Compression der beiden in ein Missverhältniss 
der Lage gebrachten Wirbelkörper, wodurch namentlich die 
vordere Fläche des Sacralwirbels und die hintere des Len- 
denwirbels eine Verkürzung erleiden; oder 

c) Einkeilung der vorderen Kante des Sacralwirbels 
in die untere Flüche des Lendenwirbels, wodurch diese auf 
jener reitend erscheint; — es erfolgt ferner gemeinhin 

d) Verdichtung der Knochenbalken der spongiösen 
Substanz der Whbelkörper, und zwar im bedeutendsten 
Maasse an der dem grössten Drucke ausgesetzten Stelle 
ihrer abnormen Berührungsfläche; — oder endlich auch 

e) Synostose dieser Verbindung durch eine mehr 
weniger vollständige Verwachsung und Verschmelzung der 
wechselseitig dislocirteu Wirbel. 

12. Es kann der Schwund des Zwischenknor- 
pels, bevor es noch zu einer bedeutenden Dislocation ge- 
kommen ist, wenigstens an der Stelle des grössten Druckes 
so rasch und vollständig eintreten, dass die da- 
durch bewirkte unmittelbare Berührung der Knochen und 
ihre consecutive Synostose dem weiteren Processe 
ein Ende setzt und die Difformität auf ein Minimum 
beschränkt. 

13. Ebenso tritt eine Ankylose der Gelenkver- 
bindungen durch Synostose der schiefen, gegen einander 



7! 

winklig gestellten Fortsätze des Lenden- und des Sacral- 
wirbels ein. Der abnorme übermässige Zug, dem die Bän- 
der dieser Gelenke andauernd unterworfen sind, bringt eine 
mechanische Heizung hervor, die etwa unter dem Vorgange 
einer chronischen adhäsiven Entzündung dieser Gclcnk- 
apparate zur Synostose und zur förmlichen Verschmelzung 
der correspondirenden Fortsätze führt. 

IL Obwohl also durch die abnorme Parallel -Stellung 
der Articnlationsflächen beider processus obliqui inferiores 
des letzten Lendenwirbels die Möglichkeit zum völli- 
gen Entweichen derselben aus ihrer Verbindung mit 
den Gelenkfortsätzen des Kreuzbeins gegeben , und eine 
unbegrenzte Schiebung des Lendenwirbels angebahnt sein 
kann, so beschränkt sie sich doch zuweilen auf 
eine blosse Subluxation und verharrt in diesem Zu- 
stande unter der Gunst der früher oder später eingeleiteten 
Verknöcherungsvorgängc in den Körpern und Bögen der 
betheiligten Wirbel. 

15. Während die Dislocation des letzten Lendenwirbels 
und die consecutive Lendenlordose ihren Grund zunächst 
in der Missbildung des Wirbclbogens hat, entwickelt sich 
allmälig unter der Einwirkung des aus seinem normalen 
Schwerpunkte verrückten Gewichtes des Oberkörpers eine 
B e ckendi fformität, deren wesentliche Merkmale in der 
mangelhaften B ecken n eigung, im Aufsteigen der 
Symphyse, in einer Krümmung des Kreuzbeins 
und Elongation des Beckens im sagittalcn Durch- 
messer bestehen. 

16. Diese Bcckendifformität beruht auf einer allmälig 
auftretenden A chsend reh ung des Beckenringes in 
der linea intercondyloidea, wobei die Umdrehungs- 
punkte (acetabula) unverrückt bleiben, während der obere 



Hai bring allmälig nach hinten sinkt, der untere 
dagegen nach vorn steigt. Es zerlegt sich nämlich — 
bei der abnormen Richtung der von oben einwirkenden 
Kraft und bei der Ortsveränderung des Angriffspunktes 
derselben auf das Kreuzbein — diese Kraft in zwei Compo- 
nenten, von denen die eine das Becken in vertiealer Rich- 
tung belastet, während die andere auf die Basis des 
Kreuzbeins nach hinten drückt und den Beckenring zur 
Achsendrehuiig zwingt, wobei zugleich die in den Becken- 
raum eingesunkene Lendenlordose gleich einem Keile die 
hintere von der vorderen Beckenwand zu entfernen sucht. 

17. Im aussersten Falle geht die Achsendrehung 
des Beckenringes in der linea intercondyloidea bis 
beinahe zur horizontalen Lage seiner im normalen 
Zustande verticalen Längenachsc. In diesem Falle steht 
die Neigung des Beckeneinganges, welche unter normalen 
Verhältnissen 50- 05° beträgt, unter Null, d. h. der 
Beckeneingang steigt mit seinem vorderen Ende 
einige Grade über die Horizontale empor, die Elon- 
gation des Beckens im sagittalen Durchmesser erreicht das 
höchste Maass , die Symphyse ragt hoch hinauf und kehrt 
ihre untere Fläche nach oben vorn, ihre obere nach unten 
hinten u. s. w. r 

18. Alle diese Veränderungen sind das Resultat ab- 
normer mechanischer Verhältnisse des Beckengeriistes und 
kommen daher der Hauptsache nach ohne Concurrenz von 
Texturerkrankungen der Beckenbestandtheile zu Stande. 
Sie unterscheiden sich hiedurch wesentlich von ähnlichen 
Becken-DifTormitäten , die ihr Dasein der Entzündung und 
Caries , der Rachitis und der Osteomalacie verdanken und 
an den allgemeinen Kennzeichen dieser Krankheiten leicht 
kenntlich sind. — Damit ist jedoch die Möglichkeit der 
Complication einer Spondylolisthesis mit Krankheiten des 



76 

Beckengerüstes und seiner Theile nicht ausgeschlossen ; es 
ist vielmehr mit Nachdruck hervorzuheben , dass sowohl 
locale Erkrankungen al3 auch das Allgemein -Leiden des 
Organismus unzweifelhaft einen wichtigen Einfluss auf die 
bereits bestehende Anomalie ausüben können, wodurch die- 
selbe sowohl der Art als dem Grade nach eine bestimmte 
Eigenthüralichkeit erlangen wird. 



Erklärung der Abbildungen. 

Taf. I. u. IL Zum ersten Falle, dem Prag- Würzburger 
Becken, S. 3. 

T. I. Fig. 1. Hintere Ansicht des Beckens, Original-Zeichnung 
etwas verkleinert, zur S. 4. 

Fig. 2. Seitliche Ansicht der Wirbelsäule , Original- 
Zeichnung in natürlicher Grösse, zur S. 5. 
T. IL Durchschnitts- Ansicht der linken Beckenhälfte , nach 
Kilian. S. 8. R das Rudiment des überzähligen 
(sechsten) Wirbelkörpers. 
Taf. III. Zweiter Eall, das München er Becken, Durchschnitts- 
Ansicht der linken Beckenhälfte, Original-Zeichnung, zur S. 14. 
R das Rudiment des Körpers des Schaltwirbels. 
Taf. IV. Beispiele von incompleter Schaltwirbelbildung , S. 19. 
Original-Zeichnungen. Das Präparat ans dem Josephinum 
in Wien und das von Leyden (mit der Originalaufschrift: 
Curvatura spinae dorsi a congenita difformitate vertebrarum, 
Boiin 310.) in natürlicher Grösse, die übrigen in verkleinertem 
Maassstab aufgenommen. 
Taf. V. Dritter Fall, das grosse Wiener Becken, S. 25. 
Durchschnitts-Ansicht der linken Beckenhälfte nach der Pro- 
tection construirt, daher nur im Umriss entworfen. Die Ziffern 
1 — 5 bezeichnen die Körper der Lendenwirbel. 
Taf. VI. A Vierter Fall, das kleine Wiener Becken, S. 33 
Linke Beckenhälfte, wie in der vorigen Tafel entworfen. 
B Pseudarthrose in der Interarticular-Portion des fünften 

Lendenwirbels. 8. 32. Original-Zeichnung. 
C Beginnende Wirbelschiebung. S. 32 und S. 70 sub 2. 
Schematischer Umriss , worin der abnorme Wirbel gelb 



77 

illuminirt ist, der dicke schwarze Contour der abnormen 
Lagerung der Lendenwirbelsäule entspricht, der zweite 
blasse Contour ihre normale Richtung bezeichnet. 
a Der Körper des letzten Lendenwirbels, womit 
b die Wurzel des Bogens und 

c der Umriss des proc. obliq. sup. verbunden ist, während 
d der Umriss des proc. obliq. inf. durch 
e die getrennte Interarticular-Portion des Bogens ent- 
fernt, und bloss mit 
f dem proc. spinosus vereinigt erscheint. 
J Die Knorpelscheibe der Sacro-Lumbal-Junctur. 
S. 1. Der erste Sacral- Wirbelkörper. 
D Schematischer Umriss eines normalen letzten Lenden- 
wirbels, von hinten betrachtet, zur Darstellung der Flächen - 
richtung der Gelenkfortsätze. Zur S. 35, 46 u. 70 unter 4. 
as as processus articulares superiores, die Gelenkflächen 
nach hinten gekehrt und in der Richtung der Linien 
ab und cb convergirend. 
ai ai processus articulares inferiores , die Gelenkflächen 
nach vorn gekehrt, sowie die Vorigen in der Rich- 
tung der Linien aß und yß convergirend. — Die 
durch die normale Schiefstellung der Gelenkfort- 
sätze bedingte Keilform der Gelenkverbindung abc 
und aßy fällt mit ihrer Spitze bß in die Median- 
Ebene des Wirbels M. 

Die abnorme Parallel-Stellung der unteren Ge- 
lenkfortsätze (ai ai) wird durch die Linien ed u. (.iv 
versinnlicht , wenn nämlich die Richtung aß nach 
SO und ßy nach fiv abgelenkt wird , ist der Paral- 
lelismus dieser Richtungen mit der Medianebene Mbß 
hergestellt, diese Gelenkverbindungen ausser Halt 
gebracht und der Wirbel dislocationsfähig. 
xij xij Senkrechte , zur Medianlinie parallele Linien der 
äusseren Begränzung der Gelenkfortsätze. 
Taf. VII. A Fünfter Fall, das Paderborner Becken. Hintere 
Ansicht in natürlicher Grösse. Original-Zeichnung. S. 39 u. 42. 
B Zum dritten Fall, dem Wiener grossen Becken, S. 28 
u. 70 unter 4. Der fünfte Lendenwirbel dieses Praeparates. 
von unten gesehen. Originalzeichnung in natürlicher Grösse. 
I. I. Die Interarticular-Portionen des Wirbelbogens, durch 
deren Usur und Atrophie der hintere Bogentheil 



78 

\Min Wirbelkörper entfernt erscheint. Im Grunde 
dter Lücken so wie in dem des uydrorrhachitisch 
aufgeblähten Spinalkanals sieht man die Theile des 
nächsten oberen Lendenwirbels durchblicken. 
C Zu dem Vorigen. Ein schöner normaler 5. Lendenwirbel 
in derselben Ansicht von unten zur bequemeren Ver 
gleichung mit dem durch Ilydrorrhachis missstalteten 
( H ) aufgenommen. 
1. I. Die Interarticular-Portionen des Wirbelbogens mit 
den Spitzen der senkrecht Übereinander stehenden 
Gelenkfortsätac. 

Taf. VIII. Zum fünften Falle, dem Paderborn er Öecken, S. 39, 

dann S. 70 unter 2 und folg. 

A Scheinatische Durchschnittsfigur der rechten Hafte eines 

normalen, und 
B dvs ditl'ormen fünften Lendenwirbels' an dem Paderborner 
Becken. 

a der Wirbelkörper, 
b die Wurzel des Bogeris, 
c proc. articularis superior. 
d proc. articularis inferior. 
e portio interarticularis, 

/"proecssus spinosus, der in B nur rudimentär vor- 
handen, daher 
f die Spitze desselben, in B nach der Bogenkrüm- 
mung des Wirbels muthmasslich entworfen und 
punktirt worden ist. 
C Durchschnitts-Ansicht der rechten Beckenhälfte. Original- 
Zeichnung. 

Taf. IX. Fig. 1 und % Zur Seite 54 und 74 unter 16. 

Fig. 1. Schematische Darstellung des Beckenringes und dessen 
Drehung um die Axe. S und $' der Symphysen- Aufsatz. 

Fig % Durchschnitts-Ansicht der linken Hälfte eines n o r- 
m alcn wohlgebildeten Beckens, mit s c h \\ a r /. e n 
Contouren gezogen : dieselbe von dem Paderborner 
Becken mit 1» 1 a a s e □ ( Jontouren eingezeichnel and gelb 
illuminirt. um "den Grad der Drehung des Beckenringes 
und die Formabweichung anschaulich zu machen. 

Figj ;>. Lendenlordose , Copie nach Robert aus Cöblenz , zu 
dessen Beobachtung, S. 58. 



Fig. 4. Ein Becken mit Lendenkyphose in Folge von Caries 

lninbo-sacralis. Original-Zeichnung auf ■ 2 der natür- 
lichen Grösse reducirt I Xr. 2ö9 des Präger path.-anat. 
Cab. I S. 68, a. 
Fig. 5. Proßlansieht eines Skeletes mit Lendenkvphose in I 

von Caries. Aus dem Amphitheatre des Höuitaux 
(Clamart ) in Paris. Original-Zeichnung in stark ver- 
jüugtem Maassstab. S. 09. b. 



II. 

Drei kleinere Mitlheilungen. 

Von Dr. BRESLAU, Privatdocentcn in München. 

1. Ein Fall von Ecrasement lineaire einer carcinomatösen 
Vaginalportion. 

(Mit 1 Abbildung.) 

Während eines längeren Aufenthaltes in Paris hatte ich 
mehrfach Gelegenheit, das Ecrasement lineaire , Herrn 
Chassaignac's neue Methode, Geschwülste durch ein 
langsames, successives Zerquetschen mittelst einer stumpfen 
Kettensäge zu entfernen, kennen zu lernen, und, erstaunt 
über die glücklichen Resultate einer Reihe von Operationen, 
wünschte ich sie selbst zu versuchen und zu prüfen. Ob- 
wohl der im Folgenden erzählte Fall der Erste ist, welcher 
eine Gelegenheit zur Ausführung derselben bot , glaube 
ich doch mit der Veröffentlichung desselben einen kleinen 
Reitrag zur wissenschaftlichen Prüfung der in die Gynaeko- 
logie kaum eingeführten Operation zu liefern. Indem ich 
voraussetze, dass den meisten meiner Leser das Instrument : 
„der Ecraseur" und seine Anwendungsweise „das Ecrase- 
ment" aus Herrn Chassaignac's eigenem kürzlich erschie- 
nenem Werke*) oder aus Schmidt's Jahrbüchern Bd. IL 
1856. pag. 65 bekannt sein wird, so verweise ich, um 



*) Tratte de l'ecraseinent lineaire , par M. Chassaignac. — 
Paris 1856. 



1 



81 

Wiederholungen zu vermeiden, auf diese Schriften und die 
ihnen beigefügten Abbildungen. 

Krankengeschichte. 
Josepha Herrmal, 45 Jahre alt, von robustem 
Körperbau mit geringem Fettpolster, blass und etwas 
kachectisch aussehend, trat im Monate Januar in polikli- 
nische Behandlung. Mit 18 Jahren menstruirt, litt sie später 
während 10 Monate an Chlorose und gebar hierauf schnell 
hinter einander 3 Kinder, welche leben und wovon das 
jüngste 20 Jahre alt ist. Geburten und Wochenbette ver- 
liefen normal. Vor etwa 18 Jahren will sie eine Leber- 
entzündung durchgemacht haben, befand sich aber seit der 
Zeit wohl, ist mit geringen Unterbrechungen regelmässig 
menstruirt gewesen und ging ihrem Geschäfte als Taglöh- 
nerin rüstig nach. Der Grund, warum sie uns nun consul- 
tirte, war eine heftige Gastralgie, wesswegen wir ihr Tropfen 
aus Aqua laurocer. mit Morphium verordneten. Bis Anfangs 
April erholte sie unseren Rath nicht mehr, als sie neuer- 
dings kam, um uns zu sagen, die Tropfen hätten ihr zwar 
gut gethan, der Magenschmerz sei geringer geworden, allein 
seit mehreren Monaten zeige sich ein weisser mit Blut 
untermischter, bisweilen stark riechender Ausfluss aus den 
Genitalien und zugleich seien Schmerzen im Kreuze auf- 
getreten, welche über die Hüftbeine die Schenkel hinab sich 
erstreckten. Bei der alsbald vorgenommenen Untersuchung 
per vaginam fand sich : die vordere Muttermundslippe in 
einen taubeneigrossen Tumor umgewandelt, dessen Ober- 
fläche sich grob granulirt, ungleich hart und an vielen 
Stellen zerklüftet anfühlte. Die glatte, derbe Beschaffen- 
heit der Yaginalportion war nur mit der Spitze des Fingers 
wenige Linien breit von der Umschlagsstelle der Scheide 
zur vorderen Lippe zu fühlen, wo der Tumor scharfkantig 
wie ein callöses Geschwür mit umgeschlagenem Rande en- 
digte. Zwei Drittthcile der hinteren kleinen Lippe fühlten 

Scanzoni's Beiträge HI. Q 



82 

sich gesund an, aber gegen die seillichen Commissuren und 
den Muttermund zu wurde die Oberlläche rauher, einer 
Himbeere ähnlich. Der Muttermund war von der vorderen 
hypertrophischen Lippe bedeckt und von klein- und grob- 
körnigen Granulationen überwuchert. An keiner Stelle 
der Scheide finden sich weder Geschwüre noch Infiltratio- 
nen. So weit auch die Vaginalportion verändert war, gab 
es doch noch überall einen schmalen gesunden Theil 
an der Grunze der Scheideninscrtion. Der Uterus war etwas 
beweglich, weder dessen Körper noch irgend ein Tumor 
durch das Scheidengewölbe zu fühlen. Dem zurückgezoge- 
nen Finger folgte eine ziemliche Menge übelriechenden mit 
Klut gemischten Eiters und Schleimes. Die Sonde wendete 
ich nicht an, weil sie mir zur Diagnose entbehrlich schien. 
Durch das Speculum konnte ich der wiederholt eintretenden 
Blutung wegen , die ich durch Betupfen mit Tinct. ferri 
inuriat. und Kalt- Wasser -Injectionen zu stillen genöthigt 
war, nur einen flüchtigen Blick auf den nussfarbigen, grau- 
lich rothen Tumor warfen. Im Abdomen war kein Tumor 
zu entdecken, nur die Leber ragte etwa 3 Finger breit 
unter den falschen Rippen hervor, Inguinal- und Schenkel- 
drüsen waren nicht geschwollen. Durch Ausschliessung der 
reinen Bindegewebs- und der drüsigen Hypertrophie und der 
Polypenbildung glaubte ich ein Cancroid, ein epitheliales 
oder medulläres Carcinom der Vaginalportion vor mir zu 
haben , und da ich die Unmöglichkeit einer erfolgreichen 
Zerstörung des Tumors durch ein Aetzmittel vor dessen 
Weiterausbreitung einsah , so proponirte ich der Kranken 
als einzige Chance für ihre Wiedergenesung die Entfernung 
desselben durch eine Operation, welchen Vorschlag sie ohne 
Zögern annahm. Die Wahl blieb mir nun zwischen Exci- 
sion, Ligatur, Galvanocaustik und Ecrascment lincaire. Die 
Excision schien mir nicht passend, weil ein dabei nicht zu 
vermeidender Blutverlust der Kranken schädlich sein musste; 
die Ligatur mit dem Faden, welche Tage und selbst Wochen 



83 

bis zum Abfallen der Geschwulst erfordert hätte, musste 
der häufig ihr folgenden Metrophlebitis wegen verworfen 
werden ; die Galvanocaustik , eine in vielen Beziehungen 
allen anderen Methoden vorzuziehende, konnte ich des mir 
fehlenden Apparates wegen nicht in Ausführung bringen. 
So blieb mir denn nur das Ecrasement, bei welchem, so 
viel ich bisher gesehen hatte, nie eine bedeutende Blutung 
eingetreten war. 

Am 15. April unternahm ich die Operation in Gegen- 
wart der Herren Dr. Seitz, Lindwurm, Franque sen. 
und Nussbaum und freue mich, noch einmal öffentlich 
diesen Herren, insbesondere den Herren Nussbaum und 
Franque für ihre thätige Mitwirkung meinen besten Dank 
aussprechen zu können. Nachdem die Kranke auf ein Quer- 
bett in Steinschnittlage gebracht, und in eine tiefe Chloro- 
form -Narcose versetzt war, welche % Stunden anhielt, 
setzte ich nach einander mehrere Museux'sche Hacken- 
zangen und andere einfache und doppeltgezähnte Hacken 
so tief und hoch wie möglich in die Geschwulst und in die 
freien Theile der Vaginalportion ein , wobei mehrere Male 
einzelne Bröckelchen der Geschwulst sich abtrennten und 
Ein Hacken ausriss; hierauf suchten wir vereint durch 
rotatorische Tractionen den Uterus herabzuziehen, was uns 
nach einigen Anstrengungen soweit gelang, dass der unterste 
Theil der Geschwulst zwischen den Schamlippen sichtbar 
wurde. Sofort legte Dr. Nussbaum mit grosser Fertig- 
keit die Schlinge des Ecraseur, nachdem er sie über Hacken 
und Zangen geführt hatte , scharf an die Grenze des ge- 
sunden und kranken Gewebes und zog sie massig fest zu. 
Da uns nun das vordere Scheidengewölbe stark verkürzt 
und gespannt erschien , so untersuchten wir nochmals die 
Blase mit einer Sonde , fanden aber ihre Direction nicht 
verändert, ihre hintere Wand in die Schlinge nicht einge- 
zogen. Nun wurde durch ein Ungefähr alle 15 Secunden 
wiederholtes hebelartiges Bewegen des T förmigen Ecraseur- 

6* 



84 

Stieles die allmähligc Abschniirung des Tumors versucht, 
die Zangen bis auf Eine abgenommen, welche der Vorsicht 
halber von Neuem fest eingesetzt wurde, um das Zurück- 
weichen des Tumors bei einem etwaigen Brechen des Ecra- 
scur zu verhindern , und schon nach 20 Minuten war der 
Tumor glücklich entfernt. 

Die Besichtigung desselben ergab, dass ein etwa gulden- 
grosses Stück der Scheide mit abgezwickt worden war und 
diesem entsprechend musste ein Loch in derselben sein. 
Eine alsbald vorgenommene Untersuchung Hess dasselbe 
auch in dem vorderen Scheidengewölbe finden und bereits 
drängte sich eine Darmschlinge in die Scheide herab, welche 
ich mit Leichtigkeit reponirte. Um das weitere Vorfallen 
derselben zu verhindern und die geringe Blutung zu 
stillen, wurden 3 Feuerschwamm -Tampons eingebracht, 
die Kranke horizontal ins Bett gelegt, und, nachdem sie 
aus der Narcose erwacht war und über heftigen Drang 
zum Uriniren klagte, wurde ihr der Urin mit dem Catheter 
abgelassen und dabei die Ueberzeugung gewonnen, dass 
die Blase nicht verletzt war. Der Kranken wurde die 
grösste Ruhe empfohlen und, um die peristaltische Bewegung 
der Gedärme möglichst zu verhindern, wurde ihr */ 2 Gr. 
Opium gegeben und die 3malige Wiederholung dieser Dose 
in 24 Stunden angeordnet. 

Den IC. Morgens fand ich die Kranke ohne alle Reac- 
tion , kaum 60 Pulsschläge in der Minute, das Abdomen 
unschmerzhaft, nicht aufgetrieben, obwohl sie 1 mal , wohl 
in Folge des Chloroforms, gebrochen hatte, ihre Gemüths- 
stimmung war die fröhlichste und zufriedenste von der Welt. 
Mittags wurde ich plötzlich gerufen weil : „Etwas beim 
Husten herausgefallen sei, was man nicht mehr hinein- 
bringe". An nichts Anderes denkend als einen Darmvorfall 
eilte ich sogleich zur Kranken, wo ich Dr. Nussbaum 
fand, bereits beschäftigt — einen der 3 Tampons zu repo- 
niren. Am 17. Abends wurden die 3 Tampons nach ein- 



85 

ander mit Vorsicht entfernt, da ein längeres Liegenlassen 
derselben der bereits eingetretenen Fäulniss halber, die 
sich durch einen sehr üblen Geruch kund gab, nicht rath- 
sam erschien. Bei dieser Gelegenheit untersuchten wir mit 
dem Finger und fanden das Loch in der Scheide blos mehr 
von der Grösse eines Zwölfers, die Ränder geschwollen und 
die Oberfläche der dahinter liegenden Darmschlinge, resp. 
der Peritonealausstülpung , welche sie bedeckte, ungleich, 
raub, wie granulirt und mit den Rändern des Loches ver- 
löthet. Hierauf ward ein neuer Tampon , ein in ein Stück 
feine Seide gewickelter Badeschwamm eingebracht und mit 
einer T Binde befestigt. Den 19. Früh wurde auch dieser 
Tampon entfernt, und eine Injection mit lauwarmem Wasser 
und Eichenrindendecoct gemacht, um das stark riechende 
in der Scheide zurückgehaltene zersetzte Blut und eiterige 
Secret auszuspülen. Die Kranke empfand dabei keinen 
Schmerz und liess bald darauf von selbst eine grosse Menge 
hellen Urins , welcher ihr bis dahin jeden Tag 2 mal mit 
dem Catheter abgenommen worden war. Am 20., bis zu 
welchem Tage der Stuhl durch wiederholte Gaben von 
Opium ^im Ganzen nahm die Kranke 6 Gr.) zurückgehalten 
worden , erfolgte eine breiige , schmerzlose Entleerung und 
somit war jede Furcht vor einer durch Verrückung der 
Gedärme bedingten Peritonitis und vor einem Vorfall in 
die Scheide beseitigt. In den folgenden 8 Tagen wurden 
wiederholt Injectionen mit Eichenrindendecoct und Aq. chlor, 
gemacht und dabei mehrmals einige nekrotisch abgestossene 
Fetzen von Epithel und Lindegewebe weggespült. Der 
Zustand der Kranken liess nichts zu wünschen übrig, der 
Appetit wurde durch Eier und ein Stückchen Kalbfleisch, 
der Durst durch ein Quart gutes Bier gestillt, der Schlaf 
bei Nacht war fast ununterbrochen , Schmerzen mit Aus- 
nahme vorübergehender Krämpfe in der Blasengegend, waren 
keine vorhanden, das Loch in der vorderen Scheidewand 
verkleinerte sich immer mehr und am 27. konnte ich nur 



86 

mehr eine Ouerspalte mit gewulsteten, nahe an einander 
Hegenden Rändern, den Muttermund trichterförmig einge- 
zogen und mit einigen Granulationen besetzt linden. 

Am 26., also am 14. Tage nach der Operation, stand 
die Kranke auf m;d ging etwas im Zimmer herum. Einige 
Mattigkeiten abgerechnet, beland sie sich im Ganzen wohler 
als vor der Operation. 8 Tage darauf besuchte sie mich 
in meinem Hause und äusserte ihre Freude darüber, dass 
nicht bloss ihre Leiden der Genitalien , sondern auch ihre 
Magenschmerzen vollkommen verschwunden seien und dass 
sie nun wieder im Stande sein werde, ihr Brod zu verdienen. 
Die Untersuchung mit dem Spcculum, welche ich nun zum 
ersten Male unternahm, zeigte eine transversale bläulich 
rothe etwa \" breite Narbe etwa 4 Finger breit über dem 
Scheideneingang an der dem Uebergang des Peritonaeum 
von der Blase zum Uterus entsprechenden Stelle, die Scheide 
nach oben beträchtlich verengert, wesshalb es mir nur mit 
Mühe gelang, den noch etwas erodirten zusammengezoge- 
nen Muttermund zu sehen. 

Am 17. Mai traten die Menses ein und dauerten massig 
stark und schmerzlos, 2 Tage. 

Von nun an betrachte ich die Operirte als geheilt, 
werfe aber zugleich die Frage auf: „Wird sie es bleiben?" 
Bevor ich diese zu beantworten versuche , will ich zuerst 
eine Beschreibung des exstirpirten Tumors folgen lassen: 
Das Gewicht desselben beträgt 3 6 / s Loth (bayer. Civilgew.) 
seine grösste Breite (in der Richtung des queren Becken- 
durchmessers) 2" 3'", seine grösste Hohe 1" 2'". Das 
Aussehen der unteren Seite des Tumors war das eines 
Blumenkohls ; von Blut und Schleim bedeckte und mit Blut 
inliltrirte kleinere und grössere rundliche Vegetationen bilden 
die Oberfläche, welche von unregelmässigen seichten und 
tiefen Furchen nach allen Seiten hin durchschnitten ist. 
Die Anschwellung betrifft die ganze vordere Lippe und 
überschreitet die seitlichen Commissuren. Zwei Dritttheile 



87 

der hinteren Lippe sind gesund. Nach oben ist der Tumor 
von der Vaginalinsertion schari begrenzt, über sie hinaus 
erstreckt er sich an keiner Stelle. Oberhalb des Tumors 
der vorderen Lippe befindet sich das schon oben erwähnte 
Stück gesunder Scheide, an deren Aussenfläche nichts 
vom Peritonaeum zu sehen ist. Dreht man den Tumor 
um (cfr. Abbildung Nr. IL), so sieht man, dass der Ecra- 
seur durch das derbe, fibröse Gewebe des Cervix geführt 
wurde, an welchem sich keine pathologische Veränderung 
entdecken lässt. 

Die frisch angestellte mikroskopische Untersuchung, 
welche ich der Güte des Herrn Dr. Franque jun. ver- 
danke, ergab Folgendes : 

Aus den vielfach zerklüfteten Lippen des Muttermun- 
des Hess sich beim darüber Fahren mit dem Skalpell eine 
dicke, weisslich gelbe Flüssigkeit ausdrücken, in der sich 
neben Blut- und Eiterkörperchen unter dem Mikroskope 
viele zellige Gebilde auf verschiedenen Entwicklungsstufen 
erkennen Hessen. Sie waren theils rundlich, theils und zwar 
der Mehrzahl nach länglich, auf einer Seite mit langen 
dünnen Anhängen versehen, enthielten alle grosse längliche 
Kerne und deutliche Kernkörperchen, um welche eine fein 
körnige Masse gelagert war. Ein Querschnitt an diesen 
Stellen liess deutlich nicht sehr dichte Bindegewebszüge 
erkennen, zwischen denen die oben beschriebenen zelligen 
Elemente sich wiederfanden. Am Orificium internum uteri, 
über welchem der Schnitt geführt war, fand sich die Schleim- 
haut, stark injicirt, und in die hypertropische Mucosa und 
Submucosa erstreckten sich enorm erweiterte, vielfach und 
weit ausgebuchtete Schleimbälge, welche an ihren Wänden 
mit Epithel überzogen waren und mit gleichförmig runden 
Zellen , zwischen denen sich einzelne freie Kerne fanden, 
angefüllt waren. Von den oben beschriebenen Zellen fand 
sich auf dieser Seite der exstirpirten Geschwulst keine 
Spur. — 



88 

Die Beantwortung der ol)en gestellten Frage ergibt 
sich nun von selbst. Der Tumor ist ein wirkliches Me- 
dullar-Carcinom und somit wird leider aller Wahrschein- 
lichkeit nach früher oder später eine örtliche Recidive oder 
eine allgemeine Verbreitung desUebels nachfolgen, worüber 
ich seinerzeit berichten werde, wenn ich die Operirte nicht 
aus den Augen verliere. 

Was ich für meinen Thcil durch diese Operation ge- 
lernt habe, ist Folgendes : 

1) Ich werde das nächste Mal die Schlinge des Ecra- 
seur wo möglich noch genauer an die Grenze der krank- 
haften Veränderung anlegen und sogleich festschnüren, da- 
mit im Anfange der Operation nichts mehr von den an- 
grenzenden Partieen in die Schlinge gezogen werde. 

2) Ich w r erde, wo immer es darauf ankömmt, eine 
möglichst unblutige und verhält nissmässig 
doch rasche Exs ti rpation einer Vaginalportion oder 
eines Polypen zu machen, und wo immer die Schlinge des 
Ecraseur über den Tumor zu führen ist, dieses Instrument 
allen anderen vorziehen. 

Ich hoffe, dass meine erfahrenen Collegen dieses Vor- 
haben nicht als ein zu Sanguinisches auslegen mögen, son- 
dern dass sie dem bekannten Spruche : „sine ira et studio" 
folgend, eine Operation prüfen werden, welcher im Gebiete 
der Gynaekologie ein weites Feld offen steht. 



Erklärung der Abbildungen. 

(In 3/4 der natürlichen Grösse.) 

T. I. Der Tumor von unten gesehen , eine Sonde durch 
den Muttermund gesteckt, liegt mit ihrem sichtbaren Ende auf 
dem gesunden Theile der hinteren Lippe auf-, a das Stück ab- 
gezwickte Scheide. 

T. IL Der Tumor von oben gesehen. Die gesunden, con- 
centrisch gelagerten Fasern des Cervix treten deutlich hervor. 



89 



2. Heilung einer vollkommenen Incontinenz des Urins 
durch Abtragung: beider hypertrophischen Nymphen. 

Catharina Rottenfässer, 45 Jahre alt, eine robuste 
Taglöhners-Frau, regelmässig raenstruirt, Mutter von vier 
Kindern, wovon sie das letzte vor 2\ Jahren geboren hatte, 
bemerkte, dass sie seit dem letzten Wochenbette, welches 
sie schon nach einigen Tagen verliess, um ihrem Erwerbe 
nachzugehen , den Urin nicht mehr recht halten könne. 
Nachdem sie vergebens lange Zeit verschiedene Hausmittel 
dagegen versucht hatte, wandte sie sich Ende Mai um Hilfe 
an die hiesige medicin. Poliklinik. Ihr Gang war auffallend 
mühsam, ihre Haltung gebückt, sie klagte über fortwährend 
unwillkürlichen Urinabgang, namentlich beim Gehen und 
Stehen , über heftiges Jucken an den Genitalien und 
Schenkeln, über ein lästiges Gefühl von Schwere und Ziehen 
in der unteren Beckengegend. Bei der vorgenommenen 
Untersuchung fand ich den ganzen Umfang der äusseren 
Genitalien und die innere Schenkelfläche excoriirt, mit ein- 
zelnen furunkulösen Pusteln besetzt, bei Berührung sehr 
schmerzhaft, von darüberlaufendem Urin befeuchtet, die 
Schamhaare von eingetrockneten Harnsalzen incrustirt — 
Zwischen den grossen, wenig entwickelten Schamlippen 
hing ein beinahe birngrosser, die ganze Lange der Scham- 
spalte einnehmender, nach aufwärts etwas schmälerer, glat- 
ter und etwas teigig anzufühlender Tumor hervor, welcher 
sich nach Entfernung der Schamlippen von einander als 
die bedeutend vergrösserte linke Nymphe herausstellte. 
Nun gewahrte man auch die rechte Nymphe, welche von 
gleicher Beschaffenheit, wie die linke, aber nur etwa 4-mal 
so gross und von dieser bedeckt war. Die Mündung der 
Urethra war klaffend, für die Spitze des kleinen Fingers leicht 
zugänglich , aus ihr tröpfelte fast beständig Urin heraus. 
Da ich die Quelle des unwillkürlichen Urinabgangs noch 



anderswo suchen EU müssen glaubte, etwa in einer Blasen- 
Bcheidenfistel , aus welcher consecutiv Vergrösserung der 
Nymphen und Excoriationen hervorgegangen sein könnten, 
so untersuchte ich noch mit dem Finger und Speculum die 
Scheide, mein besonderes Augenmerk auf die vordere Wand 
derselben richtend, fand aber, abgesehen von einer massigen 
Leucorrhoe nichts, was mir bemerkenswerth erschien. So- 
mit konnte das Leiden nur von zwei Seiten betrachtet wer- 
den. Entweder war nach der Geburt eine Atonie des 
Spbincters der Blase zurückgeblieben, in Folge deren Urin 
unwillkürlich abging, der reizend auf die Nymphen wirkte, 
deren Anschwellung verursachte und die äusseren Genitalien 
und die Schenkel exeoriirte, oder die Nymphen waren 
wahrend des Wochenbetts, vielleicht schon während der 
Schwangerschaft angeschwollen, die Anschwellung war ge- 
blieben und selbst grösser geworden , hatte an der Urethra 
gezerrt , ihre Muskelfasern durch ihre Schwere erschlafft, 
und war so die permanente Ursache der schon angegebenen 
Symptome geworden. Ich glaubte mich für die letztere 
Annahme entscheiden zn müssen; 1. weil eine dauernde, 
idiopathische Lähmung des Sphincters der Blase sehr selten 
ist ; 2) weil der Angabe der Kranken gemäss sowohl im 
Liegen, als zu Zeiten, wenn der Tumor weniger gross und 
schwer war, der Urin weniger unwillkürlich abging. Worin 
bestand aber nun der Tumor selbst? Seine glatte Ober- 
fläche, seine gleichmässig teigige Beschaffenheit Hessen 
darauf schliessen, dass wir es mit einer einfachen Hyper- 
trophie und Oedem zu thun hatten. Grössere Gefässc, 
varicöse Venen waren wohl an den Unterschenkeln im Ver- 
laufe der Vena saphena und in den grossen Schamlippen, 
aber nicht in den kleinen zu sehen, man konnte aber wohl 
vermuthen , dass sie deren welche enthielten, ja es lag 
nahe, in dem Zustande der Gefässe selbst, bei sonst 
fehlenden Anhaltspunkten, den Grund der Hypertrophie zu 
finden. 



91 

Einer langwierigen, bei der Mittellosigkeit der Kranken 
mit adstringirenden Mitteln u. dgl. kaum durchzuführenden 
Cur auszuweichen, schlug ich vorerst die Abtragung des 
grösseren Tumors, d. i. der linken Nymphe vor. Am 2. Juni 
unternahm ich die Operation mit dem Ecraseur in Gegen- 
wart der Herren Prof. Seitz, Dr. Franque jun. und 
Dr. Nussbaum, denen ich für ihre gütige Assistenz hier 
nochmals bestens danke. Nachdem die Kranke chlorofor- 
mirt war, wurde um die Basis der Geschwulst eine Ligatur 
mit einem s:arken Faden und oberhalb desselben die Schlinge 
des Ecraseur angelegt. Nach kaum 10 Minuten war die 
Geschwulst getrennt. Die ecrasirte Fläche war glatt, etwa 
2±" lang und J' J breit, es flössen kaum einige Tropfen 
Blut. 

Der Verband bestand in Charpie, welche durch eine 
TBinde festgehalten wurde. In den folgenden Tagen trat 
eine höchst unbedeutende Reaction ein. Kaum eine Spur 
von Fieber, die eiternde, gut granulirende Wunde wurde 
mit Camillenthee gewaschen, zog sich bald zusammen und 
war am 12. Tage fast gänzlich "geheilt. Schon während 
der Heilung hatte sich der unwillkürliche Urmabgang ge- 
mindert, die Kranke empfand, als sie am 4. Tage nach 
der Operation aufstand, weniger Schwere und Ziehen. Der 
entfernte Tumor bestand aus verdickter Schleimhaut und 
einem weitmaschigen submucösen Bindegewebe, welches von 
seröser Flüssigkeit wie ein Schwamm durchtränkt war. — 
Längere Zeit sah ich die Kranke nicht wieder, als sie nach 
14 Tagen mich wieder besuchte und klagte, dass ihr Leiden 
wieder zugenommen habe. Ich fand nun die rechte Nymphe 
von gleicher Grösse, als die linke gewesen war, nur noch 
etwas teigiger als diese. 

Woher in verhältnissmässig so kurzer Zeit diese An- 
schwellung entstanden war, konnte ich mir nicht erklären: 
vielleicht durch den Reiz der Charpie und der Waschungen 
oder durch eine vicarirende Congestion und Stase. 



92 

Den 2. Juli unternahm ich die Operation des zweiten 
Tumors in Gegenwart der Herren Doctoren: Vogel, 
Schanzenbach, Walther, Franque sen. , Behr 
und May. 

Mein Freund Dr. A. Vogel hatte die Güte, mir sei- 
nen Middeldorpf sehen galvanocaustischen Apparat zur Ver- 
fügung zu stellen. Drei Batterien waren hinreichend , um 
den Piatinadraht zum kräftigen Glühen zu bringen. Die 
Kranke wurde chloroformirt , hierauf um den Tumor eine 
starke Schnur angelegt und darüber die Schlinge des Pla- 
tinadrahtes. Als nach Schliessung der Batterie die Schlinge 
zum Glühen gebracht war , wurde sie angezogen und in 
weniger als 1 Minute war der Tumor getrennt. Im ersten 
Augenblick kam aus der schwach verbrannten Schnittfläche 
kein Tropfen Blut, kaum aber hatten wir sie mit einem 
feuchten Schwamm betupft, so spritzten 3 starke Arterien 
und eine ziemliche Menge venösen Blutes quoll daneben 
hervor. Dr. Vogel versuchte mit dem Galvanocauster, 
d. i. mit einer stumpfen, glühend gemachten Piatinaklinge 
die Blutung zu stillen, indem er die Wunde stark cauteri- 
sirte, allein es gelang nicht. Wir waren genöthigt, 3 Ar- 
terien zu unterbinden, was nicht ohne Mühe geschah, in- 
dem sie sich in das lockere Gewebe stark retrahirt hatten, 
oder ihre Enden durch das Cauterisiren zerstört waren. 

Hierauf wurde zwischen die Schamlippen zur Vor- 
sorge ein in Liquor ferri sesquichlor. getauchter Schwamm 
gelegt, und mit einer Binde befestiget. Die Beschaffenheit 
des Tumors war die gleiche wie die des ersten , die seröse 
Flüssigkeit floss aber schon bei einem ganz leichten Drucke 
aus. — 

Die Heilung ging regelmässig von Statten; am 5. und 
6. Tage wurden die Ligaturen entfernt, der Brandschorf 
stiess sich allmählig ab , die "Wunde granulirte gut und 
vernarbte in einem Zeitraum von ein paar Wochen. Mit 
der Heilung der Wunde verlor sich die Incontinenz des 



93 

Urins, die verlängerte und klaffende Urethra zog sich zu- 
sammen und zurück, die erythematöse Röthe, die Excoria- 
tionen und Pusteln in den äusseren Genitalien und der 
Schenkelfläche verschwanden. Die vollkommen genesene 
Kranke fühlte sich äusserst glücklich und konnte ihren 
Pflichten als Gattin und Mutter wieder nachkommen. 

Epikrise. Die Operation ist durch den Erfolg gerecht- 
fertigt , ebenso die Diagnose, dass die Incontinenz des 
Urins durch die Hypertrophie der Nymphen hedingt war. 
Was die Wahl der Operationsmethoden anbetrifft, so ge- 
stehe ich, dass ich das erstemal den Ecraseur weniger aus 
Nothwendigkeit als aus Vorliebe und des Reizes der Neu- 
heit wegen angewendet habe. Das zweitemal bediente ich 
mich des galvanocaustischen Apparates, um auch dieses 
Verfahren zu prüfen und um es in seiner Wirkungsweise 
mit dem in vieler Beziehung rivalisirenden Ecraseur zu 
vergleichen. Der Fall war um so günstiger, als wir an 
ein und derselben Kranken einen dem ersten gleichbeschaf- 
fenen Tumor zu entfernen hatten. Die Schuld, dass der 
Hauptzweck der Galvanacaustik: „die Blutung zu ver- 
hüten", nicht erreicht wurde, trifft uns allein, aber nicht 
die Operations-Methode. Dr. Vogel hatte dieselbe früher 
nie gesehen, ich selbst nur zweimal vor einigen Jahren 
in Berlin bei Professor Langenbeck, in München war 
sie bisher meines Wissens noch nie angewendet worden. 

Offenbar war der glühende Draht zu schnell, mit zu- 
viel Kraft angezogen worden, so dass kein gehöriger Brand- 
schorf auf der durchschnitteneu Fläche entstehen konnte« 
Durch fortgesetztes Cauterisiren mit dem Galvanocauster 
hätten wir vermuthlich die Blutung zum Stehen gebracht; 
wir unterliessen aber die längere Anwendung, weil im 
Falle des Nichtgelingens bei immer grösser werdendem 
Substanzverluste die Unterbindung der Arterien noch 
schwieriger geworden wäre. Bei der nächsten Anwend- 
ung der Galvanocaustik werde ich den glühenden Draht 



91 

fangsamer anziehen und hiedurch wohl ein denen von 
Middeldorpf u. A. beschriebenen glücklichen Resul- 
taten ähnliches erzielen. 



3. Ein Beitrag zur Aetiologie der Wirbelverschiebung. 

Im Musee Dupuytren in Paris befindet sich ein Stück 
einer menschlichen Wirbelsäule, welches in hohem Grade 
meine Aufmerksamkeit auf sich zog, da es einen Beitrag 
zu der nicht genau genug bekannten Aetiologie der Wir- 
belverschiebung liefert. Das Präparat ist mir von Herrn 
Houcl, dem Conservator des Musee Dupuytren zum 
Zeichnen überlassen worden und Herr Fano, Prosector 
an der medicinfschen Facultät zu Paris hat die Freund- 
lichkeit gehabt, mir seine bisher nicht veröffentlichten No- 
tizen zu dem betreffenden Falle zu geben, wofür ich den 
beiden Herren hiemit mit Vergnügen öffentlich meinen 
Dank ausspreche. Das Präparat ist, wie folgt, bezeichnet : 
„Schiefbruch des 12. Rückenwirbels, das untere Stück des 
Fragmentes nach vorne, das obere nach rückwärts stehend, 
das letztere verengert den Wirbelkanal bedeutend , so dass 
er nur mehr 2 Millimetres misst." 

Die Note des Herrn Fano lautet wörtlich übersetzt: 
„Ein 25jähriger TaglÖhner , Namens Minguet, fiel vor 
13 Monaten von einem ungefähr 8 Metres hohen Baume 
zuerst auf die Füsse, dann auf die Nierengegend. Seit der 
Zeit des Sturzes waren die unteren Extremitäten gelähmt, 
was ihn zu einem ununterbrochenen Aufenthalt im Bett 
zwang. Ungefähr 6 Wochen nach dem Erreigniss fanden 
sich bereits Schorfe in der Kreuzbeingegend. Im August 
1847, trat Minguet in das Spital de Bon Secours ein, 
von wo er in das Spital St. Antoine den 30. Sept. trans- 
ferirt wurde. Bis zu dieser Epoche war der allgemeine 
Zustand befriedigend, aber von diesem Moment an verlor 
der Kranke den Appetit, bekam Diarrhöen und unregel- 






95 

massige Anfülle von Fieber, wobei die Schwäche immer 
grösser wurde. Den 8. Febr. 1848 wurde er von Erbrechen 
galliger StofYe ohne Schmerzen im l nterleibe ergriffen. Da- 
mals reichte die Anästhesie der unteren Extremitäten bis 
in die Gegend der Regio iliaca, die Bewegungslosigkeit der- 
selben war vollkommen , nebenbei Incontinentia urinae et 
alvi. Dieser Zustand dauerte ohne Besseruug, bis der Kranke 
am 10. Febr. erlag. 

Bei der Autopsie fanden sich zahlreiche metastatische 
Abscesse in den Lungen. Das Examen der Wirbelsäule 
wurde genau angestellt und das Präparat im Musee Dupuy- 
tren deponirt. 

Der untere Theil der Regio dorsalis der Wirbelsäule 
und das Anfangsstück der Regio lumbaris zeigen eine sehr 
ausgesprochene Concavität von vorne. Der Körper des 12. 
Rückenwirbels scheint zu fehlen. Ein vertical von vorne 
nach rückwärts geführter Durchschnitt der Wirbelsäule zeigt 
sehr gut die Natur der Verletzung, deren Sitz sie ist Ober- 
uud unterhalb des 12. Rückenwirbels hat der Wirbelkaual 
seine normale Weite. Im Niveau dieses (des 12.) Wirbels 
ist die Weite des Kanals fast gänzlich verschwunden. Diese 
Disposition rührt von der folgenden Eigenthümlichkeit her« 
Zwischen dem 11. Rückenwirbel und dem 1. Lendenwirbel 
existirt der Rest des 12. Rückenwirbels. Derselbe hat die 
Gestalt eines Keiles, die Spitze nach vorne, die Basis gegen 
den Wirbelkanal zu gewendet. Der obere Theil dieser 
Basis bildet im Inneren des Wirbelkanals einen sehr vor- 
springenden Winkel, der, wie schon vorhin erwähnt, be- 
deutend den Raum des Kanals verengert und in dieser Höhe 
das Rückenmark stark comprimirt. 

Der Körper des 12. Rückenwirbels war demnach allein 
gebrochen und die vordere obere Fläche des Körpers wurde 
resorbirt. Die hintere untere Portion ist zwischen den be- 
nachbarten Wirbeln eingezwängt geblieben in der Art, dass 
sie beinahe mit dem 11. Rückenwirbel zusammengewachsen 



96 

wäre. Unter- und oberhalb des fracturirten Wirbels war 
das Rückenmark gesund, ebenso die Nerven der Cauda 
equina. 

Wenngleich nun dieser Fall in mehrfacher Beziehung 
ein bedeutendes Interesse bietet, so will ich mich dennoch 
nur auf diejenigen Punkte beschränken , welche dem Ge- 
burtshelfer am nächsten liegen. — Sind schon an und für 
sich Brüche der Wirbelsäule selten, so sind Heilungen der- 
selben gewiss noch weit seltener. Dass eine solche voll- 
ständig hier eingetreten , wird man nicht bezweifeln ; der 
Kranke ging erst an Pyämie in Folge des Decubitus zu 
Grunde und hätte unter günstigeren Verhältnissen sicher 
noch länger leben können. Der Decubitus war durch die 
Paralyse , diese durch die Compression des Rückenmarks 
bedingt. Das fracturirte Stück der Wirbelsäule war voll- 
ständig consolidirt , ein fortdauernder entzündlicher Prozess 
im Knochen nicht vorhanden. Vermuthlich ist beim Sturze 
eine massige Verschiebung der schräg gebrochenen Stücke 
des 12. Rückenwirbelkörpers eingetreten, die allmählig erst, 
theils in Folge der Schwere des oberen Theils der Wirbel- 
säule, theils vielleicht durch die Lage des Kranken im Bette, 
theils durch Erschlaffung der fibrösen Verbindungen weiter 
gediehen ist. Der Druck der Knochen gegen einander hat 
einerseits hingereicht eine Absorption des einen Bruchstückes 
bis zum fast völligen Verschwinden desselben zu bewirken, 
andererseits hat er die Verschiebung der Wirbel, das Herab- 
rutschen des oberen über den unteren begünstigt und ver- 
mehrt , und endlich hat er eine bedeutende Verdünnung 
des Zvvischenwirbelknorpels (des 11. und 12. Dorsalwirbels) 
veranlasst, die mit der Zeit vermuthlich zu einer vollstän- 
digen Synostose der beiden W r irbel geführt hatte. 

Die Heilung der Fractur geschah in ähnlicher Weise 
wie beim Pott'schcn Buckel, nur dass bei diesem der Ver- 
lust eines Theils des Wirbelkörpers durch Caries 
und Nekrose der Infraction oder wirklichen Fractur der 



97 

Reste eines oder mehreren "Wirbel vorangeht, worauf 
dann die Consolidation folgt, wahrend in unserem durch 
Trauma veranlassten Falle die Fractur dem Verluste des 
Wirbelkörpers, resp. eines Theils desselben voranging, 
worauf dann eine vollständige Consolidation folgte. Es ist» 
schwer zu sagen , ob die Verengerung des Wirbelcanals 
durch Hineindrängen des unteren Bruchstückes gleich von 
Anfang geschah oder ob dies erst später in dem Maasse, 
als das vordere obere Bruchstück resorbirt wurde, durch 
den zunehmenden Druck des oberen Theils der Wirbel- 
säule erfolgte. Aus der gleich nach dem Falle vorhan- 
denen Lähmung möchte man schliessen , dass das Rücken- 
mark von vorn herein durch das in den Wirbelcanal hin- 
einragende spitze Bruchstück comprimirt wurde, allein es 
ist auch möglich , dass in den Wirbelcanal ein Bluterguss 
bei der heftigen Erschütterung durch den Sturz stattfand, 
wodurch das Rückenmark comprimirt und eine Lähmung 
bewirkt wurde (wie ich es in einem Falle auf Velpeau's 
Klinik sah), und dass erst später das fracturirte untere 
Stück des 12. Rückenwirbelkörpes in den Kanal sich ver- 
schob und eine gleiche Wirkung wie der Bluterguss , nem- 
lich Lähmung der unteren Extremitäten, der Blase und 
des Mastdarms u. s. f. hervorbrachte. Gleichviel aber, mag 
das eine oder das andere der Fall gewesen sein, so ersehen 
wir doch als das Schlussergebniss nach einer traumatischen 
Veranlassung eine wirkliche Wirbelverschiebung 
eine Spondvlolisthesis (Kilian) entstanden, ein Her- 
abgleiten eines oberen Wirbels auf einen unteren und eine 
Veränderung der Achse der Wirbelsäule, deren Richtung 
von einer geradlinig gestreckten oder nach vorne schwach 
convexen , eine gekrümmte, winkelige, schwach concave 
geworden ist. Hätte die P'ractur an einem tiefer gelegenen 
Theile der Wirbelsäule, an dem letzten Lendenwirbel statt- 
gefunden , dann wäre caeteris paribus derselbe auf den 
ersten Sacralwirbel herabgesunken und nothwendiger Weise 

Scanzoni's Beiträge III. i 



98 

wäre dann durch das Vorwärtsbeugcn der Wirbelsäule 
eine solche Verengerung des Beckeneingangs entstanden, 
wie in den von Kiwi seh, Späth, Kilian und mir be- 
schriebenen spondylolisthetischen Becken. Bei keinem dieser 
Becken, deren nun 4 bekannt sind, konnten die aetiologi- 
schen Momente genau eruirt werden. Ki wisch und Späth 
hielten die Difforniität für einen angeborenen Bildungsfehler, 
Kilian und ich glauben, sie sei durch Krankheit, durch 
einen Erweichungs- und Necrotisirungs-Process des Knochens 
und der Knorpel nach der Geburt entstanden. Ich bin 
weit entfernt davon, jetzt behaupten zu wollen, in einem 
der 4 bekannt gewordenen Becken sei die DifTormität durch 
Fractur erzeugt worden, denn ich finde in keinem derselben 
bestimmte Anhaltspunkte für diese Ansicht, ich will nur 
für künftige Fälle darauf aufmerksam machen , dass eine 
Fractur in der Gegend des letzten Lendenwirbels schliess- 
lich eine Wirbelverschiebung und eine Verengerung des 
Beckenein gangs zur Folge haben kann, und dass es 
in manchen Fällen vielleicht dem Anatomen schwierig sein 
w T ird, an dem getrockneten, von Weichtheilen cntblossten 
Knochen zu bestimmen, ob Tuberculose , Caries , Necrose, 
Erweichung oder traumatische Ursache die Veranlassung 
zu der vor ihm liegenden Veränderung gewesen sei. 



III. 

Zusammenstellung von 61 in Deutschland theils aus- 
geführten, theils versuchten Ocariotomieen. 

Von Dr. GUSTAV SIMOX in Darmstadt. 

Bei der neuerdings in Deutschland und Frankreich 
vielbesprochenen Frage von der Zulässigkeit und den Indi- 
cationen zur Ovariotomie , möchte es für uns Deutsche 
von grossem Interesse sein, die Resultate zusammengestellt 
zu sehen , welche von unseren Landsleuten erzielt wurden. 
Zwar sind in den meisten der früher aufgestellten Statistiken 
über diese Operatiou auch Fälle angeführt , welche in 
Deutschland vorkamen, aber da dieselben unter der grossen 
Anzahl englischer und amerikanischer Fälle, für die wir 
selbst keine Controlle haben können, fast verschwinden . so 
sind die aus jenen für uns speciell zu abstrahlenden Re- 
sultate verloren. — Eine Zusammenstellung der in Deutsch- 
land vorgekommenen Ovariotomieen schien mir aber auch 
ganz besonders um desswillen zweckmässig zu sein , weil 
diese Operation hier noch bei weitem nicht so gewöhnlich 
geworden ist, wie in England und Amerika und weil sie 
erst in dem letzten Decennium häufiger ausgeführt wurde- 
Diese Verhältnisse machen es nämlich in Deutschland noch 
möglich, alle Fälle oder doch die bei weitem grösste Mehr- 
zahl derselben und das spätere Schicksal der mit Glück 
Operirten zu erfahren, während dies in England und Amerika 
ganz unmöglich sein dürfte. 



100 

Zur Erreichung möglichster Vollständig- 
keit der deutschen Statistik habe ich nicht allein die 
in der Literatur verzeichneten Fälle zusammengestellt, son- 
dern ich habe auch auf Privatwegen, durch Schreiben an 
Professoren und Acrzte in den meisten der grösseren und 
Universitäts-Städte Deutschlands bis jetzt nicht publicirte 
oder in weniger bekannten Dissertationen zerstreute Fälle 
zu erlangen gesucht. So ist es mir gelungen, eine Statistik 
von 61 Fällen, darunter 23 bis jetzt nicht tabellarisch auf- 
geführte zu bringen, die sicherlich den bei weitem grössten 
Theil der in Deutschland vorgekommenen Ovariotomieen um- 
fassen dürfte, wenn ich auch überzeugt bin, dass mir immer- 
hin noch einzelne Fälle unbekannt geblieben sind. Alle 
fremden Fälle habe ich auf das Strengste ausgeschieden, 
selbst wenn sie von Deutschen in angrenzenden Ländern 
ausgeführt wurden *). — Auch bei der Aufführung der 
einzelnen Fälle habe ich mich nicht damit begnügt , nur 
einzelne Momente aus den Operationsgeschichten, wie „Grösse 
des Schnittes", „Adhäsionen" u. s. w. genauer anzugeben, 
wie Kiwisch u. A. gethan haben, sondern ich habe eine 
fortlaufende kritisch gesichtete Reihe von Krankengeschichten 
zu liefern gesucht, welche in gedrängter Kürze möglichst 
vollständig alles für die Beurtheilung der einzelnen Fälle 
und der Ovariotomie überhaupt wichtig Scheinende enthal- 
ten sollte. Bei den 23 neu angeführten Fällen konnte ich 
die benöthigten Angaben durch die Güte der Operateure, 
an welche ich mich wendete, meist mit leichter Mühe erlangen, 
dagegen waren zur Ergänzung der in früheren Tabellen an- 
geführten Fälle sehr mühsame und zeilraubende Quellen- 
studien nöthig, weil meist nicht einmal die näheren Citate 
angegeben waren. Trotz aller Bemühungen musste ich 



*) So habe ich die von Haartmann in Helsingfors (1849) mit 
unglücklichem Erfolge ausgeführte Ovariotomie nicht angeführt (S. diesen 
Fall in Schmidt'a Jahrbüchern B. 69, Pag. 335). 



101 

jedoch einzelne Fälle so unvollständig lassen , wie ich sie 
in den Tabellen angegeben fand , weil mir das Material zu 
deren Ergänzung mangelte. Hoffentlich wird mir in späte- 
rer Zeit, in welcher ich dies Thema nicht aus den Augen 
verlieren werde, die Gelegenheit, das Fehlende nachzuholen. 
Bei der Eintheilung der Tabelle über die 61 
theils ausgeführten, theils versuchten Ovariotomieen habe 
ich den Hauptzweck der Statistik, nämlich die Abschätzung 
des Nutzens oder Schadens, welchen die Ovariotoraie nach 
den bis jetzt gewonnenen Resultaten hatte, ganz besonders 
im Auge behalten und habe desshalb nach dem Ausgange 
der Operationen die Hauptabtheilungen gemacht. Hierfür 
waren 3 Hauptabteilungen nöthig, nämlich 1) Operationen 
mit Ausgang in radicale Heilung : 2) Operationen mit Aus- 
gang in Tod und 3} Operationen, von welchen die Kranken 
zwar genasen, aber nur sehr vorübergehenden, zweifelhaften 
oder gar keinen Nutzen hatten. — In der letzten Rubrik 
habe ich nicht allein die Fälle untergebracht, iu welchen 
die Ovariotomie nach Eröffnung der Bauchhöhle wegen 
zu starker Verwachsungen oder falscher Diagnose ganz 
aufgegeben wurde , sondern ich glaubte auch solche Fälle 
darunter bringen zu müssen, in welchen nach ganz oder 
theilweise vollendeter Ovariotomie die Kranken von der 
Operation genasen , aber noch nachträglich au den Folgen 
derselben oder an den Folgen des ursprünglichen Leidens 
zu Grunde gingen. So habe ich 2 Fälle hier rubricirt, 
einen Fall von Martin, in welchem die Patientin 
8 Monate nach glücklicher Exstirpation eines Colloid- 
Cystoids an Krebsbildungen im Pankreas, in den Lymph- 
drüsen und Lungen starb, welche der Operateur selbst mit 
dem früheren Leiden in Zusammenhang brachte und einen 
anderen Fall von Küchenmeister und Steinert, in 
welchem die Ovariotomie wegen starker Verwachsungen 
nicht vollendet werden konnte und die Kranke zwar von 
der Operation genas, aber 3 / 4 Jahre nach derselben durch 



102 

die Ruptur einer sccundär gewachsenen Cyste zu Grunde 
ging. Operationen mit solchen Ausgängen können natür- 
lich nicht unter die Rubrik der radikalen Heilungen gezahlt 
werden , sondern sie müssen als Operationen betrachtet 
werden, die nur vorübergehenden , vielleicht gar keinen 
Nutzen für die Erhaltung des Lebens hatten. Denn wenn 
sich die Patientinnen in beiden Fällen nach der Operation 
auch kürzere Zeit ganz wohl fühlten (im Falle von 
Martin 4 Monate lang), so ist es immerhin noch sehr in 
Frage zu stellen , ob dieselben ohne Operation , mit dem 
ursprünglichen Leiden , bei Palliativbehandlung (Punktion) 
nicht länger gelebt haben würden *). — Eine weitere 
Eintheilung der vorliegenden Tabelle besteht darin, dass 
ich jede der 3 Hauptabtheilungen , welche nach den 
Ausgängen der Operation gebildet wurden, wieder in 3 
Unterabtheilungen und zwar je nach der Art der Operation 
und des gefundenen Leidens gebracht habe. Diese Unter- 
abtheilungen begreifen: 1) vollendete Ovariotomieen, 2) ver- 
suchte, aber wegen zu starker Verwachsungen unvollendete 
oder ganz aufgegebene Ovariotomieen, 3) versuchte Ovario- 
tomieen, bei welchen sich aber nach Eröffnung der Bauch- 
höhle die Diagnose als falsch erwiess. — Die letztere der 
3 Unterabtheilungen, welche, genau genommen, nicht in 



*) Unter diese Rubrik müssen künftighin wohl anch alle die 
Fälle gebracht werden , in welchen nach vollendeter Ovariotomie die 
Kranken zwar von der Operation genasen , aber noch nachträglich an 
einer zurückgebliebenen Bauchfistel (durch stärkere Jaucheabsonderung, 
Peritonitis u. s. w.) zu Grunde gingen ; ferner, wenn nach der Exstir- 
pation eines Medullarsarcoms des Eierstocks sehr bald Krebsbildungen 
in andern Organen entstanden und endlich nicht allein solche Fälle, 
in welchen nach nicht vollendeter Exstirpation eine seeundäre Cyste 
wuchs, sondern auch, wenn nach der Exstirpation eines Eierstocks 
die Cyste des zurückgelassenen gleichzeitig erkrankten anderen 
Eierstocks sich alsbald vergrösserte und das frühere Leiden in derselben 
das Leben bedrohenden Gestalt wiederherstellten. 



103 

eine Statistik der Ovarientumoren gehört, habe ich dess- 
halb beibehalten, weil bei der Beurtheilung der Lebens- 
gefährlichkeit einer Operation auch auf die diagnostischen 
Irrtbümer , welche öfters nicht zu vermeiden sind und auf 
deren Folgen Rücksicht genommen werden muss. Zwar 
wird es in unserer Zeit nicht mehr vorkommen, dass man 
wie Dohlhoff (183S) eine Ovariotomie versuchen wird, 
wo gar keine Geschwulst im Leibe ist, aber es wird bei 
dieser Operation stets vorkommen , dass Geschwülste des 
Uterus, Retroperitonaealgeschwülste u. s. w. mit Ovarien- 
tumoren verwechselt werden. 

^Yas nun die Tragweite der vorliegenden Sta- 
tistik betrifft, so ist es wohl natürlich, dass sie für uns 
Deutsche maassgebender sein wird, als die früheren Stati- 
stiken, in welchen die in England und Amerika vorge- 
kommenen Fälle die grösste Rolle spieleu. Denn wir finden 
hier nur die Resultate von deutschen Aerzten (darunter 
viele der hervorragendsten Chirurgen Deutschlands) zu- 
sammengestellt, die unter denselben klimatischen atmos- 
phärischen u. s. w. Verhältnissen, wie wir leben und deren 
Befähigung zur Stellung der Diagnose, zur Ausführung der 
Operation u. s. w. uns meist ganz genau bekannt ist. Aber ich 
halte die vorliegende Statistik nicht allein für uns Deutsche 
für maassgebender als die früheren Statistiken, sondern ich 
glaube auch, dass sie eine sicherere Basis zur Beurtheilung 
der Ovariotomie überhaupt auch in anderen Ländern bilden 
wird. Denn wenn jene Statistiken sich auch über Hunderte 
von Fällen erstrecken, während die meinige nur 61 Fälle 
zählt, so leiden die ersteren doch an sehr gewichtigen 
Fehlerquellen, welche ich in der vorliegenden Tabelle mög- 
lichst vermieden habe. Ich will hier nicht von einigen zwar 
sehr auffallenden , aber nicht besonders in die Waagschale 
fallenden Fehlern reden, dass z. B. Operationsfälle doppelt, 
unter dem Namen des Operateurs und des Referenten an- 
geführt wurden u. a. m. (S. Anmerkungen zur Tabelle) 



104 

sondern ich bezeichne nur zwei Fehlerquellen, welche einen 
bedeutenden Einfluss auf die zu abstrahlenden Resultate 
ausüben müssen. Der Hauptmangel, an welchem die Sta- 
tistiken leiden, ist immer der, dass die glücklich verlaufenen 
Fälle möglichst vollständig publicirt werden, während sehr 
viele unglücklich verlaufenen der Vergessenheit anheimfallen. 
Zwar hat Fock („lieber die operative Behandlung der 
Ovariencysten" in der Monatsschrift für Geburtskunde und 
Frauenkrankheiten VII, 5 und 6) ganz richtig bemerkt, 
dass nicht anzunehmen ist, dass ein Operateur nur glück- 
lich verlaufene Fälle publicirt, während er seine unglück- 
lichen verschweigt. Aber wie viele Operateure haben nur 
unglücklich ausgegangene Fälle, wie Viele, welche glück- 
lich verlaufene Fälle publiciren konnten , haben später nur 
mit Unglück ausgeführte Operationen ! Diese Fälle , deren 
es wohl eine sehr grosse Anzahl gibt, möchten zum grössten 
Theil nicht publicirt sein. Denn abgesehen davon , dass 
es den Operateuren nicht zu verargen ist, wenn sie mit der 
Publikation unglücklich verlaufener Fälle warten wollen, 
bis sie denselben glückliche Operationen zur Seite stellen 
können, so ist die Ovariotomie jetzt schon eine so äusserst 
gewöhnliche Operation geworden, besonders wenn sie un- 
glücklich ausfiel, dass ein Operateur den Vorwurf der 
Langweiligkeit fürchten muss, wenn er die Krankengeschichten 
von unglücklichen Ovariotomieen veröffentlichen wollte, deren 
Verlauf nicht durch besondere Umstände von grösserem 
Interesse ist. Wie bedeutend aber diese Verhältnisse bei 
den aus einer Statistik zu abstrahlenden Resultaten in die 
Waagschale fallen müssen, ersieht man sogar aus der besten 
und genauesten aller bis jetzt existirenden Statistiken , aus 
der von Robert Lee (Medico-chirurgical transacitons, Vol. 
34). Denn dieser, welcher alle ihm, auch auf Privatwegen, 
bekannt gewordenen, nur in England vorgekommenen Fälle 
zusammenstellte, konnte nur die Operationen von 51 Opera- 
teuren , die 162 Operationen ausführten, angeben. Sollten 



105 

nun aber in einem Lande, das Tausende von Aerzten 
zählt, in welchem die Ovariotomie schon seit 20 — 30 Jahren 
als eine durchaus zulässige Operation betrachtet wird, in 
welchem diese Operation so gewöhnlich geworden ist, dass 
Clav 69, Bird 31 Ovariotomieen unternommen haben, 
sollten in diesem Lande bei der Häufigkeit des Leidens nur 
51 Aerzte diese Operation ausgeführt haben, zu welcher 
weder eine besondere, durch lange Uebung zu erwerbende 
Geschicklichkeit, noch ein complicirter Instrumentenapparat 
nothwendig ist? Dies ist gewiss unglaublich. Denn in 
Deutschland, wo diese Operation noch viele und gewichtige 
Gegner fand und noch findet (z. B. Dieffenbach, Scan- 
zoni) habe ich 34 Operateure bei 61 Operationen anzu- 
führen. — Eine zweite, sehr gewichtige Fehlerquelle der 
aus den früheren Statistiken gezogenen Resultate liegt aber 
darin, dass bei vielen derselben solche Fälle zu den Heil- 
ungen gezählt wurden, in welchen die Ovariotomie wegen 
zu starker Verwachsungen oder falscher Diagnose aufge- 
geben werden musste, die Patientinnen aber von der Operation 
genasen. Diese Fälle, in welchen das ursprüngliche Leiden 
unverändert zurückblieb und die Kranken die höbe Lebens- 
gefahr, die schon mit dem Bauchschnitte allein verbunden 
ist, vergebens überstanden hatten, können nur zu den gänz- 
lich missglückten Operationen , oder gewiss nicht zu den 
Genesungsfällen gezählt werden. Diesen Fehler haben 
zwar Robert Lee, Kiwis ch u. A. vermieden, von denen 
der erstere 60 solcher Fälle bei 162 Operationen anführt, 
aber es w r ar selbst Robert Lee unmöglich, bei den Fällen, 
welche als geheilt ausgegeben wurden, das spätere Befinden 
zu konstatiren (S. Lee a. a. 0.). Daher können sogar die 
Resultate einzelner Operateure, wie von Clav, welcher 
69 Mal operirte (S. Fock a. a. 0.) nicht maassgebend 
sein. Denn wie viele dieser Geheilten mögen noch nach- 
träglich an zurückgebliebenen Bauchfisteln mit Jaucheab- 
sonderung und reeidivirenden Peritonitiden, an seeundären 



106 

Krebsbildungen nach Kxstirpation von Medullarsarcomen 
des Eierstocks, durch sccundäre Cysten bei nicht vollendeter 
Ovariotomie, oder durch das Wachsen der Cysten in dem 
gleichzeitig erkrankten, aber nicht exstirpirten anderen Eier- 
stocke zu Grunde gegangen sein! — Die erste dieser Fehler- 
quellen habe ich, wie oben angegeben, durch genaue 
Nachrichten aus den verschiedensten Thcilen Deutschlands, 
die zweite durch die Genauigkeit der Krankengeschichten, 
in welchen ich stets auf das spätere Befinden Rücksicht 
nalim und darnach die einzelnen Fälle rubricirte, möglichst 
vermieden. — Die vorliegende Tabelle dürfte daher die 
Resultate der Ovariotomie viel richtiger angeben , als 
selbst die von R. Lee, da in England an eine nur 
annähernd vollständige Zusammenstellung der vorge- 
kommenen Fälle und an eine genaue Controllirung der- 
selben wegen der Häufigkeit der ausgeführten Operationen 
nicht mehr gedacht werden kann. — Ja , was unsere 
deutsche Statistik noch besonders auszeichnet, ist, dass 
in Deutschland nicht so viele diagnostische Irrthümer 
vorkamen und dass wir nicht so tolle Unternehmungen 
aufzuweisen haben, wie die Engländer und Amerikaner. 
Denn wenn R. Lee bei 162 Operationsfällen 60 anführen 
muss, in welchen die Operationen wegen zu starker Ver- 
wachsungen oder falscher Diagnose aufgegeben werden 
mussten, so habe ich nur 17 solcher Fälle unter 61 ver- 
zeichnet; und wenn Clay einmal den halben Uterus, ein 
anderes Mal den halben Uterus und beide Ovarien (natür- 
lich mit tödtlichem Ausgange) ausschnittt und sich damit 
rühmte, eine mit Bauchdecken, Zwerchfell, dem Magen, 
dem Netze und den Gedärmen fest verwachsene Ovarial- 
Cyste exstirpirt zu haben, wenn W. L. Atlee (Amerikaner) 
beide Ovarien und eine davon isolirte Beckengeschwulst 
in einer Sitzung exstirpirte, wenn er in einem andern Falle 
2 dickgestielte Uterusfibroide und ein drittes aus der Uterus- 
substanz selbst entfernte, wenn er bei 30 Fällen 8 Mal 



107 

operirt hat, weil er die Uterusfibroide für Ovarienturaoren 
hielt (S. Fock a.a.O.), — so können sich dagegen unsere 
Operateure rühmen mit grösster Vorsicht die Auswahl 
der Fälle getroffen und die Operation mit möglichster Schon- 
ung ausgeführt zu haben. — 

Resultate: Aus der vorliegenden Tabelle ersehen 
wir, dass bei 61 theils ausgeführten, theils versuchten 
Ovariotomieen 44 Operirte = 72 8 6 i p. Ct. unmittelbar 
durch die Operation zu Grunde gingen, dass bei 5 Operirten 
= 8 Vf.i P- Ct. die Operation nur vorübergehenden oder 
gar keinen Nutzen hatte , obgleich die Kranken von dem 
operativen Eingriffe genasen und dass nur 12 Patientinnen 
= 19 41 6i P- Ct. radikal geheilt wurden.*) 

Vollständig ausgeführt wurde die Ovari- 
otomie in 44 Fällen. Von diesen 44 starben 32 Operirte 
= 72 8 /n p- Ct. unmittelbar durch die Operation, 1 Patientin 
tä 2 3 /ii p. Ct. starb 8 Monate nach glücklich überstandener 
Exstirpation eines Colloid -Cystoids an Krebsbildung im 
Pancreas, in den Lymphdrüsen und Lungen und 11 Operirte 
= 25 p. Ct. wurden radikal geheilt. — 

Versucht, aber wegen zu starker Verwachs- 
ungen unvollendet gelassen oder ganz aufge- 
geben wurde die Operation in 15 Fällen. Davon wurde 
1 Kranke radikal geheilt, bei 3 war die Operation ohne, 
oder nur sehr vorüberziehenden Nutzen und 11 starben 
unmittelbar durch die Operation. 

Versucht, aber wegen falscher Diagnose 
aufgegeben wurde die Operation in 2 Fällen. 1 Operirte 
starb, 1 genass von der Operation. 



*) Die Resultate der Ovariotomie in Deutschland können immerhin 
noch etwas ungünstiger sein, als die hier angegebenen, weil mir immer 
noch der eine oder der andere unglücklich ausgegangene Fall unbekannt 
geblieben sein dürfte. — 



108 

Diese Resultate sind bei weitem nicht so günstig, als 
solche, welche aus den früher aufgestellten Statistiken ge- 
zogen wurden, und während Fock u. A. die Lebensge- 
fährlichkeit der Ovariotomie mit der von Bruchoperationen 
und Oberschenkelamputationen in Parallele bringen, so ist 
die Ovariotomie nach der oben aufgestellten Statistik lebens- 
gefährlicher als der Kaiserschnitt, bei welchem nach K aiser'3 
Berechnung 63 p. Ct., nach Anderen etwa a /a der operk- 
ten Frauen zu Grunde gehen (S. Nägele's Geburtshülfe 
B. IL). 

Was nun die aus der vorliegenden Statistik zu ab- 
strahlende Zulässigkeit und die Indicationen zur 
Ovariotomie betrifft, so werde ich später Gelegenheit 
finden, mich weitläufiger darüber auszulassen, wenn noch 
einige andere dabei in Rede kommenden Punkte, z. B. 
eine genauere Statistik der Lebensdauer von an Cystoiden 
des Eierstocks Leidenden, mit palliativen Mitteln (Punktion) 
behandelten Kranken, erledigt sind. 



110 



4. 



Tabellarische Zusammenstellung von Gl in Deutsc 

A. Operationen mit 
1) Bei vollem 



Operateur 


Alter 


und Wohnort 


der 


desselben. 


Kranken 



Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der Kranken vor der Operation. 



Adhäsione: 



erwachJ 

ii.it <u 



1820 



Chrysmar 

(Jsny in "Wür- 

temberg). 



1832 
~833 



1834 



5. 



1846 



Ritter. 



Ehrhartstein 
(Salzburg). 



Quittenbaum 
(Rostock). 



v. Siebold 
(Darmstadt). 



38 
Jahr. 



36 



42 



2 b 



Yerwa' 
gen mit 



Frau die mehrmals geboreu hatte. Vor 
5 Jahren die ersten Spnreu des Leidens. — 
Ascites, Oedem der Füsse , bedeutende Becken in v 
Abmagerung und Sinken der Kräfte. Vor- Aushöhlung) 



aussichtlich baldiger Tod. — 



Zuerst die Paracentese, 2 "Wochen später 
die Exstirpation. 



Die Frau hatte 4 Kinder geboren. — Seit 
2 Jahren eine Geschwulst in der rechten 
Seite. Heftige Schmerzen ; sehr bedeutende 
Ausdehnung des Unterleibs. 2 Functionen, 
l 1 2 Monat und 8 Tage vor der Operation. 
Schnelle Regeneration der Flüssigkeit. 



Hatte nicht geboren. Die Geschwulst 
bestand seit 2 Jahren. Mehrmalige Punc 
tion ; schnelle Regeneration der Flüssigkeit. 
Abendliches Fieber; bedeutende Ausdeh- 
nung des Unterleibes; Abmagerung. — 
Der Kräftezustand aber noch gut. — 



Kreuzbeins! 



Leichte. 



Keine. 



Sehr leic 



Keine. 



111 






leils ausgeführten, tbeils versuchten Ovariotomieen. 



. mg in radikale Heilung:. 
tariotomie. 










asfiihrungr der Operation und 
>1 Zufälle bei derselben. 


Beschaffenheit 

der 

Geschwulst. 


Rcactionser- 
scheinungen und 
Zeit bis zur Ge- 
nesung. 


Besondere 
Bemerkungen 

Späteres 
Beiluden. 


Literarische 
Quelle. 


ichschnitt auf der liuken 

*Mp vom Schwertknorpel 

■Jfczur Symphyse. Trennung 

rwaehsungen mit Finger 

- nd Messerstiel. Durchstech- 

"■ Dg des Stieles und Unter- 

indung nach 2 Seiten. Be- 

.euteuder Darmvorfall. Ge- 

inge Blutung. 


— *» « *■ < ^_ 

•g « c rr — ^. 

■0 ^ 3 ^ = BD 
>'.* fi tt w- cn ^ 

»1 § r=! 

* |~ ~ | cT ~ 
i ~ =. > & Er 

• -! 1 1 O 3 


GeringeReac- 
tionserschein- 
ungeu. Heil- 
ung nach sechs 
Wochen. 


2 ö 

2. ® 

© » 

3 05 

c- 2. 
et C 
er. p 

C'. ■ 




Gräfe's u. 

Walther's 

Journal. 

S. 60. 


-j Incision der Bauchdecken 

■ 10g. 


Cyste 12 Pfd. 
schwer. 


Heilung. 






Kiwisch's 
Tabelle. 

dto. 


-•f Lange Incision. 

-j Bauehschnitt von 6 Zoll 
lue neben der linea alba 

«hterseits. Ligatur en masse. 

'orfall der Gedärme. Geringe 

UutllDg. 

1 


Gemischt, d. 
feste Theil 26 
Pfd., der flüs- 
sige 12 Pfund. 


Heilung. 




Cystosarvom 
d. rechtenEier- 
stocks mit viel. 
Höhlen u gela- 
tinöser, gelbl. 
Flüssigkeit. 


Die Heilung 
erfolgte nach 4 
Wochen, unge- 
achtet baldauf- 
tretender , be- 
trächtlicherPe- 
ritonitis. 


Gebar später ein Patientin lebt noch (nach 10 
gesundes Kind. 'Jahren) und ist gesund. 




Quittenbaum. 
De ovar.hypertro- 
phia et oxstirp. 

Rostock, l8;r>. 


- 4 Zoll langer Bauchschnitt 
nderlinea alba. LeichteEnt- 
»icklung d. Geschwul>t nach 
leren Entleerung. Vorfall 
ler Gedärme und Eintritt von 
Mut und Flüssigkeit iu die 
Bauchhöhle. Ligatur isolirt 
gatoren). DerStiel nicht 
n die Bauchwunde einge- 
näht. Die dicht an den Knö- 
>fen abgeschnittenen Lieatu- 
?n blieben iu derBauchhöhle 
( wück. 


Cystoid. Eine grosse mit dünner 
hellgelber und ;j-4 kleinere mit 
dicker, schmutzig gelber Flüs- 
sigkeit gefüllte Cysten. 


Heilung der Wunde per primam 
intentionem. Hückelir der Kran- 
ken In ihre Heimat!» nach sechs 
Wochen. 




Durch gütige Mittheilung des 
Herrn Stabsarztes Dr. v. Siebold. 



112 












as 


<— 
* 
W 
3 

N 
■ 


Operateur 

iinil Wohnort 

desselben. 


Aller 

der 

kranken 


Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der Kranken vor der Operation 


Adhäsion« 


6. 


1848 


Stilling 
(Cassel). 


28 
Jabr. 


Hatte dreimal geboren. — Beschwerden 
im Unterleibe seit 4 Jahren ; Anschwellung 
seit 2 Jahren. — Vorausgegangene Para- 
centese durch die Scheide und die Bauch- 
decken. Umfang des Leibes sehr bedeu- 
tend; Ascites; Abmagerung. 


Gering 
dem Netz 


7. 


1849 


Knorre 
(Hamburg). 


24 


Hatte nicht geboren. Das Leiden be- 
stand seit 2 l / z Jahren. Die Geschwulst 
füllte den ganzen Unterleib aus, und ruhte 
beim Sitzen auf den Oberschenkeln. Das 
Allgemeinbefinden ungestört. Alle Organe 
finigirten regelmässig, nur die Stuhlentlee- 
rung war träge. 


Breite an 
vorder. Bai 
wand. 


8. 
9. 


1850 
1851 


Kiwisch 

(Würzburg). 


19 


Hatte nicht geboren. Das Uebel seit 
10 Monaten. — Grosse, die Unterleibshühle 
ausfüllende, schnell wachsende Geschwulst. 
Hinfälligkeit, verminderter Appetit, heftige 
Schmerzen , aber im Ganzen noch guter 
Kräftezustand. War einmal per vaginam 
puuktirt. 


Keine. 


Langenbeck 
(Berliu). 


38 


Hatte eiumal abortirt. — Das Leiden 
seit 4 Jahren. — Ziemlich gutes nur blas- 
ses Aussehen. Die Geschwulst füllte den 
ganzen Unterleib bis 2 Fiuger breit unter 
dem Schwertfortsatze aus. — Schnelles 
Wachsen der Geschwulst im letzten Jahre. — 
Verdauungsstörung und schnelle Abmage- 
rung. Noch relativ guter Kräftezustand. 


Keine. 



i 



113 





Beschaffenheit 


Reactionser- 


=r v. 


55 

- — 

— C5 
S -9 




isführung der Operation und 


der 


*chcinun°:enund »"* 


1 O 


Literarische 


Zufälle bei derselben. 




Zeit bi< zur Ge- £> ^ 


5 ~ 


Qnelle. 




Geschwulst. 


i F 3 
nesung. 


| a 




liscbnitt vom Nabel 
ir Symphyse. Entleer- 
i4g von 2 Eimer Flüssig- 
st ans der Bauchhöhle, 
achträgliche Erweiterung d. 


Cyste mit 
die mit Uta 
diten gefüllt 


s • I ?• 5 1 

Ist II I 

£ N -,? ? - 


Mehrere .1 
Operation u. 1 
die Patientin 


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co^ c 2. 

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auchschnitts. Keine Zufälle 
*i der Operation. Nur ein 




Il : L 1= I | =3=- 
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5 r p 


heil des mit dem Stiele 
»rwachsenen Netzes fiel vor, 
orde losgetrennt und zu- 
ickgebracht. 


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eten war. 


c s« "2. 

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f Bauchschnitt 2 Zoll lang 


ST «' *5l 


1 
GeringeReac- w 




Deutsche 


l der linea alba. Entwick- 


z 5- ~ 


tion. Heilung! * 




Klinik, 


,jng der Geschwulst nach 


RS ? 


nach4AVochen. 






1849. 5. 8. 


nrchtrennung der Adhäsio- 


es _ £. 

5 3; 




ST 






?n mit Finger und Messer 


=■ = : g 




r»_ 






nd Entleerung von 8 Pfd. 


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ystenflüssigkeit. — Durch- 


*m 9? * 




CO 






echung des sehr kurzen 


P ■"■ 2. 




= 






ieles uud Unterbindung 


a-e*» 




o 






ich 2 Seiten. — Keine Zu- 


p {j< 




- 






lle bei der Operation. Bei 


4 2. 










;r Bauchnaht das Bauchfell 













cht mitgeiasst. 


2 <B 
5 i 




p* 






Bauchschnitt 8 Zoll in der 


** 


Anfangs ge- 


2 ^ 




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iea alba. Vorfall der Ge- 




ringe Beactipn, 5 f » 




ggr? 


Mme ; Erguss des Kysten- 


— . — 


spiiterAbscess- ~ ~ '_. 




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haltes und Blutes in die 


öl 5; 


bildung in der S g ~ 




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rinchböhle . welche mit 


2^ 


regio iliaca. — " El 




-■ F ~ 3. 


t-hwämmen ausgeschöpft 




Genesungin44 3 — er 
Tagen. i P = 




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■erden musste. Eigatur en 


crT 2. 




psse. Bauchnaht mit 5 


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ihten. Der Stiel nicht in 




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e Bauchwunde eingenäht. 


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: jlBauchschnitt in der linea 


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Peritonitis ge- !f — 




Deutsche 


*>a 2 Zoll lang. Leichte 


» Ü • 'P ~ 


ringen Grades. = Ei 




Klinik, 


»ntwicklung der Geschwulst 


o fi 3. £" 


, Heilung nach •» 2 




1851. 


ich ihrer Entleerung. Unter- 


ET g =• 2 ■ 


ä Wochen. 


n r» 




Seite 223 


ioduog des 2 Zoll dicken 


a = * EI Q 




L = 




und Fock's 


liieles en masse und isnlirt 


P 5 IJ-s 




er; ca' 

a «^ 




Tabelle. 


Ligaturen). — Keine Zu- 


— TT a 
& «9 a H 




1 § 






le bei der Operation. 


1 P 1 • «+ 




p-3- 







«ntoni's Beiträge III. 



114 



Operateur 


Alter 


und Wohnort 


der 


desselben. 


kranken 



Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der Kranken vor der Operation. 



Adhäsior 



in. 



l 1. 



1852 



1856 



Langenbeck 
(Berlin). 



Bardeleben 
(Greifswalde). 



3l 

Jahr. 



29 



Unverheiratet, zart gebaut. Seit 5 Jah- 
ren besteht das Leiden. Magerkeit; Aus- 
dehnung des Unterleibes, wie im 9. Monate 
der Schwangerschaft. Die Geschwulst be- 
weglich. Ziehendes Gefühl in den Schen- 
keln und Schwere derselben. — Relativ 
noch ziemlich guter Gesundheitszustand. 



Unvei heirathet, schwächlich, von blassem 
Aussehen. Seit 8 Jahren besteht das Uebel. 
Abmagerung und Heruntergekommensein 
durch langen Jodgebrauch. — Heftige 
Schmerzen , Verdauungsstörungen ; Stuhl- 
und Urinbeschwerdeu. Kein Fieber. 



Keine. 



Keine. 



2) Bei unvo. 



12. 1844 



Bühring 
(Berlin). 



38 



Hatte geboren. — Das Leiden seit Ly 8 
Jahren. — Sehr bedeutende Ausdehnung 
des Unterleibes ; Verdaunngsbeschwerden. 
häufiges Erbrechen, asthmatische Beschwer- 
den. — Grosse Abmagerung, kachektischer 
Zustand, bald zu erwartender Tod. 



Sehr bedjp 
teude. 



3) Bei fal 



Anmcrk. 1. Kiwisch hat Chrysmar's Operationen (1 glückliehe, 2 todtliche) in 
dem Namen von Hopf er. Hopf er hat aber niemals selbst operirt, s( 
Operationen. 

Anmerk.2. Bei Kiwisch ist eine Kadicalheilung durch Incision vonDzondi ange 
terer niemals eine solche Operation mit glücklichem Erfolge oder übei 
(S. D oh 1 hoff in 11 u st 's Magazin. Bd. 51.) 






115 



usfiihruDg der Operation und 
Zufälle bei derselben. 


Beschaffenheit 

der 

Geschwulst. 


Reactionser- 
scheinungen und 
Zeit bis zur Ge- 
nesung. 


Il 

7" ■ 


2 © 

t 2. 
5 2 

2 5 


Literarische 
Quelle. 


bauchschuitt2 1 / 4 Zoll lang 
l der linea alba. Leichte 
Intwickluug der Geschwulst, 
»urchstechung des Stieles 
nd Unterbindung nach 2 
eiten. Keine Zufälle bei der 
Iperatipn. 


Einfach a Cyste 
raitneun Quart 
Flüssigkeit. 


Länger dauern- 
deEiterun^. am 
Euded. 2. Mts. 
heft. Erbrechen 
und Erschein- 
ungen v. Koth- 
verhaltungen. 
Heilung nach 2 
Monaten. 


■ — ' 

— =' 
Äff 

srg 

o 




Deutsche 

Klinik. 

1853. 

Seite 43 

und Fock's 

Tabelle. 


Bauchschnitt 2 Zoll lang. 
q der linea alba. Leichte 
üntwicklnng der Geschwulst. 
„igatur en masse. Einnähen 
les Stieles in die Wunde. 
)as Bauchfell nicht mit in 
lie Nähte gefasst. 


Einfache Cyste 
von 5" Durch- 
messer u. 1—3 
Linien dicken 

Wandungen. 


Massige, lo- 
kale Entzünd- 
ung — Heilung 
in 4 Wochen. 


Dio Patientin ist 
noch gesund. 




1 1 ° l 

v" ~ ~ Er 

00 .2 = — 

SlS 2 



efer Ovariotomie. 



Nach dem Bauchschnitte Dünnwandige Heftige Reac- 
leigte es sich, dass die Ope- Cyste mit Jau- tion. Bildung 
ation der Verwachsungen che u. zersetz- einer Kothfls- 
Tegen nicht vollendet wer- ten Fibringe- tel. Genesung 
Jen konnte. Seitliche Iuci- rinseln gefüllt, nach oWochen. 
•ion und Entleerung von */i 
äimer Jauche und vieler zer- 
jetzter Fibringerinnsel. — 
iusfiillung der Geschwulst 
nit Charpie, die in Höllen- 

einlösuug getaucht war. 



a 


4 


7 








t* 


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= 












n 


f* 


ZT 


-,- 



2c S n. 



Hagnose. 



'abelle doppelt angeführt. Einmal unter dem richtigen Namen , das zweite Mal unter 
zählt nur in Gräfe's und Walt her 's Journal 3 von Chrysmar ausgeführte 



fach dem Zeugnisse X) o h 1 ho ff s. eines langjährigen Schülers vonDzondi. hat aber letz- 
ur gemacht; selbst in Dzondi's Lehrbuch der Chirurgie fehlen alle Angaben darüber. 



116 



B. Operationen n> 
i) Bei vollendet 



Operateur 

und Wohnort 

desselben. 



Alter 

der 

Kranken 



Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der Kranken vor der Operation. 



Adhäsionen 



1819f 



2. 



1820 



1834 



1836 



1837, 



Chrysmar 
(Isny). 



dto. 



Groth 

(Bornluivd in 

Holstein). 



47 
Jahr. 



38 



Dohlhoff 
(Magdeburg). 



1838 



Stilling 
(Cassel). 



Schott 
(Frankfurta/M) 



26 



23 



Hatte mehrere. Kinder. Seit 3 Jahren Starke mit 
Schwellung der linken Seite. Abmagerung, Ion u. Mag« 
Appetitlosigkeit, abendliches Fieber, grosse 
Ausdehnung des Unterleibes: Ascites. — 



Unverheirathet, von schwächlicher Con- Leicht tren 
stitution mit Rückgrathsverkrümmung. Das bare mit dei 
Leiden bestand seit 5 — 8 Jahren. Punc- Promontori 
tion vor mehreren Jahren. — Sehr grosser 
Umfang des Unterleibs; Ascites. 



llatte mehrmals geboren. — Das Leiden 
bestand seit mehr als 2 l / 2 Jahren. Sehr 
starke Ausdehnung des Unterleibs und sehr 
heftige Schmerzen. 



22 



31 



Hatte nicht geboren. — Der Unterleib 
war durch gleichzeitigen Ascites sehr be- 
deutend aufgetrieben. Das Aussehen aber 
gesund und das Allgemeinbefinden sehr 
gut. — 



Unverheirathet. — Seit 3'/a Jahren be- 
stand das Uebel. Vollständige Ausfüllung 
des Unterleibes. Blühend, gesund, kiäftig 
constituirt. 



Seit 5 Jahren. — Sehr bedeutende Aus- 
dehnuug des Unterleibes. Ascites. Guter 
Krät'tezustand. 



Keine. 



Keine. 



Keine. 



Sehr unbedeu- 
tende mit dem 
Netze. 



117 



msgang in Tod. 
wiriotomie. 



Führung der Operation und 
Zufälle bei derselben. 



Beschaffenheit 

der 

Geschwulst. 



Zeit bis zum Tod 

und 

Todesursache. 



Besondere Literarische 



Bemerkungen. 



jBaucbschuitt vom Scbwert- 
borpel bis zur Symphyse, 
[rennung der Verwachsungen 

it Finger und Messerstiel. 

oppelte Ligatur des Stieles. Ovariumj 
portall der Gedärme. Ge- 
lage Blutung. 



Ovariencyste 121 Tod36Stunden 
Pfund schwer mit nach der Operation 1 
Knorpel- u. Kno-'durch Peritonitis. 
chenstellen (linkes 



Bauchschuitt vomSchwert-l Entartung des Tod 36 Stunden 
porpel bis zur Symphyse, linken Ovariums. nach der Operation 
jurebstechung des Stieles 
[ld Unterbindung nach 2 
•iten. Vorfall der Gedärme. 



Fächriche Ge-j durch Peritonitis, 
schwulst 6V 2 Pfd.! 
schwer. 



Jauchschnitt links vom Na- 
1 67a Z °U ^ng. Der 3 4 
)11 dicke Stiel einmal unter- 



Cystengeschwulst Tod 16 Stunden 
d. linkenOvarinms nach der Operation 
mit mehrenHöhlen durch Nachblut- 



imden. Leichte Entwich- und gallertartigem 



l der Geschwulst. Ge- 
»er Blutverlust bei der 
sration. 



Inhalte. 



eine Incision der Bauch-|Cysten mit dunkel- Tod durch Peri- 
:n. Entleerung eioeribraunemFluidum. tonitis 16 Stunden 



ung. 



bedeutenden Menge se- 
t Flüssigkeit aus der 
chhöhle. Anschneiden 

Cyste; Entleerung des 
.Ites und Exstirpation. 
Stiel fingerdick. Unter- 
lungisolirt. Geringe Blu- 



;r 4 Zoll lange Bauch- 
itt musste um 2 Zoll 



— Entartung des nach d. Operation 
linken Ovariums. 



Cyste des rechten; Tod durch Nach- 
Eierstocks mit ge-,blutungamvierteni 



litert werden. Anschuei-latinösef , citron- Tage 
der Cyste und Eutlee- gelber Flüssigkeit 
; der Flüssigkeit. Kein gefüllt, 
dl bei der Operation. 



:hschnitt vom Nabel 
in 



In Fächer ge- Tod 28 Stunden 
zur Symphyse in der theilte Cyste mit nach der Operation 
a alba. — Entwickluug'gelatinösemlnhalt. durch Peritonitis. 
Geschwulst sehr leicht. 1 25 Pfd. schwer. 
Stiel lang aber sehr ge- 
reich. Ligatur en masse.l 



Quelle. 



Gräfe's u. 

Walther' s 

Jonrn.XII 

S. 60. 



dto. 






Rust's 

Magazin. 

Bd. 51. 

S. 77. 



Schmidfs 

Jahrbücher 

Bd. 38 

S. 59. 



£. — 55* 
|o g<* 

er od ® 



118 








• 






m 


kl 

2L 

-i 
o 

Vi 

cs 

a^ 


Operateur 

und Wohnort 

desselben. 


Alter 

der 

Krauken 


Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der kranken vor der Operation. 


Adhäsionen 1 




7. 


1841 
T843 


Hayny 

(Jungbunzlau). 


28 
Jahr 


Hatte geboren. — Das Uebel seit 5 
Jahren. Vor 3 Jahren die erste Punction 
und später noch 5 weitere. Mau hatte 
der Patientin in Prag schon vor 3 Jahren 
die Exstirpation vorgeschlagen. Grosse 
Ausdehuung des Unterleibes. 


Leichte mit tri 
vorder. Band» 
wand und dei 
Netze. 


Bühring 
(Berlin). 


38 
2% 


Verheirathete Frau; ungeheure Aus- 
dehnung des Unterleibes seit mehr, als 
2 Jahren ; sehr bedeutende Verdauungs- 
störungen und grosse Abmagerung. Der 
Zustand äusserst quälend ; voraussichtlich 
baldiger Tod ; die Krauke sehr erschöpft. 


Keine. 

1 ■ 


9. 
TÖ~. 


1844 


Kiwisch 
(Prag u. Würz- 
burg). 




Sehr feste.ff 


1847 


dto. 


45 


Die Geschwulst sehr gross. Die Kranke 
sehr leidend und erschöpft. 


Sehr wenfft 
mit der Lebt« 
dem Colon. 1 


11. 
I2~ 


1846 
1847 


Heyfelder 
(ErlaDgen). 


22 


Grosse Ausdehnung des Unterleibes. 


Mit dem Nefa 


lil 


Mogk 
(Offenbach). 


58 


Dauer des Leidens unbestimmt Hef- 
tig quälender Kreuzschmerz; staike Aus- 
dehnung desUuterleibes ; Husten; Schlaf- 
losigkeit; Abmagerung. Kein Fieber; der 
Kräftezustand noch gut. 


Leicht treu 
bare Verwacl 
ungen. 


k 


13. 


1847 


Küchenmeister 
und Steinert 

(Zittau). 


28 


6 Jahre langes Bestehen. Heftige Un- 
terleibs - Krämpfe , wesshalb sehnlichster 
Wunsch nach der Operation. Vorherige 
Punction und Entleerung einer gelatinösen 
Flüssigkeit. Wiederansammeln der Flüs- 
sigkeit in 4 Wochen. 


Keine. 


fei 






119 



isführung der Operation und 
Zufälle bei derselben. 



Beschaffenheit 

der 

Geschwulst. 



Zeit bis zum Tod 

und 

Todesursache. 



Besondere 
Bemerkungen. 



Literarische 
Quelle 



Banchschnitt am äusseren! Rechtseitige Ge-j Tod47Tagenach •? r- 2. £• 5 



ande des rechten geraden 
ochmuskels. DieVerwach- 
mgen mit der Hand ge- 
ennt. Unterbindung des 
iels en masse. Blutung 
■Bring 



schwulst aus zwei d Operation durch "Sog 
,'Cysten bestehend jBildung jauchen- • » 9» H' 
Nach deren Ent- der Abscesse. (SJ^S"^ fr 
leerung 97 Uuc. Kiwisch'sTabelle.) 
schwer. 



Bauchschnitt vom Nabel 
zur Symphyse. Leichte 
otwicklung der Geschwulst 
ich deren Entleerung. Un- 
rbindung isolirt und en 
asse. Keine Zufälle bei 
wr nur 5 Minuten dauern- 
?n Operation. 



Gemischte Cys- 
ten mit harten, un- 
elastischen Wand- 
ungen. Nach deren 
Entleerung noch 
36 Pfd. schwer. 



Bauchschnitt 4 Zoll lang. 



6 Zoll lauger Bauchschnitt 



13 Zoll langer Schnitt auf 
ir linken Bauchseite. Die 
ähäsionen mit dem Finger, 
einer Stelle mit dem Mes- 
getrennt. Ligatur en 
asse und Torquirung eini- 
r Gefässe. 



Tod am 5. Tage 
durchErschnpfung 



Cyste mit Medul- Tod HO Stunden 
larsarcem. 30 Pfd. nach derOperation 



schwer. 



durch Peritonitis 



Cystoid mit me- Tod am 4. Tage 
dullarem Krebs u. durch Peritonitis 
alveolarer Entart- 
ung, 50-60 Pfd. 
schwer. 



Geschwulst 4 Pfd. 1 Nach 3 Tagen 
12 Loth schwer. j Tod durch Nach- 
Medullarkrebs. blutung. 



Langer Bauchschnitt in! Cystoid mit einer J Tod nach 36 St. 
r linea alba. Vorfall der grossen und meh- durch Peritonitis, 
edärme. Eintritt vonCysten-'reren kleinerenGe 
ssigkeit und Blut in die schwülsten, 
uichhöhle. Dicker Stiel 
rchstochen und nach 2 
iten unterbunden. 



6 Zoll langer Bauchschnitt. Fächerartige sehr 

srvorziehuug derGeschwulst grosseCyste mitge- 

ld Unterbindung des Stiels latinösem Inhalte. 

masse. 



Tod durch innere 
Verblutung kurz 
nachderOperation. 



Der Krebs iu- 
filtrirte auch 
den Stiel bis 
zum Uterus 



?■ 3 



Bühring 
1. c. 



Kiwisch's 
Tabelle. 



dto. 



3 §. 

OD CO* 

rr 



Der Ligatur- 
faden d. Stiels 
hatte sich ab- 
gestreift. 



os ö 



TZ T5 'Z. 

k" p> S 

F 7 

o aS q 






120 










1 




5* 


1 


Operateur 

und Wohnort 

desselben. 


Alter 

der 

Kranken 


Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der Kranken vor der Operation 


Adhäsione 


'■I 


14. 


1847 


Langenbeck 
(Berlin). 


50 
Jahr. 

52 




Keine. 


i 


15. 
17. 


1848 


dto. 




Fadenföria 
mit dem Ne 


\ 


1851 


dto. 


58 




Vorher dh 
nosticirte iiM 
linea alba. 


:.. 


1851 


dto. 


30 


Hatte nicht geboren. — Seit 2^2 Jah- 
ren besteht das Leiden. Ausdehnung des 
Unterleibes, wie im 8. Monate der Schwan- 
gerschaft. Der Kräftezustand gut. Ge- 
ringe Abmagerung. 


Keine, j 


. 


18. 


1851 


dto. 


51 


Uuverheirathet. — Das Leiden seit 3 
Jahren. Atembeschwerden , so dass der 
Patientin nicht möglich war, Treppen zu 
steigen oder schnell zu gehen. Vor 1 
Jahre Odem der Unterextremitäten , das 
wieder verschwand ; varicöse Venen an 
den Beinen. 


Keine. 





121 



— 1 

Beschaffenheit 


Zeit bis zum Tod 




usfohrung der Operation und 

der 
Zufälle bei derselben. - , 

Geschwulst. 


und 
Todesursache. 


Besondere 


Literarische 


Bemerkungen. 


Quelle. 


1 Bauchschuitt 1 \ 2 Zoll laug. 


Einfache Cyste mit 


Tod 36 St. nach 




Fock's 




gelbl. Flüssigkeit. 


der Operation. 




Tabelle. 


Bauchschnitt 2 Zoll lang. 


Einfache Cyste mit| Anfangs geringe 
festen Colloiden in Reaction , am 10. 
den "Wandungen, Tage ist dieWunde 
mehre Quart gelb- geheilt und die P. 
lich-brauuer Flüs- reconvalescent. In 
sigkeit. der 3. Woche nach 
Einwirkung einer 




dto. 




Schädlichkeit ent- 








stand Peritonitis. 








Tod am 26. Tage. 






Baochschnitt 6 Zoll lang.! 


EinfacheColloid- Tod am 11. Tage 




dto. 




Cyste. durch Peritonitis. 






Bauchschnitt 2 Zoll lang.) 


Z weikammerige HeftigePeritonitis. 


S 2 9 5 s 3 


CS 


»ichte Entwicklung der Ge- 


Cyste mit dunkler Tod 48 Stunden 


S B i g. 2. 


IM 


ihwulst nach deren Entlee- 


klebriger Flüssig- 


nachderOperation. 


» 9 2. 5 g- 


B • 


og. Unterbindung des dik- 


keit. Entartung d. 




|s 5 |S> 


53 

— a 


n Stieles en masse und 
'Dlirt. Der Stiel in die 


rechten Ovariums. 




» = TT 2. S 

5 3*2 


o< a 


inchwunde genäht. Das 






» g« § £t = 





inchfell nicht mit in die 






►- a Ts < 




ihte gefasst. 






iess sich, dass das rechte 
tosticirt wurde, das linke 
/var. Der linke Eierstock 
nerirt, hatte die Grosso 
enthielt mehrere Cysten. 


3 

5 

• 
c 

er 
1 
<n 

«•■ 
c 
s 
09 
a 
9 


Bauchschnitt IV4Z0II lang. 


Einfache Cyste 


Tod 44 Stunden 




dto. 


irzer, breiter Stiel. 20 Ar- 


mit klarer seröser 


nach derOperation 






rien in demselben unter- 


Flüssigkeit. 


durch Nachblut- 






nden. Alle Fäden und der 




ung u. darauf fol- 






igel des Stieles in eine 




genden Collapsus. 






rite Nadel eingefädelt; 










ese wird in der Gegend 










r fossa ing. int. -von innen 










ch aussen durchstochen u. 










b Fäden befestigt. In der 2. 










icht bedeutende Nachblut- 










g. DieWunde wird geöffnet. 










9 Blutcoagula entfernt. 






8* 





122 
















m 


■ 
I" 

VI 

N 

m 


Operateur 

und Wohnort 

desselben. 


Alter 

der 

kranken 


Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der Kranken vor der Operation. 


Adhäsion« 




r 


19 


1849 


Martin 
(Jena). 


22 

Jahr. 


Das Leiden seit 4 Jahren. 3malige ex- 
piratorische Punction innerhalb eines 
Monates. Sehr bedeutende Ausdehnung 
des Unterleibes. Jede Bewegung, ja so- 
gar das Sitzen und Liegen und die Re- 
spiration beschwerlich. — Die Ernährung 
hatte jedoch nicht gelitten. — 


Keine, j 


1 

[ 


20. 


1850 


Knorre 
(Hamburg). 


45 


Unverheiratete, robuste Dame. - Das 
Uebel seit 4 Jahren ; vor 3 Monaten ein- 
mal puuetirt. Regeneration der Flüssig- 
keit in 3 Monaten bis zn enormem Umfange 
des Unterleibes. Kein Fieber. Der Kräfte- 
zustand so gut, dass Patientin weite 
Wege zu gehen im Stande war. — 


Keine. 


i 


21. 


1850 


dto. 


24 


Unverheirathet. — Das Uebel seit 2 
Jahren. — Vor 3 Monaten einmal punc- 
tirt. Sehr ausgedehnter Unterleib. Gute 
Ernährung, kein Fieber, ungestörtes All- 
gemeinbefinden. 


Mit der Baut 
wand. 


i 

i 


22. 


1850 


dto. 


24 


Unverheirathet, gross und schlank; 
scrophulöser Habitus. Gute Ernährung. 
Vollkommen ungestörtes Allgemeinbe- 
finden. 


Verwachst 
gen mit d 
Dünndärme 
der Ausdet 
ung von8Z( 


1 


23. 


1851 


Baum 
(Güttingen). 


24 


Seit 8 Jahren eine Bauchgeschwulst. — 
Zweimalige Punction. — Patientin zart 
und schwächlich, übrigens gesund. 


Keine. 




: 



123 



sföhrung der Operation und 
Zufälle bei derselben. 


Beschaffenheit 

der 

Geschwulst. 


Zeit bis zum Tod 

Besondere 
und 
m . Bciucrkunscn. 
Todesursache. 


Literarische 
Quelle. 


iBauchschnitt 8 Zoll lang.i 18 Pfd. schwere 
hwierige Entwicklung der Colloideeschwulst 
nTheil sehr hartwandigen mit Fett- u. Haar- 
schwulst. Ligatur enmasse. Cysten. Entartung 
r Stiel in der Bauchwunde des linken Ova- 
festigt. Eindringen von riums. 
üssigkeitin die Bauchhöhle 
d Quetschung des Netzes. 


Tod am 3. Tage 
durch Peritunitis. 




Martin : 
Ueber die 
Eierstocks 
wassersuch 
ten. Jena, 
1852. 


Der Bauchschnitt 9 Zoll 
ig. Keine Zufälle bei der 
eration. Der zwei finger- 
:ke Stiel durchstochen und 
cb beiden Seiten unter- 
nden. Das Bauchfell nicht 
t in die Nähte gefasst. 


Cvstoid ; der feste 
Tb eil 16 Pfd.. der 
flüssige 28 Pfd. 
schwpr. 


Tod nach 3 Tagen 
durch Peritonitis. 




Durch 
gütige Mit- 
theilnng d. 
Herrn Dr. 

Knorre. 


Bauchschnitt 1V 2 Zoll lang. 
ihrend der Operation hef- 
e Yomituritionen. Der 
um fingerdicke Stiel eu 
isse unterbunden. Das Pe- 
oneum nicht mit in die 
.ht gefasst. 


Einfache Cyste. 
diel2Pfd.Flüssig- 
keit enthielt. 


Sogleich nach der 
Operation erschie- 
nen Zeichen inne- 
rerVerblutung.wie 
Erbrechen . Anä- 
mie. Blutung aus 
der Wuude. — Tod 
nach zwei Tagen 
durch Verblutung. 


Die Ligatur 
hattesichvom 
Stiele abge- 
streift. 


dto. 


Bauchschnitt 4 Zoll lang| Einfache Cyste 
e Operation war sehr ge- mit Knochenplätt- 
idert durchfiele blutende chen auf d. inneren 
fasse. Der Stiel durch- Seite. 22 Pfund 
•chen und nach beiden Flüssigkeit, 
iten unterbunden. Das 
uchfell nicht mit in die 
.ht gefasst. 


Tod nach 2 Tagen 
durch Peritonitis. 




dto. 


Bauchschnitt 2% — 3 Zoll 
ig in der liuea alba. Ent- 
»rung von 9 Quart Flüssig- 
it aus der Geschwulst, 
sichte Entwicklung dersel- 
n. Durchstechung u.Unter- 
odung des Stiels nach 2 
iten. Keine Zufälle bei 
t Operation. 


Einfache Cyste. 


Tod nach 5 Tageu 
durch Peritonitis. 
Seröse Ergüsse in 
Pleura und Herz- 
beutel. 




Durch 
gütige Mit- 
theilung d. 
Hrn. Prof. 

Baum. 



124 



5* 


2L 

% 

aa 

I 


Operateur 

und Wohnort 

desselben. 


Alter 

der 

Kranken 


Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der kranken vor der Operation. 


Adhäsionen 


1 


24. 


1856 


Baum 
(Göttingen). 


30 
Jahr. 


Seit 4 Jahren besteht das Leiden. Ein- 
malige Function. Die Umstände sehr 
günstig, da die Person sonst gesund, von 
wenig entwickelter Geisteskraft, sehr ruhig 
und reactionslos war. 


Keine. 


l 
1 

1 

I: 


25. 


1852 


Bartscher 
(Osnabrück). 


49 
50 


Hatte einmal geboren. Seit l 1 /, J. be- 
steht das Leiden. Sehr beträchtlicher Um- 
fang des Leibes durch die Geschwulst 
und Ascites. Der Zustand der Kräfte hat 
sich bei gutem Appetite auffallend gut 
erhalten. Diagnostische Punction. 


Mit dem C« 
Ion asceudeo 


1 

ji .; 

1 

1 - 

1 
I 

1: 


26. 


1852 


Bardeleben 
(Greifswalde). 


Das Leiden seit zehn Jahren. Die Pa- 
tientin ist sehr heruntergekommen und 
wünscht sehnlichst, operirt zu werden. — 


Zahlreiche m 
dem Becken 
eine 3" lan, 
sehr feste n 
d. Dünndarm 


1 

l 
1 
i 

• 


27. 


1852 


Wild 

(Cassel). 


28 


Unverheirathet. — Die Geschwulst seit 
27j Jahreu bemerkbar und stets zuneh- 
mend. Der Bauch ausgedehnt, wie im ach- 
ten Monate der Schwangerschaft. Dadurch 
Athembeschwerden , Störungen der Ver- 
dauung und Ernährung, aber noch guter 
Kräftezustand. — 


Keine. 


i 









• 




125 


Beschaffenheit 
Führung der Operation und 

der 
Zufälle bei derselben. 

Geschwulst. 


Zeit bis zum Tod 

und 

Todesursache. 


Besondere 
Bemerkungen. 


Literarische 
Quelle. 


V/ 2 — 3 Zoll langer Schnitt 
terhalb des Nabels in der 
ea alba. Leichte Eut- 
iklung der Geschwulst 
lirte Unterbindung der 
terieu des Stieles. Keine 
fälle bei der Operation. 


Einfache Cyste 
mit Krebsen in der 
Wand. 


Tod am 13. Tage 
durch Peritonitis. 




Durch 

gütige Mit 

theilung d. 

Hrn. Prof 

Baum. 


Der 4 Zoll lange Bauch- 
mitt musste um 1 Zoll 
reitert werden. Erst nach 
\ etwas schwierigen Lös- 
% der Verwachsungen mit 
• Hand gelang die Ent- 
tlung. Unterbindung des 
eles in drei Portionen. 
ine Zufälle bei der Ope- 
ion. 


Colloid-Cystoid 
des rechten Ova- 
riums , 11 Ffund 
schwer. 


Tod 6 Stunden 
nach der Operation 
durch Verblutung 




Deutsche 

Klinik. 

1852. 

Seite 360. 


Bauchschnitt 2i/ 2 Zolllang. 
B Lösung der Adhäsion 
?serst schwierig. BeimHer- 
ziehen des Sackes folgte 
• verwachsene Dünndarm. 
Icher mit grosser Mühe 
bräparirt wurde. Unter- 
nduug en masse. 


Cystosarcora ; eine 
raanuskopfgrosse 
n. mehre kleinere 
Cysten. dieGrund- 
Substanz von der 
Struktur des Carci- 
noma cellulare. 


Tod nach 24 
Stunden durch Er- 
schöpfung. 




Durch gütige Mittheilung des 
Herrn Professor Bardeleben. 
Siehe dio Dissertation von 
Jakob. Greifswalde, 1856. 


Bauchschnitt 5 Zoll lang. 
ine Zufälle bei der Ope- 
ion. Ligatur en masse. 
mähen des Stieles in den 
Kern Wundwinkel. 


Einfache Cyste. 


Bald nach der 
Operation begann 
Peritonitis, die bis 
zum Tode fortdau- 
erte. Am 6. Tage 
heftige doppelsei- 
tige Pleuritis mit 
hämorrhagischem 
Exsudate. Am 7. 
Tage Tod. Im Ab- 
domen 2 Schoppen 
Eiter. 




Durch 

gütige Mit- 
theilung d. 
Herrn Dr. 
Wild. 



126 














-i 


8 

»■ 

3 

N 

ii 

=r 


Operateur 

und Wohnort 

desselben. 


Alter 

der 

Kranken 


Dauer und Verlauf des Leidens und ZiMaml 
der Kranken vor der Operation. 


Adhäsionen 


1 


28. 


1852 


Scanzoni 

(Würzburg). 


33 

Jahr. 


Unverheirathet. Seit einem Jahr besteht 
das Leiden — Der Unterleib sehr stark 
ausgedehnt ; Ascites ; blasse Gesichtsfarbe. 
Aber kräftig gebaut, wenig abgemagert, 
und alle Functionen mit Ausnahme des 
Menstrualflusses geregelt. — 


Keine. 


1 
1 


29. 


1853 


Bruus 
(Tübingen). 


23 


Hatte geboren. — Geschwulst seit 1 J. 
bemerkt. Sehr schnelles Wachsthum der- 
selben. — Entstehung einer Bauchfistel. 
Die künstliche Erweiterung derselben und 
eine dadurch entstandene Eröffnung der 
Bauchhöhle heilten in kurzer Zeit. — 
Der Zustand der Kranken später wieder 
sehr peinlich. 


Viele, ab 
leicht tren 
bare.besondi 
mit der Baue 
wand. 


1 


3(X 


1854 


Koser 
(Marburg). 


41 
, 45 


Hatte mehrmals geboreu. — Angeblich 
2 jährige Dauer. In letzter Zeit schnelles 
Wachsthum. Sehr bedeutende Ausdehnug 
des Unterleibes ; Allgemeinbefinden sehr 
gut 5 kein Fieber. Prognose güustig. 


Wenig fade 
förmige. 




31. 


1856 


Janson 
(Frankfurt aM) 


Das Leideu besteht seit 2 Jahren. Schnel- 
les Wachsthum vou Kindskopfgrösse bis 
zur Ausfüllung des Bauches. Abendliches 
Fieber. 


Lose an 1 
ganzen vorde 
Bauchwaud. 




32. 


1856 


Schuh 
(Wien). 


24 


Das Leiden seit 3 Jahren. Zweimalige 
vorausgegangene Punction. Schnelles Wie- 
deransammeln der Flüssigkeit. Keine vor- 
hergegangenen Entzünduugszufälle. Die 
Patientin von zarter Constitution , aber 
gesund. 


Sehr star! 


.- 


Ben 


t\ hm 


g. So eben m 
lichem Ai 


ird mir 
jsgaug 


von Prof. Li n hart die mündliche M 
ausgeführt hat. Der Fall ist nicht veröff« 


ttheilung, \ 
;utlicht word 

1 








127 



sführuug der Operation und 
Zufälle bei derselben. 



Bescbaffenheit 

der 

Geschwulst. 



Zeit bis zum Tod 

und 

Todesursache. 



Besondere 
Bemerkungen. 



Literarische 
Quelle. 



Bauchschnitt 2 1 / 2 Zoll laug;j Mannskopfgrossej Bald eintretende 

Peritonitis. Tod 
nach 2 Tag. durch 
Peritonitis. 



: isste bis auf 7 Zoll ver-.Colloidgeschwulst 
gert werden. Leichte Ent- des linken Eier 



ckelung der nicht zu ent-jstocks mit dick- 
renden Geschwulst. — Der flüssigem Inhalte. 
el mehrmals durchstochen 10 Pfd. schwer. 

en masse unterbunden. 
e in der Unterleibshöhle 
findliche ascitische Flüs- 
keit mit Schwämmen auf- 
taucht. 



Bauchschnitt 4 Zoll lang. 

mlich leichte Entwicklung 
Geschwulst nach der 

nnung verschiedener Ver- 
eisungen. Isolirte Unter- 
idung der Gefässe des 
eis. Keine Zufälle bei 

nur 10 bis 15 Minuten 

ernden Operation. Sehr 
bedeutender Blutverlust. 



linken Eierstocks 
aus vier Cysten be- 



Geschwulst des! Sehr heftige Re- 
action. Tod nach 
4 Wochen durch 
Peritonitis. 



stehend, mit theils 
serösem.theils fett- 
igem Inhalte, der 
mit Haaren und 
Zähnen gemischt 
war. 



lauchschnitt 3 Zoll lang 

der linea alba. Der Stiel grossen und vielen 

rchstochen und nach 2 kleinenCvsten. Cy 

ten unterbunden. Keine stosarcom 

fälle bei der Operation 



Colloid mit einer Tod durch eiterige 
Peritonitis in der 
Beckengegend. 



Bauchschnitt 6 Zoll lang 
der linea alba. Durch- 
chung des Stieles und 
terbindung nach 2 Seiten. 
ine Zufälle bei der Ope- 
ion. 



Cystoid, 18 Pfd. 
schwer, mit honig- 
artiger Flüssigkeit 
gefüllt. 



3anchschnitt lang. Nach 
Eröffnung der Bauch- 
ile zeigten sich sehr starke 
rwachsungen, welche durch 
igehen mit der Hand ge- 
nt werden mussten. Li- 
ur en masse. Keine Zu- 
e bei der Operation. 
ir geringe Blutung. 



Cystoid des linken 
Ovariums aus drei 
Cysten bestehend, 
welche den ganzen 
Unterleib ausfüll- 
ten. 



Tod nach 5 Tagen 
durchErschöpfung 
bei profuser Diar- 
rhöe. 



Tod nach 3 Tagen 
durch Peritonitis. 



Auch der 
rechte Eier- 
stock enthielt 
einige cystoi- 
de Follikel. 



Auch im 
rechten Ova- 
rium war eine 
CystemitHaa- 
renu.Zähuen. 



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Durch 
gütige Mit 
theilung d 
Hm. Prof, 

Roser. 



Durch 

gütige Mit 

theilung d. 

Herrn Dr. 

Janson. 

Schmidt's 
Jahrbücher 
1856. 
Nro. 8 



i Prof. von Watt mann in Wien vor mehreren Jahren eine Ovariotomie mit tödt- 
are Details fehlen. Dr. Scanzoni. 






128 






2) Bei unvollendeter oder 








>• 


m 

er 

M 


Operateur 

und Wohnort 

desselben. 


Alter 

der 

kranken 


Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der kranken vor der Operation. 


Adhäsion« 




33. 


1826 


Martini 

(Lübeck). 


24 
Jahr. 


Seit 1 Jahr Anschwellung der rechten 
Seite des Unterleibes. Heftige Schmerzen ; 
abendliches Fieber. Dreimalige Punction ; 
einmal mit Liegenlassen einer Wicke län- 
gere Zeit hindurch. Der Kräftezustand 
vor der Operation gut. 


Starke mit d 
Becken. 


ii 


34. 


1828 


Aus Froriep's 
Notizen. 


48 


Innerhalb 6 Monaten war 5mal punktirt 
worden. 


Feste 

wachsungeo 




35. 


1838 


Dohlhoff 
(Magdeburg). 


27 


Eine Geschwulst so gross wie im 6. 
Monate der Schwangerschaft , besonders 
auf der linken Bauchseite. 


Feste mit d 
Netze, d. Mi 
darme, Ute 
etc. 


.. 


36. 


1841 


Haynv 

(Jungbunzlau). 






Sehr star 




37. 


1844 


Bühring 
(Berlin). 


54 


Hatte mehrmals geboren; Dauer des 
Leidens seit 6 Jahren ; sehr bedeutende 
Ausdehnung des Unterleibs ; heftigeSchmer- 
zen, bedeutende Verdauungsbeschwerden, 
Athemnoth, erschwerte Stuhl- und Urin- 
entleerung. 


Sehr stari 





129 



fgegebener Ocariotomie. 



sfihrnng der Operation und 
Zufälle bei derselben. 



Beschaffenheit 
der 

Geschwulst. 



Zeit bi< zum Tod D « r „„j-^ L 

Besondere Literarische 

und 

T^-„™h» Bemerkunsen. nelle - 
Tode>ur>acne. 



BauchscLnitt 9 Zoll lang. Entartung des Tod 36 Stunden Beid.Section Raff 
Geschwulst konnte we- linken Ovariums. nachderOperation erwiess sich. Magazin. 



der sehr starken Ver- 
ehrungen nicht entfernt 
den. selbst nicht als sie 
Tgeschnitten und entleert 
Der obere zugängige 
eil wurde abgetragen und 
blutenden Gefässe ein- 
n unterbunden. 



durch Peritonitis dass nicht das Band 27. 
und Nachblutang. rechte Ovar.. S. 436. 

wie diagnos- 

ticirt wurde. 

sondern das 

linkeerkrankt 

war. 



[ncision lang. Die Ope- 
on konnte der Verwachs- 
ren wegen nicht vollen- 
werden. 



Tod nach 5 Tagen. 



Kiwischs 
Tabelle. 



Jauchschnitt von 2 Zoll Faustgrosse Hyda- Tod nach 8 St. 
rhalb des Nabels bis zur diten. mit theils durchErschöpfong 
physe. Die Geschwulst weichen . theils 
2te sich so verwachsen, speckartigen Mas- 
s der Operateur von je- sen umgeben, auch 
a Extirpations- Versuche im Netze u. an der 
tand und die Bauchdecken Wirbelsäule ähn- 
der schloss. liehe Geschwülste. 



chVollendung des Bauch- Zusammenge- Tod am 4. 
nittes zeigte sich die Cyste setzteCyste mit ge- 
rall verwachsen, sie wurde latinösem Inhalte. 
4Zoll lang eingeschnitten 

eine beträchtliche Menge 

Inhalts entleert. Die 
tirpation konnte aberden- 

nicht vollendet werden. 



Tage 



auchsohnitt 5 Zoll lang. Cyste mit sehr di- Tod 12 Tage nach 
die Geschwulst uicht ex- cken. harten War.- d. Operatiou durch 
pirt werden konnte, wurde düngen u. Höhlen Verjauchung der 
eingeschnitten, das Flui- mit jauchigerFlüs- Cyste u.Eiterungs- 
3i entleert und partiell sigkeit gefüllt. rieber. 
•irpirt. Ausfüllung der 
te mit Charpie. 

coni's Beiträge III. 



Rusts 
Magaziu. 
Band 51. 

S. 77. 



Kiwisch's 
Referat in 

Canstatts 
Jahresber. 
von 1845. 



Bübring 
I. c. 





130 






• 




■ 






8 

=r 

n 

VI 

M 
g 


Operateur 

und Wohnort 

desselben. 


Aller 

der 

Krankei 


Dauer und Verlauf des Leidens und Y.ulam 
der kranken vor der Operation 


i 
Adhäsione 


1 




38. 


1844 


Buhribg 

(Berlin). 


22 
Jahr. 


Hatte mehrmals geboren ; das Leiden 
bestand seit mehreren Jahren ; sehr bedeu- 
tende Ausdehnung des Unterleibs ; Be- 
schwerden bei der Harnentleerung, öfteres 
Krbrechen , Athemnoth . ödematöse An- 
schwellung der Brüste, heftiges Fieber. 


Sehr sta 


1 

1 

. 

1 
1 

I 




B9. 


1850 


Kiwi seh 
(WQrzburg). 


45 
24 
24 


Die Geschwulst bestand länger als ein 
Jahr. Sehr bedeutende Ausdehnung des 
Unterleibes. Function. Schnelle Regene- 
ration der Flüssigkeit. Die Kranke sehr 
heruntergekommen. 


Verwachso 
gen mit Ne 
Colon und M 
gen. 

1 




to. 


1853 


v. Rothmund 
(München). 


\ 

Fnverheirathet. — Das Uebel seit 2 
Jahren bemerkbar. — Constitution sehr 
blüheud. Einmalige vorhergegangene Func- 
tion. Schnelle Wiederansammlung der 
Flüssigkeit. — 


Viele n, 
starke Vi 
wachsungeif] 
Gefässverbiß 
ungen. 


1 

r 

I 




11. 


1853 


v. Siebold 
(Darmstadt). 


Hatte geboren. — Das Leiden seit 1 f 2 
Jahren. Bedeutende Ausdehnung des Unter- 
leibes. Schmerzen im Leibe ; Verdauungs- 
nnd Atembeschwerden. Abmagerung, aber 
doch guter Kräftezustand. 


Sehr stari] 


X 

p 

h 
m 

: ° 

kl 



131 



»fübrung der Operation und 
Zufalle bei derselben. 



Beschaffenheit 

der 
Geschwulst. 



Zeit bis zum Tod 

und 

Todesursache. 



Besondere Literarische 
Bciucrkunsen. Quelle. 



Wie im vorhergehenden Cyste 
le wurde bei deD bedeu- festen 
den Verwachsungen d. In- gen 
on und partielle Excision 

Geschwulst ausgeführt. 

ih möglichster Verkleiner- 

derselben wurde sie 

Charpie ausgefüllt. 



,auge Incisiou. Nach, der 
wicklung der entleerten 



mit sphrl Tod 3 Wochen 
"Wandun- Dach derOperation 
durch Verjauchung 
der Cyste und Ei- 
terungsfieber. 



Bühring 
1. c. 



ten Ovariums mit 



ichwulst wurden die vorher meh 



1 Tod 23 Stunden 
nach derOperation 
rereu grosse- durch Peritonitis> 
ht erkannten \ erwachs- ren, mit dunkler 
*en mit Finger und Mes- 
getrennt. Die Geschwulst 
at ganz vollständig ent- 
lt. Die Gefässe einzeln 
erbunden. 



Flüsssigkeit ge- 
füllten Cysten. 



ausschnitt 5 Zoll lang. Linkseit. Ova-jTod durch Peri- 
der Operation. besonders.rien-Cystoid von'tonitis am 6. Tage 
der Trennung der ^ er-jder Grösse eines nach d. Operation. 

hsungen eine sehr starke im achten Monat 

rielleßlutung.Der grossen! schwangeren Ute-| 

imie u. d. Verwachsungen rus. 

:en wurde d Cyste ineidirt 



. von der 
estanden. 



Exstirpation 



.anger Bauchschnitt in Cystoid ; eine 
linea alba. Die Ge- grosse den Unter- 
malst ist 6ehr fest ver- leib ausfüllende 
hsen. Trennung meh- und mehrere klei 
>r Adhäsionen mit dem nere Cysten, 
ger und Messerstiel. Da 
Operation der Verwachs- 
en wegen nicht vollen- 

werden konnte . wurde 

Geschwulst partiell ex- 
pirt und der Wundrand 
Geschwulst mit den Rän- 
der Bauchwunde ver- 



Tod nach 36 St 
durch Peritonitis 



C: 

er 
^3 



OD 

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» Sä" 



Durch 
gütige Mit 
theilung d. 
Herrn Prof. 
von Roth- 
mund. 



Durch 
gütige Mit- 
theilung d. 
Hrn. Stabs- 
arztes Dr. 
v. Siebold. 



132 



Operateur 


Alter > 


und Wohnort 


der 


desselben. 


kranken 



Dauer und Verlauf des Leidens und Zustand 
der Kranken vor der Operation. 



Adhäsionen 



42. 



43. 



1855 



.856 



Wernher 

(Giessen). 



N. N. 
(C. in Sachsen) 



Jahr. 



Unverheirathet. Seit 2 Jahren bestehtl Sehr 
|das Leiden. Unbedeutende Schmerzen, tende. 
/, Jahr vor der Operation Punction und 
Kntleerunp erweichter Colloid- Massen, 
chnelle "Wiederanfüllung der Cyste. — 
Bleiche Farbe; sehr auiimisch ; bedeutende 
Verdauungsbeschwerden ; grosse Athem- 
noth. 



30 



Vorhergehende ömalige Punctionen. 



Sehr st« 



Anmerkung: Ki wisch hat den Verlauf und den Ausgang von Hayny's Operation 1 
schieden sind. 



3) Bei falsö 



44. 1852 



N. N. 



36 



Harte Geschwulst im Leibe ; starke Aus- 
dehnung des Unterleibes durch gleichzei- 
tigen Ascites. 



133 



fübrung der Operation und 
1 Zufälle bei derselben. 


Beschaffenheit 

der 
Geschwulst. 


Zeit bis zum Tod 

und 

Todesursache. 


Besondere 
Bemerkungen. 


Literarische 
Quelle. 


\leiner Bauchschnitt in 
lioea alba. Entleerung der 
»te mit dem Trocar. Es 
gten sich so bedeutende 
rwacbsuogen , dass die 
eratiou nicht vollendet 
■den konnte. Die Trocar- 
>h« wurden mit Ligatu- 
geschlossen und die 
uchwunde vereinigt. 


Cystoid ; eine 
sehr grosse und 
zahlreiche kleinere 
Cysten. 


Tod am 3. Tage 
durch Peritonitis 
und Erschöpfuug. 




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3auchschnitt vom Nabel 
zur Symphyse. Partielle 
cision. Keine Zufälle bei 
■ Operation. 


Cystenconvolut. 


Tod nach 7 Tagen 
durch Peritonitis. 




Durch 
gütige Mit- 
theilung d. 
Hrn. Me'di- 
cinalrathes 
Dr. Küchen 
meister. 



nso angegeben, wie bei dessen früher angeführter Operation , obgleich beide sehr ver- 



ignose. 



Bauchschnitt in der linea! Krebsig« Ge- Tod nach 3 Tagen 
*a. Nach Eröffnung der schwulst d. Uterus. 

chhöhle und Entleerung 
! ascitischen Flüssigkeit 
d sich, dass die Geschwulst 
e mit dem Uterus zu- 
imenhängende Krebsge- 
wulst war. Die Bauchhohle 
rde geschlossen. 



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134 



C. Operationen, von welchen die Kranken genasen, aber nur vorü 

Le 

1) Bei ganz oder theilw 



'■; 





e— 


Operateur 


m 




und 


•i 


M 






N 

M 


Wohnort 






desselben. 



2. 



1851 



1850 



Alter 

der 

Kranken 



Martin 
(Jeua). 



Küchen- 
meister u. 
Steinert 
(Zittau). 



32 

Jahr. 



36 



Dauer und Verlauf des 

Leidens und 'Anstand 

der Kranken vor der 

Operation. 



Ad- 
häsionen ? 



Ausführung; der Operation 
Zufälle bei derselben. 



Hatte mehrmals ge- 
boren. — Das Leiden 
seit 9 Monaten. Ein- 
malige Function und 
Entleerung von 9V2 s 
erweichter mit Blut 
gemischter Colloid- 
masse. RascheWieder- 
anfülluug der entleer- 
ten Cyste. — Allge- 
meinbefinden unge- 
stört; alle Functionen 
geregelt. 



Das Leiden seit 5 
Jahren. Der Zustaud 
der Kranken war sehr 
lästig, aber derKräfte- 
zustand noch gut. 



Keine. 



Mit Colon 
trans- 
versum. 



Rauchschnitt 3 Zoll 1 
Ligatur des dünnen Stii 
isolirt und en masse. Lei 
Entwicklung der Geschwil] 
nach deren Entleerung. Sti 
in die Bauchwunde ei 
näht, das Bauchfell n: 
mit in die Nähte gefasst 



3 



Bauchschnitt 3 Zoll lai 
in der linea alba. Keine Z 
fälle bei der Operation. D 
Sack wurde hervorgezogi 
und die Verwachsungen mfi, 
liehst gelöst, was jedoch nie 
gelang. L>er leere Sack, s< 
weit es sich thun Hess, $1 
getragen , die Runder 
stocheu und die Fadenend 
nach aussen geführt. 



2) Nach ganz aufgegebener Ovarioto» 



1838 



Dietzen- 
bach 
(Berlin). 



44 



Verheirathet. Die 
Geschwulst seit 8— 12 
Jahren. Eine harte sehr 
umfangreiche aber be- 
wegliche Geschwulst, 
welche besonders die 
Nabelgegend hervor- 
trieb. Viele Beschwer- 
den. •— Die Frau je- 
doch sonst gesund u. 
kräftig ; ihr Aussehen 
blühend. 



Sehr 
starke. 



Nach dem Eingehen 
der Hand in den lang 
Bauchschnitt fand sich 
ganze umfaugi eiche Basis d 
Geschwulst so verwachs« 
dass von der Operation abg 
standen werden musste. I 
der Punction der Geschwo 
eine stärkere Blutung, wek 
durch Verstopfen mit Prts 
schwamm gestillt wurde, 



135 



lenden, zweifelhaften oder gar keinen Nutzen für Gesundheit und 
itten. 

lendcter Ovariotomie. 



äeschafTciiheit ; Reaetionscrschein- 
der jungen und Zeit bis 

Geschwulst. znr Genesung. 



Späteres Befinden. 



Besondere 
Bemerkungen. 



Literarische 
Quelle. 



olloid-Cvstoid Geringe Reaction 



linken Eier- 



cks. 



sse. deu gan- 
Unterleib aus- 
ende Cvste. 



Heilung in 24 Tg. 
Tod nach acht 
Monaten durch re- 
cidivirendeKrebs- 
bildung. 



Patientin starb acht Martin selbst bringt 1 Martin 
Monat nach der Opera- die späteren Krebsab- (a. a. 0.). 
tion an Krebsbildung lagerungen mit dem 
in Pancreas . Lymph- entfernten Eierstocks- 
drüsen und Lungen, colloid in Verbind- 
nachdem sie sich 4 M. ung (s. a. a. 0. S. 18). 
lang vollkommen ge- 
sund gefühlt hatte. 



Nach 12 Wochenj Nach 20 Wochen 
wurde die Kranke war d.Erau noch ziem- 
ziemlich wohl ent- lieh munter gefunden 
lassen. Nack a / 4 J. worden, 
starb sie an Peri- 
tonitis, nach dem 
Platzen einer se- 
cund.ir wieder ge- 
wachsenen Cvste. 



Die Patientin wollte 
sich nicht zur Ent- 
fernung der seeuudär 
gewachsenen Cyste 
durch eine 2. Opera 
tion eutschliessen. 



Durch 
gütige Mit- 
teilung d. 
Hrn.Me.ii- 
cinalrathes 
Dr. Küchen 
meister. 



zu starken Vericaehsungen. 



arte sehr um-l Sehr heftige 
»reiche Ge- Reaction. Incar- 
nlst. cerationserschein- 

nngen ; dann hek- 
tisches Eieber mit 
bedeutender Jau- 
che-Absonderung. 
Endliche Heilung 
der Wunde. Die 
Geschwulst blieb 
im Leibe. 



Unbekannt. 



Dieffenbach hatte Rust's 
wegen der Beweglich- Magazin, 
keit der Geschwulst Bd. 25. 
nicht an stärkere Ver- Seite 349 
wachsungen gedacht. 






136 



Operateur 

und 
Wohnort 
desselben. 



Alter 

der 

kranken 



Dauer und Verlauf des 
Leidens und 'Anhand Ad- Ausführung der Operation 
der Kranken vor den häsionen ? Zufälle bei derselben 

Operation. 



1850 



Kiwisch 
Würzburg. 



36 



Das Leiden bestand 
seit lVz J- Schnelles 
Wachsthum der Ge- 
schwulst bis zum Um- 
fange eines im achten 
Monate schwangeren 
Uterus, Kreuzschmerz, 
Dyspnö. Die Kranke 
sehr ergriffen. Ab- 
magerung. 



Sehr 
starke. 



Bauchschnitt 3 V 2 Zoll 1 
Mit der Sonde fand ma 
Geschwulst überall so 
verwachsen , dass an 
Exstirpation nicht ged 
werden konnte. Die Bai 
wunde wurde wieder f 
einigt. 



3) Bei falsa 



1838 



Dohlhoff 
(Magde- 
burg.) 



•23 



Krankheitssyraptome 
waren : Retentio uri- 
nae nach "Wechselfle- 
ber, Schmerzen in der 

Unterbaucbgegend, 
Verstopfung, Hervor- 
treibung des Nabels. 
Es schien sich eine 
Geschwulst nach oben 
zu bilden, die fühlbar 
war. Das Allgemein 
befinden gut. 



I 



Bauchschnitt 5 Zoll 
Es fand sich keine 
einer Geschwulst. Die Bai 
wunde wieder geschloM 



137 



Beschaffenheit 

der 

Geschwulst. 



Reactionserschein- 

ungcn und Zeit his Späteres Befinden, 
zur Gencsunsr. 



Besondere 
Bemerkungen. 



Literarische 
Quelle. 



Cysto>arcom des Keine Keaction. Die Kranke starb Die Geschwulst sass' Ulsamer 
inken Ovariums. die Wunde ver- 4 Monate nach dem am linkeu Eierstucke, (a. a. 0. 
heilte schnell. Operations- Versuche obgleich man eine 
durch Zunahme ihres rechts sitzende diag- 
Uebels und nach zwei- nosticirt hatte, 
maliger Punctiuu. 



liagnose. 



Die Wunde heilte,| Die nach der Ope- 
obgleich sehr stür- ration eine Zeit lang 
mische Erschein- gehobenen Beschwer- 
ungen auftraten, deu kehrten nach eini- 
gen Wochen in ihrer 
früheren St.irke zu- 
rück. — 



Rust's 
Magazin 
Bd. 51. 



Scanzoni's Beiträge III. 



10 



138 



Nachtrag.*) 

Die vorstellende Tabelle habe ich durch folgende 
nachträglichen Bemerkungen 
zu berichtigen und zu ergänzen: 

Nr. 1. In der Rubrik der „Operationen mit Aus- 
gang in radikale Heilung" ist der Fall von Ehrhart- 
stein, welchen ich nach Ki wisch 's Tabelle anführte, ein 
nicht verbürgter und schon Crull hatte denselben in seiner 
Tabelle gestrichen (s. Crull, Therapie der Eierstocks- 
wassersucht, Rostock 1848, An merk, zur Tabelle). Ich 
führte diesen Fall in meiner Tabelle an , weil ich immer 
noch hoffte, nähere Nachrichten darüber zu erhalten. Meine 
Bemühungen waren jedoch ohne Erfolg. 

Nr. 2. In derselben Rubrik ist bei dem Falle von 
Quittenbaum angeführt, „dass die Operirte später ein 
gesundes Kind geboren habe". Diese Bemerkung steht 
nicht in Carl Friedrich Quittenbaums Schrift: „Com- 
mentatio de ovarii hypertrophia et historia exstirpationis 
ovarii hypertrophici &c, Rostock 1835," sondern ich hatte 
sie nach der bestimmten Versicherung eines Collegen nieder- 
geschrieben. In der später erhaltenen Dissertation von 
Alexander Friedrich Qui ttenbaum „Eierstockskrank- 
heiten u. s. w., Rostock 1850% fand ich jedoch, dass 
C. F. Quittenbaum 2 Ovariotomieen gemacht hatte. Der 
erste Fall ist der in voranstehender Tabelle angeführte 
vom 18. November 1834. Die operirte Frau gebar aber 
nicht ein gesundes Kind, sondern, wie in der erwähnten 



*) Der vorstellende Aufsatz des Herrn Dr. Simon war bereits 
im Drucke vollendet , als er uns diesen Nachtrag noch zur Vervoll- 
ständigung desselben zustellte. D. Red. 



139 

Dissertation von Crull angeführt ist, giebt Sachse an, 
„dass nach kurzer Zeit der Leib der Operirten wieder an- 
schwoll und dass sie nach 8 Wochen eine Leiche war." 
Dieser Angabe widerspricht C. F. Quitten baurn im Jahre 
1850, auf pag. 21 der Dissertation seines Sohnes Alex. 
Fr. Quittenbaura, indem er sagt, „dass die betreffende 
Frau erst im Frühjahr (also -j — \ Jahr) nach der Operation 
an einer Erkältung gestorben, und dass der Leib nicht ge- 
schwollen gewesen sei." Nähere Notizen und ein Sektions- 
befund fehlen jedoch. — Im Jahre 1842 führte Carl 
Friedrich Quittenbaum eine zweite Ovariotomie aus. 
Nach dieser Operation genass die Fat. vollständig, sie ge- 
bar ein gesundes Kind und wurde noch viele Jahre hin- 
durch in bester Gesundheit beobachtet. Der Fall betraf 
eine 36jährige Frau, deren Leiden von 5 Jahren her da- 
tirle. Der Unterleib war stark ausgedehnt, die Flüssigkeit 
regenerirte sich sehr schnell nach einer Punction, welche 
2 Monate vor der Operation vorgenommen worden war. 
Die Beschwerden der Patientin waren beträchtlich , das 
Gehen, selbst das Sitzen fiel ihr schwer. Zur Entfernung 
der Geschwulst wurde die Bauchhöhle in der Länge von 
14 Zollen geöffnet. Die Geschwulst war sehr stark und 
innig mit der Vorderwand des Bauches, dem Zwerchfelle, 
dem Magen u. s. w. verwachsen. Sie wurde entleert und 
nach mühsamer Trennung der Verwachsungen hervorge- 
zogen. Der Stiel wurde en masse unterbunden. Während 
der Operation traten keine schlimmen Zufälle ein und der 
Blutverlust war ein unbedeutender. Die Bauchhöhle wurde 
mit 17 Nähten geschlossen. Die Reactionserscheinungen 
nach der Operation waren gering und etwa 2 Monate nach 
derselben reiste die Frau gesund in ihre Heimath zurück. 
Die Geschwulst war ein Cystoid des rechten Eierstocks. — Von 
Quittenbaum haben wir daher 2 Operationen, von denen die 
erste, des bald eingetretenen Todes und der zweifelhaften 
Todesursache wegen wohl unter die Rubrik., der mit zweifel- 

10* 



140 

haftem oder nur vorübergehendem Nutzen ausgeführten 
Operationen" zu setzen ist, die zweite aber unter die der 
„radikalen Heilungen" gehört. 

Nr. 3. In der erwähnten Dissertation von Alex. Fr. 
Quitten bäum wird ferner angeführt (pag. 27), dass die 
Doctoren Gersonund Müller aus Hamburg und ein dritter 
Arzt in der Nähe von Hamburg verschiedene Ovariotomieen, 
aber alle mit unglücklichem Erfolge gemacht hätten. Ich 
hübe mich vielfach darnach erkundigt, aber nichts Näheres 
erfahren können. — 

Nr. 4. Durch die Güte des Hrn. Prof. Strempel in 
Rostock erhielt ich nachträglich Notizen über 2 Ovarioto- 
mieen, welche in der Dissertation von A. Müller: „Drei 
Fälle von Hydrops ovarii, Rostock 1857" veröffentlicht 
wurden. — Die erste dieser Operationen wurde 1850 von 
Prof. Krauel bei einer 27jährigen Frau mit glücklichem 
Erfolge ausgeführt. Die Frau hatte mehr als 2 Jahre an 
der Geschwulst gelitten. Zwei Monate vor der Operation 
war sie punktirt worden, die Flüssigkeit hatte sich aber 
sehr schnell regenerirt. Der Unterleib war stark ausge- 
dehnt, Oedem der Füsse und der Bauchdecken war einge- 
treten. Die Geschwulst wurde durch einen 10 Zoll langen 
Schnitt in der Linea alba entfernt. Sie war nirgends ange- 
wachsen und nach der Entleerung ihres flüssigen Inhaltes 
leicht aus der Unterleibshöhle zu ziehen. Sie bestand aus 
2 grossen Cysten und war eine Degeneration des rechten 
Ovariums. Der Stiel wurde en masse unterbunden. An- 
fangs waren die Keactionserscheinungen ziemlich bedeutend, 
aber nichts desto weniger konnte die Patientin nach sechs 
Wochen gesund entlassen werden. Der Gesundheitszustand 
derselben ist noch jetzt (nach 7 Jahren) vortrefflich. — 
Die 2. Ovariotomie wurde von Strempel im Jahre 1852 
an einer 40jührigen Frau ausgeführt. Das Uebel bestand 
seit mehr als 2 Jahren. Der Ernährungszustand war schlecht, 



141 

der Appetit gering. Der Unterleib war sehr bedeutend aus- 
gedehnt, die Füsse üdematiis angeschwollen. Die Schmerzen 
periodisch von stärkerer Intensität. Eine Punction brachte 
nur vorübergehende Erleichterung; die Flüssigkeit sammelte 
sich sehr schnell wieder an. Die Exstirpation wurde durch 
einen 4 Zoll langen Schnitt durch die Bauchdecken ausge- 
führt. Die Geschwulst war an 2 Stellen verwachsen. Die 
Verwachsungen mussten mit dem Messer getrennt werden ; 
sie waren sehr gefässreich und bluteten stark. Der Stiel 
wurde durchstochen und nach 2 Seiten hin unterbunden. 
18 Stunden nach der Operation trat der Tod durch Nach- 
blutung und Peritonitis ein. Die Geschwulst war ein Cys- 
toid mit carcinomatösen Wucherungen ; der Inhalt verhielt 
sich wie verflüssigte durch verändertes Blutpigmeut bräun- 
lich gefärbte Colloidmasse. — 

Xachtriisliche Berechnung: der Resultate. 

Die nach der Tabelle von 61 Operationen auf pag. 107 
gegebene procentische Berechnung der verschiedenen Resul- 
tate dürfte durch die nachträglich gebrachten Fälle nicht 
sehr verändert werden, wenn wir nur die hinlänglich con- 
statirten Falle mitzählen lassen. Denn wenn wir die nicht 
verbürgte Ovariotomie von Ehrhartstein ganz weg- 
lassen und die erste Operation Qui t tenb aum's vom Jahre 
1834 unter dieOperationen -mit z w e ifelh aftem Xu tze n" 
bringen, so bleibt die Anzahl der in der Tabelle angege- 
benen radikalen Heilungen unverändert. Wir haben 
nämlich für diesen Ausfall von 2 Fällen, 2 andere Fälle 
und zwar Q uittenb aum's zweite Operation undKrauel's 
Ovariotomie. Die Operationen „mit zweifelhaftem 
Xutzen" raüssten um den ersten Qui t tenb au m 'sehen Fall 
vermehrt werden und zu den Operationen ^mit Ausgang 
in Tod" müssten die von Scanzoni angeführte Watt- 
mann'sche (s. pag. 126) und die von Strempel gerechnet 



142 

werden. — Die übrigen in Anmerk. 3. angeführten Operationen 
mit tödtlichem Ausgange sind eben so wenig wie der Fall 
von Eh rh artstein hinlänglich verbürgt und können dess- 
lialh nicht mitzählen. 

So hatten wir bei G4 theils versuchten , theils ausge- 
führten Ovariotomieen 12 radikale Heilungen, 46 Opera- 
tionen mit tödtlichem Ausgange und 6 Operationen mit 
zweifelhaftem, vorübergehendem, oder ganz ohne Nutzen. 



IV. 
Aus der Praxis 

des Dr. F. HOLST in Dorpat. 
1. Einiges über die Knickungen des Uterus. 

Die folgenden kurzen Mittheilungen waren schon im 
Sommer 1854 niedergeschrieben, und habe ich jetzt nach 
Verlauf von bald drei Jahren nichts daran zu ändern ge- 
habt, was irgend von Bedeutung gewesen wäre, indem ich in 
dieser Zeit meine Ansichten in Bezug auf das fragliche Uebel 
in keiner Weise geändert habe ,. trotzdem , dass manche 
Beobachtung hinzukam. "Wenn ich das von mir Beobach- 
tete hier in aller Kürze mittheile, so forderte mich dazu 
auf: einerseits die grosse Meinungsverschiedenheit die unter 
den Aerzten besonders in Bezug auf die Behandlung der 
Knickungen herrscht, andererseits die nicht unbedeutende 
Zahl von Beobachtungen (es sind 26 Fälle) die ich zu 
machen Gelegenheit hatte, und dass ich meinte , in Bezug 
auf die Behandlung zu einem Abschluss gekommen zu sein. 
Ich brauche wohl nicht erst hinzuzufügen, dass es nur meine 
Absicht ist, über einzelne Punkte kurze Notizen zu geben. 
Ist ja doch durch Scanzoni's ausführliche Arbeit, mit dein 
ich, soweit ich Gelegenheit hatte, die Krankheit zu beob- 
achten , vollkommeu übereinstimme, ein weiteres Eingehen 
ganz unnütz gemacht. Wenn ich nun aber trotzdem 
manches von Scanzoni Gesagte berühre und wiederholen 
werde, so darf und muss ich ausdrücklich hinzufügen, dass 



144 

dies, was i cli sage, auf eigener selbständiger Beobachtung 
und Erfahrung beruht, ohne irgend welche fremde Einwirk- 
ung und dass sich nieine Ansichten ganz so gestaltet hatten, 
'ange bevor mir die Arbeit 8 c a n z o n i's zu Gesicht kam, 
bei deren Durchlesen ich die grosse Freude hatte zu sehen, 
wie ich so ganz zu denselben Resultaten gekommen war. 
Diese Selbständigkeit meiner Erfahrung ist es ganz allein, 
was den folgenden wenigen Seiten einigen Werth verleihen 
wird, mag nun der Leser damit übereinstimmen oder nicht. 
Was das Vorkommen betrifft, so rcuss ich nach 
meinen Beobachtungen die obige Formveränderung bei uns 
für das häufigste Gebärmutterleiden halten, das in die Be- 
handlung kommt. Selbst die an andern Orten so häufig 
vorkommenden Erosionen und Geschwürsbildungen an der 
Vaginalportion habe ich seltener beobachtet. Allerdings 
muss ich hinzufügen , dass ich über das Vorkommen der 
letztern mich nicht so entschieden aussprechen kann , da 
meine Bobachtungen alle der Privatpraxis entnommen sind, 
in er ich allerdings, wo nur der geringste Verdacht von 
Uterusleidcn da war, stets mit Finger und Sonde genau 
untersuchte, was aber mit dem Speculum selten geschehen 
ist, wozu ich auch sehr selten Aufforderung hatte. Wenn 
die Knickungen von Jemand noch als seltene Krank- 
heit bezeichnet worden, so darf man da gewiss nicht an 
lokale Verhäftnisse in Bezug auf Verbreitung der Knick- 
ungen denken; es darf vielmehr mit Recht angenommen 
werden, dass nicht häufig genug untersucht wurde, und 
dass man nicht zu untersuchen verstand. Ferner habe 
ich die Knickungen nach vorn viel häufiger gefunden als 
die nach hinten, so zwar, dass ich auf vier der erstem 
eine der letztern rechne, was aus der Stellung des Uterus 
im Becken und der Bildung der Nachbartheile leicht er- 
klärlich ist. Die Bildung dieser letztern macht es auch 
erklärlich, warum die Knickungen nach hinten einen so 
viel bedeutenderen Grad erreichen. Und zwar findet der 



145 

Fundus uteri hinten so viel Raum, dass ich ihn in gleicher 
Höhe mit der Vaginalportion, selbst tiefer stehend fand. 

Das Allgemeinbefinden betreffend, war dasselbe 
fast ohne Ausnahme mehr oder weniger gestört. Nur zwei 
Frauen waren in der That ganz gesund. Bei diesen zeigten 
sich nicht nur keine lokalen subjektiven Erscheinungen 
krankhafter Art, sondern sie hatten auch sonst gar keine 
Beschwerden und ein wiederholtes genaues Examen ver- 
mochte nichts der Alt zu ermitteln. Sie boten beide das 
Bild einer ungetrübten blühenden Gesundheit dar. Beide 
waren kinderlos und das war die Ursache, warum eine 
Untersuchung vorgenommen wurde. Bei allen übrigen 
Frauen ohne Ausnahme zeigten sich einerseits chlorotische 
Erscheinungen, oft schon aus der Hautfarbe, Palpitationeu, 
Athembeklemmungen etc. erkennbar ; oft fehlten diese Er- 
scheinungen und erst die Untersuchung mit dem Hörrohr 
gab Aufschluss über den Zustand der Blutmischung. Es 
versteht sich, dass in manchen dieser Fälle, die den Chlo- 
rotischen so oft eigene gedrückte und wechselnde Ge- 
müthsstimmung nicht fehlte. Ebenso zeigten sich als Com- 
plikation andererseits die so oft mit Uterusleiden verbun- 
denen sogenannten hysterischen Ercheinungen. Diese letzte- 
ren Frauen boten nicht selten das Bild frischer blühender Ge- 
sundheit , während andere von elendem Aussehen waren. 
Ich habe mir zum öftern die Frage vorgelegt: warum in 
dem einen Fall hysterische in dem andern chlorotische Er- 
scheinungen als Complikation beobachtet werden V ohne 
darauf eine genügende Antwort geben zu können. Fast 
ohne Ausnahme fand ich, dass ältere Frauen hysterische, 
jüngere chlorotische Erscheinungen darboten. Bei mehreren 
von den jungen Frauen führte das Examen entschieden 
zu der Annahme, dass das Leiden schon vor der Verhci- 
rathung entstanden , und auch zu jener Zeit die Kranke 
schon chlorotisch war. Es liegt auf der Hand, dass die 
Verheirathung nichts dazu beitragen konnte, das lokale 



146 

Leiden zu bessern, vielmehr es verschlimmern musste ; dass 
aber die Chlorose fortdauerte, ist verständlich, wenn man 
bedenkt, wie häufig sich zu gestörter Utcrusfunction chlo- 
rotische Ercheinungen hinzugesellen ; ich erinnere nur 
kurz an die Fälle, wo in Folge heftiger Endometritis im 
Wochenbett die Absonderung des Menstrualblutes gänzlich 
aufhörte, an die rudimentären Ausbildungen und den Mangel 
des Uterus etc. Dieselbe Entstehung hat die Chlorose, wenn 
die Knickung später sich ausbildete, bei noch gesunder 
Blutmischung, wie es ja solche Fälle gibt, wo die Entsteh- 
ung der chlorotischen Erscheinungen in späterem Verlaufe 
des ursprünglichen Leidens sich entschieden nachweisen 
lässt. AVir dürfen hier in den seltensten Fällen den oft 
starken Blutverlust emen Antheil zuschreiben , schon aus 
dem einfachen Grunde, weil sie in vielen von den fraglichen 
Fällen nie da waren. Jüngere Frauen, die neben der 
Knickung entschiedene hysterische Erscheinungen darge- 
boten hätten, habe ich nicht beobachtet, auch war die 
Hysterie bei älteren Frauen dieser Art nie in einem sehr 
entwickelten Grade vorhanden, und möchte ich fast glau- 
ben, dass in unsern Fällen die Chlorose der jüngeren Jahre 
in den späteren Jahren in Hysterie übergeht, wenn die 
häufigen Schmerzen , die GemüthsafTektion, die Sorge und 
Sehnsucht nach Nachkommenschaft, der krankhafte Zustand 
überhaupt, schon das Bewusstsein eine Krankheit mit sich 
herumzutragen und die damit verbundene Angst und Sorge, 
nehmen wir noch hinzu eine fehlerhafte Blutmischung, wenn 
diese Einflüsse die Willenskraft, die Energie des ganzen 
Ncrvensystemes, Centrum wie Peripherie geschwächt haben, 
wozu denn noch hinzukommt der unerklärte Zusammenhang 
der Hysterie mit Erkrankungen des Genitalsystems ohne 
dass die Kranken selbst eine Ahnung oder Empfindung 
von dem Grundleiden haben. Ich habe hier nur noch zu 
erwähnen, dass hysterische und chlorotische Erscheinungen 
öfter zugleich und neben einander die Knickungen begleiten. 



147 

Die Untersuchung zeigt in vielen Fällen eine voll- 
kommene Erschlaffung des ganzen Genitalsystems; die Scheide 
ist grossfaltig, sondert viel Schleim ab, ist so schlaff, dass 
man jeden Knochenraud, jedes Band des Beckens, jede 
Hervorragung, die dem Finger zugänglich ist, so deutlich 
fühlt, als wäre das Becken skelettisirt; es sind die Fett- 
massen zwischen Mastdarm und Scheide und im Ausgange 
des Beckens zwischen den Aponeurosen gänzlich geschwun- 
den und man fühlt die Ränder der Aponeurosen und die 
von diesen gebildeten Ligamente so deutlich, dass man oft 
Anfangs gar nicht weiss, was man vor sich hat, so 
fremd ist für den ersten Augenblick das Ergebniss der 
Untersuchung. In so bedeutendem Grade findet man 
die Erschlaffung allerdings selten , vorhanden ist sie 
fast stets und fehlt uns selten ganz. Die Vaginalportion 
fühlt sich selten schlaff, weich, teigig an ; der Muttermund 
ist stets etwas offen, und es ist stets die der eingebogenen 
Seite entgegengesetzte Lippe etwas in die Höhe gezogen, 
indem die entsprechende Wand des Uterus durch die Knick- 
ung gedehnt und in die Höhe gezerrt wird. Die Höhle 
des Uterus fand ich stets verlängert, und zwar eine Ver- 
längerung von 3 — 20 Linien, letzteres nur in einem Falle, 
wo die Verlängerung eine ganz ungewöhnlich grosse war. 
Bei Knickungen nach hinten war die Verlängerung stets 
eine bedeutendere als bei der entgegengesetzten Formver- 
änderung. Beim Durchdringen der Sonde durch den innern 
Muttermund wurde stets etwas Schmerz empfunden, ebenso 
derselbe Schmerz bei etwas stärkerer Berührung der 
Knickungsstclle an der gedehnten Uterinwand. Das Auf- 
richten gelang jedesmal leicht, jedesmal hatte die Frau 
dabei eine unangenehme Empfindung, die öfter sogar als 
Schmerz bezeichnet wurde. In einem einzigen Falle war 
das Aufrichten und das Erhalten in der richtigen Stellung 
so unbequem, dass das Instrument sogleich entfernt werden 
musste. Einmal glaubte ich beim Aufrichten aus Zerrung 



148 

des Seheidengewölbes auf Anlöthung schliessen zu dürfen. 
Es war in diesem Fall vor ein paar Jahren eine Peritonitis 
überstanden worden. Ausserdem liess sich durch die Unter- 
suchung viermal leichte Anschoppung als Complikation 
nachweissen. Zweimal beobachtete ich als Complikation 
eine Heizung des Scheideneinganges , bemerkbar durch 
Röthung, stärkere Entwicklung der Schleimfollikel und 
Schmerzhaftigkeit bei der Berührung. 

Wenn wir nun die Entstehung dieses Leidens kurz 
betrachten, so liegt es auf der Hand, dass, damit eine Um- 
biegung geschehen könne, eine Vergrösserung oder Er- 
schlaffung des Uterus oder beides zugleich vorhanden sein 
muss. Beide Ursachen kommen vor und wirken oft zu- 
sammen. So beobachtet man häufig das Entstehen nach 
Wochenbetten, besonders Wochenbetten, wo frühzeitige oder 
todte Kinder geboren wurden und so eine gehörige Rück- 
bildung des Uterus durch das mangelnde Säugen gehindert 
oder verlangsamt wurde. Eine ähnliche Bewandniss hat es 
mit dem Abortus, nach welchem die Frauen glauben, keiner 
Schonung und Vorsicht mehr zu bedürfen. In andern 
Fällen wird eine Erschlaffung durch schlaffe Constitution 
überhaupt, durch chlorotische Blutmischung, lang dauernden 
Fluor albus bedingt. In allen diesen Fällen tritt dieUmbieg- 
ung gewiss kaum je plötzlich ein , es bildet sich vielmehr 
ganz allmählig die Verkrümmung heraus, oder es wird aus 
einer Retro- und Antevemo eine Retro- oder Anteflexio. In 
eine dritte Reihe von Ursachen gehören allgemeine und 
lokale Bauchfell- und Gebärmutterentzündungen , die den 
Uterus anlöthen und dadurch seine Funktion stören; es 
bildet sich eine Erschlaffung und so endlich eine Knick- 
ung aus. 

Das Wesen besteht demnach in einer durch Erschlaff- 
ung oder Vergrösserung vorbereiteten Knickung nach hinten 
oder vorn, die mit Ausnahme sehr seltener Fälle von Stör- 






149 

ungen im Allgemeinbefinden chlorotischer und hysterischer 
Art vorbereitet und begleitet sind. 

Nach allem diesem sollte man nun sehr bedeutende 
Störungen und vielfache beschwerliche krankhafte Erschein- 
ungen erwarten und doch ist dem nicht so. Dass gar 
keine Beschwerden da sind, ist im Ganzen selten und habe 
ich das nur zweimal beobachtet: häufiger schon beobachtete 
ich, dass ausser leichten chlorotischen und hysterischen 
Erscheinungen die Kranken sonst keine Gesundheitsstörung 
darboten. Selbst wenn Beschwerden da sind, ereignet es 
sich oft, dass die Kranken sich lieber mit ihrem Leiden 
herumtragen wollen, als sich einer lang dauernden Cur zu 
unterziehen ; und es ist mir besonders in der Zeit, wo ich 
solche Kranke noch mit den Knickungsinstrumenten glaubte 
behandeln zu müssen, öfter widerfahren, dass dieselben, 
nachdem ich ihnen Zeitdauer und Art der Behandlung aus- 
einandergesetzt hatte, eine solche ablehnten, noch bevor 
ich ihnen irgend etwas über die geringe Wahrscheinlichkeit 
eines günstigen Erfolgs der Behandlung mitgetheilt hatte. 
Zu erwähnen ist noch der grosse Wechsel in der Stärke 
der krankhaften Erscheinungen. Es wechseln bei ein und 
derselben Person die verschiedenen Erscheinungen, beson- 
ders die schmerzhaften Empfindungen in auffallendem Grade, 
ohne dass man nachweisen könnte, wie das zusammenhängt. 
So geht es oft Monate hindurch ganz s:ut und mit einem 
Male stellen sich recht bedeutende Beschwerden ein, ohne 
irgend eine nachweisbare Gelegenheitsursache. Mir hat es 
vielmehr so scheinen wollen , als sei hieran meistens eine 
Verschlimmerung des konstitutionellen Leidens , also die 
Blutmischung Schuld, die natürlich nicht ohne Einfluss auf 
das kranke Organ sein kann. Ich konnte wenigstens in 
diesen Fällen nie eine Veränderung im Uterus nachweisen. 
Aus allem vorhergegangenen geht nun wohl zur Genüge 
hervor, dass die einzelnen Krankheitsfälle nichts Constantes 
haben werden, das charakteristisch für sie wäre. 



150 

Das einzige Symptom, das ich während der ganzen 
Dauer der Krankheit stets fand, war die Kinderlosigkeit, 
und ich will hier schon kurz bemerken, dass in zwei von 
mir geheilten Fällen mit der Heilung Schwangerschaft 
eintrat und die Heilung eine bleibende war. Nächst der 
Unfruchtbarkeit sind die constantesten und den meisten 
Fällen gemeinsamen Erscheinungen die oben besprochenen 
hysterischen und chlorotischen Beschwerden. Erscheinungen, 
die ich ferner fast constant fand , waren Verdauungsstör- 
ungen : träge Verdauung, langsam und gestörte schwache 
Magen- und Darmverdauung, kurz Dyspepsie und Verstopf- 
ung in verschiedenen Graden und Formen. Man muss sich 
hüten, diese Erscheinungen für mechanische Wirkung des 
Unterinleidens zu halten , sie hängen vielmehr mit dem 
Allgemeinleiden zusammen. Urinbeschwerden, die man von 
vornherin sehr häufig erwarten möchte , und zwar in be- 
deutendem Grade, habeich wohl beobachtet; aber so selten 
und unbedeutend, dass nicht eine einzige Kranke freiwillig 
darüber gekiagt hätte, sondern erst auf meine Frage nach 
solchen Beschwerden , sehr selten zwar eine bejahende 
Antwort erfolgte. Uterinkoliken, schmerzhafte Empfindungen 
im Uterus sind ein ziemlich allgemeines Symptom, können 
aber auch ganz fehlen. Am häufigsten und stärksten be- 
obachtet man sie zur Zeit der Periode und öfters ganz in der 
Art und Heftigkeit von Wehen, so dass ich selbst schon 
bei Kranken, die ich zum ersten Mal gerade zu solch einer 
Zeit sah, in Versuchung war, einen Abortns zu vermuthen. 
Diese sehr heftigen Schmerzen rühren daher, dass sich über 
der eingeknickten Stelle eine grössere Menge Blut ansam- 
melt, die dann durch Zusammenziehungen herausgestossen 
wird. Eigentümlich ist es für diese Krankheit und beob- 
achtete ich sehr oft, dass, nachdem die Periode einige Tage 
gedauert hat, sie nach zwei Tagen aufhörte, worauf sich 
dann wieder auf einmal eine grössere Menge Blutes ergiesst, 
und der Blutabgang dann noch ein Paar Tage andauert. 






151 

Die Schmerzen beobachtet man entweder wahrend der 
ganzen Dauer der Periode oder sie sind nur im Anfange 
da und zeigen sich als eine Vermehrung der sonst den 
Eintritt der Menstruation begleitenden Empfindungen. Auch 
in der Zwischenzeit treten diese Schmerzen ein und halten 
oft Monate lang an, so dass die Kranken sich sehr schonen 
müssen, und mit jeder Bewegung und Anstrengung sehr 
vorsichtig sein müssen, um nicht die schon vorhandenen 
Schmerzen ncch zu steigern. Ich leite diese Schmerzen von 
der Zerrung des Uteringewebes her, weil ich eine Anschoppung 
kaum je finden konnte, vielmehr beobachtete, dass die Er- 
schlaffung in solchen Fällen zugenommen hatte und die Heble 
eine längere geworden war. Was nun das Nähere der Men- 
struation betrifft, so habe ich kaum zwei Frauen beobachtet, 
bei welchen sich dieselbe gleich verhalten hätte, und fand ich 
nicht eine einzige, bei der sie nicht Abweichungen dargeboten 
hätte. Bei einem Theil der Kranken ist die Blutung eine sehr 
reichliche, und hängt das entschieden nicht mit der Constitu- 
tion zusammen, sondern mehr mit dem Zustande des Genital- 
systems. Wenn nun auch Verstärkung zu den constan- 
testen Symptomen gehört, so habe ich dieselbe doch selten 
sehr bedeutend gesehen. Viel seltener beobachtete ich 
ein zu häufiges Eintreten und konnte sich dieses bei Per- 
sonen zeigen, bei denen durch Monate vorher die Menstrua- 
tion seltener kam oder ganz ausblieb. In anderen Fällen 
kam die Menstruation seltener, blieb auch wohl Monate 
lang ganz aus, so dass die Kranken sich schwanger wähn- 
ten, Zunahme der Brüste und des Bauches zu bemerken 
wähnten. Es waren das gerade nicht Frauen mit ausge- 
sprochenen chlorotischen Erscheinungen , wie man wohl 
meinen könnte , im Gegentheil. Bei so längerem Aus- 
bleiben waren die Schmerzen jedesmal bedeutend ver- 
mehrt und forderten die Frau in dieser ganzen Zeit des 
Ausbleibens zu äusserster Vorsicht auf. Eine sehr häufige 
Erscheinung ist Fluor albus, doch beoachtete ich ihn nur 



152 

in drei Fällen sehr stark, in allen übrigen Fällen war er 
ganz massig. 

Wenn nun meine kurze Beschreibung der krankhaften 
und schmerzhaften Empfindungen mir wenigstens darin von 
den Beschreibungen anderer Beobachter abzuweichen scheint, 
dass icli im Ganzen geringere Beschwerden beobachtete, 
so möchte ich zur Erklärung nur noch hinzufügen , dass 
meine Kranke, fast ohue Ausnahme, den höheren Ständen 
angehörten und meiner Privatpraxis entnommen sind , dass 
es also Frauen waren, die auf sich die gehörige Sorgfalt 
verwenden , die sich schonen konnten und bei denen 
bedeutende Anstrengungen nicht vorkommen , wo also 
verschlimmernde und verstärkende Einflüsse vermieden 
wurden, nnd so das Leiden auf einem niedern Grad er- 
halten wurde. 

Die Diagnose bietet keine Schwierigkeiten; man 
erkennt bei der Untersuchung durch Scheide und Mastdarm 
leicht die Knickung, und mit diesem Leiden stets Ante- 
oder Retroversio complicirt, so dass man nicht meinen darf, 
die Vaginalportion behalte bei Knickungen ihre normale 
Stellung. Bei sehr schlaffen Bauchdecken gelingt es, bei der 
Untersuchung durch Scheide und Rauchdecken den ganzen 
geknickten Uterus zu umfassen und seine Form ganz genau 
zu bestimmen. Daher hier mancherlei Täuschungen und 
Verwechslungen vorkommen könuen, und um schneller zum 
Ziel zu gelangen, habe ich von der Sonde jedesmal Ge- 
brauch gemacht. Durch die Sonde lässt sich das Organ 
aufrichten und in seine richtige Stellung bringen und hier- 
durch erkennt man, ob der vor oder hinter der Vaginal- 
portion liegende Theil der Uterusgrund ist, oder nicht; 
die Diagnose ist auf diese AVeise eine bequemere und 
sicherere. Ich brauche die Sonde bei jeder Untersuchung 
eines nicht schwangeren kranken Uterus , und habe noch 
nie nach ihrem Gebranch irgend eine unangenehme Folge 
gesehen , weder Blutungen noch Rcizungszustände des 






153 

Uterus irgend welcher Art. Natürlich muss die Sonde 
leicht, sanft und vorsichtig geführt werden, und besonders 
ist es gut, wenn das Instrument nicht hineindringen will, 
ihm eine andere Krümmung zu geben. Trotzdem gelingt 
aber das Einführen nicht immer leicht, und besonders bei 
sehr erschlafftem Uterus finden sich in der Höhle desselben 
eine Menge Falten, unter denen der Knopf der Sonde an- 
gehalten wird. Hier gelingt es oft mit einem Instrumente, 
das einen grösseren Knopf hat, viel leichter. Oder man 
zieht das Instrument ein wenig zurück und dringt wieder 
vorwärts. Olt scheint sich das Instrumeut selbst am besten 
den Weg zu suchen, wenn man nur das Gewicht desselben 
wirken lässt, während man es ruhig in seiner Lage erhält. 
Ich habe hier natürlich nicht von den Haupthandgriffen 
zur Durchdringung der schwierigsten Stelle , des innern 
Muttermundes gesprochen und wollte nur einige kleine 
praktische Handgriffe angeben. Beim Ueberwinden der 
geknickten Stelle, was mir übrigens nie misslungen ist, 
wird stets eine unbequeme Empfindung, auch wohl ein 
Schmerz wahrgenommen, derselbe Schmerz, der bei Berühr- 
ung der geknickten Stelle empfunden wird. Ebenso ist es 
beim Aufrichten und war hierbei allerdings einige Mal 
die Empfindung eine so schmerzhafte und quälende , dass 
das Instrument entfernt werden musste. Es braucht wohl 
kaum erwähnt zu werden, dass die subjektiven Symptome 
nichts zur Feststellung der Diagnose beitragen , und dass 
ohne Untersuchung durch die Scheide die Diagnose nicht 
möglich ist. 

Behandlung. Da diese Krankheitsform mich beson- 
ders interessirte, so habe ich mir dabei viel Mühe gegeben 
und viel Fleiss und Zeit darauf verwandt. Die Behand- 
lung muss eine allgemeine, das allgemeine Leiden be- 
achtende, und eine lokale sein. Den ersten Fall behan- 
delte ich im Jahre 1848 und heilte ihn. Nicht so ging es 
mir mit den folgenden Fallen, es Hess mich Alles im Stich. 

Scanzoni's Beiträge IIT. \\ 



1L4 

Das Kiwisch'sche Instrument schien mir brillante Erfolge 
zu versprechen. Ich erhielt ein solches mit der Modifika- 
tion von Meyer aus Berlin im Oktober 1851. Wie mir, 
ist es damals gewiss Vielen gegangen, die noch kaum ein 
anderes Instrument mit grösserem Enthusiasmus und besseren 
Erwartungen empfangen halten. Ich brauchte mein Instru- 
ment bei allen mir vorkommenden Fällen und sparte nicht 
Mühe und Zeit. Auffallend war es mir, dass von keiner 
Seite etwas über die erzielten Erfolge verlautete. Entweder 
war das Instrument so gut, dass es sich bald eingebürgert 
hatte und man es für unnütz hielt, darüber zu sprechen, 
oder es war gerade umgekehrt. Meine Erfahrungen nun 
waren folgende : Das Einführen des Instruments verursachte 
mir nie Schwierigkeiten, eben so wenig das Aufrichten des 
Uterus. Bald jedoch stellten sich zwei Uebelstäude ein: 
ich fand Frauen, die das Instrument nicht vertrugen, trotz 
aller Mühe, die ich mir gab, die Empfindlichkeit des Uterus 
zu vermindern. Wenn ich das Instrument auch nur jeden 
dritten Tag einführte und die Zeit, die ich das Instrument 
liegen Hess, so weit als möglich verkürzte, so traten uner- 
trägliche Schmerzen, Schluchzen, Weinen, krampfhafte Er- 
scheinungen, Zittern u. s. w. ein, und ich musste das In- 
strument entfernen und diese Methode der Behandlung auf- 
geben. Consequenz in der Anwendung, natürlich mit Be- 
achtung der nöthigen Vorsicht, halfen da noch am meisten. 
Trotz dieser Consequenz habe ich nie gefahrdrohende Er- 
scheinungen zu beklagen gehabt, nie überhaupt Erschein- 
ungen, die nicht durch eine Kühe von 1 , höchstens 2 
Stunden wären beseitigt worden, und möchte ich von dem 
Gesichtspunkte der Gefahr dem Instrumente kein Ver- 
dammungsurtheil sprechen. Um nun bei diesen empfind- 
lichen Kranken das Instrument, von dem ich so viel er- 
wartete, wo möglich noch brauchen zu können, liess ich 
mir die federnden Enden dünner feilen und so einrichten, 
dass sie bei geöffnetem Instrumente nicht so weit ausein- 



155 

anderstanden. Auch das war ohne allen Nutzen, ich musste 
aufhören und eine andere Behandlung versuchen. Es waren 
das zwei Frauen, die nicht zu den empfindlichen und reiz- 
baren gehörten, sie mussten vielmehr zu den trägen, tor- 
piden Naturen gezählt werden, es waren Frauen, die schon 
geboren hatten. In einem andern Falle beobachtete ich 
gerade das Entgegengesetzte. Er betraf eine Wjttwe, 
Mutter mehrerer Kinder, die seit mehreren Jahren, ohne 
untersucht worden zu sein, an Vorfall oder Senkung be- 
handelt wurde. Ich fand eine Knickung nach hinten mit 
einer Verlängerung der Höhle von reichlich 20 Linien. Es 
lag von dem Kiwisch - Meyer'achen Instrumente nicht nur 
der King, durch den die Fäden gehen, im Uterus, sondern 
noch 4 Linien von der Spirale. Es ist das eine Verlänger- 
ung von reichlich 40 Linien , die bei weitem grösstc, die 
ich beobachtete. Das Einführen des Instrumentes und das 
Aufrichten gelangen sehr leicht: jedes Mal aber, als die 
Frau sich aufrichtete, fiel das Instrument heraus; selbst 
bei liegender Stellung der Kranken glitt das Instrument 
bald hervor. Ich liess mir ein Instrument mit stärker fe- 
dernden und weiter aus einander stehenden Enden machen. 
Es half nichts. Ich musste auch hier von der Behandlung 
mit diesem Instrumente abstehen. 

Die meisten Frauen ertrugen das Instrument sehr gut, 
aber trotz täglicher Anwendung von mehreren Stunden 
Dauer durch einige Monate hindurch erzielte ich nicht ein- 
mal Besserung. Es versteht sich von selbst, dass neben- 
bei noch die gleich zu erwähnenden innern Mittel gebraucht 
wurden. Ich setzte trotzdem diese Behandluug noch fort, 
gestand meinen Kranken aber ein, dass der Erfolg ein sehr 
unsicherer sei, und fand, dass die Hälfte der Kranken es 
vorzog, ohne Behandlung zu bleiben. Endlieh griff ich zu 
einer andern , sowohl für die Kranken ah den Arzt be- 
quemeren Behandlung, und habe Ursache mit dieser zufrie- 
den zu sein, wenn die Heilungen auch sehr seltene waren. 

11* 



156 

Es ist dieselbe Behandlung, die ich im ersten Anfang, be- 
vor ich das Kiwisch-Meyersche Instrument erhielt, einleitete 
und durch die es mir gelang , zwei Kranke herzustellen, 
die darauf concipirten, lebende Kinder gebaren und bleibend 
geheilt sind. 

Ich leite vor allem eine allgemeine Behandlung ein, 
um auf die ganze Constitution, das Blutleben insbesondere 
und auf den erschlafften Uterus kräftigend zu wirken, und 
lasse zu dem Zweck kalte Bäder, Seebäder, Eiscnschlamm- 
bäder brauchen. Innerlich reiche ich Eisenpräparate, selbst 
in den Fällen , wo die chlorotischen Erscheinungen nicht 
deutlich ausgesprochen waren, und verbinde hiermit Seeale 
cornutum oder Ergotin, um Contraction in den Uterus zu 
bringen und seinen Tonus zu erregen. In der Wahl der 
Eisenpräparate musste ich vorsichtig sein , indem in den 
meisten Fällen Verdauungsstörungen zugegen waren, und 
die schwereren Präparate, namentlich das metallische Eisen, 
nicht vertragen wurden, indem sie Appetitlosigkeit, cardial- 
gische Beschwerden u. s. w. hervorriefen, und ich so zu 
den leichtesten Präparaten und den schwächsten Gaben 
greifen musste. Solch ein vorsichtiger Gebrauch wurde 
durch Monate fortgesetzt, ohne irgend welchen Nachtheil 
zu haben. .Neben diesen Mitteln wurden als Ilauptmittel 
kalte Einspritzungen vermittelst eines Douche -Apparates 
ebenfalls durch Monate, wohl Jahre gebraucht. Die Tem- 
peratur des Wassers wurde bis auf 9 Grad vermindert, 
und die Dauer der Einspritzungen bis auf mehrere Minuten 
verlängert; doch ist dabei Vorsicht nöthig. Bevor ich die 
Wirkung der Douche erwähne , will ich vorher noch einen 
unangenehmen Zufall nicht unbesprochen lassen , der sich 
bei einer meiner Kranken beim Gebrauch der Douche mehr- 
mals einstellte. Während der Einspritzung, die nicht kälter 
als am Tage vorher angewandt wurde, entstand plötzlich 
eine unangenehme, selbst schmerzhafte Empfindung im 
Uterus. Die Kranke meinte, es müsse Luft hineingedrungen 









157 

sein. Der Leib trieb sich auf, war sehr empfindlich, die 
Kranke musste im Bette liegen, durfte sich nicht bewegen 
und fühlte sich sehr unbehaglich, bis nach 12 — 36 Stunden 
sie wieder wohl war. Es wurde hier ein Apparat nach 
Art des Braun'schen gebraucht, und es wäre sowohl das 
Eindringen von Luft als von Wasser in den Uterus möglich. 
Dieser Zufall ereignete sich nicht mehr, nachdem, bevor 
die Einspritzung begonnen wurde, alle Luft aus dem Appa- 
rate herausgetrieben wurde und der Strahl in vollem Gange 
war. Was nun nun den Erfolg der Einspritzungen betrifft, 
so war derselbe nicht zu läugnen ; stets wurden die 
schmerzhaften Empfindungen gemildert und schwanden ganz. 
Die Frauen konnten sich wieder mehr zumuthen , selbst 
wenn sie durch Wochen vorher das Gehen kaum hatten 
vertragen können ; die Menstruation wurde regelmässiger, 
war nicht von Schmerzen begleitet, der Fluor albus hörte 
auf. Ebenso schwanden durch den innern Gebrauch die 
chlorotischen Erscheinungen , die Cardialgien , die Auf- 
geregtheit und Unruhe, der Schlaf wurde besser , kurz die 
ganze Constitution war gekräftigt und gestärkt. Wurde 
nun der äussere und innere Gebrauch ausgesetzt, so dauerte 
es kaum ein halbes Jahr und alle alten Beschwerden waren 
wieder da und die Untersuchung zeigte auch wieder Ver- 
längerung des Uterus. In manchen Fällen war die Besser- 
ung anhaltender, und selbst nach einem Jahre fand ich im 
Uterus denselben Tonus und dieselbe Verkürzung, die nach 
dem Gebrauche eingetreten war. Die Knickung war die- 
selbe geblieben und somit die Möglichkeit einer baldigen 
Wiederkehr der Beschwerden. So kam es, dass die Kran- 
ken sich gar nicht mehr von ihren Pillen und ihrer Douche 
trennon mochten, ja dass diese sie selbst auf Reisen begleitete. 
Wie schon oben erwähnt, habe ich nur von zwei 
Heilungen zu berichten unter 14 anhaltend und mit Aus- 
dauer behandelten Kranken und ich bin auch mit diesem 
Erfolge sehr zufrieden, besonders da er ein bleibender war. 



158 

Bedenkt man, dass bei längerer Dauer des Uebels not- 
wendig Schwund der geknickten Stelle eintreten mnss, 
der durch nichts zu ersetzen ist , und das Uebel also un- 
heilbar macht, so sind es jedenfalls sehr glückliche und 
und noch nicht weit vorgeschrittene Fälle. Von meinen 
beiden war der erste eine Retroflexio der zweite eine Ante- 
(lexio. Jene oben genannten Mittel bleiben also in den 
allermeisten Fällen palliative Mittel, die aber von grosser 
Bedeutung sind , weil sie sicher lindern und ein Mittel 
gegen Beschwerden sind , die oft mit bedeutender Heftig- 
keit eintreten und die Kranken sich selbst zur Last 
machen. 

Und so schliese ich denn und bitte den Leser meine 
Mittheilungen nur als einige kleine praktische Notizen und 
Winke anzusehen, die mit aller Bescheidenheit und An- 
spruchlosigkeit an die Oeffentlichkeit hintreten. 



2. Ein Fall von Schwangerschaft bei Uterus bilocularis . 

Der folgende Fall mochte nicht nur durch das Interesse, 
das solche Fälle schon durch ihre Seltenheit für sich haben, 
sondern noch durch einige andere Umstände die Aufmerk- 
samkeit des Arztes in Anspruch zu nehmen geeignet sein, 
darum ich es für Pflicht gehalten habe, denselben einem 
grösseren Publikum nicht vorzuenthalten. Ich gebe eine 
einfache schlichte Frzählung des Falles, der mir mancherlei 
Unruhe und Kopibrechen gemacht hat , und dadurch mag 
es denn entschuldigt sein, wenn hier und da ein Gedanke 
hineinfliesst , der mich bei der schwierigen und lange 
zweifelhaften Diagnose beschäftigte. 

Frau X. eine blühende, frische, aber im Ganzen zarte 
Blondine erfreute sich stets einer guten Gesundheit, die 
Kegeln stellten sich im sechszehnten Jahr ganz regelmässig 
ein, und verliefen stets regelmässig. Es könnte erwähnt 
werden , dass das Eintreten insofern vielleicht ein etwas 



159 

verspätetes war, indem die ebenfalls gesunde \\i Jahr 
jüngere Schwester schon einige Zeit vor der älteren men- 
struirt war. Nach der im Jahre 1854 erfolgten Verheirath- 
ung trat bald Schwangerschaft ein , die ohne Störung und 
ohne bedeutendem Beschwerden regelmässig verlief, bis 
im Juni 1855, am Ende der 32. Schwangerschaftswoche 
ein Knabe geboren wurde, der bald atelektatisch starb. 
Die Menstruation stellte sich regelmässig ein und erschien 
ganz in alter Ordnung am 3. Oktober 1855. Am 31. Okt., 
dem nächsten Menstruationstermine, stellten sich die Menses 
nicht ein. Es zeigte sich um diese Zeit einiges Unwohl- 
sein : Blässe des Gesichts , Sausen in den Halsvenen , Ge- 
müthsverstimmung ; beim Druck auf die rechte Unterbauch- 
gegend wurde Schmerz empfunden, ebenso beim Untersuchen 
durch die Scheide an der entsprechenden Stelle. Ich dachte 
an Ovarienleiden; faud aber nichts dergleichen, hingegen 
zeigte die Sonde die Höhle des Uterus verlängert, und 
den Cervikalkanal leicht zugänglich. 

Am 19. November, also 6 — 7 Wochen nach der letzten 
Menstruation sondirte ich wieder, und fand die dieses Mal 
nicht so leicht zugängliche Höhle um einen halben Zoll 
verlängert. Der Schmerz war noch vorhanden. Ich fühlte 
eine Völle im rechten Scheidengewölbe und glaubte einen 
Tumor durchzufühlen. Gegen Abend stellte sich ein Blut- 
fluss ein, (ob in Folge der Sondirung kann ich nicht be- 
stimmen) der sich ganz wie die Menstruation ausnahm, 
nur noch einmal solange als diese, d.h. 10 Tage, dauerte. 

Am 8. Dezember, IG 1 j Wochen nach der letzten 
Menstruation, zeigte sich die Höhle noch mehr verlängert, 
der Schmerz bestand fort und sowohl durch die Scheide 
als die Bauchdecken war deutlich ein Tumor zu erkennen. 
Die Vaginalportion stand nach links und hinten. Die 
Natur des Tumor Hess sich nicht bestimmen , am meisten 
neigte ich mich zur Annahme einer Eierstocksgeschwulst, 
doch musste man schon an die Möglichkeit einer extraute- 



160 

rinen Schwangerschaft denken, doch blieb ich darüber ganz 
im Unklaren, da kein Zeichen da war, das mit einiger 
Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaft gesprochen hätte. 
Am 12. Januar, 14 Wochen nach der letzten Periode, 
zeigte sich die sondirte Höhle um L Vj Zoll verlängert. Die 
fühlbare Geschwulst liegt ganz in der Seite , ist noch 
schmerzhaft bei der Berührung. Am 19. Januar reichte 
die Geschwulst rechts bis drei Fingerbreit unterhalb des 
Nabels herauf; verfolgte man die Grenze des Tumor noch 
links gegen die Mittellinie hin , so senkte sich der Rand 
oder die Begränzung und verlief drei Fingerbreit tiefer als 
der höchste Punkt der Geschwusst horizontal, und erstreckte 
sich in dieser Begränzung 2—3 Fingerbreit über die Linea 
alba nach links hin. Diesen in der Mittellinie liegenden 
Theil der Geschwulst Hess eine genaue innere und äussere 
Untersuchung bald als den vergrosserten aber leeren Uterus 
erkennen. Was war aber der Tumor rechts ? Folgendes 
waren nun die Ergebnisse einer genauen manchen Aufschluss 
gewährenden Untersuchung. Die Vaginalportion stand stark 
nach hinten und links, war dick, der äussere Muttermund 
war offen. Rechts von der Vaginalportion drängte die 
Geschwulst das Scheidengewölbe herab, und an derselben 
erkannte man deutlich pulsirende Arterien, ebenso erkannte 
man zweifellose Fluktuation, und was das wichtigste war, 
bei verbundener äusserer und innerer Untersuchung und 
bei von oben angebrachtem Drucke fühlte man sicher das 
Ballottement. Bei länger fortdauernder Untersuchung wurde 
der Tumor derber und fester. Untersuchte man nun den 
Zusammenhang des Uterus mit dem Tumor, so überzeugte 
man sich bald, dass beide in einander übergingen, oder 
eng an einander lagen. An der Oberfläche war keine Ab- 
gränzung zu fühlen und ebenso schien die Vaginalportion 
unmittelbar in die Geschwulst überzugehen , und zwar in 
der eigentümlichen Weise, dass zwischen Uterus und dem 
Tumor eine Furche verlief, die eine Gränze bildete , und 



161 

so die Vaginalportion nicht in gerader Linie in den Tumor 
übergehen Hess. Ueber die Existenz einer Schwanger- 
schaft in der 16. Woche war jetzt kein Zweifel mehr. Da 
bei Extrauterinschwangerschaften die Frucht mit ihren Hül- 
len oft ganz fest am Uterus anliegt, besonders bei Graviditas in- 
terstitialis ; da so oft die grossen Schmerzen und grossen 
Leiden fehlen, konnte ich es ebensogut mit Extrauterin- 
sohwangerschaft zu thun haben, als mit Uterus bilocularis. 
Das Derberwerden des Tumor bei der Untersuchung, durch 
wahrscheinlich eintretende Contraction in Folge längerer 
Untersuchung sprach noch am meisten für das Letztere, 
doch reichte es kaum hin , um eine sichere Diagnose zu 
begründen. Zur Befestigung einer solchen hoffte ich aller- 
dings das Fehlen spontaner Schmerzen in so vorgerückter 
Schwangerschaft hinzunehmen zu dürfen. Auf der an- 
deren Seite schien mir wieder die leichte Zugänglichkeit 
der Höhle mehr fürExtrauterinschwangerschaft zu sprechen. 
— Die am H>. November dagewesene Blutung glaubte 
ich weder nach der einen, noch andern Seite in dieWaag- 
schaale legen zu dürfen, einfach schon aus dem Grunde, 
weil eine Sondirung vorhergegangen war, die möglicher 
Weise die Ursache gewesen war. Einen Umstand glaubte 
ich nicht unbeachtet lassen zu dürfen ; ich meine die er- 
folgte Frühgeburt, wie eine solche bei Uterus bilocularis 
natürlich eintritt. Wenn ich also allerdings hoffte, Uterus 
bilocularis annehmen zu dürfen, so erhielt diese Annahme 
eine neue Stütze durch eine nach 14 Tagen vorgenommene 
Untersuchung, bei der sich zeigte, dass der ganze Tumor, 
der auf der einen Seite keinen Platz mehr hatte, sich auf- 
gerichtet hatte und in der Mittellinie lag, was bei extra- 
uteriner Schwangerschaft nicht so leicht eintreten wird. 
Dem entsprechend war jetzt die Vaginalportion mehr 
nach links gerichtet; das Scheidengewülbe war freier, man 
fühlte keine pulsirende Arterien und kein Ballottement 
mehr. Am 5. Februar, am Ende der 19. W^oche kam nun 






162 

noch Uterinrauschen hinzu, und wenn dieses allerdings auch 
bei extrauteriner Schwangerschaft vorkommen möchte , so 
schien es mir doch in diesem Falle die Diagnose fast 
sicher zu stellen. Am 7. Februar stellte sich die Kindes- 
bewegung ein. Am 8. wieder Ballottement. Am Morgen 
des 20. März erwachte Frau K. mit 13lutspuren auf der 
Wäsche. Die Untersuchung zeigte den inneren Muttermund 
offen und in demselben die Eihäute und über demselben 
den Kopf. Einige Wehen förderten ein lebendes Mäd- 
chen zur Welt, das in anderthalb Stunden starb. 

Die zum zweiten Male eingetretene Frühgeburt wäre 
ganz dunkel geblieben, wenn ich nicht in der Meinung, es 
sei nicht an Schwangerschaft zu denken, mit der Sonde 
untersucht hätte, und Frau K. hätte vielleicht sich einer 
Reihe vou Heilversuchen unterwerfen müssen, die nie zu 
einem Resultat geführt hätten. 









Ein Fall von Atresia uteri congenita mit nachfolgender 
Schwangerschaft. 

Von Dr. Tl PPERT in Wnnsiedl. 

M. Müller aus Tr., ein robustes Bauernmädchen von 
mittlerer Grösse, war bis zu ihrem 17. Lebensjahr stets 
gesund und kann weder sie sich auf irgend eine überstan- 
dene Krankheit erinnern, noch wissen deren Eltern in dieser 
Beziehung das Geringste anzugeben. In ihrem 17. Lebens- 
jahre traten krampfhafte Schmerzen im Unterleib ein. welche 
den vierwöchentlichen Typus einhielten, einige Tage sehr 
heftig waren und dann allraälig verschwanden. Diese 
Schmerzen wurden in den folgenden Jahren immer stärker, 
und dauerten oft 14 Tage lang an, Hessen an Heftigkeit 
zwar etwas nach, verschwanden aber fast nie mehr gänz- 
lich. Von Menstruation zeigte sich keine Spur. Zur Be- 
ruhigung wurden Narcotica angewendet und vorzüglich fand 
die Kranke Erleichterung nach einer Venaesection , wess- 
halb sie Jahre lang, ohne einen Arzt zu fragen, alle <d — S 
Wochen einen Aderlass vornehmen liess. 

Am 18. April 1846 sah ich die damals 29 Jahre alte 
Kranke zum ersten Mal. Ihr Zustand war ein Mitleid er- 
regender, Leib und Seele trugen die Spuren schweren 
Leidens an sich. Ein ängstlicher, scheuer Blick, Hoffnungs- 
losigkeit, der Ausdruck grässlicher körperlicher Schmerzen 
vereinigten sich zu einem erbarmungswürdigen Bilde. 



164 

Der Unterleib war merklich ausgedehnt, der Nabel 
jedoch unverändert. Die untersuchende Hand fühlte einen 
festen runden Körper, welcher von vorne nach rückwärts 
gegen die Wirbelsäule verschiebbar war, dessen oberstes 
Ende bis an den Nabel reichte, dessen unterer Theil sich 
in das Becken hinein erstreckte. Das obere Ende dieses 
Körpers war nicht abgerundet, sondern nach Rechts und 
nach Links mit einer Hervorragung versehen. — Die Vagina 
hatte eine Länge von l.^ZolI, von einem Collum uteri war 
nichts wahrzunehmen, sondern es befand sich am Ende der 
kurzen Scheide ein gleichmässig runder, elastisch anzu- 
fühlender, tief in's kleine Becken hereinragender, Manns- 
faust grosser Körper, welcher durch Druck auf den Unter- 
leib noch tiefer herabgedrängt wurde. Statt des Mutter- 
munds war eine seichte Querfurche zugegen. 

Schmerz wurde durch die Untersuchung nicht erzeugt, 
dagegen war seit langer Zeit der typische Charakter der 
Schmerzen fast ganz verschwunden und die Kranke hatte 
nur manchmal einige Tage , wo der Schmerz erträglicher 
war. Der Vorschlag der Operation wurde freudig aufge- 
nommen und diese sobald als möglich verlangt. 

Am 9. Mai 1846 wurde die Operation und zwar auf 
folgende Weise vollzogen. Die Kanüle eines massig ge- 
krümmten Troikart von der Stärke einer Schreibfeder 
wurde mittelst des in die Scheide eingeführten Zeigefingers 
der linken Hand auf die durch die Querfurche angedeutete 
Stelle des Muttermundes gesetzt, der Troikart mit der 
rechten Hand eingestossen , etwas aufwärts geschoben und 
sodann zurückgezogen , worauf sogleich eine dickbreiige, 
kastanienbraune, geruchlose, nach Farbe und Consistenz 
gleichmässige Masse aus der Canüle hervorquoll. Es 
wurden beiläufig 5 Unzen dieser Masse entleert und so- 
dann die Canüle mit einem Holzstöpsel verstopft, indem 
eine plötzliche Entleerung des Uterus eine grössere Reaction 
fürchten Hess. Die Canüle blieb liegen. 



165 

Patientin fühlte sich sogleich erleichtert und war glück- 
lich über die so schnell und ohne allen Schmerz voll- 
zogene Operation. 

Am nächsten Tage wurde die Kanüle entfernt und 
an ihrer Stelle eine starke Darmsaite eingelegt, neben wel- 
cher beständig etwas von dem Inhalt der Uterushöhle ab- 
sickerte, so zwar, dass der Uterus 6 Tage nach der Operation 
bis zur Grösse einer Mannsfaust zusammengezogen war. 
Eine entzündliche Reaction trat nicht ein, Patientin konnte 
am 7. Tage nach der Operation das Bett verlassen und 
fühlte sich wohl. Von diesem Tage an blieb auch die 
Darmsaite weg, nachdem sie bisher täglich durch eine 
frische ersetzt worden war. — 14 Tage nach der Operation 
traten die Menses ohne Schmerz ein und kehrten anfangs 
alle 14 Tage, später alle 3 Wochen wieder. Mitte Oktbr. 
jedoch, also 6 Monate nach der Operation, traten die 
Menses nicht ein, es kehrte der frühere Schmerz wieder 
und Patientin bemerkte zu ihrem Schrecken die an Umfang 
zunehmende Geschwulst im Unterleib. Am 21. Xovbr. 
hatte der ausgedehnte Uterus dieselbe Form und fast die- 
selbe Grösse wie zur Zeit der ersten Operation , nur war 
das untere Segment nicht so tief herabgesenkt wie damals. 
Der künstlich angelegte Muttermund war wieder verwach- 
sen. Der Troikartstich wurde sofort gemacht und es ent- 
leerten sich etwa 4 Unzen Blutes von derselben Beschaffen- 
heit, wie bei der ersten Operation, nur war es etwas flüssiger. 
Am vierten Tage trat Fieber und Schmerz im Unterleib 
ein und öfteres Erbrechen. Das aus der Ader gelassene 
Blut zeigte eine sehr starke Entzündungskruste und die 
aus dem Uterus absickernde Flüssigkeit war von seröser, 
am nächsten Tage von eiteriger Beschaffenheit und hatte 
einen stinkenden Geruch. Auch Gase entwickelten sich 
in der Uterushöhle und strömten durch den Muttermund 
aus. Nach 8 Tagen waren diese Erscheinungen ver- 
schwunden, Patientin fühlte sich wieder wohl und am 8. Dec, 



166 

also 17 Tage nach der Operation, traten die Menses ohne 
Schmerz ein. Doch auch dieses Mal war der Erfolg der 
Operation kein dauernder, denn schon am 21. Februar, 
also 3 Monate nach der zweiten Operation war der Mutter- 
mund wieder verwachsen ; die Schmerzen stellten sich 
wieder ein und nahmen so zu, dass am 7. April zum 
dritten Male zum Troikart gegriffen werden musste. Dieser 
dritten Operation folgte keine Reaktion. Die silberne Ca- 
nüle blieb 2 Tage liegen und wurde dann durch eine Blei- 
röhre ersetzt. 

Die wiederholte Verwachsung des Muttermundes, selbst 
mehrere Monate nach der Operation, gab die Veranlassung 
zu folgendem Verfahren: Nachdem die bleierne Röhre acht 
Tage lang an der Stelle der Canüle gelegen hatte , wurde 
sie entfernt und dafür eine aus Blei gefertigte Röhre von 
folgender Form eingelegt : ein 1 Zoll langer Cylinder von 
der Stärke eines Gänsekiels hatte am oberen Ende einen 
zweimal so dicken Kopf, welcher mit mehreren kleinen 
Ocflnungen versehen war, ähnlich dem Ansatzrohre einer 
Gebärmutterspritze. Am untern Ende des Cylinders befand 
sich eine runde Platte von der Grösse eines Kupferpfennigs. 
Der Cylinder selbst war hohl, so dass Flüssigkeiten oben 
durch die Oeffnung am Kopfe desselben eindringen und 
durch die Oeffnung in der Platte am untern Ende ab- 
fliessen konnten. — Der Kopf hinderte das Herausgleiten 
und die Platte am untern Ende das zu weite Eindringen 
in die Uterushöhle. 

Dieses Instrument blieb volle 3 Monate im Mutter- 
munde liegen und wurde sodann entfernt. Die Menses 
blieben regelmässig und eine Wiederverwachsung des Mutter- 
mundes fand nicht mehr statt. 

In der Mitte des Sommers 1851 (4 Jahre nach der 
dritten und letztenjParacentese) blieben die bis dahin regel- 
mässig alle 4 Wochen eintretenden Menses weg, jedoch 
folgten keine Schmerzen. Der Unterleib wuchs mehr und 






167 

mehr und die früher schwer Geprüfte fürchtete die An- 
wesenheit des alten Leidens — allein die Untersuchung 
ergab in Bälde , dass kein krankhafter Zustand , sondern 
Schwangerschaft vorhanden sei. Diese verlief ohne be- 
sondere Beschwerden und am 7. Februar 1852 wurde ein 
Knäblein geboren, welches dem Aussehen nach um zwei 
Monate zu früh zur Welt kam. P^s war während der 
übrigens regelmässig verlaufenden, leichten, nur 5 Stunden 
dauernden Geburt gestorben. Die Mutter erholte sich bald 
und blieb gesund bis auf den heutigen Tag. 



VI. 

Briefliche MiUheilung an den Herausgeber. 

Von Dr. BRESLAU in München. 

Ich hatte Ihnen versprochen, Etwas über meine Darm- 
städter Reise zu schreiben, und ich erfülle nun mein Ver- 
sprechen mit um so grösserem Vergnügen, als dieselbe 
ihrem Zwecke vollkommen entsprach. Schon längst wünschte 
ich j nachdem ich so viel von den Fisteloperationen des 
Dr. Simon gehört und auch gelesen hatte, persönliche 
Bekanntschaft mit dem Operateur und der Operation zu 
machen, als ich in voriger Woche eine briefliche Einladung, 
mich zu einer Operation nach Darrastadt zu begeben, 
erhielt, welcher ich nicht umhin konnte, alsogleich Folge 
zu leisten. Am Donnerstag den 25. März früh 5 Uhr sass 
ich in einem Eisenbahn-Waggon und Dank der vortreff- 
lichen Anschlüsse war ich bereits Nachmittag um 3 Uhr in 
Darmstadt, wo ich von den HH. Dr. Si mon und Dr. Eigen- 
brodt auf das Freundschaftlichste bewillkommt wurde. 
Nachmittag und Abend wurden verplaudert und am nächst- 
folgenden Tage begaben wir uns um 1 1 Uhr in das be- 
scheidene, von dortigen Aerzten zum Zwecke operativer 
Chirurgie gegründete, und durch Privatmittel erhaltene 
Krankenhaus, wo gegenwärtig fleissig gearbeitet wird , um 
es für 20 Betten in Stand zu setzen. Zuerst stellte mir 
Dr. Simon zwei von ihm vor längerer Zeit operirte Kranke 
vor, wovon die eine meinetwegen aus der Umgegend von 



169 

Heidelberg her telegraphirt worden. Die erste Kranke 
hatte an einer Fistel gelitten , welche die Cervicalhöhle mit 
dem Blasengrunde verband. Durch eine ausgedehnte An- 
frischung und genaue Vereinigung der Muttermundslippen 
ist es Dr. Simon gelungen, den äusseren Muttermund voll- 
kommen zu verschliessen und auf diese Weise den un- 
willkürlichen Abgang des Urins durch die Scheide auf- 
zuheben. Die Fistel aus der Cervicalhöhle in die Blase 
besteht fort, denn die Frau verliert regelmässig alle 
4 Wochen ihre Menses durch die Urethra , nachdem sie 
ihrer eigenen Aussage gemäss früher sehr unregelmässig 
durch die Scheide menstruirt war und nebenbei noch an 
einem Fluor albus litt. Man sieht durch das Speculum 
deutlich eine quere , über die ganze Vaginalportion sich 
hinziehende Narbe und an keiner Stelle ist eine Spur 
eines Orificium oder einer Fistel wahrzunehmen. Das Aus- 
sehen der Frau ist vortrefflich, ihre Dankbarkeit für den 
Erlöser jahrelanger Leiden eine unbegrenzte. Die zweite 
Kranke, ich sollte eigentlich sagen früher Kranke , war in 
die Behandlung des Dr. Simon mit Defect der ganzen hin- 
teren Blasenwand gekommen. Nichts als ein etwa 1^ Zoll 
langes Stück der Urethra, die vordere Wand und ein Theil 
des Blasengrundes waren zurückgeblieben. Natürlich konnte 
man hier wegen des enormen Defectes an keine Vereinig- 
ung der Fistelränder denken und so kam denn Dr. Simon 
auf die kühne Idee, hintere Wand und den Rest der vor- 
deren Wand der Scheide mit einander zu vereinigen und 
somit dem unwillkührlichen Abgang des Urins ein Ende zu 
machen. In der That führte er diese Idee auch aus , in- 
dem er die sich berühren sollenden Scheidenwände in 
grossem Umfange anfrischte, durch viele Nähte, welche 
theilweise Mastdarm und Urethra durchdrangen, vereinigte 
und so eine quere Obliteration des Scheideneingangs er- 
zielte. Es bestellt zur Zeit zwar noch eine äusserst feine 
lange Fistel , welche ohue Zweifel , weil sie lang ist und 

Scanzoni's Beiträge III. a <y 



170 

die Wände dos Fistelkanals sich berühren , durch eine 
methodische Cauterisation noch ganz zum Verschluss kom- 
men wird, im Wesentlichen ist aber die Frau als vollkommen 
genesen zu betrachten, die Excoriationen an den äuseren 
Genitalien und den Schenkeln, deren früheres Vorhanden- 
sein man noch an der dunklen Figmentirung erkennt, sind 
geheilt, der Urin kann durch den Sphincter der Urethra 
zurückgehalten werden und fliesst nur in gewissen Lagen 
tropfenweise durch die Fistel ab , die Menses werden wie 
bei der ersten Kranken allmonatlich durch die Urethra 
entleert und das Aussehen der Operirten ist ein wahrhaft 
blühendes zu nennen. Dieser zweite Fall steht bisher, so 
viel mir bekannt, einzig da, denn ich glaube nicht, dass 
es bei einem so grossen Defecte der Blase bisher je einem 
Chirurgen gelungen ist, durch irgend eine Methode eine nur 
annähernde Heilung hervorzubringen. Man hat bisher einen 
Fall dieser Art als vollkommen unheilbar betrachet und 
ich erinnere mich auf der Frauenabtheilung des verstorbenen 
Frofessors Chiari in Frag eine Kranke mit einem gleich 
grossen Defecte der Blase gesehen zu haben, welcher man 
als einzige Hülfe für ihre unsäglichen Leiden einen Schwamm 
und ein Urinreceptaculum aus Cautchouc auf die Reise 
mitgab und sie ihrem weiteren Schiksal überliess. Ver- 
schliessung des Muttermundes bei Utero-Vesicalfisteln hat 
Jobert das Verdienst zuerst gemacht zu haben, in Deutsch- 
land ist aber gewiss Simon der erste, welcher diese Opera- 
tion ausgeführt hat. Nach vollendeter Untersuchung der 
2 Geheilten, welche meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch 
nahm, ging es nun zur Operation einer kürzlich im Spitale 
aufgenommenen Kranken. Es war gegen 12 Uhr, als die 
Kranke auf den Operationstisch kam und Nachmittags 4 
Uhr wurde sie erst in ihr Bett transferiit. Schon daraus 
lässt p ich entnehmen , welche ausserordentliche Schwierig- 
keit die Operation bot. Die Fistel, kaum von der Grösse 
einer Linse, la<r hoch oben in der linken seitlichen Ver- 



171 

längerung des Scheidengrundes. Es kostete schon einige 
Mühe, sie von der Scheide aus zu entdecken und eine Sonde 
durch sie in die Blase zu bringen, denn von dieser aus 
gelang es weder mitSonde noch mit Katheter in die Scheide 
zu dringen. Das Herabziehen des Uterus durch Einsetzen 
Mus e u x'scher Zangen an die Vaginalportion gelang nicht, 
denn der Uterus stand, vermutblich durch Adhäsionen in 
Folge vorausgegangener Perimetritis so fe?t im Becken, 
dass er nur um ein Geringes dem Zuge der Zangen folgte. 
Somit musste man diesen Versuch aufgeben und Dr. Si- 
mon suchte nun, nachdem ein Katheter in die Blase ge- 
bracht war und ein abgeschnittenes Speculum in die Scheide, 
welches leider etwas zu kurz war, die Fistelränder mit 
starken scharfen Häckchen anzuziehen und theils mit dem 
Jo b ert'schenFistelraesser, theüs mit einer Cooper'schen 
Scheere anzufrischen. Ich brauche kaum zu erwähnen, 
mit welch' ungeheuerer Schwierigkeit dies verbunden war, 
zumal es Dr. Si mon 's Grundsatz ist, in möglichst grossem 
Umfange, trichterförmig gegen die Blase zu und mit der 
grossten Genauigkeit die narbigen Fistelränder zu excidi- 
ren, um sich so eine Basis sich berührender wunder Flächen 
zu verschaffen. Es gehört keine gewöhnliche Ausdauer 
und Geduld dazu, um immer wieder von Neuem durch 
Wechseln der Hände und Instrumente neue Anhaltspunkte 
zu gewinnen und neuen Schwierigkeiten entgegen zu gehen. 
Statt des Speculums mussten wiederholt ein oder zwei 
Gorgerets eingebracht werden oder unsere Assistenten-Finger, 
um die Scheidenwände zurückzuhalten, die scharfen Häck- 
chen mussten mit M us eux 'sehen Zangen und Hacken- 
pincetten vertauscht werden, die durch die Manipulationen 
veränderte Lage der Kranken musste wieder hergestellt, 
die Chloroformnarkose wegen beträchtlicher Struma der 
Kranken sorgfältig überwacht und wiederholt ausgesetzt, 
das das Sehfeld bedeckende Blut durch einen kräftigen 
Strahl Wasser entfernt worden. — All' d;;s verzögerte die 

12* 



172 

Operation so sehr, dass sie bereits an 4 Stunden gewährt 
hatte, bevor noch ein einziger Faden eingelegt war. Nun 
kam die Schwierigkeit des Faden-Einziehens , wozu sich 
Dr. Simon theils des Jobert'shen Nadelhalters, theils krum- 
mer feststehender Nadeln und starker Seidenfäden bediente. 
Der erste Faden wurde ungefähr 2 — 3 Linien von dem 
Rande der Fistel entfernt ein- und eben so weit auf der 
andern Seite ausgestochen, den zweiten Faden, welcher an 
den höchst- und seitlich gelegenen Punkt der Fistel an- 
gelegt werden musste, gelang es trotz der grössten Mühe 
nicht ordentlich zu placiren und es trat wahrscheinlich aus 
einer angestochenen Arterie eine so beträchtliche Blutung 
ein, dass von einem weiteren Näh-Versuche abgestanden 
werden musste. Der erstere Faden wurde geknüpft und abwech- 
selnd durch die Blase und die Scheide Injectionen mit kaltem 
Wasser gemacht, bis die Blutung gestillt war. Die Kranke und 
wir Alle waren zu sehr durch die lang dauernde Operation 
erschöpft, als dass es nicht rathsam gewesen wäre , davon 
für heute abzustehen. Sofort ward die Kranke in ihr Bett 
transferirt und ein Katheter in die Blase eingelegt und durch 
eine Bauchbinde bleibend befestigt. Der Verschlusss der 
Fistel durch einen einzigen Faden war gleichwohl so 
fest, dass am selben Abend und am andern Morgen vor 
meiner Abreise kein Urin durch die Scheide abging. Ich 
bedaure, dass ich die vielbesprochene und in neuester Zeit 
von Dr. Kühles mit Unrecht für sich usurpirte Simon'- 
sche Doppelnaht nicht in Anwendung haben bringen sehen, 
aber ich freue mich , einer Operation assistirt zu haben, 
welche nach Dr. Simon 's eigener Aussage die schwie- 
rigste war, welche er je ausgeführt hat, einer Operation, 
welche mir zeigte , welch' ungeheuere Ausdauer dazu ge- 
hört, um nicht entmuthigt, rath- und thatlos zu werden. 









vir. 

Ein Beitrag zur Lehre von der Entstehung und Be- 
deutung des Nabelschnur-Geräusches. 

Von Dr. GREGOR SCHMITT, 

Assistenten an der geburtshilflichen Klinik in Würzbnrg. 

In der Monatsschrift für Geburtskunde v. Jahre 1854 
(Bd. III. p. 198) machte Dr. Spöndli in Zürich neuer- 
dings auf das sogenannte Nabelschnurgeräusch aufmerksam; 
eine Erscheinung, die mehrfach discutirt, doch bezüglich 
ihrer Entstehung und Bedeutung nicht endgültig erklärt 
worden war. 

Der Angabe Devilliers beistimmend (Union med. 
Nr. 11, 1854), dass das Geräusch, wenn gleich sehr selten 
vorkommend, doch praktisch nicht unwichtig sei, theile ich 
nachstehend 5 Fälle von Nabelschnurgeräusch mit, die ich, 
ein Beweis für das seltene Vorkommen dieses Phänomens, 
in einem Zeiträume von H Jahren in unserer Anstalt 
(unter circa 500 Geburtsfällen) zu beobachten Gelegenheit 
hatte, wobei ich nicht unerwähnt lassen darf, dass bei 
sämmtlichen Kreissenden in unserer Anstalt die Auscultation 
der kindlichen Herztöne stets aufs Genaueste vorgenommen 
wird. 

1. Fall. Bei einer Zweitgebärenden stellte sich das 
Kind in zweiter Schädellage zur Geburt. Die vonScan- 
zoni während der Klinik vorgenommene Auscultation 
der kindlichen Herztöne ergab ein blasendes Geräusch im 



174 

ersten und zweiten Moment anstatt der Herztöne, wess- 
halb derselbe Umschlingung respect. Compression der 
Nabelschnur vcrmuthete. Die Geburt verlief sehr rasch, 
die vermuthetc Umschlingung der Nabelschnur um den 
Hals des Kindes war nicht vorhanden. Das 6 Pfund 
schwere, gut entwickelte Kind kam scheintodt zur Welt 
und konnte trotz aller Wiederbelebungsversuche nicht zum 
Leben gebracht werden. Die von Virchow vorgenommene 
Sektion zeigte starke Hypertrophie des rechten 
Ventrikels, Insufficienz derValvula mitralis et 
tricuspidalis, sowie Auflagerung vieler hellrother gela- 
tinöser Körnchen auf diesen beiden Klappen. Die arteriellen 
Klappen waren normal, der rechte Vorhof und das Foramen 
ovale aussergewöhnlich weit. 

2. Fall. Gelegentlich der mit den klinischen Prak- 
tikanten vorgenommenen Uebungen im Untersuchen der 
Schwangern constatirte man beim Auscultiren des Unter- 
leibes einer Drittgeschwängerten ein deutliches blasendes 
Geräusch an der Stelle des ersten fötalen Herztones und 
diagnosticirte , gestützt auf den vorhergehenden Fall, 
entweder eine Mitral -Insufficienz oder Umschlingung 
der Nabelschnur um den Hals des Kindes. Drei Tage 
darauf meldete sich dieselbe Schwangere bei mir mit 
Wehen ; ich vernahm das Geräusch noch eben so deutlich 
wie früher und machte hierauf die eben anwesenden Prak- 
tikanten aufmerksam. Die Geburt ging unverhältnissmässig 
langsam von Statten , was mir die Annahme einer Um- 
schlingung der Nabelschnur noch wahrscheinlicher machte. 
In der That zeigte sich diese Verrauthung bestätigt: der 
Nabelstrang war zweimal um den Hals des Kin- 
des geschlungen und zwar so straff, dass die Com- 
pression der Halsgefässe sich an dem cyanotisch gefärbten 
Gesichte zu erkennen gab und ich mich genöthigt sah, 
den Nabelstrang nach doppelter Unterbindung zu durch- 
schneiden und das Kind zu extrahiren. Trotzdem verschied 



175 

dasselbe nach wenigen Atheinzügen. Die Nabelschnur war 
23V Zoll lang und sehr dünn. Arn Herzen und besonders 
an dessen Klappen liess sich trotz der genausten Unter- 
suchung nichts Abnormes finden. 

3. Fall. Bei einer Erstgebärenden mit ziemlich weitem 
Becken hörte ich vor dem Blasensprunge die fötalen Herztöne 
deutlich und rein. Die Blase borst sehr bald, während der 
Muttermund kaum bis zur Grösse eines Kronenthalers eröffnet 
war. Eine sogleich nach dem Blasensprunge vorgenommene 
innere Untersuchung ergab den Vorfall einer Nabel- 
schnurschlinge, auf welcher der vorliegende Kopf ziem- 
lich fest auflag. Die gleichzeitig vorgenommene Auscultation 
liess nun mit Bestimmtheit an der Stelle der fötalen Herz- 
töne ein Geräusch vernehmen, das jedoch wieder ver- 
schwand, als ich mittelst des Braun 'sehen Stäbchens die 
vorgefallene Nabelschnurschlinge reponirt hatte. Theils um 
auf die Erweiterung des Muttermundes einzuwirken, theils 
um das fernere Vorfallen der Nabelschnur zu verhindern, 
führte ich einen Blasen-Tampon bis hoch an den Mutter- 
mund. Das mehr beregte Geräusch war durch etwa V* 
Stunde nicht mehr zu hören. Mit dem Stärkerwerden der 
Wehen jedoch zeigte sich auch wieder das Geräusch ; ich 
entfernte den Tampon und fand, meiner Vermuthung ent- 
sprechend , die Nabelschnur diesmal in mehren Schlingen 
vorgefallen. Eine derselben reichte bis vor die äusseren 
Genitalien und in derselben liess sich durch ein aufge- 
setztes, mit sehr enger Mündung versehenes Stethoscop 
dasselbe blasende Geräusch, wie vorher durch die Bauch- 
decken, wahrnehmen. Während ich mich mit vergeblichen 
Repositionsversuchen der Nabelschnur abmühte, trat der 
Kopf unter einer kräftigen Wehe plötzlich durch das Becken 
hindurch, das Kind kam scheiutodt zur Welt und verschied 
nach wenigen Augenblicken. Die Sektion zeigte das Herz 
und seine Klappen ganz normal. Der Nabelstrang war 
sehr dünn und 33 Zoll lang. 



176 

4. Fall. Bei einer Drittgebärenden waren die fötalen 
deutlich hörbaren Herztöne von einem starken blasenden 
Geräusche begleitet, das bis zürn Austritt des lebenden 
6 Pfund 3 Loth schweren Kindes vernehmbar blieb, jedoch 
zeitweilig an Stärke zu- und abzunehmen schien. Die 
(19 Zoll lange) Nabelschnur war nicht umschlungen, die 
kindlichen Herztöne waren nach der Geburt ganz rein und 
deutlich. Das Kind verliess nach 10 Tagen - lebend und 
gesund die Anstalt. 

5. Fall. Eine 21jährige Erstgeschwängerte kam mit 
Wehen in die Anstalt, die etwa 3 Stunden vor ihrer Auf- 
nahme begonnen hatten. Mein sie zuerst untersuchender Col- 
lege Dr. J.B.Schmidt entdeckte bei der Auscultation des 
Unterleibes das mehr beregte Blasen statt des ersten Tones 
und stellte die Diagnose auf Umschlingung der Nabelschnur. 
Die Geburt ging sehr langsam vor sich und ich konnte 
mich durch mehrmalige im Verlaufe des Tages vorge- 
nommene Untersuchungen überzeugen, dass dasselbe noch 
immer im ausgesprochensten Maasse vorhanden war. Erst 
nach 12 Stunden trat endlich der in 1. Lage befindliche 
Kopf tiefer in's Becken und nun kam es mir vor , als ob 
das Blasen weniger deutlich zu vernehmen wäre, was mög- 
licherweise in der weiteren Entfernung der Compressions- 
stelle von dem auscultirenden Ohre seine Erklärung finden 
dürfte. Nach Verlauf einer weiteren Stunde trat endlich 
der Kopf durch die Schamspalte und es fand sieb eine 
straffe Umschlingung der schwach pulsirenden 
Nabelschnur um den Hals des Kindes. Ich lockerte, 
so viel es möglich war, die Schlinge und extrahirte rasch 
das in augenscheinlicher Lebensgefahr befindliche Kind, 
das denn auch scheintodt mit cyanotisch gefärbtem Ge- 
sichte zur Welt kam und erst nach fast Vi stündlichen Be- 
mühungen völlig zum Leben gebracht werden konnte. 
Während ich diese Zeilen niederschreibe, am 3. Tage 
nach der Geburt, befindet sich das 6 Pfund 18 Loth 



177 

schwere Kind vollkommen wohl und sind die Herztöne des- 
selben deutlich und rein zu hören. 

Die bisherigen Ansichten über die Entstehung 
des fraglichen Geräusches waren bekanntlich getheilt. 
Während Ki wisch z. B. die Umschlingungen der Nabel- 
schnur als Entstehungsursache des Geräusches gänzlich 
läugnet; Nägele, Spondli, Devilliers u. A. dasselbe 
nur durch Umschlingung und resp. Compression des Nabel- 
strangs hervorgerufen wissen wollen, ist wieder Mass- 
mann (Monatsschrift f. Geburtskunde etc. Bd. IV Heft 2 
p. 81) der Ansicht, es entstehe nur in Folge von Herz- 
und resp. Klappenfehlern. Der Einwurf Kiwisch's und 
SpÖndli's, das fragliche Geräusch könne desshalb nicht 
von Umschlingungen herrühren , „weil der Sitz desselben 
fast nie auf den Hals des Fötus falle", ist wohl schon um 
desswillen von keinem Belange, weil erstlich die Lage des 
Halses wohl nie ganz genau mit voller Sicherheit bestimmt 
werden kann und weil zweitens die Entfernung des Nabel- 
stranges (und somit des Geräusches selbst) vom Ohre des 
Auscultirenden doch immer eine mehr minder bedeutende 
ist, so dass die Schallschwingungen besonders durch das 
dazwischenbefindliche Fruchtwasser, sowie durch die Be- 
wegungen des Kindes Modificationen erleiden und somit 
den Ort für das deutlichste Vernehmen des Geräusches 
mehrfach verändern können. 

Würdigt man die von mir mitgetheilten Fälle einer 
näheren Betrachtung, so zeigt der Erste (ebenso wie der 
von Massmann 1. c. erzählte) unwiderleglich, dass das 
Geräusch durch Klappenfehler, in specie durch Insuffizienzen 
derselben bedingt werden kann, während bei dem zweiten 
und fünften Falle wohl auch nicht bestritten werden 
wird, dass hier das Geräusch eine Folge der Umschling- 
ung und Compression des Nabelstranges war. 

W T enn Martin (Monatsschrift für Geburtskunde Bd. VII, 
Heft 3 p. 179, 1856) bei 23 Fällen von „Fötalblasen* 



178 

nur 14 mal eine Urasohlingung der Nabelschnur, dagegen 
bei 28 Umschlingungen kein Geräusch fand, so erklärt 
sicli diess leicht daraus , dass erstlich das Geräusch nicht 
blos in Folge von Umschlingung, sondern auch jeder andern 
einfachen Compression des Nabelstrangs entstehen kann ; 
sowie ferner daraus, dass, wie Martin selbst sagt, nicht jede 
Umschlingung eine Compression des Nabelstranges veran- 
lassen muss. 

Der instructivste Fall ist jedenfalls der dritte, denn 
er beweist uns, dass jedwede Compression des Nabel- 
stranges, und dass hier eine solche vorliegt, ist bei dem Auf- 
liegen des Kopfes auf demselben bei noch wenig eröffnetem 
Muttermunde nicht zu läugnen, das Geräusch hervorrufen kann. 
Es wird diese Behauptung um so wahrscheinlicher durch die 
Wahrnehmung, dass das Geräusch nach gelungener Re- 
position der vorgefallenen einfachen Nabelschnurschlinge, 
i. e. nach Aufhebung der Compression derselben verschwand, 
bis die Nabelschnur von Neuem in mehren Schlingen 
vorgefallen und dadurch die Causa movens wieder gegeben 
war. Gewiss mit Recht lassen sich auch die wahren 
Knoten des Nabelstranges als Ursache des Geräusches 
denken , so lange die durch sie veranlasste Compression 
nicht eine so bedeutende ist, dass sie die Circulation gänz- 
lich aufhebt. — Dass das Geräusch auch an der vor den 
Genitalien liegenden Schlinge vernommen werden konnte, 
ist meiner Ansicht nach eben nur ein Beweis dafür, dass 
dasselbe nicht allein am Orte seiner Entstehung, sondern 
auch entfernter und vielleicht hier nicht minder deutlich 
wie dort wahrnehmbar ist; wenigstens war es mir nicht 
möglich, eine Differenz in der Schallstärke des durch die 
Bauchdecken und des am Nabelstrange selbst gehörten 
Geräusches zu erkennen, eben so wenig, als es mir je ge- 
lang, durch die Bauchdecken hindurch, wieSpöndli angibt 
den Nabelstrang zu fühlen, oder wie Kennedy, durch be- 
liebige Compression desselben das Geräusch hervorzu- 



179 

rufen, welches letztere übrigens, wenn das Erstere möglich 
ist, sicher auch geschehen könnte. Ob nach Breit Ste- 
nosen des Nabelstranges Ursache des Geräusches sein 
können , darüber fehlen mir eigene Beobachtungen , doch 
lässt sich auch dieser Grund — Unterbrechung des Blut- 
stromes — als wahrscheinlich aufstellen. 

Der vierte Fall ergibt allerdings nichts Positives, 
als eben das gehörte Geräusch durch die Bauchdecken und 
das Nichthörbarsein desselben am Herzen des geborenen 
Kindes. — Ob hier der Nabelstrang über dem Rücken des 
Kindes verlief und auf diese Weise oder irgendwie anders 
comprimirt wurde, kann ich nicht entscheiden, doch möchte 
jedenfalls eine Compression stattgehabt haben, deren Stärke 
je nach der veränderten Lage des Kindes auch die Ver- 
änderlichkeit in der Stärke des Geräusches erklärbar macht. 

Wenn ich auch nicht so glücklich war , wie Professor 
Martin in Jena, der unter 253 Geburten das fragliche 
Geräusch 23 mal entdeckte, so glaube ich doch durch die 
Veröffentlichung meiner wenigen Fälle einen nicht unwesent- 
lichen Beitrag zur Feststellung der Entstehungsursache des 
beregten Phänomens geliefert uud (übereinstimmend mit 
Martin) nachgewiesen zu haben, dass dasselbe entstehen 
kann : 

a) durch Klappenfehler, 

b) durch Umschlingungen der Nabelschnur um den 
Hals des Kindes, 

c) durch anderweite, von der Lage des Kindes ab- 
hängige Compressionen des Nabelstrangs. 

Was die praktische Bedeutung des Nabelschnur- 
Geräusches betrifft, so glaube ich Martin widersprechen 
zu müssen , wenn er dieselbe als unwichtig betrachtet. 
Wenn auch, wie oben erwähnt, das Geräusch durch unbe- 
deutende Compressionen veranlasst werden und hier nur 
von untergeordnetem Werthe sein kann , so ist auf der 



180 

anderen Seite auch gewiss , dass in der Regel ernsthaftere 
Zustande dasselbe bedingen — ich nenne hier wiederholt 
die 14 Umschlingungen, welche Martin unter 28 Geburts- 
Fällen mit vorhandenem Geräusche beobachtete — und 
dass gerade diese Zustände für die dem Kinde zu stellende 
Prognose von nicht zu übersehendem Einflüsse sind. 
Der Geburtshelfer weiss wenigstens, dass der Fötus bei 
vorhandenem Geräusche in wahrscheinlicher Lebensgefahr 
sich befindet und wird darnach sein Handeln einzurichten 
bemüht sein. 



VIII. 



Ein Todesfall, hervorgerufen durch das Einströmen 
ton Kohlensäure in die Uterushöhle. 

Von Dr. v. SCAXZOM. 

Nachdem die Kohlensäure in neuester Zeit theils als 
ein locales Anaestheticum, theils als ein die Muskelthätig- 
keit der weiblichen Genitalien anregendes Mittel empfohlen 
und auch in Anwendung gezogen wurde, halte ich es für 
meine Pflicht, einen Fall bekannt zu machen , den ich im 
Laufe des letzten Frühjahrs zu beobachten Gelegenheit 
hatte, einen Fall, der das Interesse des ärztlichen Publi- 
kums um so mehr in Anspruch nehmen dürfte , als er 
meines Wissens bis jetzt einzig in seiner Art dasteht. 

A. W., 30 Jahre alt, vom 14. Lebensjahre an stets regel- 
mässig menstruirt, verheirathete sich in ihrem 26. Lebens- 
jahre, concipirte bald darauf und gebar im Mai 1854 nach 
einer aussergewöhnlich schmerzvollen und länger dauernden 
Geburtsarbeit ein gesundes Mädchen. Während der Schwan- 
gerschaft war sie durch die gefährliche Erkrankung ihrer 
Mutter durch längere Zeit in hohem Grade beunruhigt, 
welche Gemüthsbewegnngen sich noch höher steigerten, 
als A. W., einige Wochen nach ihrer Entbindung in das 
elterliche Haus zurückkehrend, die einstweilen verschiedene, 
innigst geliebte Mutter nicht mehr vorfand. Die Kunde 
von diesem Verluste wirkte im höchsten Grade erschütternd 
auf die Wöchnerin, auf eine auffallende geistige und körpei- 



182 

liehe Depression folgte bald eine psychische Aufregung, 
welche Anfangs December (sechs Monate nach der Ent- 
bindung) in eine vollständige Manie ausartete, so dass 
die Kranke am 13. Dezember 1854 in die Irrenanstalt 
zu Erlangen abgegeben werden musste. Daselbst ver- 
weigerte sie im Anfange ihres Aufenthalts die Annahme 
jeder Nahrung und musste mittelst eines Schlundrohres 
ernährt werden, wobei sie körperlich immer schwächerund 
elender wurde, welcher Zustand seinen höchsten Grad er- 
reichte, als sich später sphacelÖse Entzündung der äus- 
seren Genitalien und einer Ohrmuschel einstellte; erstere 
hatte eine Mastdarmscheidenfistel zur Folge, welche indess 
auf operativem Wege vollkommen geheilt ward. 

Der einsichtsvollen Behandlung des Direktors der An- 
stalt, Dr. Solbrig, gelang nach und nach die psychische 
Heilung der Kranken bis zu dem Grade, dass sie im Mai 
1856 die Führung ihrer häuslichen Geschäfte wieder über- 
nehmen konnte. Die Ernährung des Körpers ging wieder 
regelmässig von Statten, und A. W. hätte als vollkommen 
genesen betrachtet w r erden können, wenn sie nicht an voll- 
ständiger, seit ihrer Schwangerschaft fortbestehender Ame- 
norrhoe gelitten hätte. Wiederholt sprach sie die Be- 
hauptung aus : „Die in Erlangen überstandene Krankheit 
habe ihre Geschlechtstheile verdorben und missstaltet, so 
dass der Eintritt der Periode und einer nochmaligen Em- 
pfängniss unmöglich sei." Indess schon im Juni 1856 
traten die Menses wieder ein und kehrten, wenn auch 
stets spärlicher werdend, in den darauf folgenden 4 Mona- 
ten wieder. Da sie bei sonst vollkommenem Wohlbefinden 
im Monate November nicht eintraten , vermuthetete man 
eine Schwangerschaft, welche indess von der Kranken mit 
der vollsten Bestimmtheit in Abrede gestellt wurde. Ende 
Februar 1857 klagte sie über heftige Schmerzen in den 
Kreuz- und den beiden Inquinalgegenden und über das 
Heraustreten einer Geschwulst aus den Geschlechtstheilen, 






183 

welche beim Gehen und Stehen sehr peinlich werde, bei 
länger dauernder horizontaler Rückenlage wieder zurücktrete. 

Anfangs März wurde ich zum ersten Male von dem 
behandelnden Arzte consultirt und war mein erster Ge- 
danke, dass ich es mit einer Schwangerschaft zu thun habe, 
indess weder die Untersuchung der Brüste, noch jene des 
Unterleibs bestätigte meine Vermuthung, namentlich muss 
ich hervorheben, dass ich in der Regio hypogastrica auch 
nicht die geringste Spur einer vergrößerten Gebärmutter, 
weder durch die Palpitation noch durch die Percussion ent- 
decken konnte. Da übrigens nur die 4monatliche Ameno- 
rhoe als einziges Zeichen der Gravidität vorhanden war 
und für dies Symptom in dem gleich zu beschreibenden Ver- 
halten der Genitalien ein Erklärungsgrund gefunden wurde, 
die Kranke noch dazu die Möglichkeit einer Schwanger- 
schaft mit vollster Bestimmtheit in Abrede stellte, so wird 
man sich nicht wundern, wenn auch ich irre geleitet wurde. 
— Was nun die Genitalien anbelangt, so fand ich folgen- 
des Verhalten: Vor der Schamspalte lag eine kleinapfel- 
grosse. blaurothe , vielfach zerklüftete, bei der Berührung 
unschmerzhafte Geschwulst . in deren Mitte sich eine 
OefTnung zeigte, in welche der Zeigefinger mit Leichtigkeit 
eindrang. Derselbe gelangte in einen mehr als 3 ZU 
langen unten weiteren , oben enger werdenden Canal, 
welcher als die beträchtlich verlängerte Cervicalhöhle ge- 
deutet werden rausste. Bei der Untersuchung des Vaginal- 
kanals fand ich diesen ansehnlich erweitert, eher verlängert 
als verkürzt und durch das in normaler Höhe stehende 
Scheidengewölbe konnte ich eine etwas vermehrte Resis- 
tenz entdecken. In die Vagina reichte eine etwa 4 Zoll 
lange, \^ Zoll dicke, massig harte Geschwulst, welche bis 
vor die äusseren Genitalien herabtrat und hier den oben 
beschriebenen blaurothen Tumor bildete. 

Nach dem oben beschriebenen Befunde musste ich das 
vorliegende Leiden für eine sehr bedeutende Iiypertrophie 



184 

des Cervix uteri halten und sprach dem behandelnden 
Arzte gegenüber meine Ueberzeugung dahin aus, dass bei 
einem so hohen Grade des fraglichen Leidens wol nur von 
einem operativen Eingriffe etwas zu erwarten sei. Da indess 
keine Gefahr im Verzuge war, so ging ich auf den Vor- 
schlag meines Collegen ein und liess täglich des Abends 
eine Lösung von Jodkali in Glycerin mittelst eines Schwam- 
mes in die Vagina einschieben und nebstdem täglich zwei- 
mal ein mit Kreuznacher-Salz versetztes Sitzbad ge- 
brauchen. 

Während der Anwendung dieser Mittel vergrösserte 
sich die Geschwulst zusehends ; sie ragte etwa 3 Zoll aus 
den äusseren Geschlechtsteilen und bildete hier einen 
beinahe faustgrossen, blaurothen, schlaffen Tumor, dessen 
äussere Fläche auffallende Aehnlichkeit mit der inneren 
des Herzens darbot. Dabei steigerten sich die Schmerzen 
von Tag zu Tag , die Kräfte der Kranken sanken und 
auch ihr Aussehen beurkundete die Steigerung des Uebels. 
Es wurde unter diesen Umständen die operative Entfernung 
des hypertrophischen Theils der Gebärmutter beschlossen, 
indess glaubte der behandelnde Arzt zur Verhütung der 
bei der Amputation der Vaginalportion häufig auftretenden 
profusen Blutung zuvor noch ein Mittel anwenden zu dür- 
fen, welches nach seiner Ansicht eine Veringerung der Lumina 
der Gefässe herbeiführen konnte. Er machte desshalb den 
Vorschlag, durch einige Tage Kohlensäure in den Cervical- 
Kanal einströmen zu lassen und obgleich ich mir von der 
Anwendung dieses Mittels keineswegs einen besonderen 
Erfolg versprach, so war ich doch wegen des eigenthüm- 
lichen Verhältnisses , in welchem mein Collega zur Kran- 
ken stand , nicht gegen die Anwendung. Eine mit einer 
durch einen Hahn schliessbaren Kanüle versehene Schweins- 
blase wurde mit Kohlensäure gefüllt und diese letztere am 
10. April Abends 4.^ Uhr mittels eines elastischen Schlau- 
ches zum erstenmal in die weit klaffende Cervicalhöhle 






185 

eingeleitet, wobei, wie mich mein College versicherte , ein 
nur massiger Druck auf die, die Kohlensäure enthaltende 
Blase ausgeführt wurde. Aber kaum mochten zwei bis 
drei Kubikzoll Kohlensäure in den Cervix uteri eingetreten 
sein, so schrie die Kranke laut auf und die Worte: „es 
tritt mir Luft in den Unterleib, in den Kopf, in den Hals," 
waren die letzten, die sie sprach ; denn alsogleich erfolgte 
ein sehr heftiger allgemeiner Starrkrampf, die sehr er- 
schwerte Respiration wurde rasselnd, der Puls kleiner, be- 
schleunigter, die Extremitäten kalt und trotz aller von 
mehreren herbeigerufenen Aerzten vorgenommenen Be- 
lebungs-Versuche erfolgte 1J Stunden nach der Vornahme 
der oben erwähnten Manipulation der Tod. — 

Bei der am 2. Tage später vorgenommenen Section 
liess sich ausser einem hochgradigen Lungen-Oedem keine 
weitere Todesursache ermitteln; indess zeigte sich, dass 
eine Schwangerschaft vorhanden war, welche bereits deu 
4. Monat erreicht hatte, der Diagnose aber wegen des 
ganz eigentümlichen Verhaltens der Gebärmutter nicht 
wohl zugänglich war. Es zeigte sich nämlich die Wand 
des Gebärmutterkörpers so dünn, dass sie die Dicke eines 
Kartenpapiers nur wenig überstieg und bei der Eröffnung 
der Bauchhöhle die Gegenwart einer kindskopfgrossen , mit 
Wasser gefüllten , schlotternden Cyste vortäuschte. Es 
schien sich in diesem Falle die der Schwangerschaft zu- 
kommende Massenzunahme des Uterus in einer ganz eigen- 
thümlichen Weise blos auf den Halstheil des Organes be- 
schränkt und so die enorme Hypertrophie, die ich oben zu 
beschreiben Gelegenheit hatte, herbeigeführt zu haben. Es 
bot zwar nach dem Tode die erwähnte Geschwulst bei 
weitem nicht mehr die Dimensionen dar, wie sie sich 
während des Lebens der Kranken zeigten , dennoch aber 
betrug die Entfernung zwischen dem äusseren und inneren 
Muttermunde 3i Zoll. Das Ei war vollkommen unver- 
letzt, leider aber liess sich bei der Schlaffheit desselben sowohl 

Scanzoui's Beiträge Ilf. 13 



186 

als auch der Gebärmutterwand nicht mit Sicherheit ent- 
nehmen , ob die bei der Eröffnung der Uterus-Höhle vor- 
iindliche Lostrennung des Eies von der inneren Fläche des 
Uterus schon vor dem Tode bestand, oder erst bei der 
Herausnahme des Präparates aus der Leiche bewerkstelligt 
wurde. 

Nach dem ganzen Hergänge lässt sich wol nicht be- 
zweifeln, dass das Einströmen der Kohlensäure in den weit 
geöffneten Cervicalkanal als Todesursache gewirkt hat; 
leider aber lässt sich die nächste Wirkung des kohlensauren 
Gases wol nicht mit Sicherheit ermitteln. Das von meh- 
reren der bei dem Tode gegenwärtigen Aerzte angenom- 
mene Einströmen des Gases in die Bauchhöhle lässt sich 
desshalb als Todesursache nicht wol vertreten, weil eines- 
teils das Uterinal-Ende der Tuba durch das in der Gebär- 
mutterhöhle befindliche Ei dem Gase nur sehr schwer zu- 
gängig war und weil anderestheils der Austritt des kohlen- 
sauren Gases in die Bauchhöhle wol eine Peritonitis, nicht 
aber einen so plötzlichen Tod, wie er hier beobachtet 
wurde, herbeizuführen im Stande ist. Nach meiner An- 
sicht bleiben nur zwei Erklärungsweisen dieses letzteren; 
entweder muss man annehmen — und diess ist mir das 
Wahrscheinlichere — dass das Gas in eines der grösseren 
Uterinal-Gefässe eindrang und so in der bei chirurgischen 
Operationen schon öfter beobachteten Weise den Tod 
herbeiführte , oder wir hatten es mit einer wirklichen 
Intoxikation zu thun. Ich verhehle mir nicht, dass beide 
diese Hypothesen einige Angriffspunkte darbieten; so 
lässt sich gegen die erstere einwenden, dass bei der Sec- 
tion nirgends, weder im Cervix, noch im Körper des Ute- 
rus ein verletztes, klaffendes, der Kohlensäure den Eintritt 
gestattendes Gefäss gefunden wuirde ; auch ist nicht zu 
übersehen , dass der Tod erst 1£ Stunden nach der von 
meinem Collegen vorgenommenen Manipulation erfolgte, 
während in jenen Fällen, wo der Lufteintritt in die Blut- 



187 

gefässe als Ursache des Todes wirkte, dieser letztere meist 
sehr rasch , in wenigen Augenblicken eintrat. — Gegen 
die Annahme einer wirklichen Intoxikation spricht vor Al- 
lem die Erfahrung, dass verhältnissmässig sehr grosse 
Mengen von Kohlensäure auf dem Wege der Digestion 
und Respiration mit dem Blute in Berührung kommen 
können, ohne Vergiftungs-Erscheinungen hervorzurufen; 
und namentlich ist nicht zu übersehen , dass bereits in 
zahlreichen Fällen das erwähnte Gas durch lange Zeit in 
die Vagina eingeleitet wurde, ohne auch nur das Geringste 
gefahrdrohende Symptom hervorzurufen. 

Jedenfalls ist die mitgetheilte Beobachtung geeignet, 
den praktischen Arzt zur grössten Vorsicht bei etwaigen, 
mit dem fraglichen Gase vorzunehmenden Experimenten 
aufzufordern, indem der oben beschriebene Fall hinreichend 
zeigt, dass uns die Art und Weise , wie die Kohlensäure 
ihren deletären Einfluss zu äussern vermag , noch keines- 
wegs nach allen Seiten hin bekannt ist. 



13* 



IX. 

Kurze Schilderung des grossen kaiserlichen Erziehungs- 
Hauses in Moskau. 

Von Dr. v. SCAXZOXI. 

"Während meines Aufenthaltes in Russland hatte ich 
auch das seltene Glück, das grosse kaiserliche Erziehungs- 
Haus in Moskau zu besuchen und einen , wenn auch nur 
kurzen Blick in die Einrichtungen dieser einzig in der Welt 
dastehenden Anstalt zu thun. Herr Staatsrath v. Blumen- 
thal, der ärztliche Vorstand des Instituts, hatte die be- 
sondere Güte, mich in den weiten Räumen des eine kleine 
Stadt bildenden Gebäudes zu begleiten und mir mit wahr- 
haft collegialer Freundschaft die gewünschten Aufschlüsse 
zu geben. So sehr ich ihm hiefür zum innigsten Danke 
verpflichtet bin , welchen ich ihm hiemit auch öffentlich 
ausspreche, so wäre es mir bei der Kürze meines Aufent- 
haltes in der Anstalt doch nicht möglich gewesen, vor- 
liegende Skizze einer Beschreibung derselben zu veröffent- 
lichen, wenn mir nicht durch die Freundlichkeit des Herrn 
Staatsraths v. Richter ein offizieller Bericht*) über dies 
Institut zu Händen gekommen wäre, der mir das wichtigste 
Material für nachstehende Arbeit lieferte. 

Wenn desshalb letztere auch keinen Anspruch auf 
Originalität machen kann, so glaube ich der ärztlichen 



') Coup d'oeil goneral sur la maison imperiale d'^ducation ä 
Moscou. 1856. 



189 

Lesewelt durch ihre Veröffentlichung doch einen Dienst 
erwiesen zu haben , da meines Wissens die Verhältnisse 
des in Frage stehenden Instituts ausserhalb Russlands nur 
sehr Wenigen näher bekannt sind. 



A. Geschichtliche Notizen. 

Die Anstalt wurde am 1. September 1763 von der 
Kaiserin Catharina der Zweiten hehufs der Aufnahme 
von Findlingen beiderlei Geschlechts eröffnet und verdankt ihre 
ursprüngliche Organisation dem bekannten Menschenfreunde 
Betskoi, dessen Name immer wieder genannt werden 
muss, wo es sich in dem weiten Reiche um Wohlthätig- 
keits- und Erziehungs-Anstalten handelt. Bald ward dem 
Findelhause eine für arme Frauen bestimmte Gebäranstalt 
beigesellt; doch nahmen diese zwei mit einander vereinigten 
Institute den Staatsschatz so sehr in Anspruch, dass , un- 
geachtet der reichen, durch die Stifterin und den Thron- 
folger aufgebrachten Fonds, bald an den Wohlthätigkeits- 
sinn der Privaten appellirt werden musste, worauf die 
Spenden von den verschiedensten Seiten so reichlich flössen, 
dass die gegenwärtige Grösse und der unermessliche Reich- 
thum der Anstalt zunächst wohl als die schöne Frucht des 
in Russland so häufigen, der grössten Opfer fähigen Wohl- 
thätigkeits- und Gemeinsinns betrachtet werden kann. Unter 
diesen Wohlthätern des Erziehungshauses steht die Familie 
Demidoff oben an, an sie reihen sich die Fürsten Kan- 
temir, Kourakine und SchakhofskoY, die Prinzessin Anastasia 
von Hessen-Homburg, die Fürstin Galitsine, die Fräuleins 
Kachkadamoff und Che're'inetieff, der Bauer Se'ze'moff, der 
Erzbischof Ambrosius, der Archimandrite Baranovitsch, der 
Baron Borodin und der Kaufmann Chtchouroff. Die Anstalt 
ehrt die Verdienste dieser ihrer vorzüglichsten Wohlthäter 
theils dadurch, dass sie die Namen derselben ihren Pfleglingen 



190 

ertheilt, theils dadurch , dass sie die Bildnisse derselben 
in der Gallerie des Hauses für die Nachwelt aufbewahrt. 

Später wurde eiue vom Institute selbst gegründete 
Depositenkasse, ein Pfandhaus und eine Wittwenkasse die 
Quelle unerschöpflicher Reichthümer, welche nicht blos für 
die Zwecke des Erziehungshauses, sondern auch für die 
Unterstützung anderer verwandter Anstalten im übrigen 
Russland ausgebeutet werden. 

Der ursprüngliche Bauplan gränzte an das Riesen- 
hafte; man beabsichtigte nämlich den Bau zweier unge- 
heurer, quadratischer Häuser von 5 Stockwerken Höhe mit 
mehreren Höfen in ihrem Inneren, welche durch ein eben- 
falls 5 Stockwerke hohes, für die Wohnungen der Beamten 
etc. bestimmtes Mittelgebäude mit einander verbunden 
werden sollten, und diese 3 immensen Gebäude sollten mit 
den dazu gehörigen Gärten von einem ringsherum laufenden 
3 stöckigen Hause eingeschlossen werden. Bald aber über- 
zeugte man sich davon, dass die projektirte Zusammen- 
häufung vieler Tausender von Ammen und Säuglingen 
gesundheitswidrig werden müsse; man entschloss sich, die 
Säuglinge an auf dem Lande lebende Frauen abzugeben, 
und so ward der ursprüngliche Bauplan in so weit aufge- 
geben, dass man einzig und allein mit den von Demidoff 
vorgestreckten Geldmitteln eines der oben erwähnten, fünf- 
stöckigen Carres, das mittlere Wohngebäude und einen 
Theil der Urafassungshäuscr aufbaute (1768 — 1788). Im 
Jahre 1788 fand die feierliche Einweihung der beinahe in 
der Mitte des Instituts liegenden Kirche durch den Metro- 
politen Piaton statt; die Aufnahme der Findlinge und 
schwangeren Frauen erfolgte aber schon vor der Ausführung 
der erwähnten Bauten am 21. April 1764, dem Geburts- 
tage der Kaiserin Katharina II. Es wurde zum Andenken 
an den für ganz Russland so wichtigen Tag eine Medaille 
geprägt und noch gegenwärtig fliessen dem Institute am 
21. April eines jeden Jahres gleichsam zur Erinnerung an 



191 

die Eröffnung desselben, neue, reiche Spenden aus allen 
Theilen des weiteu Reiches zu. 

Die Direktion der Anstalt wurde zuerst an Betskoi 
übergeben, von welchem, wie bereits ermähnt, der Entwurf 
zur Gründung des ganzen Instituts herrührt. Er behielt 
die Direktion bis zu seinem im Jahre 1796 erfolgten Tode. 
Im Jahre 1797 ging die Curatel durch einen Beschluss des 
Kaisers Paul auf dessen Gemahlin, die Kaiserin Maria 
Feodorowna über, mit welchem Wechsel die glänzendste 
Epoche des Etablissements eintrat; eine Epoche, die durch 
eine Unzahl von Verbesserungen in allen Zweigen der 
Verwaltung des Instituts bezeichnet ist. Kaiser Nikolaus 
übergab die Curatel seiner Gattin, der Kaiserin Alexan- 
dra Feodorowna, unter deren Schutze das Institut 
bis zum heutigen Tage steht. 

Bei seiner Gründung war das Haus nur zur Aufnahme 
von Findlingen bestimmt, welche, nachdem sie ein gewisses 
Alter erreicht hatten . vollkommen frei irgend einen der 
städtischen Erwerbszweige wählen konnten: man Lieh zu 
diesem Zwecke Lehrer für alle Handwerke und führte selbst 
eigene Fabriken einzig und allein behufs des Unterrichts 
der Pfleglinge ein. — Unter der Kaiserin Maria wurden 
die Pfleglinge in 3 Klassen eingetheilt: die erste Klasse, 
welche ihre Erziehung auf dem Lande genossen hatte, 
ward für die Agricultur bestimmt : die derselben ange- 
hörenden Pfleglinge erhielten Plätze auf den Krondomänea 
und später auf den dem Institute selbst gehörenden Colc- 
nieen, unter welchen jene im Gouvernement SaratofT zu 
einer ungewöhnlichen Blüthe stieg und später zur Kron- 
domäne erhoben wurde. Die zweite Klasse umfasste jene 
Kinder, welche theils innerhalb der Anstalt, theils bei 
städtischen Werkmeistern ihren Unterricht genossen und zu 
Handwerkern gebildet wurden; ein Theil von ihnen wurde 
zu Gärtnern , Förstern . Wundärzten gebildet und etwas 
später ward unter der Oberaufsicht des Instituts eine eigene 



192 

Schule für Künste und Gewerbe errichtet , ja sogar eine 
Lehranstalt für praktische Chirurgie eröffnet. Die dieser 
Kategorie angehörenden Mädchen erhielten Unterricht in 
den feineren weiblichen Arbeiten, und die Kaiserin zeich- 
nete dieselbe dadurch aus, dass sie zahlreiche Bestellungen 
für sich und ihren Hof machte, und nie andere als in der 
Anstalt gestrickte Strümpfe trug. Die dritte Klasse wurde 
aus den intelligentesten Pfleglingen beider Geschlechter ge- 
wählt; die Knaben wurden, nachdem sie die nöthige Aus- 
bildung in der Anstalt genossen hatten, Privatlehrer, Ange- 
stellte in Bureaux, Beamte der Anstalt selbst und die 
talentvollsten wurden der Universität oder chirurgischen 
Akademie zur weiteren BilduDg übergeben. Die Mädchen 
gingen als Gouvernanten in Privatdienste über und die 
Krone legte ihnen keine weitere Verpflichtung auf, als 
dass sie sich durch 6 Jahre der Ertheilung des Privat- 
unterrichtes widmen mussten. 

Ein Ukas vom 25. Juni 1837 führte eine neue Phase 
für die Anstalt herbei. Kaiser Nikolaus, besorgt um 
das Schicksal jener Waisen , deren Väter im Civil- oder 
Militärdienste gestanden hatten, befahl, dass alle Findlinge 
ohne Ausnahme auf dem Lande erzogen wurden, um nach 
Erreichung eines gewissen Alters entweder Kronbauern oder 
Pfleglinge verschiedener Institute zu werden, unter welchen 
letztern namentlich die Kunst- und Gewerbschule , die 
Lehranstalt für praktische Chirurgie und die Horticultur- 
schule zu Moskau genannt zu werden verdienen. Die von 
der Kaiserin Marie gegründeten Klassen wurden in grosse 
Institute umgewandelt, bestimmt für die Waisen eines be- 
stimmten Rangs , welche daselbst eine sehr sorgfältige 
höhere Bildung erhielten und hiemit die Verpflichtung ein- 
gingen , dass die Knaben kaiserliche Civildienste nahmen, 
und die Mädchen sich als Gouvernanten verdingten. Von 
dieser Einrichtung her schreibt sich der Name „Erziehungs- 
Haus" , welcher häufiger gebraucht wird als jener des 



193 

Findelhauses. Im Jahre 1847 wurden die Knaben des 
Erziehungshauses an das Alexander-Institut abgegeben, 
welches später das Corps der weissen Cadetten wurde ; 
und die Mädchen des Alexander-Instituts traten in das 
Erziehungshaus über, welches letztere von jener Zeit an 
700 weibliche Waisen beherbergt. Unter der Regierung 
des jetzigen Kaisers erhielt die Waisen-Anstalt den Namen 
des „Nikolaus-Instituts". 

Die dem Etablissement bei seiner Gründung beige- 
gebene Ammen- Anstalt wurde durch die verschiedenen 
oben erwähnten Veränderungen nicht im Wesentlichen be- 
rührt; sie dehnte blos den Kreis ihrer Wohlthätigkeit 
weiter aus. Ausser den Findlingen wurden auch eheliche 
Kinder, deren Mütter einer Krankheit oder anderen Ur- 
sache wegen nicht stillen konnten, in das Institut aufge- 
nommen und in besonderen Sälen verpflegt. Sind die 
Eltern am Leben, so bleiben diese Pfleglinge ein Jahr im 
Hause; sind erstere todt, so übernimmt die Anstalt die 
Kinder auf 4 Jahre, um sie, nachdem ihnen alle ihrem 
Alter zukommende physische und moralische Pflege zu 
Theil ward, dem sog. Kinderhause, einer Filial-Anstalt der 
uns beschäftigenden, zu übergeben. Von hier aus kommen die 
Knaben entweder in eiu Cadetten-Corps oder in ein Gym- 
nasium ; die Mädchen mit 9 — 10 Jahren in das Nikolaus- 
Institut. 

Das mit dem Erziehungshause verbundene Gebärhaus 
erhielt ebenfalls eine ununterbrochene Vergrößerung. Die 
Kaiserin Marie gründete im Jahre 1805 besondere Säle 
für verheirathete Frauen ; i. J. 1800 eine Hebammen- 
Schule, deren Schülerinnen einen dreijährigen theoretisch- 
praktischen Unterricht im Gebärhause erhalten, nebstbei 
im Impfen und in der Pflege der kleinen Kinder unter- 
richtet werden, worauf sie eine Stelle im Innern des Reiches 
erhalten , welche sie im Laufe von 6 Jahren nicht ver- 
lassen dürfen. 



194 

Die Wohlthätigkeit der Anstalt bleibt jedoch nicht 
innerhalb der ihr durch ihre Statuten gezogenen Gränzen. 
So eröffnete sie in den Jahren 1770 und 1771 , zur Zeit 
wo die Pest Moskau verheerte, ein Asyl für die Waisen 
im ersten Kindesalter und Bezkoi liess in 100U0 Exem- 
plaren auf Kosten des Instituts ein Werkchen vertheilen, 
welches, indem es einige Präservativ- Mittel gegen die 
Pest bekannt machte , nicht wenig zur Beruhigung und 
psychischen Erhebung des Volkes beitrug. Im Jahre 1812, 
während der Besetzung Moskau's durch Napoleon , nahm 
die Anstalt eine grosse Zahl ausländischer Kinder auf und 
liess alle Waisen der während des Brandes zu Grunde 
gegangenen Mütter zu. 

Im Jahre 1830 leistete das Erziehungshaus eine be- 
trächtliche Beisteuer zur Gründung eines durch die Cho- 
lera nöthig gewordenen Waisenhauses und im Jahre 1848 
nahm es eine grosse Anzahl von Waisen auf, deren Müt- 
ter an der Cholera erlegen waren und vertheilte sie hie- 
rauf gleichsam als Pensionäre des Institutes an verschie- 
dene Versorgungs-Lehr- Anstalten. 



B. Gegenwärtiger Zustand desselben. 
1. Das Nikolaus-Waisen- Institut. 

Dieses Institut nimmt den grössten und schönsten 
Theil der Gebäude ein ; nämlich das ganze vierte , das 
ganze dritte und drei Viertheile des zweiten Stockwerkes. 
Es zählt 650 junge Mädchen als Pfleglinge der Regierung 
und 50 Zahlende. Zählt man hiezu noch die Pensionäre 
der kaiserlichen Familie und verschiedene andere Wohl- 
thätigkeits-Institute, so erhält man die Ziffer von beiläufig 
800 jungen Mädchen , welche im Hause ihren Unterricht 
geniessen. Dieser dauert für Alle 6 Jahre, doch ist er 
verschieden nach den Fähigkeiten, welche die Schülerin an 






195 

den Tag legt. Man unterscheidet drei Klassen: 1) die 
Gouvernanten, Kanditatinnen genannt, welchen dieUniversität 
ein Zeugniss ausstellt, dass sie zur Ertheilung des Unter- 
richtes an Madchen in allen seinen verschiedenen Theilen 
geeignet sind; 2) die einfachen Lehrerinen, welche nur 
ein Zeugniss vom Gymnasium und geringere Rechte erhal- 
ten ; 3) gewöhnliche Bonnen, ebenfalls mit einem Zeugnisse 
vom Gymnasium ausgestattet, welches ihnen blos das 
Recht zur Ertheilung des Priiuär-Unterrichts ertheilt. 

Die Verwaltung des Erziehungshauses übernimmt die 
Sorge , den Pfleglingen nach Beendigung des Unterrichts 
eine Stelle zu verschaffen, beschützt sie in allen Lagen 
ihres Lebens und öffnet ihnen sogar wieder im Falle einer 
Brodlosigkeit die Thore der Anstalt, wo sie solange kosten- 
freie Aufnahme finden, bis ihnen neuerdings eine geeignete 
Stelle verschafft werden kann. 

//. Ammen- Anstalt. 

Die Aufnahme und Vertheilung der Säuglinge geschieht 
hier in folgender Weise: Findlinge unter einem Jahre wer- 
den zu jeder Stunde des Tages und der Nacht in einem 
eigens hierzu bestimmten Saale aufgenommen , wobei 
einfach nur darnach gefragt wird, ob das Kind getauft ist, 
und ob es nicht von einem Soldaten oder einem Kron- 
bauern abstammt, in welch' letzterem Falle es in ein an- 
deres Institut abgegeben wird. Jedes so aufgenommene 
Kind wird , nachdem es gereinigt und von einem Arzte 
untersucht ist, bis zum darauffolgendeu Tage in einem 
provisoricheu Ammensaale bewahrt; des darauffolgenden 
Tages- wird es neuerdings von dem dirigirenden Arzte un- 
tersucht, einer bestimmten Amme tibergeben und unmittel- 
bar darauf geimpft. Die Impfung geschieht theils von den 
Hebammen-Schülerinen, theils von den Schülern der prak- 
tischen Chirurgie, unter Aufsicht eines Instituts-Arztes. 



196 

In den Ammcnsälcn werden die gesunden Kinder von 
den kranken getrennt und Erstere , wenn sie den Vaccina- 
tions-Prozess überstanden haben und kräftiger geworden 
sind, an Frauen vom Lande abgegeben. Nie ist Mangel 
an einer zureichenden Anzahl gesunder, kräftiger Ammen, 
deren Milch mehrmals von einem Arzte untersucht wird. 
Jede Amme hat in der Regel nur einen Säugling; nur in 
äusserst seltenen Fällen der Noth hat ein Weib zwei Kin- 
der zu stillen, was jedoch immer nur kurze Zeit geschieht 
und für die Amme eine bedeutende Aufbesserung in der 
Nahrung und Bezahlung zur Folge hat. Um Ammen her- 
beizuziehen , gibt man ihnen eine Remuneration, welche 
zur Zeit dringender Feldarbeiten oder bei erschwerten 
Communikationswegen auf das Doppelte erhöht wird. — 
Die Ammen zerfallen in zwei Klassen : .in fest aufgenom- 
mene , welche sich für ein ganzes oder ein halbes Jahr 
oder für ein Monat verdingen und monatsweise gezahlt 
werden ; ferner in provisorische Ammen, welche nur Tag- 
gelder erhalten. Die ersteren sowohl wie die Letzteren 
erhalten eine zureichende Nahrung, trinken ein leichtes 
Bier oder Kvass , erhalten eine hübsche und bequeme 
Kleidung vom Mause und ebenso wird durch den häufigen 
Wechsel der Wäsche und durch allwöchentliches Baden 
für ihre Reinlichkeit gesorgt. Die Ammen sind durchaus 
nicht mit Arbeit überhäuft, indem sie nur. für die Reinhalt- 
ung der Säle und für die Ausbesserung ihrer eigenen, so- 
wie der Kinderwäsche zu sorgen haben. In den äusserst 
seltenen Fällen, wo, ungeachtet aller Vorsicht, eine Krank- 
heit von dem Säuglinge auf die Amme übergeht, wird 
letztere an eines der Stadtspitäler abgegeben , wo sie bis 
zu ihrer Heilung bleibt , und bei dem Austritte gerade so 
bezahlt wird , als wenn sie die ganze Zeit hindurch Am- 
mendienste geleistet hätte. Der ärztliche Dienst in der 
Ammen-Anstalt wird von dem dirigirenden Arzte, 13 As- 
sistenten und einem Wundarzt versehen. Staunenswert!! 



197 

ist die Reinlichkeit in den Ammensälen und namentlich ist 
durch eine zweckmässige Ventilation für eine beständige 
Erneuerung der Luft gesorgt. Die von den Kindern ver- 
unreinigte Wäsche wird täglich mehrmals zu bestimmten 
Stunden durch eigene, vom 5. Stockwerke bis in das Sou- 
terrain reichende Schächte herabgeworfeu, wo sie von den 
Wäscherinen in Empfang genommen und zur Wäsche ge- 
bracht wird. 

Ausser der natürlichen Ernährung der Pfleglinge durch 
Anirnen besteht auch noch ein eigenes Institut, wo Kinder 
unter einem Jahre, die entweder von der Polizeibehörde 
eingeliefert sind, oder nur eine kurze Zeit in der Anstalt 
zu verweilen haben, oder die Brust durchaus nicht nehmen 
wollen etc., mittels der Saugflasche ernährt werden. 

Die Zahl der Säuglinge, welche gleichzeitig in der 
Anstalt verpflegt werden, beläuft sich beständig auf 800 
bis 1000 und das jährliche Contingent der von dem In- 
stitute aufgenommenen Findlinge auf 10,000 — 11,000. 

Die für das Land bestimmten Kinder werden nur au 
Ammen abgegeben , welche mit einem Gesundheitszeug- 
nisse versehen, persönlich kommen, um das Kind zu ho- 
len. Bevor sie auf das Land kommen , erhalten sie eine 
provisorische Amme , welche das Kind so lange säugt, 
bis es kräftig genug ist, um die Reise auf das Land zn 
unternehmen. Allwöchentlich gehen zweimal ganze 
Züge von Ammen mit ihren Säuglingen auf das Land und 
die Reise geschieht in eigens dazu gebauten Wagen oder 
Schlitten und werden alle Yorsichtsmassregeln gegen Er- 
kältung u. s. w. getroffen. Um es zu vermeiden, dass 
die Ammen die von der Anstalt erhaltenen Kinder an an- 
dere Frauen zur künstlichen Ernährung abgeben, muss der 
Kutscher, welcher die Ammen auf das Land geführt hat, 
bei seiner Rückkehr nach Moskau ein Certificat vou dem 
Geistlichen der Gegend mitbringen, worin bestätigt wird, 
dass die Amme wirklich mit ihrem Säuglinge in dem 



198 

Dorfe , welches sie in der Anstalt als das ihrige bezeich- 
nete, angekommen ist und das Kind selbst nährt. 

111. Verpflegung der Kinder auf dem Lande. 

Auf Kosten der Anstalt werden auf dem Lande nicht 
blos die eigentlichen im Bureau abgegebenen Findlinge 
verpflegt, sondern auch noch 

1) die Kinder, welche durch die Polizeibehörde von 
Moskau, von den Distriktsbehörden des gleichnamigen 
Gouvernements, von den Wohlthätigkeits-Anstalten zu 
Toula und von den Erziehungshäusern zu Beieil und 
ürel eingesendet werden; 

2) die Kinder welche von dem Hospice von Kolomna 
auf das Land geschickt werden ; und 

3) Waisen von Unteroffizieren, Soldaten und subal- 
ternen Bediensteten der verschiedenen Ministerien und Ver- 
waltungszweige. Die von der Anstalt zu leistende Bezahl- 
ung nimmt in demselben Maasse ab, als das Kind älter wird ; sie 
wird für Knaben bis zum 17., für Mädchen bis zum 15. 
Lebensjahre geleistet. In der Regel werden die auf dem 
Lande befindlichen Kinder nur in häuslichen und in Feld- 
arbeiten unterrichtet; können die Pflegeältern aber nach- 
weisen, dass das Kind Lesen, Schreiben und Rechnen ge- 
lernt hat, so erhalten sie dafür eine besondere nicht un- 
ansehnliche Belohnung. Für die auf dem Lande befindlichen 
krank gewordenen Kinder unterhält das Institut eine ge- 
wisse Anzahl von Betten und Wiegen in den Distriktskran- 
kenhäusern. Ist das Kind krüppelhaft oder leidet es an 
einer Geisteskranheit, welche eine besondere Berücksichtig- 
ung erfordert, so steht es den Pflegeältern frei , besondere 
Bedingungen für die fernere Beibehaltung des Kindes zu 
stellen; wird man über diese letzteren nicht einig, oder 
kommen besondere Rücksichten in Betracht, so wird von 
der Anstalt für den Pflegling ein Platz in einem Siechen- 



199 

oder Irrenhause erkauft. Ausserdem dass ein Theil der 
männlichen Pfleglinge von der Krone zur Kultivirung ihrer 
Domäne verwendet wird, wird noch ein anderer der chirur- 
gischen Schule übergehen , um dann theils auf den Kron- 
gütern, theils bei der Flotte, theils bei der Landarmee den 
wundärztlichen Dienst zu versehen. Endlich übernimmt 
einen dritten Theil die Anstalt selbst für ihre eigene Dienste 
als Schreiber, Verwaltungsbeamte, Gärtner u. s. w. 

Bis zum 10. Lebensjahre steht es den Eltern des 
Kindes frei, dieses zu reclamiren ; nur müssen sie ein Zeug- 
niss über ihre Moralität und über die Möglichkeit , das 
Kind zu erhalten, beibringen. Die freien Bauern haben 
das Recht, die Pfleglinge des Instituts zu adoptiren ; nur 
müssen dann diesen Letzteren alle Rechte der eigenen 
Kinder eingeräumt werden. Das Institut sucht diese Adop- 
tionen dadurch zu unterstützen, dass sie für das Adoptiv- 
kind noch durch längere Zeit einen Erziehungsbeitrag 
leistet. Die Knaben, welche ein Handwerk gelernt haben, 
erhalten von der Anstalt eine Beisteuer zu ihrer ersten 
Einrichtung; und die Mädchen, welche vor ihrer Volljährig- 
keit heirathen, die Ausstattung. Verfallen die Pfleglinge 
der Anstalt in eine unverschuldete Armuth , werden sie 
durch Krankheit oder Alter erwerbsunfähig, so werden sie 
von dem Institute in die ihm gehörende Versorgungs- 
Anstait aufgenommen. 

Die Anzahl der auf dem Lande von der Anstalt ver- 
pflegten Kinder betrug im Jahre 1856: 30,000; die Mehr- 
zahl von ihnen befindet sich im Gouvernement von Moskau. 
Die unmittelbare Aufsicht über dieselben wird von 15 In- 
spectoren geleitet, welche ihrerseits wieder von drei Ober- 
Inspectoren beaufsichtiget werden , die dann unmittelbar 
unter dem General-Inspector des Institutes stehen. 



200 



IV. Spitäler und V er sorgungs- Anstalten. 

Abgesehen von der Versorgungs-Anstalt des Nikolaus- 
Instituts ist es vorzüglich die Gebär-Anstalt , welche hier 
unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Sie zerfallt 
in zwei Abtheilungen, in jene für heimliche und die für 
legitime Geburten. Erstere, welche theils gemeinschaftliche 
Säle , theils vollkommen abgesonderte Zimmer enthält, 
nimmt in jene Frauen aus allen Kategorien , namentlich 
aber aus der arbeitenden Klasse auf; in die besonderen 
Zimmer aber Personen aus höheren Ständen, welche ihre 
Entbindung im Geheimen durchzumachen wünschen. Diese 
werden durch keine indiscrete Frage über ihren Stand, 
Namen u. s. w. behelligt, ja es steht ihnen sogar frei, 
während ihres Aufenthaltes im Institute beständig eine 
Maske zu tragen. — Die Abtheilung für legitime Entbind- 
ungen nimmt nur verheirathete Frauen auf gegen einfachen 
Vorweis ihres Trauungsscheines , oder eines äquivalenten 
Certificates. 

Die in der geheimen Abtheilung geborenen Kinder 
werden von dem Institute als Findlinge aufgenommen, 
und wünschen die Mütter ihre Kinder selbst zu säugen, so 
finden sie Zutritt zu den Amraensälen und können ihre 
Kinder selbst später als von der Anstalt unterhaltene Pfleg- 
linge mit auf's Land nehmen. 

Die in der sogenannten legitimen Abtheilung geborenen 
Kinder haben nur dann Anspruch auf die Aufnahme in das 
Institut, wenn die Mütter entweder durch Krankheit oder 
durch Noth und Elend für das Säugungsgeschäft untaug- 
lich sind. Stirbt während dieser Zeit die Mutter, so über- 
nimmt sie das Institut als definitive Pfleglinge. 

Das Gebärhaus befindet sich gegenwärtig in einem 
besonderen Hause in der Solianka-Strasse, kömmt jedoch 
nach der bevorstehenden Erweiterung des Hauptgebäudes 



201 

in dieses selbst, wo ihm grössere und passendere Räume 
als die gegenwärtigen zugewiesen werden sollen. 

Die Versorgungsanstalt der Pfleglinge , der Ammen, 
der Bediensteten des Hauses u. s. w., welche wegen Platz- 
mangel gegenwärtig nur unzweckmässig untergebracht ist, 
soll ebenfalls nächstens eine besondere Abtheilung des 
Hauptgebäudes für ihre Zwecke zugewiesen erhalten. 

V. Die Hebammenschule. 

In diese finden zunächst Aufnahme vierzig sogenannte 
Kronschülerinen , welche bestimmt sind, später im Innern 
des Landes von der Regierung besoldete Stellen einzunehmen ; 
ferner eine Anzahl von Externen, welche nach Beendigung 
des Unterrichts in der Anstalt geprüft werden und auf 
Grund dieser Prüfung von der Universität ein Diplom als 
Hebammen erhalten. Endlich beabsichtigt man noch eine 
dritte Klasse von Schülerinen zu creiren , welche den ein- 
zelnen Verwaltungsbehörden und den Gutsbesitzern zur 
Besoldung überlassen werden sollen. 

Die Kronschülerinen werden aus den Pfleglingen des 
Instituts gewählt und mangelt es unter diesen letzteren an 
geeigneten Individuen , so nimmt man junge Mädchen von 
Aussen , welche nach Beendigung ihres Unterrichts mit 
Zustimmung ihrer Aeltern und Vormünder dieselben Ver- 
pflichtungen übernehmen wie die Kronschülerinen. 

VI. Die Gebäulichkeiten. 

Diese bestehen 

1) aus dem Wohngebäude (corps-de-logis central), 
welches 5 Stockwerke hoch ist und an seinem einen Ende 
die im Jahre 1854 restaurirte Hauskapelle enthält. Das 
4. und 5. Stockwerk enthält einen Theil der Ammensäle; 
das 3. und 2. die Verwaltungskanzltien und einige Wohn- 

14 



öcanzoni's Beiträge III. 



202 

ungen der Beamten und das unterste Stockwerk verschie- 
dene Abtheilungen des sogenannten inneren Dienstes. 
Dieses Haus steht mit dem anstossenden durch eine Gal- 
leric in Verbindung, welche die Bildnisse und Marmorbüsten 
der Wohlthäter des Instituts, sowie auch einige werth- 
volle Geschenke der Kaiserin Katharina II. enthält. 

2) Das 5 Stock hohe Carre, welches in seiner Mitte einen 
sehr schön angelegten, mit einer prächtigen Fontäne ge- 
schmückten Garten enthält, beherbegt die zweite Hälfte 
der Ammensäle und das Nikolaus-Waisen-Institut. 

3) Ein zweites, sogenanntes Wohngebäude von 2 Stock- 
werken, nimmt die Versorgungs-Anstalt auf. 

4) Ein weiteres Wohngebäude ist bestimmt zur Auf- 
nahme der Lehrerinen des Instituts. 

5) Ein diesen ähnliches Gebäude enthält die Bureaux 
für die Verpflegung der auf dem Lande befindlichen Pfleg- 
linge. Hier sollen später auch die Landleute , welche zur 
Stadt kommen, um die ihnen zukommenden Pflegegebühren 
zu erheben , Aufnahme finden und es sind die nöthigen 
Anstalten getroffen, um sie Alle zweckmässig unterzubringen 
und zu verpflegen. 

6) Das sogenannte corps-de-logis d'enceinte, bis jetzt 
von den Beamten des Instituts bewohnt, soll nächstens das 
Gebärhaus und die Hebammenschule aufnehmen. 

7) Ein den obengenannten Gebäuden parallel laufendes 
Haus bildet die Wohnuug der Geistliehen. 

8) Das Waschhaus zwischen den corps-de-logis 
d'enceinte und dem centralen Wohngebäude. 

9) Längs des Moskwa-Quais laufen Gebäude , welche 
zwei Dampfmaschinen enthalten , von welchen eine das 
Moskwa-Wasser, die andere jenes schöpft, welches ihr von 
der Fontaine des Varvarka-Platzes zugeführt wird. Sie 
heben dann das Wasser bis auf die Bodenräume siimmt- 
licher Gebäude, von wo es sich in die verschiedenen Räume 
durch Rohren ergiest, so dass das Wasser der Fontaine 



203 

zur Leitung der Speisen, das Flusswasser aber ausschliess- 
lich nur für die Wäsche, die Bäder und die Reinigung der 
Abtritte verwendet wird. 

10) Die Todtenkapelle. 

11) Ein dreistöckiges Gebäude mit Nebenbauten, wo 
sich gegenwärtig das Gebärhaus befindet, später aber die 
Beamten untergebracht werden sollen. 

12) Das Gebäude des Curatoriums von 3 Stockwerken 
mit mehreren Nebengebäuden. 

13) Ein erst ohnlängst aquirirtes von Beamten be- 
wohntes Haus am Eingang der Solianka-Strasse. 

14) Ein zweistöckiges Gebäude, die Wohnung der 
erst eingetretenen Diener des Hauses. Hier befinden sich 
auch die Stallungen und Remisen. 

15) Eine Schmiede. 

16) Endlich ein auf dem Khitroff-Platze gelegenes 
Haus, wo die Beamten des Curatoriums wohnen. 

Alle diese Gebäude sind von weiten , luftigen und 
schön angelegten Gärten umgeben; namentlich überraschen 
die gewöhnlich als Perspectiven gezeichneten Alleen den 
Besucher der Anstalt. 

Scblüsslich sei noch bemerkt , dass die Zahl der in 
den genannten Gebäuden wohnenden Menschen etwa 5000 
beträgt. Die Ordnung innerhalb dieser Bevölkerung wird 
durch eine Hauspolizei gehandhabt, welche in Folge eines 
besonderen kaiserlichen Privilegiums von der städtischen 
Polizei ganz unabhängig ist. Das Institut hat auch seine 
eigenen, im Hause kasernirten Pompiers. 

Ausserdem besitzt das Institut noch eine Domäne 
ausserhalb der Barriere von Dorogomiloff, die sog. Merairie, 
ein Landgut, dessen Erzeugnisse der Verwaltung des Insti- 
tuts zu Gute kommen. Daselbst befinden sich auch zahl- 
reiche Wohngebäude für die Pfleglinge des Nikolaus-In- 
stituts, in welchem sie ihre Sommerferien zubringen, um 
das Stadt- mit dem Landleben zu vertauschen. 

14* 



204 



An 

Wöchnerinnen 



:5 
ÖJO 
M 

1-8 


iZahl der auf die Ammen-| 

Abtheilimg aufgenommenen j 

Säuglinge. 


Von dieser Zahl kommen 
ausschliesslich von der ge- 
heimen Gebär - Abtheilung. 


Gesammtsunime der Sterb- 
lichkeit aller dieser in die An- 
stalt aufgenommenen Kinder. 


[Durchschnittszahl der Sterb- 
lichkeit auf 100. 


Zahl der aufs Land gebrach- 
ten Säuglinge, um dort er- 
zogen zu werden. 


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1831 


5739 


722 


1099 


19 


4493 


1074 


23 


1832 


6370 


785 


1084 


16 


4919 


1132 


23 


1833 


6898 


961 


1149 


16 


5069 


1606 


31 


1834 


8312 


924 


1294 


16 


6399 


1847 


28 


1835 


7173 


840 


1208 


16 


5491 


1378 


25 


1836 


7678 


982 


1402 


18 


5633 


1617 


28 


1837 


7070 


1063 


1531 


21 


5473 


1952 


35 


1838 


6565 


1087 


1289 


19 


5305 


2021 


37 


1839 


7249 


1147 


1267 


17 


5783 


2143 


37 


1840 


6965 


1035 


1484 


21 


5657 


1892 


33 


1841 


6437 


962 


1275 


19 


5090 


1987 


39 


1842 


6986 


1099 


1413 


20 


5577 


1637 


29 


1843 


7274 


1143 


1669 


21 


5577 


1969 


35 


1844 


7801 


1362 


1886 ' 


24 


5742 


2062 


35 


1845 


8235 


1544 


2036 


24 


6283 


2097 


33 


1846 


8579 


1767 


1844 


21 


6680 


2338 


34 


1847 


8446 


1628 


2500 


29« 


5909 


2262 


38 


1848 


8845 


1594 


2505 


28 


6213 


2383 


38 


1849 


8951 


1568 


2578 


28 


6498 


2056 


31 


1850 


9702 


1676 


2760 


28 


6904 


2604 


37 


1851 


9500 


1686 


2448 


25 


7049 


2649 


37 


1852 


9820 


1732 


1933 


20(>) 


7805 


3015 


38(*) 


1853 


10305 


1893 


2066 


20 


8158 


3294 


40 


1854 


10719 


2031 


1784 


16 


8991 


3496 


38 


1855 


10993 


2221 


1947 


17 


SS77 


3G8<; 


41 


Summe 


202612| 33452 E3451 


1 21 


i;,.v>7;> 


54197" 


~*q 



hang. 

und Kinder 



205 
Tabelle A. 



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O 


2173 


37 


743 


13 


1.4- 


31 


2 




2216 


34 


-44 


11 


1,30 


27 


3 




2755 


40 


1013 


19 


1,87 


33 


3 




■ 3141 


37 


987 


25 


2,53 


40 


2 




2586 


36 


883 


14 


1,58 


35 


1 




3019 


39 


1035 


17 


1.64 


38 


1 




3483 


49 


1129 


16 


1.41 


35 






3310 


50 


1164 


8 


0,65 


46 






3410 


47 


1217 


19 


1,56 


43 


2 




3376 


48 


1097 


38 


3,46 


40 


2 




3262 


50 


100 1 


21 


2,09 


54 


1 




3050 


44 


1186 


30 


2,52 


74 


5 




3638 


50 


1255 


38 


3,02 


74 


2 




3948 


50 


1475 


18 


1,21 


98 


3 




4133 


50 


1651 


21 


1,27 


102 


4 




4182 


48 


1894 


33 


1.75 


131 


4 




4762 


56'i 


1692 


32 


1,35 


159 


3 




4888 


55 


1698 


58 


3.41 


17:. 


16 




4634 


51 


1648 


69 


4,18 


160 


5 




5364 


55 


177»] 


TO 


3.94 


161 


5 




5097 


53 


1777 


48 


2.13 


170 


12 




4948 




1851 


49 


2.34 


196 


5 




5360 


52 


2014 


79 


3,92 ' 


222 


< 




1 5280 


49 


2157 


90 


4.17 


250 


8 




5633 


51 


2327 


103 


4.42 


230 


10 




97658 


48 


"35511 


937 


— 2,63 


2624 


106 





206 

Bis zum 1. Januar 1855 befanden sich auf dem Lande 
28,474 Pfleglinge; geschickt wurden aufs Land 8,877 
Säuglinge, ausserdem 38 entwöhnte Kinder; im Ganzen 
waren demnach auf dem Lande 37,389. Von dieser Zahl 
starben im Laufe des Jahres 1855, die Säuglinge nicht 
mit eingerechnet , 4008. In's Verzeichniss aufgenommen 
und in den Matrikeln der Anstalt gestrichen 863. Bis zum 
1. Januar 1856 befanden sich auf dem Lande 28,832. 

Anmerkungen zu vorstehender Tabelle. 

[Man berücksichtige die kleinen Zahlen (') ( 2 ) ( 3 ).] 

(') Die Zunahme der Sterblichkeit unter den Säuglingen in 
der Anstalt und auf dem Lande im Jahre 1847 ist auf Rechnung" 
der Cholera-Epidemie zu schreiben, welche damals im Gouvernement 
Moskau herrschte. 

( 2 ) Die Zunahme der Sterblichkeit unter den Säuglingen auf 
dem Lande seit dem Jahre 1852 und vorzüglich im Jahre 1853 und 
1855 erklärt sich aus dem Umstände, dass seit 1852 die Kinder 
zweimal in der Woche statt einmal von der Anstalt auf das Land 
gebracht wurden , woraus für die Sterblichkeit der Kinder in der 
Anstalt selbst eine verhältnissmässige Abnahme sich ergiebt. Im 
Allgemeinen bleibt die Gesammt-Sterblichkeit der Säuglinge in der 
Anstalt und auf dem Lande seit dem Jahre 1852 mehr weniger 
gleich der der vorhergehenden Jahre ; man kann sogar sagen, dass sie 
um etwas weniges abgenommen hat. 

( 3 ) Die Sterblichkeits-Zunahme unter den Wöchnerinen in der 
Gebär- Anstalt muss dem Kindbettfieber zugeschrieben werden, welches 
in Moskau in den letzteren Jahren herrschte ; sowie dem Umstände, 
dass diese Frauen in der Anstalt bis zu ihrer gänzlichen Wiederher- 
stellung verblieben, vorzüglich auf der Abtheilung für legitime Ge- 
burten. 



207 



Tabelle B. 



I. Vom Jahre 1840 an sind aus dem Nikolaus-Waisen- 
Institut entlassen worden : 



Im Jahre 


Candi- 
datinneu. 


Lehrerinnen. 


Im Ganzen. 


1840 


21 


5 


26 


1842 


23 


36 


59 


1844 


13 


37 


50 


1845 


28 


21 


49 


1846 


13 


21 


34 


1847 


14 


33 


47 


1848 


15 


27 


42 


1849 


11 


5 


16 


1850 


12 


32 


44 


1851 


12 


31 


43 


1852 


9 


22 


31 


1853 


11 


35 


46 


1854 


12 


42 


54 


1855 


16 


50 


66 


Summe 


210 


397 


607 



II. Seit der Gründung des Instituts bis 
zum I.Januar 1856 wurden in die 
Matrikel eingetragen 366,782 Kinder 

Hievon sind im Zeiträume von 92 

Jahren gestorben 288,554 „ 

Feste Plätze erhielten 47,959 „ 

Bis zum 1. Januar 1856 betrug die 
Zahl der in die Matrikel eingetra- 
genen Zöglinge 30,275 „ 

Hievon befanden sich behufs ihrer Er- 
ziehung auf dem Lande .... 28,832 „ 

Im Institute auf der Ammen-Abtheil- 
ung 819 „ 



208 



In verschiedenen Anstalten unter Auf- 
sicht des Instituts 624 Kinder 



Summa 30,275 Kinder. 

III. Vom 1. Oktober 1801 an wurden 

geimpft : 

Säuglinge im Institute 256,364 Kinder. 

Fremde Kinder im Institute . . . 79,846 „ 

Jedes Jahr wurden auf Ansuchen Ein- 
zelner und verschiedener Anstalten 
Glaskolben mit Vaccine versandt 
mehr als 10,000 

IV. Aus der dem Institute einverleibten 

Hebammenschule wurden bis zum 
gegenwärtigen Jahre auf Kron- 
kosten als Hebammen untergebracht 
(ohne Hinzurechnung der Externen) 319 

V. Das Erziehungshaus verbraucht jähr- 

lich für die, welche in ihm wohnen, 

an schwarzem Brod 400,000 Pouds. 

Kvass 125,000 Eimer. 

Die täglich von allen Abtheilungen 
des Instituts zur Reinigung abge- 
lieferte Wäsche beträgt beiläufig 100 Pouds. 

Folglich für Ein Jahr mehr als . . 35,000 „ 



X. 



Bericht über die Leistungen der unter der Leitung 

des Hofrath und Professor Dr. von Scanzoni 

stehenden geburtshilflichen Klinik zu Würzburg vom 

1. November 1853 bis 31. October 1856. 

Von Dr. J. B. SCHMIDT, 

konigl. Repetitor an der Hebamnienschule und erstem Assistenten an 
der kgl. Entbindungs-Anstalt. 



I. Allgemeine Ucbcrsicht. 

Mit dem 1. November 1853 verblieben in der Anstalt: 
33 Schwangere , 4 Wöchnerinnen und 1 Kind weiblichen 
Geschlechts. 

Aufgenommen wurden innerhalb der 3 Jahre 902 
Schwangere und 9 nicht schwangere Kranke. Die Ge- 
sammtzahl der Verpflegten belief sich daher auf 949. Von 
diesen wurden schwanger entlassen 30 und entbunden 879. 
Es verblieben daher mit 31. October 1856 26 Schwangere. 

Von den Wöchnerinnen wurden gesund entlassen 837, 
krank in's Julius-Hospital transferirt 34, gestorben sind 6. 
Es verblieben sonach mit 31. October 1856 6 Wöch- 
nerinnen. 

Von den verpflegten 9 nicht schwangeren Kranken 
wurden 7 entlassen, 2 sind gestorben. 



210 

Von den 879 Geburten waren 869 einfache und 10 
Zwillingsgeburten; die Gesanimtzahl der gebornen Kinder 
betrug daher 889. Hievon wurden lebend geboren 839, 
todt geboren 50. 

Von den 839 lebend gebornen Kindern mit Einschluss 
des vom 31. October 1853 verbliebenen 1 Mädchen wurden 
entlassen 793, gestorben sind 41 ; es verblieben somit nach 
Abrechnung der 50 todt gebornen Kinder mit 31. October 
1856 5 Kinder (3 Knaben nnd 2 Mädchen). 

Bei den vorgekommenen Geburten wurden folgende 
Kindesstellungen beobachtet: 



I. Schädelstellung 




606 mal 


ii. 




231 „ 


I. Gesichtsstellung 




1 » 


ii. 




3 „ 


I. Steisslage 




12 „ 


II. „ 




6 „ 


Vollkommene Fusslage 




5 . 


Unvollkommene Fusslage 




1 » 


Querlagen 




13 „ 


Unbestimmt gebliebene Li 


igen 


11 „ 




889 


Selbstwendung während 


der 


Schwangerschaft beob- 


achteten wir in 1 1 Fällen; in 


10 


derselben war bei Be- 


ginn der Geburt der Kopf, ur 


id nur in 1 Falle der Steiss 


vorliegend. 







II. Besondere Beobachtungen. 

A. Anomalien während des Schicanger schafts - Verlaufs. 

1. Das Auftreten der Menstruation beobachteten 
wir in 5 Fällen, und zwar bei 2 Schwangeren während 
der ganzen Schwangerschaftsdauer. Doch war der Blut- 



211 

Verlust geringer als ausser der Schwangerschaft und hielt 
die Menstruation auch nur kürzere Zeit an. 

In einem 3. Falle trat dieselbe in den ersten 4 Mona- 
ten der Schwangerschaft auf; die ersten 2 Male blutig; 
die beiden letzten Male blutig-wässerig. Das Kind wurde 
frühzeitig in der 36. Woche geboren. 

Im 4. Falle kehrte die Menstruation bis in's6. Schwan- 
gerschaftsmonat regelmässig alle 4 Wochen wieder. 

Im 5. Falle hatte die Schwangere ihre Menstruation 
im 2., 3. und zu Anfang des 6. Schwangerschaftsmonates 
und zwar jedesmal mit starkem Blutabgange. 

2. An häufigem Erbrechen, gegen welches die be- 
kannten Mittel erfolglos blieben, erkrankten 3 Schwangere. 

In 1 Falle, bei einer Erstgeschwängerten, trat in der 
30. Schwangerschaftswoche die Frühgeburt ein. Das Kind 
wurde in I. Steisslage geboren, und starb 2 Tage alt. 

In den beiden anderen Fällen (bei einer Erst- und 
einer Drittgeschwängerten) trat die Geburt rechtzeitig auf, 
und wurden beide Kinder lebend geboren. 

In allen 3 Fällen hörte nach der Geburt das Erbre- 
chen auf. 

3. Bei einer Drittgeschwängerten trat in der 36. 
Schwangerschaftswoche eine heftige Ge bärmutterblu t- 
ung auf, wornach alsbald die Geburt erfolgte. In dem 
geöffneten Muttermunde fand man einen kleinen Lappen der 
Placenta hervorragend. Während der Geburt trat keine 
weitere Blutung mehr auf. 

4. Eine Viertgeschwängerte wurde mit Catarrhus 
vesicae blenorhoic. behaftet aufgenommen, welche 
zugleich auch an secundärer Syphilis litt. Gegen das 
Blasenleiden wurden Anfangs Einspritzungen mit lauwarmem 
Wasser, später solche mit verdünnter Höllensteinlösung, 
lauwarme Sitzbäder und innerlich Morphium angewendet, 
wodurch die heftigen Erscheinungen gemässigt wurden. 
Nach 9tägigem Aufenthalte in der Anstalt trat am norma- 



212 

len Ende der Schwangerschaft die Geburt eines macerirten 
Knaben auf. Am 7. Tage nach der Geburt ward die 
Kranke in's Julius -Spital transferirt, welches sie nach 
8 Tagen, geheilt von dem Blasenleiden, verliess. 

5. Eine Zweitgeschwängerte, welche schon bei ihrer 
ersten Schwangerschaft an Nyctalopie litt, wurde bei 
dieser ihrer 2. Schwangerschaft, und zwar gleich zu An- 
fang derselben, wieder von diesem Leiden befallen. Am 
6. Tage nach der Geburt verlor sich dieselbe allmälig und 
war am 10. Tage ganz verschwunden. 

6. Bei einer Erstgeschwängerten beobachteten wir in 
der 34. Schwangerschaftswoche das Auftreten von heftigen 
hysterischen Co n vulsi o n en. Die Schwangere wurde 
von diesem Leiden nur einmal befallen und gebar am 
regelmässigen Ende der Schwangerschaft ein lebendes 
Kind. 

7. Ein Fall von Motilitäts- und Sensibilitäts- 
Störung während der Schwangerschaft und Geburt ist 
bereits im II. Bande dieser Beiträge S. 146 beschrieben. 

8. Mastitis kam bei 2 Schwangern vor. Nach der 
am rechtzeitigen Ende der Schwangerschaft erfolgten Ge- 
burt wurden beide in's Julius-Spital transferirt, und von 
dort geheilt entlassen. 

9. Bei einer Neuntgeschwängerten fand sich in der 
linken grossen Schamlippe eine etwa Ilühnereigrosse 
fibröse Geschwulst, welche am 10. Tage nach der 
rechtzeitig aufgetretenen Geburt exstirpirt wurde. 

10. Eine Erstgeschwängerte wurde mit Morbus 
Brightii aufgenommen. Die durch den ungemein starken 
Ascites bedingten Respirationsstörungen indicirten die Ein- 
leitung des künstlichen Abortus, welcher in der 22. Schwan- 
gerschaftswoche vorgenommen wurde , worauf die Kranke 
ihrer Besserung und Heilung entgegen ging. (Siehe unten 
den Abschnitt „künstlicher Abortus".) 



213 

11. Syphilitische Schwangere wurden 15 in der 
Anstalt entbunden und zwar 12 von reifen, lebenden Kin- 
dern, 1 von einem zeitigen, raacerirten Kinde und 2 von 
unzeitigen, todt gebornen Früchten. 



B. AnomaUeen wahrend des Geburts-Actes. 

I. Geburtsstüruugen, bedingt durch Aiiomalieen und Krankheiten des mütter- 
liehen Körpers. 

1. Wehenschwäche höheren Grades beobachteten 
wir in 42 Fällen. Zur Behebung derselben wurden die 
Colpeuryse, oder die Uterusdouche, oder die Einleitung von 
Kohlensäure gegen die Cervicalportion, oder bei gehöriger 
Vorbereitung des Orificiiim uteri das Seeale cornutum io 
Anwendung gezogen. 

In einigen Fällen wurde — jedoch ohne Erfolg — 
eine Infus, herb, uvae ursi (; VIII auf ein Klystier) ge- 
geben. 

In der letzten Zeit wurden in 2 Fällen durch Auf- 
setzen trockener Schröpfköpfe auf die Lenden- und Kreuz- 
beingegend kräftigere Wehen hervorgerufen. 

In jenen Fällen, wo die oben angegebenen Mittel zur 
Beendigung der Geburt nicht ausreichten, wurde operative 
Hilfe geleistet, worüber an den geeigneten Stellen bei An- 
führung der Operationen näher berichtet wird. 

2. Spastische Contractioneu des Uterus kamen 
24 mal zur Behandlung. Die Behandlung bestand in An- 
wendung von Opiaten (innerlich und in Klystieren), lau- 
warmen Bädern , öfteren bis zur beginnenden Betäubung 
vorgenommenen Chloroform-Inhalationen, der Colpeuryse und 
der Uterusdouche, welche beiden letzteren vorzugsweise 
ihre Anwendung in jenen Fällen fanden, wo die spastische 
Contraction sich mehr oder nur allein auf den untern 



214 

Uterin-Abschnitt erstreckte. Waren die Geburtswege vor- 
bereitet und die künstliche Beendigung der Geburt indicirt, 
so wurde operative Hilfe geleistet, worüber bei den Ope- 
rationen das Nähere angegeben ist. 

3. Dammrisse ereigneten sich in 18 Füllen. 9 mal 
war der vorderste Theil des Dammes ; 6 mal war der Damm 
bis zur Hälfte , und nur in 3 Fällen bis in das hintere 
Dritttheil eingerissen. In jenen Fällen, wo der Damm zur 
Hälfte oder darüber eingerissen war, wurde gleich nach 
Entfernung der Placenta die Naht angelegt. Fünfmal trat 
vollkommene Heilung ein; in 3 Fällen heilte der eingeris- 
sene und genähte Damm theilweise und in 1 Falle blieb 
die Naht ohne Erfolg. 

In jenen 9 Fällen, wo blos das vorderste Dritttheil 
des Dammes eingerissen war, wurde die Heilung der Natur 
überlassen und gelang auch stets bei sorgfältigster Rein- 
haltung der Wunde und der Genitalien überhaupt. 

Zur Verhütung der Dammrisse wurden bei enger 
Schamspalte in die Labien Incisionen gemacht, welches 
Verfahren 85 mal zur Anwendung kam. Vergl. hierüber 
diese Beitr. Bd. II. S. 54. 

4. Becken-Enge wurde 15 mal beobachtet. 

Man stützte sich bei deren Diagnose zunächst auf die 
mittelst des Fingers gewonnenen Resultate, die durch den Com- 
pas d'epaisseur von Baudelocque controllirt wurden. Nur 
in einigen Fällen wurde des klinischen Unterrichts wegen 
der Beckenmesser von Ki wisch und van Huevel in 
Anwendung gezogen. 

Die Beckenverengerurig betrug: 
3 mal circa 3^" Conjugata 

° n r> °T v> 

1 „ waren bei einem coxalgischen Becken die 
linken schrägen Durchmesser vorzugsweise verengt. 



215 

Von diesen 15 Schwangeren wurden 7 natürlich, 3 
mittelst der Zange, 2 mittelst der Perforation und Kepha- 
lotripsie und 1 mittelst der Extraction amFusse entbunden. 
In 2 Fällen wurde die künstliche Frühgeburt eingeleitet. 
(Siehe unten den Abschnitt über „künstliche Frühgeburt".) 

5. Eine Erstgebärende wurde , nachdem die Wehen 
erst durch etwa 3 Stunden aufgetreten waren, von Ecclam- 
psie befallen. Es gelang durch die Chloroform-Narkose, 
welche immer gleich bei Beginn der Convulsionen in Anwend- 
ung gezogen wurde, die Anfälle zu massigen, auch kehrten 
dieselben erst nach längeren Pausen wieder. Nachdem 
während 8 Stunden 5 Anfälle aufgetreten waren, starb die 
Kreissende plötzlich nach einem Anfalle. Bei hinreichend 
erweitertem Muttermunde wurde sogleich die Blase ge- 
sprengt und das Kind mittelst der Zange extrahirt, welches 
jedoch todt zur Welt kam. 

Die Section der Mutter zeigte bedeutendes Extravasat 
im Gehirn, flüssiges nicht geronnenes Blut undEcchymosen 
an verschiedenen Organen , besonders der Leber. Die 
Nieren zeigten ausser einer massigen Hyperämie an der 
Basis der Pyramiden keine abnormen Veränderungen. Die 
Sexual -Organe boten keine erwähnenswerthen Veränder- 
ungen dar. 

6. Blutungen während der Geburt. 

a) Eine 22 Jahre alte Erstgeschwängerte trat mit 
starker Blutung in die Anstalt ein. Die Unter- 
suchung lehrte, dass die Blase bereits gesprungen, 
der Muttermund Guldengross geöffnet sei und 
dass neben dem Kopfe ein schmaler Rand der 
Placenta an der linken Seite vorliege. Es wurde 
der Colpeuryuter eingelegt und mit kaltem Wasser 
gefüllt, welches nach einiger Zeit, sobald man ver- 
muthete, es möchte warm geworden sein, abge- 



216 



lassen wurde , um wieder durch kaltes Wasser 
ersetzt zu werden. Nach 5 stündiger Anwend- 
ung des Colpeurynters ward derselbe hinweg- 
gcnonimen, und da der Kopf bereits tiefer getreten 
war und keine neue Blutung sich einstellte, so 
wurde der weitere Verlauf der Natur überlassen. 
Das 4 Pfund schwere Kind wurde todt geboren. 
Die Mutter erkrankte an Endometritis, von der sie 
geheilt nach 7 Tagen die Anstalt verliess. 

b) Bei einer Drittgeschwängerten trat in der 36. 
Schwangerschaftswoche eine heftige Blutung auf. 
Die sogleich vorgenommene Untersuchung zeigte 
den Muttermund Kronenthalergross geöffnet und 
einen sehr schmalen Rand der Placenta, sowie den 
Kopf vorliegend. Es wurde die Blase gesprengt, 
wornach die Blutung aufhörte und nach ^ Stunde 
die Frucht todt zur Welt kam. 

c) Bei einer Zweitgeschwängerten stellte sich am 
regelmässigen Ende der Schwangerschaft bei Be- 
ginn der Wehen eine heftige Blutung ein. Der 
Kopf lag in erster Lage vor; über dem Mutter- 
munde, auf der rechten Seite desselben, fand man 
einen bedeutenden Rand der Placenta. Es wurde 
der Colpeuryuter eingelegt und mit kaltem Wasser 
gefüllt, welches von Zeit zu Zeit abgelassen wurde, 
um von Neuem wieder kaltes Wasser in den Col- 
peurynter zu injiciren. Hiedurch wurde die Blut- 
ung gestillt und nach 7 Stunden wurde ein 6 Pfd. 
schweres Mädchen natürlich und lebend geboren. 
— Die Mutter blieb gesund. 

d) Bei einer Zweitgebärenden musste wegen Placenta 
praevia centralis bei II. Schädelstellung die Wendung 
auf die Fiisse und Extraction an denselben, sowie 
künstliche Lösung und Entfernung der Placenta vor- 
genommen werden. Zur Stillung der Blutung, 



217 

welche gleich bei Beginn der ersten Wehen sehr 
heftig auftrat, und zur Erweiterung des Mutter- 
mundes leistete der Colpeurynter die besten Dienste. 
— Das Kind wurde lebend geboren ; die Mutter 
erkrankte und starb an Puerperalfieber. 



II. Geburtsstörungen, bedingt durch Anomalieeu des kindlichen Körpers 
uud seiner Anhänge. 

1. Bei einer Erstgebärenden stellte sich nach dem 
Blasensprunge der Kopf in II. Gesichtslage mit nach 
vorne gekehrter Stirne zur Geburt. Durch die schwa- 
chen Wehen wurde das Gesicht sehr laugsam tiefer herab- 
bewegt , die Stirne blieb gegen vorne stehen und trat so 
tief herab, dass man die grosse Fontanelle fühlen konnte. 
In dieser Stellung verharrte trotz sehr kräftiger Wehen 
der Kopf längere Zeit, und man sah sich genöthigt, als 
die Wehen anfingen krampfhaft zu werden, Opiate in An- 
wendung zu ziehen. Schon glaubte man, der Kopf würde, 
weil er schon in der angegebenen Stellung bis gegen die 
Beckenenge herabgetrieben war, in der Stirnlage geboren 
werden, als nach einigen Wehen das Kinn tiefer herabtrat, 
sich nach vorn bewegte uud unter dem Schoossbogen zum 
Vorschein kam. Vom Blasensprunge bis nach erfolgter 
Geburt des Kindes waren 52 Stunden verlaufen. 

2. Zwillinge kamen 10 mal vor; 1 mal bei einer 
Erstgebärenden, 6 mal bei Zweitgebärenden, 1 mal bei einer 
Drittgebärenden und 2 mal bei Viertgebärenden. — Das 
Geschlecht der Kinder war 7 mal gleich (4 mal Knaben, 
3 mal Mädchen). — In Schädellage stellten sich beide 
Kinder 3 mal ; das erste in Kopf-, das zweite in Steisslage 
4 mal; das erste in Steiss-, das zweite in Querlage 1 mal; 
das erste in Kopf-, das zweite in Querlage 1 mal ; die 

Scanzoni's Beiträge III. 15 



218 

Lage blieb unbestimmt 1 mal (Strassengeburt). In 3 Fällen 
trat eine Frühgeburt ein, und in einem von diesen hatten 
beide Früchte mir eine Placenta und ein Chorion. Lebend 
wurden 17 Kinder geboren; l starb während der Extrac- 
tion ; 1 mal waren die beiden Kinder macerirt. 

Operative Hilfe wurde geleistet: 

1 mal wurde das erste Zwillingskind wegen Wehenschwäche 

mittelst der Zange lebend entwickelt; 
4 mal musste nach der Geburt des Steisses die Extraction 
gemacht werden. Alle 4 Kinder wurden lebend geboren; 
2 mal hatte sich das erste Zwillingskind und 2 mal das 
zweite mit dem Steisse zur Geburt gestellt; 

2 mal musste bei dem zweiten Zwillingskinde die Wendung 

und Extraction vorgenommen werden. Ein Kind kam 
lebend und eines todt zur Welt. 

3. Das Vorfallen kleiner Theile neben dem 
Kopfe wurde in nachstehenden Fällen beobachtet: 

a) 1 mal bei dem zweiten Zwillingskinde Vorfall des 
rechten Armes bei I. Schädelstellung; die Geburt 
wurde der Natur überlassen und ging ohne wei- 
tere Störung vor sich. 

b) 1 mal Vorfall des rechten Armes bei einer Zweit- 
Gebärenden. Der vorgefallene Arm wurde repo- 
nirt und das Kind lebend geboren. 

c) 1 mal fielen bei einer Erstgebärenden und sehr 
stark entwickeltem Kinde neben dem Kopfe beide 
Fiisse und die linke Hand vor. Die kleinen Theile 
wurden reponirt; die im weitem Verlaufe der Ge- 
burt auftretenden Krampfwehen durch warmes 
Bad, Opiate und V. S. behoben und später wegen 
langer Geburtsdauer und Erschöpfung der Kreis- 
senden die Zarge angelegt. Das Kind wurde 
todtgeboren ; die Mutter erkrankte an Puerperal- 



219 

Fieber, wurde in's Julius-Spital transferirt und von 
dort geheilt entlassen. 

d) Bei einer Drittgebärenden mit sehr weitem Hecken, 
deren beide frühere Geburten sehr rasch ver- 
laufen waren, fielen neben dem in II. Lage sich 
zur Geburt stellenden Kopfe die beiden Füsse und 
die rechte Hand vor. Im weiteren Verlaufe der 
Geburt, welche in 4 Stunden beendet war, zogen 
sich die kleinen Theile zurück. Das Kind wurde 
lebend geboren, starb aber kurze Zeit nach der 
Geburt. 

e) Bei Schiefstand des Kopfes fiel einmal der linke 
Arm vor, nach dessen manueller Reposition der 
Kopf in den Beckeneingang eingeleitet wurde. Die 
Geburt verlief ohne weitere Störung. Das Kind 
wurde todt geboren. Die Section ergab, dass das 
Kind im Uterus geathmet hatte. 

4. Der Vorfall der Nabelschnur ereignete sich 
1 1 mal, und zwar 6 mal bei vorliegendem Kopfe. 

In 2 Fällen wurden die Kinder durch Anwendung der 
Zange gerettet; in 1 Falle wurde die manuelle Reposition 
mit Erfolg ausgeführt, indem man bei noch beweglich 
stehendem Kopfe die Nabelschnur mittelst der eingeführten 
Hand in die Uterushöhle zurückbrachte und der Kreissen- 
den hierauf eine Seitenlage annehmen Hess. Das Kind 
wurde lebend geboren. In 2 Fällen wurde bei nur 
wenig erweitertem Muttermunde das Braun'sche Repo- 
sitorium — jedoch ohne Erfolg — versucht. In diesen 
beiden Fällen hörten die Nabelschnur-Fulsationen auf, 
ehe noch das Orificium uteri die zur Anwendung der Zange 
nöthige Erweiterung erfahren hatte. Desshalb iiberliess 
man den weitem Geburtsvorgang der Natur. In einem 
dieser Fälle hatte die Nabelschnur eine Länge von 27^", 
und befand sich an ihr ein wahrer Knoten. — Im 

15* 



220 

6. Falle musste wegen Beckenenge die Geburt durch die 
Perforation und Kcphalotripsie beendet werden , nachdem 
vorher zur Rettung des Kindes das Repositoriura von 
Brau n und die Zange vergebens angewendet worden waren. 
1 mal fiel die Nabelschnur nach der Geburt des Steisses 
vor. Wegen Beckenenge war dieExtraction sehr schwie- 
rig. Das Kind kam todt zur Welt. 
1 mal ward eine Kreissende mit vollkommener Fusslage 
und mit vor die äussern Genitalien vorgefallener bereits 
kalter pulsloser Nabelschnur aufgenommen. 
4 mal wurde der Vorfall der Nabelschnur bei Querlagen 
beobachtet. Durch die AVendung und gleich darauf fol- 
gende Extraction wurde 1 Kind lebend und 3 Kinder 
todt zur Welt gebracht. 

5. Bei einer 37 Zoll langen Nabelschnur kam eine 
3 malige Umschlingung um den Hals des Kindes vor. 
Nachdem der Kopf entwickelt war, musste nach 2 maliger 
Unterbindung die Nabelschnur durchschnitten werden , um 
den Rumpf des Kindes extrahiren zu können. Das Kind 
wurde scheintodt geboren und konnte nicht zum Leben 
gebracht werden. 

6. Eine Nebenplacenta beobachteten wir in einem 
Falle. Eine heftige Metrorrhagie indicirte die Lösung und 
Entfernung der Placenta. 

7. Eine ungemein fettig entartete und ausser- 
ordentlich voluminöse fest adhärirende Placenta musste 
wegen Metrorrhagie gelöst und entfernt werden. 

C. Ausgeführte Operationen. 

I. Künstlich eingeleitete Frühgeburt. 

1. Dieser Fall ist bereits von Dr. Carl Wolff in 
seiner Inaugural-Dissertation „De hydraemie gravidarum", 



221 

Berlin 1857, näher beschrieben. Er betrifft eine 32jährige 
Erstgeschwängerte, Wilhelm ine Engelhard, welche 
nach ihrer Aussage im 13. u. 19. Lebensjahre am Nerven- 
fieber darnieder gelegen war. Die Menstruation trat zum 
ersten Male im 18. Jahre ein und zwar in sehr unregel- 
mässigen Intervallen mit sehr blassem und spärlichem Se- 
krete. Im Januar 1855 war die Menstruation zum letzten 
Male erschienen; Mitte Mai stellte sich bedeutendes Oedem 
der untern Extremitäten mit heftigen Schmerzen in der 
Lumbargegend und Dyspnoe ein, wozu sich heftiger Drang 
zum Harnen und Brechneigung gesellte. 

Am 23. Mai 1855 wurde die Kranke in der Entbind- 
ungs-Anstalt aufgenommen. Sie war sehr anämisch; die 
unteren Extremitäten, die Bauchdecken, die rechte Scham- 
lippe, die Mündung der Harnröhre und die Muttermunds- 
lippen waren bedeutend ödematös angeschwollen. Der 
Unterleib war in Folge von Ascites sehr ausgedehnt ; den 
Uterusgrund entdeckte man zwischen dem Nabel und der 
Symphys. oss. pubis. Die Brüste waren massig gespannt 
und entleerten beim Druck etwas Colostrum. Der sehr 
trübe Harn enthielt Faserstoffcylinder und Eiweiss in be- 
deutender Menge. — Die Behandlung bestand in der Ver- 
abreichung von Opiaten und von Phosphorsäure im Ge- 
tränke, in Einreibungen von Ol. hyosc. mit Einwicklungen 
der untern Extremitäten in Werg. Im Laufe der nächsten 
8 Tage blieb der Zustand fast unverändert. Nach dieser 
Zeit aber traten heftige Lendenschmerzen auf, welche durch 
Anwendung trockener Schröpfköpfe gemässiget wurden. 
Auch sollte jetzt das Ferr. lactic. täglich 3 mal zu 3 Gran 
in Anwendung kommen , doch musste diess Mittel schon 
des nächsten Tags wegen eintretender Diarrhoe wegge- 
lassen werden. Durch die Anwendung einer Mixt. ol. 
gummös, cum extracto. op. aquos. ward die Diarrhoe binnen 
4 Tagen behoben. Am 4. Juni wurde behufs einer ge- 
nauem Untersuchung des Blutes und Harnes eine V. S. 



222 

von 3 Unz. vorgenommen und der binnen 24 Stunden ge- 
lassene Harn gesammelt. — Herr Dr. Carl Wollt, wel- 
cher diese Untersuchungen im Laboratorium des Herrn 
Prof. Dr. Scher er vornahm, fand den Blutkuchen ver- 
hältnissmässig klein und auf seiner Oberfläche mit einer 
geringen Speckhaut belegt. Das Blut-Serum war milchig 
trübe und opalisirend in Folge zarter, flockiger, durch das 
Mikroskop zu erkennende Massen. Die chemische Ana- 
lyse ergab 

I. In 1000 Theilen Blut: 

Wasser 832,50 

Feste Bestandtheile 167,5 

Auf letztere fallen 

Faserstoff 2,44 

Blutkörperchen 109,34 

Eiweiss 45,07 

Extraktivstoffe 1,06 

Lösliche Salze 7,45 



II. 



Anorganische Salze 


7,90 


In 1000 Theilen Serum 


waren : 


Wasser 


938,00 


Feste Bestandtheile 


62,00 


Auf letztere fallen 




Eiweiss 


50,73 


Extraktivstoffe 


4,61 


Lösliche Salze 


5,63 



Anorganische Salze 8,00 

Zucker, Harnstoff und kohlensaures Ammoniak konnte 
nicht nachgewiesen werden. 

Der Harn bildete ein nur geringes Sediment, in wel- 
chem viele Faserstoffcylinder, sowie Blasenepithel und Harn- 
salze enthalten waren. Der Harn reagirte neutral und 
hatte ein spezifisches Gewicht von 1018. Die Gesammt- 
menge des in 24 Stunden entleerten Harns betrug 1329 
Grammes. 



223 

In 1000 Theilen waren enthalten: 

Wasser 964,87 

Feste Bestandteile 35,13 

Auf letztere fallen 

Feuerbeständige Masse 15,77 
Organische Masse 19,36 

Von letzteren waren 

Eiweiss 5,90 

Harnstoff 11,63 

Extraktivstoffe 1,83 

In den folgenden 8 Tagen nahm die Anschwellung 
der untern Extremitäten und der grossen Schamlippen zu ; 
auch wurden die Augenlider, das Gesicht und der rechte 
Vorderarm von Oedem befallen. Der Harn wurde in spär- 
licher Menge entleert und bot ein rothliches Ansehen mit 
reichlichem Sedimente dar. 

Auf die Verabreichung von Tartar. natron., roob juni- 
peri ää Unze % x roob sambuc. Unze 1, liq. Kai. acet. 
Dr. 2 (alle 2 Stunden einen Esslöffel voll) trat stärkere 
Harnsekretion so wie Schweiss ein. Aber schon nach 
4 Tagen musste wegen eingetretener Diarrhoe der Tart. 
natron. und nach weiteren 3 Tagen , weil die Diarrhoe, 
wenn auch im geringeren Grade, doch noch immer wieder 
auftrat, diese Arznei ganz weggelassen werden, worauf 
Dower'sche Pulver mit günstigem Erfolge verabfolgt 
wurden. 

Am 26. Juni wurde wiederholt eine Blut- und Harn- 
Analyse vorgenommen. 

I. 1000 Theile Blut enthielten: 

Wasser 837,56 

Feste Bestandtheile 162,44 

Auf letztere fallen 

Fibrin 2,35 

Blutkörperchen 98,91. 

Eiweiss 48,82 



224 



Extraktivstoffe 


3,26 


Lösliche Salze 


7,60 


Anorganische Salze 


11,91 


000 Theile Blutserum 


enthielten : 


Wasser 


932,45 


Feste Bestandteile 


67,55 


Auf letztere fallen 




Eiweiss 


53,36 


Extraktivstoffe 


1,95 


Lösliche Salze 


9,70 


Anorganische Salze 


10,86 



Der gelbröthliche Harn hatte ein specifisches Gewicht 
von 1020; er reagirte sauer und führte nur wenig Faser- 
stoffcylinder und Epithel mit sich. In 24 Stunden wurden 
892 Grammes entleert. 

In 1000 Theilen Harn waren enthalten : 
Wasser 953,67 

Feste ßestandtheile 46,33 

Von letzteren waren 

Feuerbeständige Salze 18,23 
Organische Masse 28,10 

Diese bestand wieder aus 

Eiweiss 8,23 

Harnstoff 17,15 

Extraktivstoff 2,72 

Am 29. Juni trat plötzlich Lungankatarrh mit heftiger 
Dyspnoe und Erstickungsanfällen auf, welche letzteren Zu- 
fälle den dagegen angewendeten Mitteln nicht wichen, 
sondern unter Zunahme des Oedems und des Ascites sich 
steigerten und die Kranke in Lebensgefahr brachten. Unter 
diesen Umständen schien die künstliche Einleitung der 
Frühgeburt (im 7. Monate der Schwangerschaft) gerecht- 
fertigt und es wurden vom 3. Juli an die Milchsauggläser 
binnen 3 Tagen 9 mal angewendet. Als hierauf nur schwache 
Wehen, aber grosse Schmerzhaftigkett der Brüste sich ein- 



225 

stellte, wollte man zur Anlegung des Colpeurynter schreiten, 
welcher aber wegen der Enge der Vagina und der be- 
deutenden Schmerzhaftigkeit der in hohem Grade ange- 
schwollenen Labien nicht vertragen wurde. Man zog nun 
die aufsteigende Uterus-Douche in Anwendung und ge- 
brauchte dieselbe vom 7. Juli an durch 6 Tage hindurch 
täglich 2 mal. Es traten nur schwache Wehen auf, doch 
eröffnete sich allmählig der Muttermund. Die Schamlippen 
schwollen indessen bis zur Kindskopfgrösse an und mussten 
vom 13. Juli an wegen der heftigen Schmerzen öfters sca- 
rißeirt werden. Von diesem Tage an wurde die Uterus- 
Douche ausgesetzt. 

Da der Zustand der Kranken jedoch sich von Tag 
zu Tag verschlimmerte und nur seltene und schwache 
Wehen auftraten, so versuchte man am 17. Juli ein Clysma 
von Seeale cornutum (U. 1 — U. lv) und wiederholte 
solches den nächsten Tag, worauf starke Wehen sich ein- 
stellten. Am 19. Juli sah man sich genöthigt, mittelst der 
Uterussonde die Eihäute bei Guldengross eröffnetem Mut- 
termunde zu sprengen, worauf nach 2 Stunden die Geburt 
eines todten 2 Pfd. 22 Loth schweren Knaben erfolgte. 

In den ersten Tagen des Wochenbetts befiel die Kranke 
ein heftiges Fieber mit starker Hitze des Kopfs, welche 
Erscheinungen jedoch bald wieder verschwanden. Die 
Lochien flössen sehr spärlich. Die ödematösen Anschwell- 
ungen hatten schon am nächsten Tage nach der Geburt 
bedeutend abgenommen ; kehrten aber am 23. Juli in 
ziemlich hohem Grade, vorzüglich an den Schamlippen, 
wieder zurück, worauf sie dann von Tag zu Tag mehr 
und mehr verschwanden. Am 27. Juli entdeckte man zum 
letzten Male im Harne Faserstoff-Cylinder in sehr geringer 
Menge bei noch immerhin beträchtlichem Gehalte von Ei- 
weiss, welches jedoch auch von diesem Tage an stets ab- 
nahm und bis zum 13. August, an welchem die Kranke 
entlassen wurde, gäuzlich verschwunden war. Bei ihrem 



226 

Austritte war dieselbe nur mit einem sehr geringen Oedem 
an den Knöcheln des Unterschenkels und mit chlorotischen 
Symptomen leichteren Grades behaftet, von welchen sie 
nach weiteren 6 Wochen vollkommen befreit war. 

Um den vorliegenden Fall besser würdigen zu kön- 
nen, erscheint es nothwendig, die chemischen Analysen des 
Blutes bei nichtschwangeren und schwangeren Frauen, so 
wie die von Dr. Wolff bei unserer Kranken vorgenom- 
menen übersichtlich zusammenzustellen. 
In 1000 Theilen Blut fand 

bei Nicht- bei Schwan- bei Engelhard 
schwangern gern 

als Mittel als Mittel I. Untersuch. IL Unters. 

Rcqucrel & Rodicr. Rcqucrcl & Rodicr. Wolff. 



Wasser . . . 


791,10 


801,0 


832,50 


837,56 


Feste Bestand- 










teile . . 


208,90 


199,0 


167, 5 


162,44 


Blutkörperchen 


127, 2 


111,8 


109,34 


98,91 


Eiweiss . . . 


70, 5 


66,1 


45,07 


48,82 


Fibrin . . . 


2, 2 


3,4 


2,44 


2,35 


Lösliche Salze 
Extraktivstoffe . 


1 %} 


j 6,6 


7,45 
1,06 


7,60 
3,24 



Feuerbeständige Salze 7,90 11,91 

Aus den angeführten Zahlen ist leicht zu ersehen, dass 
durch die Schwangerschaft das Blut in der Art eine Ver- 
änderung erleidet , dass bei zunehmendem Wassergehalte 
die festen Bestandteile, namentlich das Eiweisss und die 
Blutkörperchen vermindert werden ; und dass dieser sonst 
physiologische Process bei unserer Kranken eine solche 
Höhe erreichte, dass er als pathologische Erscheinung auf- 
trat. In dieser abnormen Beschaffenheit des Blutes musste 
man die Ursache der massigen serösen Ergüsse und des 
ganzen Leidens erkennen. In dem Respirations- und Cir- 
culations-Apparate Hess sich keine organische Erkrankung 
auffinden ; die Nieren konnten von keiner tieferen Textur- 



227 

Erkrankung befallen sein , indem der Harustoff-Gehalt im 
Harne nie bedeutend vermindert gefunden wurde. Die 
katharrhalische Affection der Nicrenschleimhaut konnte für 
sich allein nicht die Intensität des Krankheitsprocesses be- 
dingen ; sie musste, nachdem man die hochgradige seröse 
Blutbeschaffenheit kannte, als deren Wirkung angesehen 
werden; dass die erwähnte katharrhalische ArTection der 
Nieren nicht auf mechanische "Weise durch Druck der ab- 
dominellen und Nierengefässe von Seite des schwangern 
Uterus zu Stande kam, ist in Anbetracht des noch tiefen 
Standes desselben — zwischen Nabel und Symphyse — 
und seines noch geringen Umfanges ausser Zweifel. 

Nachdem man sich überzeugt hatte, dass in der 
Schwangerschaft die Ursache des die Kranke im höchsten 
Grade gefährdenden Leidens liegt, musste, da alle anderen 
Mittel fruchtlos angewendet worden waren , die vorzeitige 
Unterbrechung der Schwangerschaft eingeleitet werden. Die 
alsbald nach der Geburt erfolgte Besserung und Heilung 
dürfte wohl als der beste Beweis für die Richtigkeit der 
gestellten Diagnose und die Zweckmässigkeit des einge- 
schlagenen Verfahrens anzusehen sein. 

2. Bei einer Erstgeschwängerten wurde in der 33. 
Schwangerschaftswoche wegen Beckenenge (Conjug. 3y 4 
bis 3% Zoll) die künstliche Frühgeburt dadurch eingeleitet, 
dass kohlensaures Gas in die Vagina und gegen das Ori- 
ficium uteri geleitet wurde. Man benützte hiezu eine gegen 
y% Maass Flüssigkeit fassende Flasche, welche mit 2 Oerl- 
nungen versehen ist. In der einen Oeffnung wird eine ge- 
rade Glasröhre, welche bis tief unten in die Flasche hin- 
einragt, durch einen Kork befestigt. Durch diese Röhre 
wird die Säure in die Flasche geleitet. In der 2. Oeff- 
nung ist eine gebogene Glasröhre fixirt, welche das sich 
entwickelnde Gas in eine mit Wasser gefüllte kleinere 
Flasche (Vorlage) führt, in welcher mitübergeführte Spuren 



228 

der zur Gasentwicklung angewendeten Säure absorbirt wer- 
den. An dieser Vorlage ist eine 2. Oeflnung und in dieser 
eine Glasröhre fixirt, an welcher eine gegen 3'/j Schuh 
lange Kautschukröhre befestigt ist , an deren einem Ende 
ein Mutterrohr angebracht wird. Um das Gas an die Cer- 
vicalportion zu leiten, wird ein Speculum eingeführt und 
durch dasselbe das Mutterrohr gegen dieselbe geleitet. 
Damit das sicli entwickelnde Gas nicht zu schnell ent- 
weicht, wird über dem Mutterrohr eine Korkplatte be- 
festigt, mit welcher das Speculum verschlossen werden 
kann. Zur Bereitung der Kohlensäure bringt man in die 
grössere Flasche fein zerztossene Kreide und füllt sie gegen 
Va mit Wasser, worauf man durch die gerade Glasröhre 
concentrirte Salzsäure zugiesst. — Dieser Apparat wurde 
bei der oben erwähnten Erstgebärenden am 2. Februar 1856 
Abends 8 Uhr zum ersten Male durch 20 Minuten appli- 
cirt, ohne dass hierauf subjektiv oder objektiv wahrnehm- 
bare Veränderungen folgten. Am 3. Februar wurde das 
Verfahren Morgens 8 Uhr durch 25 Minuten und Abends 
8 Uhr durch 30 Minuten wiederholt. Die Schwangere 
empfand, so lange die Kohlensäure einströmte, ein unange- 
nehmes prickelndes Gefühl in der Vagina und im Laufe 
des Tages öfters Stiche in der Nabelgegend. Abends er- 
schien die Vaginalportion beträchtlich aufgelockert. Nach 
einer in ruhigem Schlafe zugebrachten Nacht wiederholten 
sich die erwähnten Stiche in der Nabelgegend. Am 4. Februar 
kam der Apparat des Morgens und des Abends um 8 Uhr 
jedesmal durch % Stunde in Anwendung, während welcher 
Zeit das prickelnde Gefühl in der Vagina wieder auftrat. 
Im Laufe des Tags ward der Muttermund für den Finger 
durchgänglich. In der darauffolgenden Nacht erwachten 
ziemlich heftige , gegen die Inguinalgegend ausstrahlende 
wehenartige Schmerzen im Kreuze und gegen den Morgen 
zu lebhafte, fühlbare Uterus-Contractionen , welche jedoch 
später wieder nachliessen. Am 5. Februar Morgens wurde 



229 

wieder durch 30 Minuten die Kohlensäure eingeleitet, wahrend 
welches Vorganges sich das mehrfach erwähnte Prickeln 
wieder einstellte. Das Orificium war bis zur Grösse eines 
Zwanzigkreuzer-Stückes erweitert, nachgiebig und leichf 
ausdehnbar; die Secretion der Vagina war beträchtlich ver- 
mehrt. Gegen Mittag traten wieder Wehen auf, welche 
sich fortwährend steigerten. — Um 6 Uhr Abends erfolgte 
der Blasensprung und nach */» Stunde in I. Schädelstell- 
ung die Geburt eines 3 Pfund 12 Loth schweren, lebenden 
Kindes. Die Placenta musste wegen starker Metrorrhagie 
gelöst und entfernt werden. — Die Wöchnerin blieb gesund. 
Dieser Fall ist bereits von Scanzoni in der Wiener 
medicinischen Wochenschrift vom 15. März 1856 ver- 
öffentlicht. 

3. Bei einer Drittgeschwängerten, deren erste Geburt 
durch eine sehr schwierige Zangenoperation beendet wurde 
und bei deren 2. Schwangerschaft die künstliche Frühge- 
burt eingeleitet ward (vergl. diese Beitr. Bd. I. S. 85), 
wurde die Einleitung der künstlichen Frühgeburt in der 
30. Schwangerschaftswoche vorgenommen. (Vergl. diese 
Beitr. Bd. IL S. 45.) Man hatte zuerst die Milchsaus- 
gläser, hierauf die Uterusdouche, dann den Colpeurynter 
und warme Bäder angewendet und sah sich wegen der 
Erfolglosigkeit dieser Mittel zum Eihautstich genöthigt. 
Das Kind stellte sich in einer Querlage mit Vorfall des 
rechten Arms und der Nabelschnur zur Geburt. Die auf- 
getretenen Krampfwehen wurden durch die bekannten 
Mittel behoben und hierauf die Wendung vorgenommen. 
Da die Füsse nach vorne und links lagen und die ein- 
geführte Hand krampfhafte Contractionen des Uterus her- 
vorrief, so war die Wendung äusserst schwierig; auf die 
Wendung liess man sogleich, weil man Gefahr für das 
Leben des Kindes fürchtete, die Extraction folgen; das 
Kind wurde jedoch todt geboren. Die Mutter erkrankte an 



230 

Puerperalfieber, wurde in's Juliushospital transferirt und 
von dorten geheilt entlassen. 

4. Hei einer Viertgeschwängerten, über deren 3 frühere 
Geburten bereits in diesen Beiträgen Bd. I. S. 85 und 
Bd. II. S. 45 Erwähnung gemacht wurde , versuchte man 
wegen Beckenenge in der 32. Schwangerschaftswoche die 
künstliche Frühgeburt mittelst der Kohlensäure auf die im 
vorhergehenden Falle näher beschriebene Art und Weise 
einzuleiten. Am 16. Juni 1856 um 11 Uhr Morgens w T urde 
durch 40 Minuten die Kohlensäure gegen die Vaginalpor- 
tion geleitet. Die Schwangere empfindet das Einströmen 
derselben als ein leichtes Prickeln in der Vagina, und klagt 
über wehenartige Schmerzen, während die auf den Uterus 
aufgelegte Hand denselben härter und fester fühlte. Um 
4 Uhr Nachmittags ward der Apparat wieder durch 30 Minuten 
angewendet. Während der Anwendung traten mehrere 
deutlich wahrnehmbare Wehen auf, die auch nach Entfern- 
ung des Apparates noch durch einige Zeit fortdauerten. 
Die folgende Nacht brachte die Schwangere im ruhigen 
Schlafe zu, bis sie des Morgens gegen 4 Uhr wegen heftiger 
Wehen das Bett verliess , nach welchen man keine merk- 
liche Erweiterung des Muttermundes, aber eine beträchtliche 
Erweichung und Auflockerung der früher fast knorplig an- 
zufühlenden Vaginalportion bemerkte. Am 17. und 18. Juni 
wurde die Kohlensäure 3 mal, des Morgens, Mittags und 
Abends applicirt. Gleich nach der Anwendung, während 
und einige Zeit nach derselben gewahrte man deutlich 
Wehen. Am 18. Juni trat nach der des Morgens vorge- 
nommenen halbstündigen Anwendung Brechneigung und 
ein schmerzhaftes Gefühl von Hitze in der Scheide auf, 
wogegen ein lauwarmes Bad und M% Gran Morph, mit dem 
besten Erfolge angewendet wurde. — Am 19. Juni fand 
man die Cervicalportion äusserst weich und den inneren 
Muttermund für den Finger durchgänglich. Es wurde des 
Morgens das Verfahren wiederholt. Des Mittags liess man 



231 

bei der Anwendung das Speculum weg, indem man das 
Mutterrohr unmittelbar in die Vaginalportion einführte. 
Dadurch wurden sehr starke und alle 2 — 3 Minuten sich 
wiederholende, aber nur gegen 15—20 Sekunden dauernde 
Wehen hervorgerufen, welche nach Beendigung der 1 '» Stunde 
dauernden Sitzung wieder nachliessen, worauf ein spannen- 
der, sich über den ganzen Unterleib verbreitender Schmerz 
noch einige Stunden andauernde. Des Nachmittags gegen 
4 Uhr wurde wie Mittag verfahren, ohne dass die geringste 
Spur von Wehen aufgetreten wäre. Bei der Sitzung des 
Abends 7 Uhr bediente man sich wieder des Speculums 
und gewahrte diessmal erst nach 13 Minuten schwache 
Wehen, und nach Hinwegnahme des Apparats völliges Auf- 
hören der Wehenthätigkeit. Man wollte jetzt die Cohen'sehe 
Methode versuchen und injicirte eine Infus, capit. papav. 
den 20. Juni 5 mal , und den 21. Juni Morgens 1 mal in 
die Uterushöhle, jedoch ohne den geringsten Erfolg, wess- 
halb man den 21. Juni wieder 3 mal die Kohlensäure in 
Anwendung zog, wodurch aber nur schwache und nur 
sehr kurz anhaltende Wehen erzielt wurden. Die Nach- 
mittags-Sitzung wurde durch eine Ohnmacht der Schwangeren 
unterbrochen , welche sich nach Entfernung des Apparats 
bald wieder verlor. 

Am 22. Juni wurde des Morgens eine lauwarme In- 
jection von Decoct. alth. in die Uterushühle gemacht, 
worauf bald einige heftige Wehen und zugleich starke 
Dyspnoe auftrat. Die Wehen Hessen bald wieder nach 
und nur erst in der Nacht wurden wieder einige bemerkt. 

Am 23. Juni Morgens ward wieder eine Injection 
von Decoct. alth. in die Uterushöhle — jedoch ohne den 
geringsten Erfolg — gemacht. Gegen Mittag wurde die 
Tamponade der Vagina nach Schöller in Anwendung ge- 
zogen, worauf nach lf i Stunde nur 2 — 3 starke Wehen 
eintraten. 



232 

Am 24. Juni wurde des Morgens und des Nachmittags 
und am 25. Juni Morgens eine Injection von Decoct alth. 
in die Uterushöhle ohne den geringsten Erfolg vorgenommen. 

Am 26. Juni Morgens wurde, nachdem alle die ange- 
gebenen Verfahren nicht im Stande waren , eine rege Ge- 
burtsthätigkeit hervorzurufen, der Eihautstich nach Meiss- 
ners Methode vorgenommen, wobei sich eine beträchtliche 
Menge geronnenen Blutes mit trüber schleimiger Flüssig- 
keit entleerte. Nach y 4 Stunde traten regelmässige kräftige 
Wehen auf, die durch ein lauwarmes Bad noch verstärkt 
wurden. Der Blasensprung erfolgte den 27. Juni gegen 
Mittag bei nur sehr gering erweitertem Muttermunde, und 
am 28. Juni Nachmittags l 1 /* Uhr erfolgte in vollkommener 
Fusslage die Geburt. Das Kind kam todt zur Welt. Die 
adhaerirende Placenta musste wegen Metrorrhagie ge- 
löst werden. Die Wöchnerin erkrankte an Endometritis, 
doch wurde sie geheilt entlassen. — 

Diesen Fall beschrieb bereits näher Dr. Henri Dor 
aus Vcvey in seiner Inaugural-Dissertation : Die Kohlen- 
säure, als Mittel zur künstlichen Einleitung der Frühgeburt. 
Würzburg 1857. 

Es wurde sonach die Frühgeburt 4 mal künstlich ein- 
geleitet; die Indication hiefür war einmal hochgradige 
flydrämie, 3 mal Beckenenge und zwar zum zweitenmale 
bei einer Drittgeschwängerten , zum drittenmale bei einer 
Viertgeschwängerten und dann bei einer Erstgeschwängerten. 
In letzterem Falle gelang die Operation durch die Ein- 
strömungen der Kohlensäure vollkommen, in den 3 ersten 
Fällen führten verschiedene Methoden und zwar die Kohlen- 
säure , die Milchsauggläser, die aufsteigende Douche, die 
Injectionen nach Cohen und die Colpeuryse nicht zum 
Ziele, wesshalb man zur Ausführung des Eihautstiches 
sich gcnöthigt sah. Von den Kindern kam das in Folge 
der Einwirkung der Kohlensäure geborene lebend, die drei 



233 

übrigen todt zur Welt. — Von den Müttern blieb gleich- 
falls die mit Kohlensäure behandelte gesund, während von 
den 3 anderen die eine an Endometritis,, die andere an 
Febris puerper. erkrankte, wovon jedoch beide genasen, die 
dritte endlich der hydraulischen Erscheinungen wegen noch 
in Behandlung: blieb und auch °;enas. 



Scmnioni'g Beitrüge III. j o 



234 



III. Operationen mit der Gebnrtszunge 







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2 Indication 

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für die Mutter ifür das Kind 






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gebor. 


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Krampf wehen. 


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Wehenschwäche. 


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Krampfwehen. 


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Wehenschwäche. 


II. 
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Incontinentia 
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Krampf wehen. 






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Wehenschwäche. 


11. 








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•235 
lei Torlifefndera Ropfe. 

Bemerkungen. 



Bald nach dem Biasensprunge traten bei der 24 Jahre alten 
Erstgebärenden heftige sich über den ganzen Uterus erstreckende 
Krampfwehen auf. wogegen öftere Chloroform-Inhalationen. Ein- 
reibung von Chloroform-Liniment , Morphium innerlich. Opium 
in Klystier . warmes Bad und Aderlass in Anwendung kamen. 
Nach 39stündiger Dauer der Geburt und hinreichender Erweiter- 
ung des Muttermunds wurde die Zange angelegt. Die Herztöne 
des Kindes waren schon einige Stunden vorher nicht mehr zu 
hören. Ein bei der Extraction des Kopfes aufgetretener Damm- 
riss wurde genäht und war die Heilung nach VI Tagen erfolgt. 

Das an der Seite stehende Hinterhaupt ward nach vorne 
gedreht fs. Scanzor.i's Lehrb. d. Geburtshilfe IL Aufl. p. 828 u. f.). 

Chloroform-Inhalationen wurden 14 mal und zwar immer 
bis zur Betäubung der Kreissenden angewendet. 

Durch öfteres Einlegen eine* silbernen Catheters. den man 
durch einige Wochen liegen lies- . war die Incontinentia urinae 
nach 3 Tagen behobeu. 

Die Anwendung von Chloroform-Inhalationen bis zur Be- 
täubung behob die Krampfwehen nur auf kurze Zeit. Nach 
einem i"2 maligen Gebrauche derselben wurden noch 3 Morphi um- 
Pulver , jedes '/e Gran enthaltend, gegeben, und bei gehöriger 
Erweiterung des 3Iuttermunds künstliche Hilfe geleistet. Das 
zur Seite des Beckens stehende Hinterhaupt wurde nach vorne 
gedreht. 

Drehung des seitlich stehenden Hinterhauptes nach vorne. 

Trotz der Incisionen in die Schamlippen erfolgte ein Damm- 
riss. der sogleich genäht wurde und nach 8 Tagen geheilt war. 

Das zur Seite stehende Hinterhaupt ward nach vorne gedreht. 



Die vordere Muttermundslippe schwoll bedeutend an und 
konnte nicht über den Kopf zurückgeschoben werden. Nach der 
Geburt fand man sie grösstenteils abgerissen, aber noch mit 
dem Uterus zusammenhängend. Ohne irgend welche Erschein- 
ung hervorzurufen, schrumpfte die abgerissene Muttermundslippe 
derart ein. dass sie nach 3 Tagen nur als eine höckerige Un- 
ebenheit sich anfühlte. 



236 



2 


Indication 
für die Operation 


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Ausgang 


für die Mutter 


für das Kindl 


Erkra » kt | S forb. 


Le- 
bend 


Todt- 
gebor. 


12. 

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27. 


Vorfall der Nabel- 
schnur. 


1. 

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Wehenschwäche. 








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1 




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giebiger Kindskopf. 


I. 


Febr. puerp. 


1 




11 


I. 

II. 

Schäd. 

stell. 

mit 

Vorf. 

beider 






1 




Krampfwehen. 


Febr. puerp.. Pa- 
rese der linken 
untern Extre- 
mität. 




1 





237 



Bemerkungen. 



Die Blase trat bis zum Beckenausgange herab. Sobald die 
Nabelschnur schwächer pulsirte. wurde die Blase gesprengt und 
das Kind entwickelt. 



Die Nabelschnur war 2 mal und zwar so fest um den Hals 
geschlungen, dass sie nach der Extraktion des Kopfes unter- 
bunden und durchschnitten werden musste. 



Das zur Seite stehende Hinterhaupt wurde nach vorne ge- 
dreht 

Erstes Zwillingskind. 



Das zur Seite stehende Hinterhaupt wurde nach vorne 
gedreht. 



Das zur Seite stehende Hinterhaupt wurde nach vorne 
gedreht. 



Das zur Seite stehende Hinterhaupt wurde nach vorne 
gedreht. 



Wegen Metrorrhagie in der Nachgeburtsperiode musste die 
Placenta gelöst werden, wornach jedoch die Blutung noch tort- 
dauerte und den gewöhnlichen Mitteln widerstand, wessnalb 
eine Lösung von Murias fern (2 Drachmen auf 6 Unzen ) mit 
Erfolg injicirt wurde. Die Wöchnerin war sehr anaemiseh. er- 
krankte den folgenden Tag an Puerperalfieber und starb 11 Tage 
nach der Operation. 



Zu Anfange der Geburt lagen die beiden Füsse und der 
linke Arm vor. Der in der Nähe befindliche grössere Körper, 
den man wegen seines hohen Standes nicht genauer erkennen 
konnte , wurde für den Steiss gehalten : erwies sich jedoch als 
den Kopf, nachdem man bei längerer Verzögerung der Geburt 
mit der ganzen Hand untersucht hatte. Die vorliegenden kleinen 



238 



"3 


Indication 
für die Operation 


03 
SP 

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Au s gang 


für die Mutter 


für das Kind 


Erkrankt ! storL. 


Le- 
bend 


Todt- 1 
gebor. 1 






Füsse 
u. des 
linken 
Arms. 








28. 


Becken veren gn n g. 
(Conjugata3%Zoll) 


II. 
Schaft. 






1 




19. 


Wehenschwäche. 


I. 




1 




30. 




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Febr. puerp. 




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31. 


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II. 




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Nabelschnurvorfall. 


I. 


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36. 
37. 

38. 


Wehenschwäche. 


I. 


1 


1 




Ecclampsie. 


I. 


1 






Wehenschwäche. 






1 




39. 

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41. 




I. 


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Beckenenge (Con- 

jugata 37, Zoll). 

Krampfwehen. 


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1 

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239 



Bemerkungen. 



Theile wurden reponirt und der Kopf in den Becken-Eingang 
hereingeleitet. Die hierauf sich einstellenden heftigen Krainpf- 
wehen wurden durch Opium , warmes Bad und Aderlass ge- 
mässigt, worauf die Geburt künstlich beendigt wurde. 



Nach Ausschluss der Placenta trat eine sehr heftige Blut- 
ung auf, die den gewöhnlichen Mitteln widerstand und erst 
nach d. Injection einer verdünnten Lösung von Murias ferri aufhörte. 

Nachdem mehrere Versuche . die nach rechts und hinten 
vorgefallene Nabelschnur mittels des Bra un'schen Repositoriums 
zurückzubringen , misslangen und deren Pulsationen allmälig 
schwacher wurden, so musste an dem im Beckeneingange schon 
feststehenden Kopfe die Zange angelegt werden. 

Die Kreissende wurde -bei Beginn der Geburt von Ecclam- 
psie belallen. Nachdem der Tod eingetreten war . wurde das 
Kind bei hinreichender Eröffnung des Muttermundes durch die 
Zange zu Tage gefördert. 



Wegeu Härte und Unnachgiebigkeit des Muttermundes 
wurde dessen Erweiterung durch 4 stündige Anwendung des 
Colpeurynters und durch 3 malige Application der lauwarmen 
Uterusdouche erzielt und wegen Erschöpfung der Kreissenden 
die Zange angelegt. — 



Der Kopf blieb bei sehr kräftigen Wehen im Beckeneingange 
eingekeilt. Es traten heftige Krampfwehen auf. welche durch 
ein lauwarmes Bad. Opiate und Chloroform gemässiget wurden, 
worauf dann die Zange, weil durch die lange Geburtsdauer 
die Kreissende sehr erschöpft war und die fötalen Herztöne nur 



240 



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Indication 
für die Operation 


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Ausgang 


für die Mutter 


für das Kind 


Erkrankt 


Ge- 
storb. 


Le- | Todt- 
bcnd | gebor.] 


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Schäd. 






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Wehenschwäche u. 
sehr enge Vagina. 








43. 


Krampfwehen und 

Ausbleiben der 

normalen Drehung 

des vorliegenden 

Gesichts. 


11. 








1 


















44. 

45. 
46. 

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II. 


Febr. puerp. 




1 




Wehenschwäche. 


I. 

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1 






Febr. puerp. 




1 




Beckenenge (Con- 
jugata 3'/ 4 ")- 






1 





Von diesen Zangenoperationen vollführte v. S c a n z o n i 
5, Dr. J. B Schmidt 16, Dr. Langheinrich 11, Dr. 
Gregor Schmitt 6. Von den Practikanten operirten: 
zweimal Dr. Mayrhofer, einmal die Dr. Dr. Papellier, 
Bittinger, Deckert, Rück er und die Cand. med. 
K e m p e r d i c k, S a c k, K i m m i g, A m a n n u. F 1 e i s c h m a n n. 
Die Zange wurde an dem vorliegenden Kopfe einschlüssig der 
zwei Fälle, in welchen die Verkleinerung des Kopfes vor- 
genommen war, 49 mal angelegt und zwar wegen Wehen- 
schwäche 34 mal, wegen der durch Krampfwehen bedingten 
Geburtsverzögerung 6 mal, wegen nicht erfolgter natürlicher 
Drehung des mit dem Kinne nach hinten stehenden Gesichtes 
1 mal. wegen Vorfall der Nabelschnur 3 mal, wegen absoluter 
Beckenenge 5 mal, wegen relativer Beckenenge 1 mal, und 



241 



Bemerkungen. 



noch sehr schwach zu hören waren, angelegt wurde. Erst nach 
etwa 15 Tractionen gelang es . das stark entwickelte Kind zu 
Tage zu fördern. 



Bei der Erstgebärenden mit sehr engen Genitalien blieb die 
Stirne nach vorne und rechts stehen . selbst als das Gesicht bis 
in die Beckenenge herabgetreten war. Nachdem die Krampf- 
wehen durch die bekannten Mittel beseitiget waren . wurde 
durch eine zweimalige Anlegung der Zange das nach hinten 
und links stehende Kinn nach vorne gedreht und das Kind zu 
Tage gefördert. 

Eine heftige Blutung nach Ausstossung der Placenta er- 
heischte ausser den gewöhnlichen Mitteln die Injection einer 
Lösung von Murias ferri. 



1 mal wurde nach dem in Folge von Ecclampsie erfolgten 
Tode der Mutter das Kind durch die Zange entwickelt. 

Von den mittels der Zange entbundenen 47 Müttern 
blieben vollkommen gesund 32, an Puerperalfieber erkrank- 
ten 5, an Incontinentia urinae 2, an Blutung in der Nach- 
geburtsperiode 8. 

Gestorben ist von den Operirten 1 an Puerperalfieber. 
Das zur Seite des Beckens stehende Hinterhaupt wurde 
7 mal, und 1 mal das bei II. Gesichtslage hinten und links 
stehende Kinn nach vorne gedreht. 42 Kinder wurden 
lebend und 5 todt zur Welt gebracht. 



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I)as Kind wurde bis 
zu den Schultern natür- 
lich ggberen. Da Sie Na- 

belschnur jetzt schwach 
und aussetzend pulsirte. 
wurden die Schultern ge- 
löst und der Köpf manuell 
ZU extrahiren versucht, 
was jedoch nicht gelang, 
wesshalb die Zange ange- 
legt wurde. Das Kind kam 
scheintodt /.. Welt, konnte 
abei nicht zum Leben gen 
bracht werden. (Dr. Lang« 
beinrich. j 




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Bis zu den Schultern 
erfolgte die Geburt durch 
die Naturkräfte. Wegen 
schwacher u. unregelmäs- 
siger Pulsation der Nabel- 
schnur wurden die Schul- 
tern gelöst. Die Versuche, 
den Kopf manuell zu ent- 
wickeln, niisslangen. Man 
griff desshalb zur Zange, 
welche aber wegen spasti- 
scher Contraction d. Mut- 
termundes nicht angelegt 
werden konnte. Durcli die 
Chloroforniirung ^vurde 
diese Anomalie behoben u. 
sodiinn weg. Verzögerung 
derGcburt d. Kopf niiinueil 
entwickelt. Die 7 monatl., 
4 Pf. schwere Frucht zeigte 
nberdeniGesichte deutlich 
die Kinschmirungsstelle. 
(Dr. Langheinrich ). 


Die 6 monatl. Frucht 
wurde in den Eihäuten u. 
mit der Placenta geboren! 

Erstes Zwillingskind. 








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Nachdem der Nabe] ge- 
boret) war, mnsste wegen 
Aufhören d. Nal>elsrhnur- 
Fnlsationen dieExtraction 
vorgenommen werden; 
( Dr. .1. H. Srl.mi.lt ). 


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Nach der Geburt (les 
Steisses fiel «'ine gegen 'l" 
lai.gr schwach pulsirende 
Nabelscjhnursc,hlinge vor. 

Es wnrde sofort zur Ex- 
(raction geschritten. Au 


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wurde 
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Nach der Geburl dos 

Nabels pulsirtc die Xabel- 

schmirscn'wacn u.unregel- 

mässig. 1 'Dr. .1.1). Schmidt. ) 


Nach der (leburt des 
Thorax setzten die Wclicn 
sehr lauge aus ; die Nftbet- 
schnur pulsirte schwach 
und unregelmässig, i I>r. 

Laiiu'heinriid) |. 




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Zweites Zwilliifgskind.l 

Zweit es Z wi 1 1 ingsk ind.l 
Frühgeburt im 7. Monat. | 


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247 

Geburten mit vorliegendem untern Rumpfende kamen 
24 mal vor; und zwar als Steisslagen 18, als vollkommene 
Fusslagen 5 und als unvollkommene 1. Von den Steiss- 
geburten konnten der Natur 12 überlassen werden, 9 Kinder 
wurden lebend, 2 todt und 1 im macerirten Zustande ge- 
boren. Unter den lebend gebornen Kindern befand sich 
1 mal eine einzelne frühzeitige Frucht, 1 mal ein erstes 
Zwillingskind, 4 mal ein zweites Zwillingskind , von welch' 
letzteren 2 rechtzeitig, und 2 zu früh geboren wurden. 
— Die 2 todtgebornen Kinder waren Früchte von 5 und 
6 Monaten. Durch die Extraktion mussten 6 Steissgeburten 
beendet werden: in 2 Fällen wurde an den nachfolgenden 
Kopf die Zange angelegt. 4 Kinder kamen lebend, 2 todt 
zur Welt. Bei einem dieser letzteren war die Nabelschnur 
vorgefallen und hatte die Entwicklung des Kopfes wegen 
bedeutender Beckenenge grosse Schwierigkeiten. 

Die Steissgeburten kamen vor bei Erstgeschwängerten 9 mal 
(darunter 1 mal Abortus im 6. Monate , 1 mal Zwillings- 
geburt und 1 mal Frühgeburt) ; 

bei Zweitgeschwängerten 5 mal (darunter 3 mal Zwillings- 
geburt); 
bei Drittgeschwängerten 1 mal ; 

bei Viertgeschwängerten 2 mal (1 mal Abortus im 5. Monate 

und 1 mal Zwillingsgeburt) ; 
bei einer Fünftgeschwängerten 1 mal. 

Vollkommene Fusslage kam 5 mal vor. In 3 Fällen 
ward die Geburt der Natur überlassen. Ein ausgetragenes 
Kind wurde lebend geboren; 1 zu früh geborenes, dessen 
Nabelschnur vorgefallen und bei der Untersuchung schon 
pulslos befunden wurde, sowie 1 Kind (bei eingeleiteter 
künstlicher Frühgeburt) todt geboren. 

Die Extraktion wurde 2 mal gemacht. 1 Kind, an 
dessen nachfolgenden Kopf wegen spastischer Contraction 
des Muttermundes die Zange nicht angelegt werden konnte, 



248 



kam tudt zur Welt, und 1 Kind (Frühgeburt ira 7. Monate) 
wurde lebend entwickelt. 

Die vollkommenen Fusslagen kamen vor bei Erst- 
geschwa'ngerten 2 mal (beide Frühgeburten), bei Zweit-, bei 
Dritt- und Viertgeschwängerten je 1 mal. 

V. \\ c n d u n g e n 



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für die 

Operation 




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Querlage (Kopf 
rechts. Rücken nach 
vorne) mit Vorfall 
des rechten Armes. 


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1 










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II. Schädelstellung 

(Schiefstand des 

Kopfs). 


1 


1 


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Querlage 
(Kopf rechts, Rük- 
ken nach hinten ). 
Vorfall des rechten 
Arms u. der Nabel- 
schnur. 


1 


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1 





249 

Unvollkommene Fusslage ereignete sich nur 1 mal bei 
einer Erstgebärenden. Das Kind kam durch die Natur- 
kräfte und lebend auf die Welt. 

Alle 24 Mütter, welche Geburten mit vorliegendem 
untern Kumpfende überstanden hatten, blieben gesund. 

i u i den Fuss. 



Bemerkungen. 



Zweites Zwillingskind. — (Oper Dr. Langheinrich.) 



Der Kopf blieb lange über der Symphyse stehen trotz der 
kräftigsten Wehen. Man versuchte denselben mit der Hand 
gegen den Beckeneingang hereinzuleiten , was jedoch nicht ge- 
lang; es wurde desshalb der linke Fuss erfasst und herabge- 
führt und da dieser auf angebrachte Reize nicht reagirte. wurde 
sofort die Extraction vorgenommen. Der Kopf blieb im Becken- 
eingange stecken. Ein Versuch, die Zange au demselben anzu- 
legen, misslang, und man überliess die Sache der Natur, bis 
durch kräftige "Wehen der Kopf tiefer in die Beckenhöhle her- 
abgetreten war ; als er hier trotz kräftiger Wehen mit seinem 
Diagonaldurchmesser im queren Durchmesser des Beckens stecken 
blieb, versuchte man ihn manuell zu entwickeln, Mas auch nach 
mehreren kräftigen Tractionen gelang. — Das Kind zeigte keine 
Lebenszeichen, doch wurde sofort die Nabelschnur unterbunden, 
fwornach die Umbilicalvene des zur Placenta gehenden Theiles 
des Nabelstranges durch etwa '/ 2 Minute in starkem Bogen 
spritzte) um die Wiederbelebungsversuche, die jedoch erfolglos 
waren, vorzunehmen. (Oper. Hofr. Seanzoni.) 

Künstliche Frühgeburt in der 30. Schwangerschaftswoche 
wegen Beckenenge (Conjugata 3 l ,y). Zur Erregung von Wehen 
waren die Milchsäuggläsei;, die Uterusdouehe. der Colpeurynter 
und warme Bäder mehrere Tage hindurch furchtlos angewendet, 
wesshalb der Eiliautstich gemacht wurde. Im weiteren Verlauf 
der Gehurt traten Krampfw elien auf, welche durch die geeigneten 
Mittel beseitigt wurden. Nach gehöriger Erweiterung des Mutter- 
mundes sehritt man zur Wendung, welche jedoch, da die Füsse 
nach vorne lagen und der Uterus sieh nach Einführung der 
Hand krampfhaft zusammenzog, sehr schwierig war. Der herab- 
gezogene Fuss reagirte nicht auf angebrachte Reize, wesshalb 
sofort die Extraction des während der Operation jedoch abge- 
storbenen Kindes vorgenommen wurde. (Oper. Dr. Lang- 
hein rieh.) 

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250 



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5. 

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(Kopf links. Rücken 

nach hinten). 


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Querlage 

( Kopf links, Rücken 

nach vorne ). 




1 

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Querlage 

(Kopf rechts. Rück. 

nach hinten, Vorfall 

des linken Annes u. 

der Nabelschnur). 

Querlage 
(Kopf links. Rücken 
nach hinten, Vorfall 
der Nabelschnur). 

Querlage 

(Kopf links. Rücken 

nach hinten). 


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Querlage 
(Kopf rechts, Rü- 
cken nach vorne, 
Vorfall der Nabel- 
schnur). 


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fieber. 


II. Schädelstellung, 

Placenta praevia 

centralis. 


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Puer- 
peral- 
fieber. 


Querlage 
(Kopf rechts, Rü- 
cken nach hinten). 


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Querlage 
(Kopf rechts, Rü- 
cken nach vorne), 










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13. 


Querlage 

(Kopf links. Kücken 
nach hinten. Vorfall 
des linken Annes ). 


l 




1 

1 
1 








1 





251 



Bemerkungen. 



(Oper. Hofr. Scanzoni.) 



Zweites ZwUBngskind. Nach der Wendung übcrliess man 
der Natur den weiteren Fortgang der Geburt. Nachdem der 
Steiss zu Tage getreten war und die Nabelschnur nur äusserst 
schwach pulsirte, musste die Extraction vorgenommen werden. 
(Oper. Dr. J. B. Schmidt.) 

Die Wendung wurde in der Seitenlage ausgeführt und Wegen 
schwacher Pulsation des Nabelstranges gleich darauf die Extrac- 
tion vorgenommen. (Oper. Dr. J. B. Schmidt.) 



Ebenso. (Oper. Dr. J. B. Schmidt.) 



(Oper. Hofr. v. Scanzoni.") 



Wegen der gleich bei Beginn der Wendung wahrgenom- 
menen schwachen Nabelschnur-Pulsation musste sofort die Ex- 
traction folgen. fOper. Dr. J. B. Schmidt.) 



Gleich bei Beginn der Geburt trat eine heftige .Metrorrhagie 
auf. wesshalb die Tamponade durch einen mit kaltem Wasser 
gefüllten Colpeurynter vorgenommen wurde. Die Blutung stand 
hierauf still und kehrte erst nach 12 Stunden wieder, nachdem 
erst kurz vorher mehrere kräftige Wehen aufgetreten waren. 
Bei hinreichender Erweiterung des Muttermundes wurde das 
Kind gewendet und extrahirt und gleich darauf die Lösung der 
Placenta vorgenommen. (Oper. Hofr. v. Scanzoni.) 

Da der Kopf sehr nahe gegen den Beckeneingang Jag. ver- 
suchte man die Wendung auf den Kopf. Hiebei fiel eine Hand 
und der Nabelstrang vor. wesshalb man einen Fuss herableitete. 
Nach der Geburt des Steisses war die Extra tion durch die schwachen 
Nabelschnur-Pulsarionen indicirt. (Oper. Dr. J. P>. Schmidt.) 

fOper. Dr. J. B. S c h niTTl V j 



An dem herabgeleiteten Fusse gelang die Drehung des Kin- 
des nicht . wesshalb der doppelte Handgriff in Anwendung ge- 
zogen werden musste. Die früher deutlich wahrgenommeneD 
totalen Herztöne waren nach der Wendung nicht melir zu ver- 
nehmen : man liess desshalb sogleich die Kxtration folgen. Bei 
der Extraction des Steisses fiel eine pulslose Nabelschnurschlinge 
vor. (Oper. Dr. J. B. S c h in i d t. i 



252 

Die Wendung wurde 13 mal und zwar wegen Quer- 
lage 12 mal und 1 mal bei II. Schädelstellung wegen hefti- 
ger Metrorrhagie in Folge von Placcnta praevia central, vor- 
genommen. Ausgeführt wurde die Operation von Scan- 
zoni 4 mal , von Dr. J. B. Schmidt 7 mal , von Dr. 
Langheinrich 2 mal. Nur in 2 Fällen konnte man nach 
der Wendung den weiteren Geburtshergang der Natur über- 
lassen. Von den operirten Müttern blieben gesund 10, 
3 erkrankten an Puerperalfieber, von denen 1 bei Placenta 
praevia starb. Von den gewendeten Kindern wurden 6 lebend 
und 7 todt extrahirt, unter welch' letztern 1 macerirtes war. 



VI. Verkleinerung des Kindskopfes (kephalotripsie, Perforation). 

Bei einer 22 Jahr alten Erstgebärenden, welche mit 
starker Neigung des Beckens und bedeutendem Hängebauche 
behaftet war, blieb der Kopf trotz der kräftigsten Wehen 
lange Zeit über dem Schambeine stehen ; die Pfeilnahtstand 
so hoch, dass sie nicht erreicht, werden konnte und war 
stärker als gewöhnlich gegen das Kreuzbein gekehrt. Bei 
dieser schiefen Stellung des Kopfes versuchte man , nach- 
dem bereits 12 Stunden nach dem Blasensprunge verflossen 
waren und die kräftigsten Wehen ohne Erfolg blieben, durch 
die Zange denselben tiefer iu die Beckenhöhle herab zube- 
wegen. Es wurden 6 Traktionen, jedoch vergebens, ge- 
macht. Die Herztöne , welche man früher ganz deutlich 
auf der linken Mutterseite hörte, wurden indess schwächer 
und verschwanden endlich gänzlich, und die früher vorhan- 
dene Kopfschwulst wurde weicher. Nachdem man sich 
durch diese Zeichen über den eingetretenen Tod des Kin- 
des versichert hielt und die Mutter durch die lange Ge- 
burtsdauer sehr viel gelitten hatte , wurde der Kopf mit 
dein K iwis ch 'sehen Perfonitorium perforirt und die Ke- 
phalotribe angelegt. Da dieselbe jedoch bei der sehr un- 



253 

günstigen Stellung des vorliegenden Kopfes nur dessen 
nach hinten gekehrte Flache erfasste und sonach nur einen 
kleinen Theil desselben comprimirte, so feg sie nicht lest 
genug an, und musste desshalb nach einigen Tractionen, 
welche jedoch den Kopf etwas tiefer herabbewegten, absre- 
nommen und wieder angelegt werden. Nach einigen Trak- 
tionen , als deren Abgleiten wieder zu befürchten stand, 
wurde sie wieder abgelegt und zum 3. Male eingeführt, 
wornach durch sie die Extraction des Kopfes nach 54 
Stunden langer Dauer der Geburt gelang. Aber auch die 
Entwicklung der Schultern hatte wegen des sehr nach hin- 
ten gerichteten untern Randes der Symphys. op. pubis 
grosse Schwierigkeiten. 

Aus der Vagina, deren hintere Wand durch einen 
Knochensplitter, welcher bei der Compression des Kopfes 
die Kopfdecken perforirt hatte, verletzt war , ergoss sich 
ziemlich viel Blut . wesshalb ein mit Essig und Walser 
befeuchteter Schwamm in dieselbe eingebracht wurde, 
worauf die Blutung stand. Die Mutter erkrankte an 
Eodomtritis , Colpitis und Peritonitis und staib nach 96 
Tagen unter den Erscheinungen der Pyaemie. 

9. Bei einer Kreissenden mit sehr geneigtem und ver- 
engtem Becken fConjug. gegen &%") fühlte man neben dem 
in I. Lage befindlichen Kopfe zugleich die Nabelschnur 
vorliegend, von welcher nach dem Blascnsprunge zwei 
grosse Schlingen vorfielen. Man versuchte dieselbe mittelst 
des B raun 'sehen Repositoriums zurückzubringen, was je- 
doch nicht gelang. Als nach einigen kräftigen Wehen der 
Kopf im Beckeneingange feststand, der Muttermund hin- 
reichend erweitert war und die Nabelschnur nur noch 
schwach pulsirte. versuchte man durch die Zange das Le- 
ben des Kindes zu retten, von welchem Vorhaben man je- 
doch abstand, als nach einigen kräftigen Tractionen der 
Kopf nicht tiefer herabbewegt werden konnte und die Na- 



254 

belsehnur keine Pulsationen mehr zeigte. Man wollte die 
Geburt der Natur überlassen , sah sich aber gezwungen, 
nach längerer Dauer derselben und nachdem mehrere 
sehr heftige, den Kopf jedoch nicht weiter fördernde, die 
Kreissende aber sehr ergreifende Wehen aufgetreten waren, 
und überdiess eine nicht unbeträchtliche Gebärmutterblut- 
ung sich einstellte, den Schädel des bereits schon länger 
abgestrobenen Kindes zu perforiren und den Kopf mit der 
Kephalotribc zu entwickeln, welche Operation ohne erheb- 
liche Schwierigkeit gelang. 
Die Mutter blieb gesund. 



VII. Placentar - Lösungen. 

Wegen Metrorrhagie in der Nachgeburtsperiode musste 
die Placenta 28 mal gelöst werden; und zwar 
zwanzigmal wegen regelwidrig fester Adhaesion (in einem 
Falle war eine Nebenplacenta vorhanden), viermal bei In- 
carceration , dreimal bei Atonie des Uterus und einmal 
wurde bei Placenta praev. centr. nach der Wendung und 
Extraction des Kindes sofort die Placenta entfernt. Von 
diesen Wöchnerinnen erkrankten an Anaemie 1 7 , welche 
in gebessertem Zustande entlassen wurden ; an Puerperal- 
fieber 4, von denen eine geheilt entlassen wurde und 3 
starben. 

In einem dieser tödtlich abgelaufenen Fälle war die 
Geburt mit der Zange beendet worden. Nach der Entfern- 
uno: der Placenta, die an der vorderen Uteruswand fest 
adhaerirte , trat eine heftige, den gewöhnlichen Mitteln 
hartnäckig widerstehende Blutung auf, wogegen eine Lös- 
ung von Murias icrri mit Erfolg injicirt wurde. Die 
Wöchnerin war durch den starken Blutverlust sehr anae- 
DUBCh geworden. Sic erkrankte an Endometritis und Metro- 
phlebitis und starb 10 Tage nach der Geburt. 



255 

Bei der Section fand man an der hintern Muttermunds- 
lippe eine geborstene varicöse Vene, in welche eine Sonde 
eingeführt und bis zur Insertionsstelle der Placenta fortge- 
führt werden konnte. — In einem zweiten Falle war die 
Geburt durch Krampfwehen verzögert, aber ohne Kunst- 
hilfe beendet worden. Die gelöste und entfernte Placenta 
war ungemein fettig entartet und ausserordentlich volumi- 
nös. Die Wöchnerin erkrankte an Meningitis und starb 
32 Stunden nach der Geburt. Die Section zeigte ausge- 
breitete frische Meningitis und Gehirn-Apoplexie. — Der 
dritte tödtlieh abgelaufene Fall betrifft die Kreissende mit 
Placenta praev. centralis. Sie starb am 8. Tage nach der 
Geburt an Metrolymphangoitis , Metrophlebitis und Endo- 
metritis. 

D. Störungen des Wochenbetts. 

1. An Puerperalfieber erkrankten 30 Wöchnerin- 
nen. Von diesen verlassen 2 geheilt und 2 gebessert die 
Anstalt und 6 sind gestorben. In's Juliushospital wurden 
20 an Puerperalfieber Erkrankte transferirt. Von diesen 
wurden 13 geheilt, 2 gebessert entlassen und 5 sind 
gestorben. 

Nach Operationen erkrankten : nach 47 maliger Anleg- 
ung der Zange 5, von denen 1 gestorben ist: nach 13 
Wendungen 2 , von denen 1 starb. Nach 2 maliger Vor- 
nahme der Perforation und Kephalotripsie erkrankte und 
starb 1 Wöchnerin. 

Die Sectionen der an Puerperalfieber Verstorbenen 
zeigten die entzündlichen Processe der Peritonitis, Endome- 
tritis, Lvmphangöitis , Phlebitis und Oophoritis mit mehr 
oder weniger massenreichen Exsudaten. Sogenannte sep- 
tische Formen kamen diesmal nicht vor. 

2. Eine Wöchnerin, bei der die künstliche Frühgeburt 
eingeleitet worden war und welche durch die Wendung 



25G 

uii.l Extraction entbunden wurde, erkrankte an Perito- 
nitis und Endometritis, welcher Process nach 12 Ta- 
gen abgelaufen war. Hierauf traten aber Gerinnungen in 
den oberflächlichen Neuen der linken untern Extremität 
auf, wornach an derselben Extremität Hydrops desSchleim- 
beutels der Patella und Entzündung des Kniegelenkes sich 
einstellte. Die Kranke wurde in's Juliushospital transferirt 
und dort nach 1 1 wöchentlicher Behandlung geheilt ent- 
lassen. Ein Jahr später ward sie wieder schwanger in die 
Gebäranstalt aufgenommen. 

3. Metrorrhagie bald nach Ausstossung der Pla- 
centa kam 19 mal vor, und zwar 13 mal aus dem Uterus, 
10 mal wegen unzureichender Contractionen des Uterus, 
3 mal wegen zurückgebliebener Eihaut- und Piacentarreste 
und 6 mal aus der Vagina. Nur in 3 Eällen war die In- 
jection einer Eösung von Murias ferri niithig , und man 
beobachtete in einem dieser Fälle 3 Stunden nach der An- 
wendung derselben einen leichteren eclamptischen Anfall, 
der jedoch, so wie das Wochenbett, ohne weiteren Nachtheil 
verlief. 

Von diesen 19 Wöchnerinnen sind 8 an Anaemie 
erkrankt und wurden im gebesserten Zustande entlassen. 
An Puerperalfieber erkrankten 5, von denen 4 geheilt wur- 
den und 1 gestorben ist. 

4. Nach einer heftigen Metrorrhagie erkrankte eine 
Wöchnerin an Anaemie mit den mannichfaltigsten hyste- 
rischen Erscheinungen, zu welchen sich noch eine mehrere 
Tage anhaltende Diarrhoe gesellte. Auf den Gebrauch 
von Eisen besserte sich die Kranke sehr bald, so dass sie 
nach 4 wöchentlichem Aufenthalt in der Anstalt geheilt ent- 
lassen wurde. 



257 



E. Einige der wichtigeren Bildungsfehler und Krankheiten 
der Kinder. 

11 Angeborene Knochcnbrüch c. An einem Kinde, 
welches auf den Fuss gewendet und extrahirt worden war, 
fand man bald nach der nicht schwierigen Entbindung Tren- 
nung der Knochen an allen 4 Extremitäten. Der rechte Vor- 
derarm war unmittelbar über dem Handgelenk, der linke 
etwas höher oben, die beiden Oberschenkel gleich ober 
den Condylen und der linke Unterschenkel über den Knö- 
cheln getrennt. 

Die Arme wurden iu einen Contentiv-Verband gebracht, 
wahrend die Heilung der Knochentrennungen an den untern 
Extremitäten der Natur überlassen wurde. Das Kind wurde 
täglich 2 mal in ein lauwarmes Bad gebracht, dem Orber 
Salz zugesetzt wurde; die untern Extremitäten wurden 
mit warmen Kataplasmen bedeckt. Die Knochentrennungen 
waren in 4 Wochen ohne auffallende Verkürzung der Ex- 
tremitäten geheilt. 

Während und nach der Heiluung litt das Kind öfters 
an Lungen- und Darmkatarrh , so dass es erst etwa 8 
Wochen nach seiner Geburt gesund aus der Anstalt ent- 
lassen wurde. 

2. Bei einem Kinde fehlte ein grosser Theil 
des weichen Gaumens mit der Uvula. Auch waren 
am linken Fusse die beiden letzten Zehen mit einander 
verwachsen. 

3. Zwei Kinder hatten an der linken Hand einen über- 
zähligen Daumen, der amputirt wurde. 

4. Epidernicidale Atresie des Anus. Bei einem Kinde 
beobachtete man gleich nach der Geburt den After verschlos- 
sen und eine von dieser Stelle längs des Perinaeums und 
der Raphe des Scrotums verlaufende häutige Hervorragung, 

Scanzoni's Beiträge III. 18 



258 

welche das Ansehen einer mit dunklem Blute stark ange- 
füllten varicösen Vene hatte. Am 2. Tage nach der Ge- 
burt platzte diese llervorragung in der Aftergegend , und 
es entleerte sich hier Meconium in geringer Menge. Mit 
der Sonde gelangte man von der Rissteile in den Mastdarm, 
auch konnte man eine dünne Sonde längs des erwähnten 
häutigen Kanals vorschieben, welcher mit Meconium gefüllt 
war, das man gegen die Hissstelle hin auspressen konnte. 

5. Wegen membranöser Verschli essung der 
Aftermündung wurde die den After verschliessende Membran 
durchschnitten, worauf eine unbedeutende Blutung eintrat« 
Von nun an erfolgte die Stuhlentleerung regelmässig. 

6. Ein Kind wurde mit lnsufficienz der Valvula 
mitralis und tricuspidali s geboren, nachdem man 
während der Geburt ein deutliches Nabelschnurgeräusch 
gehört hatte. (Ausführlicheres über diesen Fall theilt 
Dr. Gr. Schmitt in seinem Aufsatze über das Nabel- 
schnurgeräusch pag. 173 dieses Bandes mit.) 

7. Die Behandlung der Ophthalmie der Neuge- 
bornen bestand in den leichteren Fällen in kalten Um- 
schlägen und des Tags öfters vorgenommener Reinigung 
des kranken Auges durch die lauwarme Douche. Bei 
heftigeren Fällen wurden Blutegel an die Schläfe gesetzt 
und einigemal bei sehr starker Anschwellung der Con- 
junetiva deren Scarification vorgenommen. Bei den schwe- 
reren Fällen wurde auch des Tages 2 mal eine Höllenstein- 
lösung (Gr. 1 — x auf die Unze Wasser) eingeträufelt. Von 
den 54 an Augenentzündung erkrankten Neugebornen ver- 
liessen 1 1 geheilt, 23 gebessert und 20 ungeheilt die An- 
stalt. 



259 



Zahl der Entbundenen 



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Catarrhus intestinalis 


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Catarrlms pulmonum 


Catarrhus vesic. 


Catarrhus vesicae blen- 
norrhoieus 


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3 

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1 


Ecclampsia 






Eczema mammae 






Erysipelas faciei 


"2Ö~ 


13 


Erysipelas bullosum 
Febris puerperal is 


Gonitis in puerperio 


2 
1 


1 


Hvsteria 


Incontinentia urinae 





— 


"27 

2 
3 

3 


28 
1 

3 
~2~ 


Intermittens 


1 

11 

1 

1 

7 


Mastitis 


5 


5 


Meningitis 






Morbus Brigthii 


1 


1 


Neuralgia extremita- 
tum ini'eriorum 


Paresis extremitatum 
inieriorum 


5 


1 

1 
13 


1 

T 


Pneumonia 


1 


Prolapsus uteri 


4 

28 


Prolapßus vaginae 


Ruptura perinaei 


18 
3 
2 


Rectocele cum prolapsu 
vaginae 


Rheumatismus acutus 
articulorum 


Syphilis 


15 

1 
1 


Tumor übros. labii pu- 

dciuli in;ij<>ns.-iniMri 


T~ 


T 





— 


— 


Variolois 


Summe 1 225 


M 1!) 3!) i; i; | 9 | 2 | 5 



V. lebersicht der Krauklioiten der Kinder. 



261 



Krankheiten 


— 


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7. 

30 

s 


z 

s 


Aphthae 


36 
Iß 


23 


9 


4 


Apoplexia intermeningea 


1 1 ; 








i plexia pulmoimm 2 






2 


Atresia ani 


1 

Ti~ 

5 


1 






Atrophia 






11 


Catarrhus pulmonum 


1 


2 


2 


C'autrrhus intestinalis 13 


3 


6 


2 2 


Hypospadiaeus 1 






1 


Kephalohämatoma 4 


3 
1 


1 




Mastitis 


4 
54 


3 




Ophthalmia neonatorum 


11 


23 


20 


Pemphigus 4 


3 




1 


Pneumonia 3 




3 


Retentio urinae spastioa ' 8 


8 






Sclerosis textus cellulosi; 4 


1 




3 






Soor 32 


19 


8 


5 


Spina binda 1 






1 


Summe 199 


74 


52 


32 41 



262 



VI. lebersicht der Krankheiten der Nichtschwangercn. 



Krankheit 




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i. 
f. 

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— 
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V 

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Bemerkungen 


Anteflexio cum in- 
fareto uteri 


1 




l 








Carcinoma uteri 


1 






i 






Fistula vesico vaginalis 


1 








1 


Mittelst der Musseux- 
'schenHackenzange wurde 
die Vaginalportion gefasst 
und der Uterus , so wie 
die Fistel vor die Scham- 
lippen herabgezogen, wo- 
rauf die callösen Ränder 
der Fistel abgetragen und 
die Doppelnaht angelegt 
wurde. Drei Tage nach 
der Operation erlag die 
Kranke einer heftigen 
Peritonitis, welche durch 
einen 1" langen Riss des 
Peritoneum im hintern 
Douglas'schen Räume be- 
dingt war. 


Infarctus uteri 


1 




l 








Paralysis vesicae uri- 
nariae 


1 






l 






Retroversio cum in- 
fareto uteri 


1 




1 








Tumor colloides ovarii 


1 








L 




Tumor polyposus uteri 


1 


1 










Ulcus granulosum ori- 
ficii uteri 


1 


t 










Summe 


9 


2 


3 


2 


'2 





263 



VII. Personale der Anstalt 

Vorstand: Hofrath Professor Dr. von Scanzoni, seit 
November 1850. 

I. Assistent, zugleich Repetitor an der k. Hebammenschule: 

Dr. J. B. Schmidt, seit November 1852. 

II. Assistent: Dr. L an gh ein rieh , vom 1. Mai 1853 bis 

1. Mai 1856, an welchem Tage der zur Zeit 
noch fungirende Dr. Gregor Schmitt diese 
Stelle übernahm. 

Haushebamme: Margaretha Billa. 



Mi 

Den geburtshilflichen Unterricht genossen im Laufe 
der Jahre 1853 — 1856 1011 Mediciner, welche 
sich auf die einzelnen Seraester und Collegien folgender- 
massen vcrtheilen : 



.lalir 


Semester 


Collegium über 


Zahl der 

Zuhörer 


18 53 /s4 


Winter 


geburtshilfliche Klinik 


92 i 

98 206 


theoret. Geburtskunde 


Operationscursus 


16 \ 


Sommer 


geburtshilfliche Klinik 


103 ] 


Operationscursus 


31 j 134 


18 54 / 55 


Winter 


geburtshilfl. und| r ,. ., 
gynaekologische ( * 


111 1 


theoret. Geburtskunde 


94 ( 221 
26 ) 


Operationscursus 


Sommer 


geburtshilfl. und j K]inik 
g}maekologische \ 


91 fl07 
Iß \ 


Operationscursus 


18% 


Winter 


geburtshilfl. und i in . ., 
lynaekologische| Khmk 


92 / 

123 }™ 


theoret. Geburtskunde 


Operationscursus 


11 ) 

102 j m 


Sommer 


geburtshilfl. und | K]inik 
gynaekologische \ 


Operationscursus 


15 \ 


Summe 


1011 



XI. 



Tabellarisclie Zusammenstellung der Ereignisse in der 

geburtshilflichen Klinik zu Würzburg während der 

6 Jahre tarn 1. JSocbr. 1850 bis 31. Od. 1856. 

Von Dr. GREGOR SCHMITT, 
klinischem Assistenten an der ksl. Entbin<lunt:s-An>tah. 



I. Allgemeine lebersicht. 

Während der oben genannten 6 Jahre wurden in die 
kgl. Entbindungsanstalt aufgenommen: 

Schwangere 1728 
Nicht schwangere Kranke 26 

Summa 1754 

Von den Schwangern wurden unentbunden wieder 

entlassen S2 

entbunden 1639 

verblieben am 31. October 1856 2G 

Von den Wöchnerinnen verliessen gesund die Anstalt 1569 

wurden krank in das Julius-Hospital überbracht . 59 

siud gestorben 17 

verblieben am 31. October 1856 6 

16 



266 

Von den nicht schwangeren Kranken verliessen die 

Anstalt 22 

wurden in das Julius-Hospital transferirt ... 1 

sind gestorben 3 

Unter den 1639 Geburten ereigneten sich einfache . 1612 

Zwillings-Geburten 27 

Es wurden sonach Kinder geboren 1666 

Von diesen Kindern kamen lebend zur Welt. . . 1536 

todt 130 

Von den 1536 lebend geborenen Kindern wurden 

gesund entlassen 1415 

sind gestorben 118 

verblieben am 31. October 1856 5 

Die Geburten vertheilen sich auf die einzelnen Kindes- 
Stellungen und Lagen folgendermassen : 

I. Schädelstellnng 1109 

II. „ 443 
I. Gesichtsstellung 6 

n. „ 4 

Steisslagen 25 

Fusslagen 23 

Querlagen 24 

Unbestimmt gebliebene Lagen 26 

Selbstwendung während der Schwangerschaft wurde 
16 mal beobachtet. 



267 



Zahl der Entbundenen 




Verbleiben am 

loteten ( Jetober 

L856 


s 


Mädchen 


<T* 


1 


Knaben 


60 


1 


Wöchnerinnen 


• 


es 


Schwangere 


n 




ij ' r Mädchen 


28 




fcx 
ii 
< 


| 

O 


a 




^* 


X 


Knaben 


S 


Wöchnerinnen 


1 Ö 


cv 


Nicht schwangere Kranke 


CQ 


Entlassen 




Mädchen 


£ 


— 


Knaben 


1^ 




Wöchnerinnen 


so 

s 


§ 


Schwangere 


s 


Nicht schwangere Kranke 


3 


In"s Julius- 


Wöchnerinnen 


ka 


O 


nospuai- 
transferirt 


1 - ■ ■ 
Nicht schwangere Kranke 


* 


l 


Ei 

ii 


'Z 

- 


Mädchen 


a 


ä / 


Knaben 


er 


Mädchen 


PC 






Zuwachs 


H 


73 Knaben 


* 


SC 


i a 

*3 ti 


a 

5X 


Mädchen 


- : 


if 


Knaben 

Mädchen 


00 

— 

52 


'C Knaben 


— 


Nicht schwangere Kranke 


- 


— 




Schwangere 


8 

— 


erblieben 
1 in ü Letz- 
ii Oc tober 

1850 


4 


Mädchen 

•i 


_ — i 


gig 


5 


Knaben 


— 


Wöchnerinnen 


CO 


£ 


i> 


X 


?5 


i 
Schwangere 


lt 



268 



III. Uebcrsicht über die währeud der G Jahre 1850 — 1856 
ausgeführten Operationen. 

A. Künstliche Einleitung der Frühgeburt. 


Indication 


efl 

< 


Zeit der 
Schwjanger- 

.srhal't 


Ausgang 


für die Mutter 


für d. Kind 


Ge- 
sund 


Kr- 

krnkt. 


Todt 


bend Todt 


Morbus Brightii 


1 


22. 
Woche 


1 
1 






1 


1 


Becken-Enge (3 1 /, — 3%" 
Conjug.) 


1 


33. W. 




„ „ (allgemein, 
nicht genau 
messbar) 


1 


34. W. 


1 






1 




n n r> n 


1 


30. „ 




1 






1 


n » n n 


1 


32. „ ! 


1 






1 


r> n n 5? 


1 


32. . 


1 






1 




„ (3"2'"Conj.) 


1 


32. „ 


1 








1 


Summa 


6 




4 


2 




3 


3 





B. Zangen-Operationen. 



269 



Iudication für die 
Operationen. 


Lage 


- 

N 


Ausgang für 


Mutter 


Kind 




— 

- 
- 

£ 


-~3 


— 


-U 


Wehenschwäche 


I. Schädel-Stell- 
ung 


49 


Li) 


9 




45 4 
19 1 

4 :- 

1 T > 

2 T 


Wehenschwäche 


IL Schädel-Steil. 20 


18 
"5 


l 

1 

i 


1 

4 


KrampiSvehcm 


6 mal I. Sch.-L. 
2 „ IL Sch.-L. 
1 „ Gesichts-L. 


9 

3 

_ 3" 


Schiefstand des Kopfes 




Querstand des Kopfes 




Njcht erfolgte Drehung d. 
mit dem Hinterhaupte 
nach hinten stehenden 
Kopfes 


i 

9 


1 
2 


l 


1 


•> 


2 

- 

1 


Harter unnachgiebiger 
Kindskopf 


2 mal L, 2 mal: 
IL Schäd.-Stell. 3 


Beckenenge 


3 mal I. . 4 mal 7 

IL Schäd.-Stell., 


5 2 


3 i 


Placenta praevia lateralis. 


IL Schäd.-Stell. 


I— 1 - 
3 


1 
3 


Nabelschnur- Vorfall 


I. Schäd.-Stell. 


Summa | 100 






C. Extractione 

Wehen sc hw äche 


1 mittels des Aerotra 
I. Schäd.-Stell. ; 5 


cio 


LH 

i's 


1 


too 





270 



D. Extractionen des mit dem unleren Rümpfende vor- 
liegenden Kindes. 



Kindeslage und Stellung 



Der Kopf win- 
de extrahirt 



mit d. 
Zange 



ma- 
nuell 



Ausgang für 



die Mutter d. Kind 



m 



Vollkommene Fusslage 



Unvollkommene Fusslage 



I. Steisslage 



II. Steisslage 



Schiefläge des Kopfes mit 
Vorlage d. linken Hand 
des linken Fusses und 
Nabelstrangs 



8 

6 

15" 

9 

1 






2 


2 





1 



Summa 



39 



21 



Von den todten Kindern waren 
E. Wendungen auf den 



| 38 | 1 | 1 26 1 13 

39 39 

3 macerirt. 

Fuss. 



Querlage , Kopf rechts, 
Rücken nach hinten 



Querlage , Kopf rechts, 
Rücken nach vorn (ein 
Mal Vorfall der Nabel- 
schnur) 



Querlage , Kopf links, 
Rücken nach hinten 
(3 Mal Vorfall d. Nabel- 
schnur) 



Querlage , Kopf links, 
Rücken nach vorn 



Schädelstellung mit 
Vorliegen der Hand u, 
Nabelschnur) 



IL Schädelstellung : 

a) Schiefstand d. Kopfes 

b) Placenta praevia cen- 
tralis 



7 I 



111 



Summa 



24 



11 



19 3 2 



Von den todten Kindern waren 



24 

3 macerirt, 



12 I 12 



'24 



271 



F. Perforation, Kephalotripsie. 



Lage und Stellung des 




Ausgang für 


9 


die Mutter das Kind 


Kindes. 


< 




-^ 




= 














6 






X 


w< 


d 




^ 






E 


o 


-_ 






B H 


r- 


— H 


Becken-Enge 


5 


4 1 




5 


G, Forceps-scie (mit va 


k Huevel's Instrument). 


Becken-Enge 1 


1 1 

















272 



l\ 



lebcrsicht der Krankheiten der Mütter während 



der 6 Jahre 1850-1856. 




C 
<u 

M 

u 
W 

u 

V 

B 

tSJ 


Von den in der n 1 Von den im Ju- 


Krankheit 




Anstalt xsenan- 

delten wurden 

entlassen 


vi 'u 

C ,ü 

.5 S 

— •_ 

1— 1 


nusnospii. r>e- 
handelten wur- 
den entlassen 


'S 

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o 


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O 


Vi 

Vi 

o 


+3 
'S 

'S 
bo 
a 


o 

| 

72 

O 


Anaemia post metror- 
rhagiam 


46 




46 











— 


1— 




Anasarca 


5 


4 


1 






. 


Catarrhus intestinalis 


27 


23 


3 


■1 




Catarrlms pulmonum 


43 


33 


10 








1 
1 


Catarrhus vesic. 


1 
1 










1 


Catarrhus vesicaeblen- 
norrhoieus 






i 1 


Ecclampsia 


3 


1 


T 


1 


' 


13 
1 

T 
T 


1 
T 


— 


:> 


Eczema mammae 
Epilepsia 


4 


6 







Erysipelas faciei 
Erysipelas bullosum 


l l 




7 


l | l 

67 !14 


W 


1, 


20 
2 

1 



5 


Febris puerperalie 


Gonitis in puerperio 


3 


1 


l 


Glossitis cum intlam- 
matione glaudulanmi 
sali Valium. 


1 


Hysteria 


1 






Incontinentia urinae 


13 


13 






I 


Inllainmatio Symphysis 
ossium pubis 


1 


1 




Intrrmittens 


2 


1 


l 


1 


.Mania ptterperalis 


1 

L8 

1 

~3~ 

12 


9" 


T 


Mastitis 


Meningitis 






Morbus Brightii 


9 


2 

3 


Neuralgia extreinita- 
tuiii inferioram 



273 





1 


Von den in dei 
Anstalt Behan- 
delten wurden 


od — 


^"* >n den im Ju- 
li ushospit. Be- 
ihandelten wur- 


Krankheit 


flä 


entlassen 


~ — 

- — 

- ~ 


den entlas-en 


"3 
C 


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Ö 


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— 

DD 


"Z 

~z 
o 


m 
O 


'3 

: 

— 


B 

OB 
- 


Ophthalmia blenno- 
rhoica 


1 




3 


i 

2 


~~ 


1 

1 
13 


— 

1 






Paresis extremitatum 

inferior um j 7 


1 


Pleuritis 


1 






1 

X 

32 
1 


Pneumonia 


1 


i 




Prolapcns uteri 


4 






Prolapsus vaginae 


32 

18 


_ 

14 


3 


Rectocele cum prolapsu 
vaginae 







Rheumatismus acutus 
articulorum 


4 






4 




Ruptura perinaei 


28 






4 

IT 


— 


4 2 

f 

__ 


Syphilis 


Tuberculosis 


1 






1 




Tumor fibrös, labii pu- 
dendi majoris sinistri 
Typhus 


1 
1 


1 

l 




— 


— 


- 

1 


Uleera varicosa extre- 
mitatum inferiorum 


1 




1 


5 




Variolois 6 








Summe 


434 


M. 


112 


113 


17 


« 


31 


9 


2 


5 



















Scauzoui's Beitrage 111. 



19 



274 



V. Icbersicht der Kraukhcitcn 
6 Jahre 1850 


der Kinder 
-1856. 


während der 


Krankheiten 


3 


'S 
'Z 

o 


'. 
O 


'Z 
M 

fco 


s 
o 

O 


Anaemia ex dilaceratione 
funiculi umbilicalis 2 


2 








Aphthae | 76 


48 


22 


6 




Apoplexia intermeningea 49 








49 


Apoplexia pulmonum 3 








3 


Arteritis umbilicalis 1 








1 


Atresia ani 


2 


1 






1 


Atrophia 


35 









35 


Catarrhus pulmonum 


8 


3 


2 


3 


Catarrhus intestinalis 


20 


7 | 6 


3 


4 


Hydrocephalus acutus 


3 









3 


Hypospadiaeus 


3 




3 


Kephalohämatonia 


10 


7 


3 






Mastitis 


6 


2 


3 




1 


Omphalophlebitis 


1 








1 


Ophthalmia neonatorum 


134 


37 


53 
1 


41 




Otorrhoea 


1 






Pemphigus 


8 


5 






3 
5 


Pneumonia 


5 







Pyaemia 


2 






2 


Retentio urinae spastica 


18 


18 








Sclerosis textus celluiosj 


6 


1 
34 






5 


Soor 


58 


13 


11 




Stenosis funiculi umbili- 
calis ad inscrtionem in 
umbilieum 












1 
5 









1 


Spina bifida 






1 


Struma congenita 


5 








Summe 458 170 | 106 64 


118 



275 



VI. Uebersicht der Krankheiten der Mchtschwangercn 
während der 6 Jahre 1850—1856. 



Krankheit 


3 

s 

- 

< 


'S 

43 

o 


u 
e 

C3 


"v 

t 


OB 
-p 


Anteflexio uteri 


3 




3 




Carcinoma uteri 


2 






Fistlila vesico-vaginalis 


1 

i 

2 


\ 1 


1 


Iniarctus uteri 


1 


3 






Metrorrhagia ex atonia 
uteri 


1 








Metritis acuta 


2 








Paralysis vesicae urinariae 


1 




1 




Prolapsus uteri 


3 




1 


3 




Retroflexio uteri 


2 






Retroversio cum infareto 
uteri 


1 








Tumor colloides ovarii 


2 








o 


Tumor fibrosus uteri 


2 
2 


1 


______ 


1 




Ulcus granulosum orificii 
uteri 


2 






Summe 

I 


26 


7 9 


7 


3 



Ausserdem wurden noch seit dem Sommersemester 
1855 bis 31. October 1856 in der gy n aekol ogisch e n 
Klinik des Julius-Hospitals 77 Nichtschwangere behandelt, 
worüber in einem folgenden Bande des Weiteren berichtet 
werden wird. 



Druckfehler. 

Keitc 74 letzte Zeil*-, lies „acetabula" statt „aeetubula". 
„ 75 Zeile 10 lies „l.endenlordose" statt „I.eiieiilordose". 
„ 75 „ 23 „ „hinten" statt „hinten". 
„ 76 „ 16 „ „Kilian" statt „Kiliun". 
„ 76 letzte Zeile lies „der diel..'" statt „die dielte". 
„ 77 Zeile 2 lies „der zwi -ite" Matt „die zweite". 
„ 77 „ 20 „ „convergineud" statt „coverjfirend". 
„ 78 „ 24 „ „C die Spitze" statt „f die Snitze"- 
„ 104 „ 5 von unten lies „transaetions" statt „transacitous" 
„ 105 „ 12 „ „ „ „aber" statt „oder". 

».173 » "> „ „ „ „Küehler" statt „Kühles". 



fiponttufohsfAt 





w 







Fig. 2. 

Si'illirlic Atisiclil ilrr U'tHii-ls.-iiil 



Scanzoni's Beitrage zur Oeburtskunde III Band 



Erster Pall. 



Tafel I 




Fall . fraß Würxburger Baken 






.,. /;.; /// 



Druck b.F Sir ?rag. 



■m- 




2 Fall. Münchner Bechew. 



Gex/- v. D r Lambl. 



Spondylolisthesis.Taf.lV. 




(London ,Guy's Rosnüalj 







\^ 



^ 





(Leyden,Jf.310) 




(Wien JVC ZZ&3.) 



(Wun.Jf.g.) 



■ D r Lmll 



(Wien, Josenhinum) 



Srim :u>iii'x Beiträge.Bd.. 




Giv.u.kth.v V r lanibl. 



3 Fall Wiener Becken,. M^fi^ 



Scaiixanis Beiträge. Bd-HJ. 




Coc. Dr.Lambl 



Snill'.lliiü Beiiri'itjr. B(?Jff. 



Spondy lolisthesis . Taf VII . 




jir. transtr-, 
sin. 



HukiJal | 




Beiträge. HOT. 




Gex.r.D'La.nibl. 



5 Fall.PaderboriierBecl&n. 



Scan-xonis Beiträge, Bd.] 



Vig.S. 




Qti.D.D-Lambl 



Satrap H.i m 




2. 



I ■ 




"- prr/j- 



Scanzonfs Beiträge zur Ceburtskunde 1 Band Tafel X . 




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HWft 



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